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Was die seit Mai 2025 bestehende Regierung aus SPD und Union als »Migrationswende« feiert, bedeutet vor allem eins: Menschen werden im Stich gelassen, Recht wird verletzt und die Abgrenzung politischer Mitte nach rechts verschwimmt. 2025 war besonders bitter für den Flüchtlingsschutz.

Das Jahr 2025 begann mit einem poli­ti­schen Pau­ken­schlag: Noch-Oppo­si­ti­ons­füh­rer Fried­rich Merz von der CDU brach­te mit Stim­men der AfD einen Anti-Asyl-Antrag durch den Bun­des­tag. Ein dazu­ge­hö­ri­ges Geset­zes­vor­ha­ben schei­ter­te nach Mas­sen­pro­tes­ten vor der CDU-Zen­tra­le nur knapp, dank weni­ger Abweich­ler. Der Ton für einen har­ten Wahl­kampf war gesetzt. CDU und CSU war­ben mit flücht­lings­feind­li­chen und rechts­wid­ri­gen Vor­ha­ben – und setz­ten sich bei den Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen mit der SPD in vie­len Punk­ten durch: Von den ille­ga­len Zurück­wei­sun­gen an den deut­schen Gren­zen, über die Aus­set­zung des Fami­li­en­nach­zugs hin zum Stopp huma­ni­tä­rer Aufnahmeprogramme.

Illegale Zurückweisungen an deutschen Grenzen

Am ers­ten Tag im Amt ord­ne­te Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Alex­an­der Dob­rindt (CSU) per Wei­sung an, von nun an auch Asyl­su­chen­de an den deut­schen Bin­nen­gren­zen zurück­zu­wei­sen. Gel­ten­des euro­päi­sches Recht, das die Bun­des­re­gie­rung dazu ver­pflich­tet, bei jedem Asyl­ge­such ein Zustän­dig­keits­ver­fah­ren ein­zu­lei­ten, las­sen Innen­mi­nis­ter und Kanz­ler links lie­gen. Bereits die vor­he­ri­ge Bun­des­re­gie­rung hat­te an allen deut­schen Bin­nen­gren­zen Grenz­kon­trol­len ein­ge­führt. Die­se eben­so euro­pa­rechts­wid­ri­ge Pra­xis führt die neue Bun­des­re­gie­rung fort – ergänzt um die Zurück­wei­sun­gen selbst von Schutzsuchenden.

Kei­ne vier Wochen spä­ter straft das Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin unmiss­ver­ständ­lich das Vor­ge­hen der Bun­des­re­gie­rung ab. Mit Unter­stüt­zung von PRO ASYL hat­ten drei Asyl­su­chen­de aus Soma­lia gegen ihre Zurück­wei­sung an der pol­ni­schen Gren­ze geklagt – und Recht bekom­men. Das Urteil lässt kei­nen Zwei­fel, das Vor­ge­hen der Bun­des­re­gie­rung ist rechts­wid­rig. Die drei Schutz­su­chen­den dür­fen ein­rei­sen, Deutsch­land muss ein Asyl­ver­fah­ren durch­füh­ren. Wei­te­re Gerich­te fol­gen dem Urteil: In gleich zwei Fäl­len hob das Amts­ge­richt Pase­walk den Anwen­dungs­vor­rang der euro­pa­recht­li­chen Dub­lin-Rege­lung her­vor und wies die Haft, die die Bun­des­po­li­zei zum Zweck der Zurück­wei­sung bean­tragt hat­te, auf­grund der vor­lie­gen­den Asyl­ge­su­che zurück. Für die Bun­des­re­gie­rung aber kein Grund ein­zu­len­ken. Trotz der ein­deu­ti­gen Gerichts­ent­schei­dun­gen hält sie an den ille­ga­len Zurück­wei­sun­gen fest – den Rechts­staat und die Rech­te schutz­su­chen­der Men­schen tritt sie mit Füßen.

Seit Mai 2025 wur­den über 21.500 Men­schen an den deut­schen Gren­zen zurück­ge­wie­sen (Stand 30. Novem­ber 2025). Vie­le konn­ten ihr Asyl­ge­such nicht äußern, bei ande­ren wur­de es »über­hört«, wie­der ande­re wur­den trotz des pro­to­kol­lier­ten Asyl­ge­suchs zurück­ge­wie­sen. Ihnen allen wur­de das Recht auf ein Asyl­ver­fah­ren in Deutsch­land ver­wehrt. Vie­le lan­den nach der Zurück­wei­sung zunächst auf der Stra­ße oder zum Bei­spiel in Abschie­be­haft in Polen.

