17.12.2012
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Angeschwemmte Überreste eines Flüchtlingsboots auf Lesbos: Ein Bild aus dem Jahr 2007.

Wieder starben Flüchtlinge in der Meerenge zwischen der türkischen Küste und der griechischen Insel Lesbos. Die tödlichen Katastrophen vor Lesbos sind Folge der immer rigideren Abschottung der griechisch-türkischen Landgrenze (Evros-Region), an der nun auch ein Zaun den Fluchtweg versperrt.

Griechenlands Grenze sei „offen wie ein Scheunentor“, hatte Österreichs Innenministerin Mikl-Leitner geätzt, ihr deutscher Amtskollege Hans-Peter Friedrich drohte Griechenland mit der Wiedereinführung innereuropäischer  Grenzkontrollen, sollten weiterhin Flüchtlinge und Migranten über Griechenland in die EU gelangen. Der Druck, den Deutschland, Österreich und anderer EU-Staaten seit März verstärkt auf Griechenland ausüben, zeigte Wirkung: Das Land erhöhte die Zahl der Grenzpolizisten an der Evros-Grenze, die in Zusammenarbeit mit Frontex-Einheiten Flüchtlinge am Überqueren des Evros-Flusses hindern, errichtete neue Haftlager für Flüchtlinge, ließ Tausende einsperren und erhöhte die Haftdauer. Mittlerweile ist auch  der 10,4 Kilometer lange Sperrzaun fertig gestellt, der den einzigen Abschnitt abdichtet, an dem die Grenze nicht vom Fluss Evros gebildet wird.

Die Folge der Abschottung der Evros-Grenze waren absehbar: Flüchtlinge aus Afghanistan, aus dem Iran, dem Irak und zunehmend aus Syrien versuchen seitdem, von der Türkei aus über das Meer auf die griechische Insel Lesbos zu fliehen. Die Überfahrt zur Ägäis-Insel ist gefährlich. In der Nacht zum Freitag starben vermutlich 27 Flüchtlinge vor der Insel, offenbar hat nur einer der Passagiere überlebt. Nach Informationen von Borderline Europe hatte ein ein FRONTEX-Patrouillenschiff den leblosen Körper des jungen Mannes geborgen. Erst im Krankenhaus von Mytilini habe sich herausgestellt, dass der 20jährige Flüchtling aus Afghanistan noch lebt. Die anderen Schutzsuchenden, unter denen auch Frauen und Kinder gewesen sein sollen, stammen offenbar aus Afghanistan oder dem Irak.

Efi Latsoudi vom Flüchtlings-Netzwerk Kayiki auf Lesbos erhob schwere Vorwürfe gegen die griechische Küstenwache und FRONTEX-Mitarbeiter: „Die haben 15 Stunden lang nichts unternommen, um weitere Überlebende zu finden“. Erst am Samstag Morgen, als schon die ersten Leichen am Strand von Thermi angeschwemmt wurden, habe man die Suchaktion begonnen. Die Aktivistinnen und Aktivisten des Netzwerks versuchen nun, „wenigstens zu verhindern, dass der Mann verhaftet und monatelang eingesperrt wird.“ Im Netzwerk Kayiki haben sich türkische und griechische Flüchtlingsorganisationen zusammengeschossen.

Rund 1000 Menschen aus Afghanistan, dem Irak, aus Syrien und afrikanischen Ländern haben die Insel seit August dieses Jahres erreicht. Wie viele Menschen seitdem vor der Küste ums Leben kamen, ist unklar, doch allein in den letzten Wochen starben über 100 Flüchtlinge beim Versuch, das rettende Ufer zu erreichen.

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