03.07.2012

Tau­sen­de Schutz­su­chen­de ver­su­chen jedes Jahr über das Meer von Grie­chen­land nach Ita­li­en zu gelan­gen. Wenn sie es schaf­fen, Ita­li­en zu errei­chen, wer­den sie unver­züg­lich – ohne indi­vi­du­el­le Prü­fung und ohne recht­li­che Absi­che­rung – nach Grie­chen­land zurück­ge­scho­ben, wie der Bericht HUMAN CARGO – Arbi­tra­ry read­mis­si­ons from the Ita­li­an sea ports to Greece von PRO ASYL und dem Grie­chi­schen Flücht­lings­rat zeigt.

Wie die meis­ten EU-Mit­glied­staa­ten hat auch Ita­li­en Abschie­bun­gen im Rah­men des Dub­lin-Sys­tems nach Grie­chen­land offi­zi­ell aus­ge­setzt, nach­dem der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te im Janu­ar 2011 Grie­chen­land zu einem unsi­che­ren Land für Asyl­su­chen­de erklär­te. Den­noch wer­den sys­te­ma­tisch will­kür­li­che Rück­füh­run­gen nach Grie­chen­land vor­ge­nom­men.

Fast alle zurück­ge­scho­be­nen Schutz­su­chen­den waren vor und nach ihrer Zurück­wei­sung nach Grie­chen­land obdach­los. Sie hat­ten kei­nen Zugang zu Ver­pfle­gung, Was­ser, sani­tä­rer Infra­struk­tur oder medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung. Eini­ge von ihnen wur­den Opfer von ras­sis­ti­scher und/oder poli­zei­li­cher Gewalt in Patras oder Athen. In zwei Fäl­len wur­den Min­der­jäh­ri­ge nach Igo­u­me­nit­sa zurück­ge­wie­sen und dort für 20 Tage in einer gemisch­ten Haft­an­stalt am Hafen fest­ge­hal­ten, bis sie in ein spe­zi­el­les Auf­nah­me­zen­trum für unbe­glei­te­te Min­der­jäh­ri­ge in Konit­sa gebracht wur­den.

Ver­wei­ge­rung des Zugangs zu inter­na­tio­na­lem Schutz

Kei­ner der Zurück­ge­wie­se­nen hat­te jemals eine rea­lis­ti­sche Chan­ce, tat­säch­lich  einen Antrag auf Asyl zu stel­len. Den meis­ten wur­den kei­ner­lei Fra­gen gestellt, nicht ein­mal ihre Namen wur­den auf­ge­nom­men. Ande­re teil­ten der Poli­zei aus­drück­lich mit, dass sie Asyl bean­tra­gen woll­ten, wur­den jedoch igno­riert.

Feh­len­der Schutz für unbe­glei­te­te Min­der­jäh­ri­ge

Unser Recher­che­team erfuhr von meh­re­ren unbe­glei­te­ten Min­der­jäh­ri­gen, die als Erwach­se­ne regis­triert wur­den. In einem Fall wur­de ein etwa zehn­jäh­ri­ger Jun­ge aus Afgha­ni­stan, der von Bari nach Patras zurück­ge­wie­sen wur­de, als 18-jäh­ri­ger regis­triert. Der Bericht doku­men­tiert auch Fäl­le, in denen Min­der­jäh­ri­ge durch die Zurück­wei­sung von ihrer Fami­lie getrennt wur­den. In einem Fall wur­den zwei min­der­jäh­ri­ge Brü­der von­ein­an­der getrennt. Einer wur­de als Erwach­se­ner zurück­ge­scho­ben, der ande­re blieb in Ita­li­en.

Miss­hand­lun­gen durch ita­lie­ni­sche Beam­te

Inter­view­part­ner berich­te­ten, dass sie von Beam­ten im Poli­zei­re­vier gesto­ßen, geschla­gen und getre­ten wur­den. Dort wur­den sie hin­ge­bracht, um ihnen Fin­ger­ab­drü­cke abzu­neh­men. Auch auf dem Weg zurück zum Schiff oder in den pro­vi­so­ri­schen Haft­zel­len an Bord wur­den sie miss­han­delt.

Inhu­ma­ne und ernied­ri­gen­de Haft­be­din­gun­gen an Bord

In fast allen berich­te­ten Fäl­len stell­ten die Schiffs­ge­sell­schaf­ten eine Kabi­ne zur Ver­fü­gung, die als tem­po­rä­re Haft­zel­le für die­je­ni­gen dien­te, die zurück­ge­scho­ben wer­den soll­ten.

Eini­ge wur­den auch in Lager­räu­men fest­ge­hal­ten, wo sie im Win­ter und im Som­mer extre­men Wet­ter­be­din­gun­gen aus­ge­setzt waren. Den zurück­zu­wei­sen­den Per­so­nen wur­de häu­fig kei­ne Ver­pfle­gung und kein Was­ser gege­ben, außer­dem hat­ten sie kei­nen Zugang zu einer Toi­let­te. Man­che muss­ten in Plas­tik­fla­schen uri­nie­ren.

Will­kür­li­che Zurück­wei­sun­gen müs­sen sofort auf­hö­ren.

Die Ergeb­nis­se des Berichts zei­gen, dass Ita­li­en sei­ne Ver­pflich­tun­gen gegen­über inter­na­tio­na­lem und euro­päi­schem Recht nicht ein­hält. Die Pra­xis ita­lie­ni­scher Behör­den ver­stößt gegen die EU-Grund­rech­te­char­ta, die UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on, die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on und die Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on.

PRO ASYL und der Grie­chi­sche Flücht­lings­rat for­dern die ita­lie­ni­sche Regie­rung auf, den Zugang zu Asyl­ver­fah­ren für alle Per­so­nen zu ermög­li­chen, die an ita­lie­ni­schen Häfen oder Küs­ten anlan­den. Die Poli­tik will­kür­li­cher Zurück­wei­sun­gen muss sofort auf­hö­ren.

Wir appel­lie­ren an die Euro­päi­schen Insti­tu­tio­nen, ange­sichts der Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen in ita­lie­ni­schen Häfen zu han­deln. Die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on, das Euro­päi­sche Par­la­ment, der Men­schen­rechts­kom­mis­sar des Euro­pa­ra­tes, des­sen Komi­tee zur Ver­hü­tung von Fol­ter und die Mit­glieds­staa­ten der EU kön­nen kei­ne Ver­stö­ße gegen inter­na­tio­na­les Recht durch eines ihrer Mit­glie­der dul­den.

Metho­de

Der Bericht basiert auf Zeu­gen­aus­sa­gen von über 50 Schutz­su­chen­den, die min­des­tens ein­mal in die­ser Wei­se von Ita­li­en nach Grie­chen­land zurück­ge­wie­sen wur­den.

Für wei­te­re Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen und Inter­view­an­fra­gen wen­den Sie sich bit­te an:

PRO ASYL
Karl Kopp, Euro­pa­re­fe­rent
Pho­ne: +49/69/230695
Email:europa(at)proasyl.de       

Greek Coun­cil for Refu­gees (GCR)
Panos Chris­to­dou­lou, GCR Direc­tor
Pho­ne: + 30 210 3800 990
Email:christodoulou(at)gcr.gr

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