Stopp der humanitären Aufnahmen

Für gefähr­de­te Men­schen gab es schon immer nur weni­ge Mög­lich­kei­ten, auf siche­rem Weg nach Deutsch­land zu kom­men. Mit Amts­an­tritt der neu­en Regie­rung haben sich die­se Mög­lich­kei­ten fast kom­plett zer­schla­gen. Im Koali­ti­ons­ver­trag hat­ten SPD und Uni­on ver­ein­bart, Bun­des­auf­nah­me­pro­gram­me »soweit wie mög­lich been­den« zu wol­len und kei­ne neu­en Pro­gram­me aufzulegen.

Eine beson­de­re öffent­li­che Auf­merk­sam­keit lag auf der Auf­nah­me gefähr­de­ter Afghan*innen. Eigent­lich hat­te ihnen die Vor­gän­ger­re­gie­rung auf­grund ihrer Arbeit mit deut­schen Insti­tu­tio­nen oder ihres Ein­sat­zes für Frau­en- und Men­schen­rech­te eine Auf­nah­me ver­spro­chen – denn ihr Leben ist seit der Macht­über­nah­me der Tali­ban bedroht. Doch die neue Bun­des­re­gie­rung behaup­tet, an die Zusa­gen nicht gebun­den zu sein und stopp­te alle Ein­rei­sen. Erst nach erfolg­rei­chen Kla­gen durch Betrof­fe­ne und vom Gericht ange­droh­ten Zwangs­gel­dern, konn­ten ab Sep­tem­ber 2025 wie­der eini­ge Afghan*innen mit Auf­nah­me­zu­sa­ge nach Deutsch­land ein­rei­sen. Gleich­zei­tig nahm die Bun­des­re­gie­rung ande­re Auf­nah­me­zu­sa­gen zurück und erdreis­te­te sich, den extrem bedroh­ten Men­schen Geld dafür zu bie­ten, dass sie auf eine Auf­nah­me verzichten.

Zum Ende des Jah­res spitz­te sich die Situa­ti­on wei­ter zu, als die paki­sta­ni­sche Regie­rung ankün­dig­te, in ihrem Land Afghan*innen mit Auf­nah­me­zu­sa­ge nach Deutsch­land nicht län­ger Auf­ent­halt zu gewäh­ren. Die­ser Schutz war vor­her schon brü­chig, wie die im August erfolg­te Abschie­bung von über 200 Afghan*innen mit deut­scher Auf­nah­me­zu­sa­ge nach Afgha­ni­stan zeig­te. Doch nun droht allen in Paki­stan Ver­blie­be­nen die­ses lebens­be­droh­li­che Schick­sal. PRO ASYL appel­lier­te daher mit über 250 ande­ren Orga­ni­sa­tio­nen an die Bun­des­re­gie­rung, die Men­schen drin­gend auf­zu­neh­men. Stand Mit­te Dezem­ber har­ren noch cir­ca 1.800 Men­schen in gro­ßer Ver­zweif­lung in Islam­abad aus – ihr wei­te­res Schick­sal unge­wiss in der Hand der Bun­des­re­gie­rung. Rund 600 Menschenrechtsverteidiger*innen mit Auf­nah­me­zu­sa­ge ereil­te aus­ge­rech­net am Inter­na­tio­na­len Men­schen­rechts­tag, dem 10. Dezem­ber, die Hiobs­bot­schaft, dass Innen­mi­nis­ter Dob­rindt ihre Auf­nah­me als nicht mehr »im poli­ti­schen Inter­es­se Deutsch­lands« sieht und daher die Zusa­gen zurücknimmt.

