12.04.2012
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Griechenland, Evros-Region, Flüchtlingshaftanstalt Tychero, Zelle 2: Hier werden Familien, unbegleitete Minderjährige und Frauen inhaftiert - manchmal monatelang. Foto: MSF

Verdreckte, überfüllte Zellen, kaum Zugang zu Anwälten, so gut wie keine medizinische Hilfe, kein Schutzsystem, illegale Abschiebungen, Misshandlungen, Elend, Hoffnungslosigkeit: Ein neuer Bericht von PRO ASYL dokumentiert die Situation in den Flüchtlingshaftlagern an der griechischen Landgrenze zur Türkei.

Die Außengrenzen der Europäischen Union sind für Schutzsuchende fast überall unüberwindbar. Für viele ist die Überquerung des Evros-Grenzflusses zwischen der Türkei und Griechenland  die einzige noch verbleibende Möglichkeit, in die EU zu gelangen – in der Hoffnung, dort Schutz zu erhalten. Doch statt menschenwürdige Aufnahme und faire Asylverfahren erwarten die Flüchtlinge in Griechenland – sofern sie die Überquerung des Evros-Flusses überleben – Haft und Elend: Über 55.000 Flüchtlinge und Migranten wurden 2011 in griechischen Haftlagern in der Evros-Grenzregion an der türkisch-griechischen Grenze inhaftiert.

Seit 2009 suchen Katerina Tsapopoulou, Marianna Tzeferakou und Salinia Stroux im Rahmen eines Projekts von PRO ASYL regelmäßig die Haftlager in der Evros-Region auf und dokumentieren die Haftbedingungen und die Schicksale der Flüchtlinge. Ihr nun veröffentlichter Bericht bietet eine fundierte Analyse des Haft- und Grenzregimes an der Evros-Grenze samt den politischen Hintergründen. Er zeigt auf, wie schwierig, aber notwendig konkrete Flüchtlingsunterstützungsarbeit in der menschenrechtlichen  twilight zone am Evros  ist und vermittelt anhand von einer Vielzahl von Einzelfallberichten einen Eindruck vom erschreckenden Ausmaß der humanitären Katastrophe in der Region.

Der nun von PRO ASYL veröffentlichte Bericht ist zunächst hier in einer englischen Fassung als PDF zum Download erhältlich.

Die Ergebnisse der Langzeitrecherche sind von trauriger Aktualität – erst vor kurzem drängte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich zusammen mit einigen EU-Amtskollegen Griechenland dazu, die Evros-Grenze besser zu sichern – und damit Schutzsuchenden Menschen den Zugang zur EU noch effektiver zu verwehren.

Griechenland reagiert derzeit auf den politischen Druck aus Deutschland, Österreich, Frankreich und anderen EU-Staaten, in dem es plant, die Inhaftierung von Flüchtlingen zu intensivieren. Die Pläne sehen vor, neue Haftzentren bauen zu lassen und Flüchtlinge und Migranten künftig als „Gesundheitsgefahr“ zu betrachten, um sie unter dem Vorwand, die eigene Bevölkerung vor Krankheiten zu schützen, in Haft nehmen zu können. Dadurch werden Flüchtlinge als Krankheitserreger denunziert und rassistische Stimmungen geschürt.

Flüchtlinge brauchen Schutz, sie gehören nicht in Haft. Beteiligen Sie sich jetzt an der E-Mail-Aktion an Bundesinnenminister Friedrich und fordern Sie ihn auf, sich auf Europäischer Ebene gegen die Inhaftierung von Flüchtlingen einzusetzen: www.flucht-ist-kein-verbrechen.de

Überleben im Transit: Zur Situation von Flüchtlingen in der Türkei, März 2012

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