06.09.2012
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Die massive Abschottung der Landgrenze zwischen Griechenland und der Türkei treibt wieder mehr Flüchtlinge zu der gefährlichen Fahrt über das Meer zwischen der Türkei und Griechenland. Bild:privat

Mehr als 100 palästinensische, syrische und irakische Flüchtlinge hatten versucht, von der türkischen Küste aus Griechenland zu erreichen. Die Rettungsarbeiten in der Barakan-Bucht nahe Izmir dauern an.

Nach Infor­ma­tio­nen loka­ler Unter­stüt­zer­or­ga­ni­sa­tio­nen wur­den bis zum frü­hen Nach­mit­tag 58 Lei­chen gebor­gen. Etwa 50 Men­schen wur­den von der tür­ki­schen Küs­ten­wa­che geret­tet, wei­te­re Flücht­lin­ge wer­den noch ver­misst. Ins­ge­samt hat­ten mehr als 100 paläs­ti­nen­si­sche, syri­sche und ira­ki­sche Flücht­lin­ge ver­sucht, auf die­sem Boot die Ägä­is zu über­que­ren und nach Grie­chen­land zu gelan­gen. Das 15 Meter lan­ge Boot war gesun­ken, nach­dem es auf einen Fel­sen auf­ge­lau­fen war.

Grie­chi­sche Insel­be­hör­den ver­zeich­ne­ten bereits in der ver­gan­ge­nen Woche eine höhe­re Zahl an Neu­an­kömm­lin­gen, die über die Ägä­is nach Euro­pa flie­hen. Unter ihnen sind auch syri­sche Flücht­lin­ge. Die Gesamt­zahl derer, die vor dem blu­ti­gen Kon­flikt aus Syri­en geflo­hen sind, liegt mitt­ler­wei­le bei über 230 000. Die­je­ni­gen, die in die Tür­kei geflo­hen sind, har­ren in über­füll­ten Auf­nah­me­la­gern aus, ohne recht­li­chen Sta­tus und ohne Per­spek­ti­ve.

Grie­chen­land schot­tet sich gegen syri­sche Flücht­lin­ge ab

Mit dem aus­drück­li­chen Ziel, die aus Syri­en erwar­te­ten Flücht­lin­ge abzu­weh­ren (Tur­kish Wee­kly), macht Grie­chen­land die Schot­ten dicht, mit Rücken­de­ckung Euro­pas: in den ver­gan­ge­nen Wochen wur­den die Sicher­heits­maß­nah­men an der Land­gren­ze zur Tür­kei mas­siv ver­stärkt. So wur­den fast 2 000 zusätz­li­che Poli­zei­be­am­te an die­se Gren­ze ver­legt, die der­zeit mit Unter­stüt­zung der euro­päi­schen Grenz­agen­tur Fron­tex das Gebiet über­wa­chen.

Die Grenz­re­gi­on Evros ist inzwi­schen berüch­tigt für will­kür­li­che Inhaf­tie­run­gen von Flücht­lin­gen und die unmensch­li­chen Haft­be­din­gun­gen in den Haft­la­gern vor Ort. Meh­re­re Flücht­lin­ge ertran­ken beim Ver­such, den Evros­fluss Rich­tung Grie­chen­land zu durch­schwim­men. 

Abschot­tung mit töd­li­chen Fol­gen

Das heu­ti­ge Boots­un­glück zeigt die Fol­gen die­ser Auf­rüs­tung: Die lebens­ge­fähr­li­che Pas­sa­ge von der tür­ki­schen Küs­te zu den grie­chi­schen Ägäis­in­seln wird wie­der häu­fi­ger unter­nom­men. Dimi­tris Vou­n­at­sos, der Bür­ger­meis­ter von Les­bos – der Insel, die durch das mitt­ler­wei­le geschlos­se­ne  Flücht­lings­haft­la­ger Paga­ni trau­ri­ge Berühmt­heit erlang­te – fürch­tet den Rück­fall in die Zeit vor 2009, als Tau­sen­de Flücht­lin­ge auf der Insel stran­de­ten und über Mona­te fest­ge­hal­ten wur­den. Damals wur­den die Haft­be­din­gun­gen in Paga­ni mit Dan­tes „Infer­no“ ver­gli­chen.

Deutsch­land und Euro­pa müs­sen syri­sche Flücht­lin­ge auf­neh­men

Trotz der zahl­rei­chen Bekennt­nis­se aus Deutsch­land und Euro­pa, syri­schen Flücht­lin­gen bei­zu­ste­hen, sind Schutz­su­chen­de  aus dem Bür­ger­kriegs­ge­biet gezwun­gen, auf ihrem Weg nach Euro­pa ihr Leben zu ris­kie­ren. Deutsch­land und die ande­ren euro­päi­schen Län­der müs­sen syri­sche Flücht­lin­ge auf­neh­men. Nur die­ser Akt der Mensch­lich­keit gegen­über den leid­ge­prüf­ten Flücht­lin­gen kann ver­hin­dern, dass in den nächs­ten Wochen die Todes­ra­te in der Ägä­is und an ande­ren Außen­gren­zen Euro­pas steigt.

Medi­en­be­rich­te

reu­ters uk, Al Jaze­e­ra, Time­turk, Greek Repor­ter, Zeit Online

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