Weni­ger im öffent­li­chen Fokus, aber nicht min­der dra­ma­tisch: Die neue Bun­des­re­gie­rung hat sich eben­so aus dem UN-Neu­an­sied­lungs­pro­gramm (Resett­le­ment) für beson­ders schutz­be­dürf­ti­ge Flücht­lin­ge zurück­ge­zo­gen und noch offe­ne Ein­rei­sen auf Eis gelegt. Eigent­lich hat­te Deutsch­land für die Jah­re 2024 und 2025 dem UN-Flücht­lings­hilfs­werk ins­ge­samt 13.100 Plät­ze zuge­sagt. Bis zum Regie­rungs­an­tritt reis­ten rund 5.100 beson­ders schutz­be­dürf­ti­ge Per­so­nen ein. Wie beim Afgha­ni­stan-Auf­nah­me­pro­gramm stopp­te die neue Regie­rung alle Ein­rei­sen und mach­te auch kei­ne neu­en Zusa­gen für das Pro­gramm, wie es eigent­lich bis­her im Som­mer üblich war.

Ein aus Kenia geplan­ter Resett­le­ment-Flug mit Flücht­lin­gen aus afri­ka­ni­schen Kon­flikt­ge­bie­ten, der kurz vor Amts­an­tritt der neu­en Regie­rung hät­te statt­fin­den sol­len, wur­de im Mai 2025 in letz­ter Sekun­de abge­sagt – eine Kata­stro­phe für die Men­schen, die auf die Zusa­ge ver­trau­ten, zum Teil ihr wenig Hab und Gut schon ver­kauft hat­ten und für die Aus­rei­se­vor­be­rei­tung bereits nach Nai­ro­bi gebracht wor­den waren. Zwei betrof­fe­ne Fami­li­en aus dem Süd­su­dan wehr­ten sich mit Unter­stüt­zung von PRO ASYL juris­tisch. Ende Okto­ber gab das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg einer Klä­ge­rin Recht und ver­pflich­te­te die Bun­des­re­gie­rung, der Fami­lie die Ein­rei­se zu ermög­li­chen. Das führ­te auch zu einem posi­ti­ven Aus­gang des Ver­fah­rens der ande­ren Fami­lie. Mit­te Dezem­ber lan­de­ten end­lich über 150 Per­so­nen – dar­un­ter die zwei Fami­li­en – in Leip­zig und Frank­furt in Sicherheit.

Aussetzung des Familiennachzugs

Der Fami­li­en­nach­zug zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten war in den letz­ten Jah­ren gesetz­lich auf tau­send Per­so­nen pro Monat kon­tin­gen­tiert. Zwi­schen 2018 und 2024 sind ins­ge­samt rund 58.400 Visa zum Nach­zug zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten erteilt wor­den – das sind etwa acht Pro­zent aller Fami­li­en­nach­zugs-Visa in die­sem Zeitraum.

Noch vor der Bun­des­tags­wahl ver­such­te der CDU-Kanz­ler­kan­di­dat Merz mit Stim­men der AfD eine zwei­jäh­ri­ge Aus­set­zung des Fami­li­en­nach­zugs durch den Bun­des­tag zu brin­gen. Das schei­ter­te knapp, aber nach der Koali­ti­ons­bil­dung mit der SPD wur­de die­ses Vor­ha­ben zur grau­sa­men Rea­li­tät: Der neue Bun­des­tag setz­te den Fami­li­en­nach­zug zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten ab dem 24. Juli 2025 für zwei Jah­re aus. Für die betrof­fe­nen Fami­li­en ist das eine Kata­stro­phe – die Chan­ce, sich über­haupt eines Tages wohl­be­hal­ten in die Arme zu schlie­ßen, rückt in jah­re­lan­ge Fer­ne. Anders als bei der Aus­set­zung von 2016 bis 2018 gibt es kei­ne Über­gangs­re­ge­lung, wes­halb auch tau­sen­de Fami­li­en betrof­fen sind, die schon seit vie­len Mona­ten oder Jah­ren auf den Fami­li­en­nach­zug ihrer engs­ten Ange­hö­ri­gen warten.

