11.01.2013
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Der Plenarsaal des Europäischen Parlaments. Foto: <a href="http://www.flickr.com/photos/ma-y/158869034/">flickr / FrauSchütze</a>

Die für den 16. Januar angesetzte Abstimmung über die Aufnahmerichtlinie im Europäischen Parlament wird verschoben. Nach dem Willen des EU-Rats soll die Richtlinie zusammen mit der Dublin-III-Verordnung, der Asylverfahrensrichtlinie und der Eurodac-Verordnung im Paket beschlossen werden – offenbar, um Druck auf das Parlament auszuüben.

Kon­fu­si­on im EU-Par­la­ment: Wäh­rend ges­tern noch Abge­ord­ne­te davon aus­gin­gen, sie wür­den am 16.  Janu­ar über die soge­nann­te „Auf­nah­me­richt­li­nie“ bera­ten und abstim­men, hat sich der Zeit­plan nun kurz­fris­tig geän­dert. Der EU-Rat  hat wohl dazwi­schen gegrätscht: Auf Wunsch Deutsch­lands und sie­ben ande­rer Staa­ten soll die Richt­li­nie nun zusam­men mit der geplan­ten Euro­dac-Ver­ord­nung, der Dub­lin-III-Ver­ord­nung und der Asyl­ver­fah­rens­richt­li­nie beschlos­sen wer­den – ein Paket, dass alle anste­hen­den asyl­recht­li­chen Geset­zes­vor­ha­ben der EU bün­delt.

Offen­bar erhof­fen sich die Staa­ten davon, noch Ver­än­de­run­gen gegen­über dem EU-Par­la­ment durch­zu­set­zen – ins­be­son­de­re bei der Euro­dac-Ver­ord­nung: Wäh­rend der Innen­aus­schuss des Par­la­ments den Wün­schen natio­nal­staat­li­cher Sicher­heits­or­ga­ne, auf die in der Euro­dac-Datei gespei­cher­ten Fin­ger­ab­drü­cke von Asyl­su­chen­den und Migran­ten zugrei­fen zu kön­nen, zumin­dest eini­ge Gren­zen gesetzt hat­te, wol­len die Natio­nal­staa­ten die vom Par­la­ment beschlos­se­nen Bedin­gun­gen für den Zugriff auf die Daten  so nicht akzep­tie­ren. Auch bei der den noch lau­fen­den Ver­hand­lun­gen  zur Asyl­ver­fah­rens­richt­li­nie ist zu befürch­ten, dass der Rat Ver­än­de­run­gen zu Las­ten von Schutz­su­chen­den durch­set­zen will.

Es gebe kei­nen Grund, dem Par­la­ment Vor­leis­tun­gen zu machen, was das Par­la­ment umge­kehrt auch nicht mache, hört man aus der deut­schen Dele­ga­ti­on – so viel zur Stim­mung zwi­schen Rat und Par­la­ment. Die Ver­schie­bung der Abstim­mung demons­triert, war­um die EU mit ihrem gemein­sa­men euro­päi­schen Asyl­recht – bis 2012 hät­te es fer­tig sein sol­len – nicht vor­an­kommt: Sei­tens der Natio­nal­staa­ten besteht – außer bei der gemein­sam orga­ni­sier­ten und bes­tens funk­tio­nie­ren­den Flücht­lings­ab­wehr an den Außen­gren­zen – kein Inter­es­se an einem gemein­sa­men Asyl­sys­tem. Sie wol­len  den Sta­tus Quo wah­ren und an ihren eige­nen natio­nal­staat­li­chen Schä­big­kei­ten im Umgang mit Asyl­su­chen­den fest­hal­ten kön­nen.

So fin­det sich in der geplan­ten Auf­nah­me­richt­li­nie, über die nun doch noch nicht ent­schie­den wer­den soll, nicht etwa ein Ver­bot der Inhaf­tie­rung von Asyl­su­chen­den, son­dern eine Samm­lung unter­schied­lichs­ter Grün­de, die es erlau­ben, Schutz­su­chen­de zu inhaf­tie­ren. Denn kaum ein Natio­nal­staat war bereit, auf sei­ne lan­des­üb­li­chen Inhaf­tie­rungs­vor­wän­de zu ver­zich­ten. So ist aus der „Auf­nah­me­richt­li­nie“ ein Pro­gramm zur lücken­lo­sen Inhaf­tie­rung von Asyl­su­chen­den gewor­den.

PRO ASYL ruft mit einer E-Mail-Akti­on die Abge­ord­ne­ten des Euro­pa­par­la­ments auf, gegen die geplan­te Richt­li­nie zu stim­men – wann immer sie nun auch beschlos­sen wer­den soll.

Pres­se­mel­dun­gen:

Süd­deut­sche Zei­tung: „Ein war­mes Bett im Gefäng­nis“

Deut­sche Wel­le (eng­lisch): „Still no sign of a com­mon asyl­um poli­cy in the EU“

Wei­te­re Mel­dun­gen:

 Euro­pa­par­la­ment ver­ab­schie­det Asyl­pa­ket (12.06.13)

 Euro­pa­par­la­ment ver­ab­schie­det so genann­tes Asyl­pa­ket  (12.06.13)

 Richt­li­nie ver­eint Inhaf­tie­rungs­grün­de der EU-Staa­ten (16.01.13)

 Euro­päi­sche Poli­zei­be­hör­den sichern sich Zugriff auf Euro­dac-Daten (18.12.12)

 „Scho­ckie­ren­de Orte“: UN-Son­der­be­richt­erstat­ter besucht grie­chi­sche Flücht­lings-Haft­la­ger (05.12.12)

 Grie­chen­land erhöht Haft­dau­er für Flücht­lin­ge auf 12 Mona­te  (12.11.12)

 Grie­chen­land: Gigan­ti­sche „Säu­be­rungs­ak­ti­on“ gegen Flücht­lin­ge (08.08.12)

 EU-finan­zier­tes grie­chi­sches Haft­la­ger für Flücht­lin­ge und Migran­ten eröff­net (30.04.12)

 Walls of Shame – Bericht zur Situa­ti­on von Flücht­lin­gen in Grie­chen­land (12.04.12)

 Grie­chen­land will Haft als Qua­ran­tä­ne­maß­nah­me dekla­rie­ren (10.04.12)