08.08.2012
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Obdachlose Flüchtlinge in Griechenland: Bedroht von Inhaftierung, Polizeigewalt und rassistischen Übergriffen.

Die griechische Regierung geht immer härter gegen Flüchtlinge vor: In Athen und der Evrosregion ließ Bürgerschutzminister Nikos Dendias Tausende Migranten verhaften.

Ein Groß­auf­ge­bot von 4.500 Poli­zis­ten, 52 Haus­durch­su­chun­gen und 6.400 fest­ge­nom­me­ne Flücht­lin­ge: Das ist die aktu­el­le Bilanz der „Ope­ra­ti­on Xeni­os Zeus“, mit der Grie­chen­lands Bür­ger­schutz­mi­nis­ter Nikos Den­di­as (ND) Migran­ten und Asyl­su­chen­de aus dem Groß­raum Athen und der Evros­re­gi­on an der tür­ki­schen Gren­ze ver­trei­ben will. Nach Anga­ben der grie­chi­schen Poli­zei sol­len die Raz­zi­en kei­ne ein­ma­li­ge Akti­on blei­ben son­dern regel­mä­ßig fort­ge­setzt wer­den.

Stim­mungs­ma­che gegen Flücht­lin­ge

Vor der Pres­se mach­te der Bür­ger­schutz­mi­nis­ter Stim­mung gegen Flücht­lin­ge: Die unkon­trol­lier­te Zuwan­de­rung sei eine „Inva­si­on“, das Land dro­he unter­zu­ge­hen. Das Ein­wan­de­rungs­pro­blem sei „viel­leicht sogar grö­ßer“ als die Finanz­kri­se, so Den­di­as. Gleich­zei­tig zeig­te er sich stolz auf die Mas­sen­ver­haf­tung, die aus­ge­rech­net nach Zeus, dem Gott der Rei­sen­den und der Gast­freund­schaft, benannt wur­de. Die Akti­on fin­de unter voll­kom­me­ner Beach­tung der Men­schen­rech­te statt, beton­te er. Ziel der Ope­ra­ti­on sei, die Men­schen­wür­de der Migran­ten wie­der­her­zu­stel­len: „Jetzt wer­den sie in ihre Her­kunfts­län­der zurück­keh­ren… das ist das Bes­te was ihnen pas­sie­ren konn­te“, zitiert die Zei­tung Ekha­ti­meri­ni den Minis­ter.

Ein Spre­cher der Poli­zei, Chris­tos Manou­ras, drück­te sich gegen­über afp noch kla­rer aus: „Wir müs­sen die kla­re Bot­schaft aus­sen­den, dass Grie­chen­land kei­ne Arbeits­plät­ze und kei­ne Gast­freund­schaft für poten­ti­el­le Ein­wan­de­rer übrig habe.“

Schutz­su­chen­de Gewalt und Aus­beu­tung hilf­los aus­ge­setzt

Pro Asyl hat mehr­fach doku­men­tiert, dass Grie­chen­land Flücht­lin­gen sys­te­ma­tisch das Leben zur Höl­le macht. Ein Groß­teil von ihnen kommt aus Afgha­ni­stan, Iran, Irak und Soma­lia. In Grie­chen­land wer­den sie unter men­schen­un­wür­di­gen Bedin­gun­gen in Lager gezwängt. Wenn sie frei­ge­las­sen wer­den, blei­ben sie sich selbst über­las­sen. In der Obdach­lo­sig­keit sind die Flücht­lin­ge, dar­un­ter vie­le unbe­glei­te­te Min­der­jäh­ri­ge, jeg­li­cher Form von Gewalt und Aus­beu­tung hilf­los aus­ge­setzt. Sie haben kei­nen effek­ti­ven Zugang zu Asyl­ver­fah­ren. Nach einer Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te haben prak­tisch alle EU-Staa­ten Abschie­bun­gen von Flücht­lin­gen nach Grie­chen­land aus­ge­setzt.

Wei­chen vor dem Druck der Rechts­ex­tre­men

Besorg­nis­er­re­gend ist, dass die Regie­rung mit den aktu­el­len Mas­sen­ver­haf­tun­gen offen­bar dem Druck der rechts­ex­tre­men Chrys­si-Avgi-Par­tei nach­gibt. In den Groß­städ­ten grei­fen Rechts­ex­tre­me immer wie­der Flücht­lin­ge an. Die Schlä­ger von Chrys­si Avgi  gerie­ren sich als „Garan­ten für Recht und Ord­nung“ – sie ver­spre­chen dort ein­zu­grei­fen, wo die Poli­zei angeb­lich ver­sa­ge oder zu wenig Här­te zei­ge. Mit der Ope­ra­ti­on „Xeni­os Zeus“ scheint die Regie­rung zei­gen zu wol­len, dass sie hand­lungs­fä­hig ist und durch­greift.

Zugleich ist die Poli­zei­ak­ti­on ein wei­te­res Zuge­ständ­nis an die Staa­ten der EU, ins­be­son­de­re an Deutsch­land: Im April 2012 hat­te Innen­mi­nis­ter Fried­rich Grie­chen­land „Ver­sa­gen“ bei den Grenz­kon­trol­len vor­ge­wor­fen und mit einem Aus­schluss Grie­chen­lands aus dem Schen­gen­raum gedroht.

Medi­en­be­rich­te: Athens News vom 5.8.12 und 6.8.12, Süd­deut­sche Zei­tung, Spie­gel Online

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