Wäh­rend der Aus­set­zung sol­len nur noch in Här­te­fäl­len Visa nach §22 Auf­ent­halts­ge­setz erteilt wer­den kön­nen. Doch die Bewer­tungs­kri­te­ri­en, die das Aus­wär­ti­ge Amt dabei anlegt, räu­men den Behör­den ein wei­tes Feld an Mög­lich­kei­ten zur Ableh­nung ein. Selbst beson­ders dra­ma­ti­sche Fäl­le kön­nen abge­lehnt wer­den, etwa, wenn sich Fami­li­en zwar in huma­ni­tär extrem schwie­ri­gen Lagen befin­den, sich die­se aber nicht »deut­lich von der Lage ver­gleich­ba­rer aus­län­di­scher Per­so­nen« unter­schei­den. Ein »drin­gen­der huma­ni­tä­rer Grund« auf­grund der Tren­nungs­dau­er wie­der­um soll erst vor­lie­gen, wenn die Fami­lie seit min­des­tens zehn Jah­ren getrennt ist. Statt Inte­gra­ti­on zu för­dern, pro­du­ziert die­se Poli­tik Rechts­un­si­cher­heit, psy­chi­sche Belas­tun­gen, ein­sa­me Kind­hei­ten und gebro­che­ne Biografien.

Die Regie­rungs­ko­ali­ti­on kün­dig­te im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren an, dass das Här­te­fall­ver­fah­ren im Gegen­satz zur letz­ten Aus­set­zung die­ses Mal trans­pa­ren­ter gestal­tet wer­den soll. Betrof­fe­ne kön­nen ihren Här­te­fall per Mail gel­tend machen, aber es feh­len genaue Infor­ma­tio­nen über den Ablauf des Ver­fah­rens und die Verfahrensrechte.

Dass die Här­te­fall­re­ge­lung in der Pra­xis nicht greift, bestä­ti­gen lei­der auch ers­te Zah­len: Es wur­den bis­lang gera­de mal zwei Visa hier­nach erteilt. Laut Koali­ti­ons­ver­trag soll die Rege­lung in zwei Jah­ren eva­lu­iert wer­den – aus Sicht von PRO ASYL muss sie drin­gend abge­schafft werden!

Neue Gesetzesverschärfungen in Deutschland und der EU

Neben der Aus­set­zung des Fami­li­en­nach­zugs für sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­te brach­te die neue Bun­des­re­gie­rung zahl­rei­che wei­te­re Geset­zes­ver­schär­fun­gen auf den Weg, die die Situa­ti­on für Geflüch­te­te in Deutsch­land deut­lich verschlechtern.

Als »Ideo­lo­gie­rück­ab­wick­lungs­ge­setz« bezeich­ne­te Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Dob­rindt ein Gesetz, das am 5. Dezem­ber 2025 vom Bun­des­tag ver­ab­schie­det wur­de: Die­ses ermög­licht, dass die Bun­des­re­gie­rung »siche­re Her­kunfts­staa­ten« per Rechts­ver­ord­nung bestim­men kann – also nicht im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren mit Bun­des­rats­zu­stim­mung, wie es Arti­kel 16a Grund­ge­setz ein­deu­tig vor­sieht. Außer­dem wird die ver­pflich­ten­de anwalt­li­che Ver­tre­tung in der Abschie­bungs­haft wie­der abge­schafft. Die­ses rechts­staat­li­che Instru­ment auf­zu­ge­ben ist fatal, denn seit Jah­ren stel­len Gerich­te bei etwa der Hälf­te aller kla­gen­den Men­schen fest, dass ihre Inhaf­tie­rung rechts­wid­rig ange­ord­net wur­de. PRO ASYL kri­ti­sier­te daher auch bei der Sach­ver­stän­di­gen­an­hö­rung im Bun­des­tag die­ses Gesetz massiv.

Kurz vor Ver­ab­schie­dung wur­de das Gesetz zudem um wei­te­re Rege­lun­gen ergänzt. Dem­nach soll ab Inkraft­tre­ten des Geset­zes eine Ein­bür­ge­rung für zehn Jah­re aus­ge­schlos­sen sein, wenn bei einem vor­he­ri­gen Ein­bür­ge­rungs­pro­zess ein Täu­schungs­vor­ha­ben fest­ge­stellt wur­de. Außer­dem wur­den mög­li­che Fol­ge­pro­ble­me durch das Aus­lau­fen des Chan­cen-Auf­ent­halts­recht zum Jah­res­en­de gelöst. Um Per­so­nen mit einem Chan­cen-Auf­ent­halts­recht wei­ter­hin den Wech­sel in ein Blei­be­recht zu ermög­li­chen, bleibt in den Blei­be­rechts­re­ge­lun­gen für beson­ders gut inte­grier­te Jugend­li­che, jun­ge Erwach­se­ne und Erwach­se­ne der Ver­weis auf die­se Per­so­nen­grup­pe bis Juli 2027 bestehen. Das Gesetz wur­de am 19. Dezem­ber 2025 vom Bun­des­rat bestä­tigt und muss noch im Amts­blatt ver­öf­fent­licht wer­den, bevor es in Kraft tritt.

