12.11.2012
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Eine Frauenzelle im Haftlager Ferres. Bild: Salinia Stroux

Asylsuchenden in Griechenland drohen nun noch längere Haftzeiten – und das unter menschenverachtenden Bedingungen.

Immer wie­der haben Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen Grie­chen­land  die men­schen­rechts­wid­ri­ge Inhaf­tie­rung von Flücht­lin­gen kri­ti­siert. Haft droht in Grie­chen­land allen Flücht­lin­gen, die von der Poli­zei bei Raz­zi­en oder auf der Stra­ße auf­ge­grif­fen wer­den. Im Jahr 2011 wur­den allein an der grie­chisch-tür­ki­schen Gren­ze 55 000 Men­schen unter meist men­schen­un­wür­di­gen Bedin­gun­gen in Flücht­lings­haft­la­ger gesperrt.

Erst im Sep­tem­ber hat­te der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te (EGMR) Grie­chen­land für die unrecht­mä­ßi­ge Inhaf­tie­rung eines Flücht­lings ver­ur­teilt. Bereits seit Janu­ar 2011 wur­den EU-weit Über­stel­lun­gen nach Grie­chen­land aus­ge­setzt, nach­dem der EGMR Abschie­bun­gen nach Grie­chen­land wegen der dort dro­hen­den „unmensch­li­chen Behand­lung“ von Flücht­lin­gen für men­schen­rechts­wid­rig erklär­te.  Im Dezem­ber 2011 schloss sich der  EUGH die­ser Ein­schät­zung an.

Abschie­bung aus der Haft, ohne Prü­fung der Asyl­grün­de

Den in Grie­chen­land inhaf­tier­ten Flücht­lin­gen droht, ohne Prü­fung ihrer Asyl­grün­de abge­scho­ben zu wer­den. Ein Zugang zu Anwäl­ten ist nicht garan­tiert, beson­ders ver­wund­ba­ren Flücht­lin­gen wie Min­der­jäh­ri­gen steht kein adäqua­ter Schutz zu. Die Haft­la­ger sind über­füllt, die inhaf­tier­ten Flücht­lin­ge lei­den unter  bru­ta­ler Poli­zei­ge­walt, unzu­rei­chen­der medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung und men­schen­un­wür­di­gen Zustän­den. Das bele­gen zahl­rei­che Berich­te von PRO ASYL und ande­rer Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen.

Nach der Ent­las­sung dro­hen den Flücht­lin­gen in Grie­chen­land Obdach­lo­sig­keit, sys­te­ma­ti­sche Gewalt durch die Poli­zei und ras­sis­ti­sche Schlä­ger­ban­den (sie­he  z.B. Bericht des UNHCR Grie­chen­land „Racist Vio­lence Record­ing Net­work“ von Okt. 2012) wie die erneu­te Inhaf­tie­rung. Im April hat­te die grie­chi­sche Regie­rung ange­kün­digt, 30 neue Haft­la­ger mit ins­ge­samt 30.000 Plät­zen errich­ten zu wol­len.

Maxi­ma­le Haft­dau­er ver­län­gert

Nach der bis­he­ri­gen Rechts­la­ge durf­te die Haft­dau­er von Asyl­su­chen­den in Grie­chen­land 180 Tage – also 6 Mona­te – nicht über­schrei­ten. Der neue Erlass der grie­chi­schen Regie­rung räumt nun eine weit­aus län­ge­re maxi­ma­le Haft­dau­er ein, ins­ge­samt 12 Mona­te,  gab UNHCR Grie­chen­land in sei­ner Pres­se­schau vom 13.–17. Okto­ber bekannt. Dem­nach betrifft die Rege­lung Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge, die abge­scho­ben wer­den sol­len oder Asyl suchen.  

Den Erlass 116/2012 sieht die grie­chi­sche Regie­rung als Maß­nah­me im Zuge der Har­mo­ni­sie­rung ihrer Gesetz­ge­bung mit der EU-Richt­li­nie 2005/85/EG vom Dezem­ber 2005. Die­se bestimmt „Min­dest­nor­men für Ver­fah­ren in den Mit­glied­staa­ten zur Zuer­ken­nung und Aberken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft“.

Flücht­lin­ge in ganz Euro­pa von Haft bedroht

Nicht nur in Grie­chen­land, in ganz Euro­pa sind Flücht­lin­ge von Haft bedroht: In Kür­ze will das EU-Par­la­ment in ers­ter Lesung über eine Neu­fas­sung der EU-Auf­nah­me­richt­li­nie ent­schei­den, die die sys­te­ma­ti­sche Inhaf­tie­rung von Flücht­lin­gen euro­pa­weit legi­ti­mie­ren soll. PRO ASYL wen­det sich mit der Kam­pa­gne „Flucht ist kein Ver­bre­chen“ an Ver­tre­ter des EU-Par­la­ments und for­dert, die Pra­xis der sys­te­ma­ti­schen Inhaf­tie­rung zu been­den. 

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