Eben­so ver­ab­schie­de­te das Kabi­nett Anfang Sep­tem­ber 2025 einen Ent­wurf für die Umset­zung der Euro­päi­schen Asyl­rechts­re­form in Deutsch­land (GEAS-Anpas­sungs­ge­setz). In die­sem setzt es auf eine mög­lichst restrik­ti­ve Umset­zung der euro­päi­schen Ver­schär­fun­gen und will Mög­lich­kei­ten für neue Frei­heits­be­schrän­kun­gen und Haft von Schutz­su­chen­den nut­zen – selbst für Kin­der. Für Asyl­su­chen­de im Dub­lin-Ver­fah­ren und in ande­ren Mit­glied­staa­ten aner­kann­te Schutz­be­rech­tig­te sol­len neue »Sekun­där­mi­gra­ti­ons­zen­tren« ent­ste­hen. PRO ASYL kri­ti­siert diese Form von Iso­la­ti­on scharf und warnt vor neu­en geschlos­se­nen Zen­tren in Deutschland.

Eigent­lich soll­te das GEAS-Anpas­sungs­ge­setz noch vor Jah­res­en­de 2025 ver­ab­schie­det wer­den, doch laut Medi­en­mel­dun­gen konn­ten sich die Frak­tio­nen von SPD und Uni­on nicht final eini­gen – das The­ma Frei­heits­be­schrän­kun­gen wer­de noch dis­ku­tiert. Im neu­en Jahr wird wei­ter ver­han­delt wer­den. Ab dem 12. Juni 2026 wer­den EU-weit die neu­en euro­päi­schen Ver­ord­nun­gen zur Anwen­dung kom­men und das Asyl­sys­tem nach­hal­tig verschärfen.

Wie im Koali­ti­ons­ver­trag ange­kün­digt, sol­len laut dem Kabi­netts­be­schluss vom 19. Novem­ber 2025 ukrai­ni­sche Geflüch­te­te, die seit dem 1. April 2025 in Deutsch­land Auf­nah­me fin­den, im Bedarfs­fall nur noch die gerin­gen Leis­tun­gen nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz erhal­ten. Der Gesetz­ent­wurf ist dis­kri­mi­nie­rend, belas­tet Kom­mu­nen und Län­der und ist alles ande­re als eine soli­da­ri­sche Ukrai­ne-Poli­tik. Auf­grund des in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­den Stich­tags erfolgt dann auch für Men­schen, die schon in Deutsch­land leben und bereits bei allen nöti­gen Behör­den ange­mel­det sind, eine Leis­tungs­sys­tem­um­stel­lung. Sie müs­sen ihre Kran­ken­kas­sen­kar­te abge­ben und wer­den eine im All­tag häu­fig pro­ble­ma­ti­sche Bezahl­kar­te erhal­ten, wegen der sie womög­lich ihr Giro­kon­to schlie­ßen müs­sen. Neben einer dras­tisch schlech­te­ren finan­zi­el­len Lage erwar­ten sie mit dem Rechts­kreis­wech­sel in das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz auch höhe­re Hür­den beim Zugang zum Arbeits­markt und eine schlech­te­re Gesund­heits­ver­sor­gung. Das Signal der Her­ab­wür­di­gung und des feh­len­den Respekts der deut­schen Regie­rung dürf­te bei den betrof­fe­nen Fami­li­en frag­los ankom­men. PRO ASYL hat das Vor­ha­ben in einer Stel­lung­nah­me deut­lich kri­ti­siert. Bis­lang hat der Bun­des­tag noch nicht über den Gesetz­ent­wurf beraten.

Doch nicht nur in Deutsch­land wer­den neue Ver­schär­fun­gen vor­an­ge­trie­ben, son­dern auch auf euro­päi­scher Ebe­ne. Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Dob­rindt hat es sich zum Ziel gesetzt, bei den Migra­ti­ons­hard­li­nern in Euro­pa ganz vor­ne mit dabei zu sein – erst mit einem Gip­fel­tref­fen auf der Zug­spit­ze, dann mit einem Migra­ti­ons­tref­fen in Mün­chen. Wäh­rend die­se Ter­mi­ne vor allem Pres­se­rum­mel und Grup­pen­fo­tos gene­rier­ten, gab es beim Tref­fen der EU-Innenminister*innen am 8. Dezem­ber 2025 kon­kre­te Ergeb­nis­se, die ein­mal mehr den euro­päi­schen Abschot­tungs­kurs ver­stär­ken. Die Minister*innen einig­ten sich im Rat der EU auf eine gemein­sa­me Posi­ti­on für eine neue Rück­füh­rungs­ver­ord­nung – inklu­si­ve lan­ger Abschie­bungs­haft und Abschie­bun­gen in Län­der, in denen die Men­schen vor­her nie waren. Noch ste­hen aller­dings Ver­hand­lun­gen mit dem Euro­pa­par­la­ment aus, das noch kei­ne Ver­hand­lungs­po­si­ti­on beschlos­sen hat.

Auf ande­re Ver­schär­fun­gen konn­ten sich die Mit­glied­staa­ten mit dem Euro­pa­par­la­ment bereits eini­gen: Sie wol­len die Rege­lung zu den »siche­ren Dritt­staa­ten« , die Teil der schon beschlos­se­nen euro­päi­schen Asyl­rechts­re­form ist, wei­ter ver­schär­fen. Kon­kret soll dort das soge­nann­te Ver­bin­dungs­ele­ment gestri­chen wer­den, um mit Län­dern außer­halb der gän­gi­gen Flucht­rou­ten Deals schlie­ßen zu kön­nen und Flücht­lin­ge dort­hin zu schi­cken. Außer­dem wur­de eine EU-wei­te Lis­te »siche­rer Her­kunfts­staa­ten« beschlos­sen. Die Mehr­heit für die­se Vor­ha­ben hol­te sich die kon­ser­va­ti­ve EVP-Frak­ti­on bei den rechts­extre­men und rechts­na­tio­na­len Frak­tio­nen im Europaparlament.

Asylanträge halbiert, Schutzquote sinkt

Die Zahl der Asy­l­erst­an­trä­ge ist 2025 im Ver­gleich zum Vor­jahr um rund die Hälf­te gesun­ken. So wur­den bis Ende Novem­ber 2025 knapp 106.000 Erst­an­trä­ge gestellt, wobei hier­un­ter stets auch in Deutsch­land gebo­re­ne Kin­der fal­len – die tat­säch­li­che Zahl neu ein­ge­reis­ter Asyl­su­chen­der ist folg­lich noch etwas gerin­ger. Beson­ders dras­tisch ist der Rück­gang von Asyl­an­trä­gen von syri­schen Schutz­su­chen­den um fast 70 Pro­zent. Das zeigt, dass der Rück­gang der Anträ­ge vor allem auf Ver­än­de­run­gen in den Her­kunfts­län­dern oder auf den Flucht­rou­ten zurück­zu­füh­ren ist.

Die Situa­ti­on in Syri­en hat sich nach dem Sturz von Assad als nicht sta­bil erwie­sen. Es herr­schen Gewalt, Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, Hun­ger und Armut. Die poli­ti­sche und huma­ni­tä­re Lage ist höchst pre­kär. Beson­ders gefähr­lich ist es für Min­der­hei­ten und ande­re vul­nerable Grup­pen. Des­halb for­dert PRO ASYL einen bun­des­wei­ten Abschie­be­stopp nach Syri­en. Deutsch­land soll­te zudem zügig über die Asyl­an­trä­ge eth­ni­scher und reli­giö­ser Min­der­hei­ten sowie ande­rer bedroh­ter Grup­pen ent­schei­den und ihnen Schutz gewähren.

Alle ande­ren Anträ­ge von Flücht­lin­gen aus Syri­en gehö­ren vor­erst zurück­ge­stellt, solan­ge in Syri­en nicht von einer abseh­bar siche­ren und sta­bi­len Lage aus­ge­gan­gen wer­den kann. Doch lei­der ent­schei­det das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) aktu­ell genau anders­her­um: Nach­dem die Ver­fah­ren von syri­schen Asyl­su­chen­den mona­te­lang auf Eis lagen, hat das BAMF im Okto­ber wie­der ange­fan­gen, ihre Anträ­ge zu bear­bei­ten – und seit­dem über 5.000 Syrer*innen voll­stän­dig abge­lehnt. Das ent­spricht einer inhalt­li­chen Ableh­nungs­quo­te von rund 95 Pro­zent, also einer Schutz­quo­te von gera­de mal fünf Pro­zent. Das lässt Schlim­mes für die wei­te­re Ent­schei­dungs­pra­xis des Bun­des­am­tes zu Syri­en erahnen.

Auch bei Afgha­ni­stan hat sich die Schutz­quo­te deut­lich ver­schlech­tert. Lag sie in den Jah­ren nach der Macht­über­nah­me der Tali­ban bis­her bei nahe­zu 100 Pro­zent, fiel sie in der ers­ten Jah­res­hälf­te 2025 auf nur noch rund 60 Pro­zent. Zum vier­ten Jah­res­tag der Macht­über­nah­me mach­te PRO ASYL am Bei­spiel eines Ein­zel­falls auf die pro­ble­ma­ti­sche neue BAMF-Ent­schei­dungs­pra­xis auf­merk­sam. In der zwei­ten Jah­res­hälf­te sta­bi­li­sier­te sich die Schutz­quo­te etwas und lag Ende Novem­ber bei 78 Pro­zent. Dies ist ver­mut­lich mit der hohen Zahl von Fol­ge­an­trä­gen afgha­ni­scher Frau­en zu erklä­ren, die seit einer Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on in aller Regel Flücht­lings­sta­tus bekom­men. Für afgha­ni­sche Män­ner sind die Chan­cen im Asyl­ver­fah­ren dage­gen mitt­ler­wei­le gering – was ange­sichts der schwer­wie­gen­den huma­ni­tä­ren Kri­se in dem Land und dem bru­ta­len Regime der Tali­ban die Rea­li­tät vor Ort verkennt.

Nach fast andert­halb Jah­ren Ent­schei­dungs­stopp für Asyl­an­trä­ge von Men­schen aus Gaza – aus Sicht von PRO ASYL ange­sichts der kata­stro­pha­len Lage vor Ort völ­lig unge­recht­fer­tigt – hat das BAMF die Ver­fah­ren im Juli 2025 wie­der auf­ge­nom­men. Es habe die Lage im Gaza­strei­fen kon­ti­nu­ier­lich beob­ach­tet und sei zu dem Ergeb­nis gekom­men, dass dort »nicht mehr von einer nur vor­über­ge­hend unge­wis­sen Lage aus­zu­ge­hen ist«. Grund sei­en die Dau­er und Aus­wei­tung der Kampf­hand­lun­gen auf das gesam­te Gebiet des Gaza­strei­fens sowie das Schei­tern meh­re­rer Ver­ein­ba­run­gen zu einer Waf­fen­ru­he. Aus Sicht von PRO ASYL müss­te den Men­schen min­des­tens der sub­si­diä­re Schutz erteilt wer­den – wenn sie zuvor beim UN-Hilfs­werk UNWRA regis­triert waren, dann den Flücht­lings­schutz (sowie auch in eini­gen wei­te­ren Fäl­len, sie­he hier). Bis Ende Novem­ber 2025 wur­de Per­so­nen aus paläs­ti­nen­si­schen Gebie­ten in 85 Pro­zent der inhalt­lich ent­schie­de­nen Fäl­le ein Schutz­sta­tus erteilt.

Ins­ge­samt erhiel­ten bis Ende Novem­ber 2025 53 Pro­zent aller Schutz­su­chen­den, über deren Antrag inhalt­lich ent­schie­den wur­de, einen Schutz­sta­tus. Damit ist die Gesamt­schutz­quo­te im Ver­gleich zu den Vor­jah­ren wie­der gesun­ken – von noch rund 70 Pro­zent im Jahr 2023 und 60 Pro­zent im Jahr 2024. Ange­sichts der pro­ble­ma­ti­schen Ent­schei­dungs­pra­xis zu den Haupt­her­kunfts­län­dern Syri­en und Afgha­ni­stan, dürf­te die­ser Nega­tiv­trend wei­ter­ge­hen. PRO ASYL wird Asyl­su­chen­de auch in 2026 mit den Mit­teln des Rechts­hil­fe­fonds dabei unter­stüt­zen, Schutz vor Gericht einzuklagen.

Immer mehr und härtere Abschiebungen

Abschie­bun­gen von Kita­kin­dern, von der Arbeits­stel­le, direkt aus der Schu­le oder aus dem Kran­ken­haus – Abschie­bun­gen wer­den häu­fi­ger und bru­ta­ler. Allein von Janu­ar bis Sep­tem­ber 2026 wur­den 17.651 Men­schen abge­scho­ben. Im Ver­gleich zum Vor­jah­res­zeit­raum ist die Zahl damit um 20 Pro­zent gestiegen.

Um die Zah­len in die Höhe zu trei­ben, machen die Behör­den auch vor Schutz­räu­men kei­nen Halt. Das zeig­te ein Fall in Naum­burg: Um eine syri­sche Fami­lie nach Bul­ga­ri­en abzu­schie­ben, erschie­nen die Beam­ten im Mai 2025 im lau­fen­den Sport­un­ter­richt, um die zehn­jäh­ri­ge Toch­ter der Fami­lie abzu­ho­len, die sich wei­nend an ihre Leh­re­rin klammerte.

PRO ASYL for­dert, dass Ein­rich­tun­gen wie Kitas, Schu­len, Kir­chen und medi­zi­ni­sche Ein­rich­tun­gen, die der Betreu­ung, Bil­dung und Für­sor­ge die­nen, als Schutz­räu­me defi­niert und ver­bind­lich von Abschie­bun­gen aus­ge­nom­men wer­den. Zumin­dest eine Ver­schär­fung der letz­ten Jah­re wur­de die­ses Jahr in einer von PRO ASYL unter­stüt­zen Ver­fas­sungs­be­schwer­de gestoppt: Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat bestä­tigt, dass die Poli­zei, wenn sie jeman­den zur Abschie­bung holt, in aller Regel einen Durch­su­chungs­be­schluss braucht.

Die Bru­ta­li­sie­rung der Abschie­bungs­pra­xis zeigt sich auch dar­an, dass selbst Abschie­bun­gen in Län­der, in denen schwers­te Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen statt­fin­den, nor­ma­li­siert wer­den sol­len. So ist es erklär­tes Ziel der Bun­des­re­gie­rung, regel­mä­ßig Abschie­bun­gen nach Afgha­ni­stan durch­zu­füh­ren. Hier­für scheut sie sich auch nicht, mit den Tali­ban zu ver­han­deln und erlaub­te im Som­mer sogar zwei Tali­ban die Ein­rei­se nach Deutsch­land, um hier die Aus­lands­ver­tre­tun­gen zu über­neh­men. Am 18. Juli 2025 star­te­te ein Flie­ger mit 81 Afgha­nen von Deutsch­land nach Kabul. Der ers­te unter der neu­en Bun­des­re­gie­rung und der zwei­te über­haupt seit der Macht­über­nah­me der Tali­ban. Mit­te Dezem­ber 2025 und Anfang 2026 wur­de die ers­ten Abschie­bun­gen von drei Per­so­nen per Lini­en­flug nach Kabul durch­ge­führt.

Auch nach Syri­en soll nach dem Wil­len des Bun­des­in­nen­mi­nis­ters Dob­rindt mög­lichst bald ver­mehrt abge­scho­ben wer­den. Die Ein­drü­cke sei­nes Kabi­netts- und Par­tei­kol­le­gens Außen­mi­nis­ter Wade­phul von der Zer­stö­rung vor Ort wer­den dabei geflis­sent­lich igno­riert. Am 23.12.2025 erfolg­te die ers­te Abschie­bung von Deutsch­land nach Syri­en seit dem Jahr 2011.

PRO ASYL for­dert ein Abschie­bungs­ver­bot für bei­de Län­der sowie für ande­re Län­der, in denen Kon­flik­te und huma­ni­tä­res Leid Abschie­bun­gen klar verbieten.