APPELL 2023

Vie­le Geflüch­te­te erhal­ten zum Leben ledig­lich Leis­tun­gen nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz – und damit weni­ger als das neue Bür­ger­geld, das laut Gesetz das men­schen­wür­di­ge Exis­tenz­mi­ni­mum sicher­stel­len soll. Aber die Men­schen­wür­de kennt nicht zwei­er­lei Maß. Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen, Wohl­fahrts­ver­bän­de und Anwält*innenverbände for­dern glei­che Stan­dards für alle: Das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz muss abge­schafft wer­den. Die Betrof­fe­nen müs­sen in das regu­lä­re Sozi­al­leis­tungs­sys­tem ein­ge­glie­dert werden.

Im Fol­gen­den der Appell von Anfang 2023 im Wortlaut.

Seit dem 1. Janu­ar 2023 erhal­ten mate­ri­ell bedürf­ti­ge Men­schen in Deutsch­land das soge­nann­te Bür­ger­geld. Das Bür­ger­geld tritt an die Stel­le der bis­he­ri­gen Hartz-IV Leis­tun­gen. Geflüch­te­te wur­den dabei aller­dings nicht mit­ge­dacht: Denn wie schon bei Hartz IV blei­ben asyl­su­chen­de und gedul­de­te Men­schen auch vom Bür­ger­geld aus­ge­schlos­sen. Statt des regu­lä­ren Sozi­al­rechts gilt für sie das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz (Asyl­bLG).

Das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz besteht seit 1993. Es ist ein Son­der­recht für geflüch­te­te Men­schen. Das Leis­tungs­ni­veau des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes unter­schrei­tet das sozi­al­recht­li­che Exis­tenz­mi­ni­mum erheb­lich. Die Regel­sät­ze sind viel nied­ri­ger. Oft wer­den Geld­leis­tun­gen durch Sach­leis­tun­gen ersetzt, die die Men­schen dis­kri­mi­nie­ren und ent­mün­di­gen. Weil Sach­leis­tun­gen den indi­vi­du­el­len Bedarf nie wirk­lich decken kön­nen, stel­len sie in der Kon­se­quenz eine wei­te­re dras­ti­sche Leis­tungs­kür­zung dar. Die Ein­schrän­kung der Gesund­heits­ver­sor­gung führt oft zu ver­schlepp­ter, ver­spä­te­ter und unzu­rei­chen­der Behand­lung. Sank­tio­nen füh­ren häu­fig zu wei­te­ren Kür­zun­gen, die mit­un­ter über vie­le Jah­re auf­recht­erhal­ten wer­den. Durch die feh­len­de Ein­bin­dung in das reguläre
Sozi­al­sys­tem wer­den die Betrof­fe­nen zudem von den Maß­nah­men der Arbeits­för­de­rung weit­ge­hend ausgeschlossen.

Erklär­ter­ma­ßen hoff­te man auf eine abschre­cken­de Wir­kung: Nied­ri­ge Geld­be­trä­ge und die Sach­leis­tungs­ver­sor­gung soll­ten Geflüch­te­te zur Aus­rei­se bewe­gen. Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen, Wohl­fahrts­ver­bän­de, Kir­chen und Anwält*innenverbände sind sich seit Ein­füh­rung des Geset­zes dar­in einig, dass das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz wie­der abge­schafft wer­den muss.

2012 hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in einer weg­wei­sen­den Ent­schei­dung dafür gesorgt, dass die Leis­tun­gen nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz zumin­dest vor­über­ge­hend annä­hernd dem Hartz-IV-Niveau ent­spra­chen. Zugleich erteil­te das höchs­te deut­sche Gericht dem Ansin­nen, Sozi­al­leis­tun­gen zur Abschre­ckung Asyl­su­chen­der ein­zu­set­zen, eine deut­li­che Absa­ge: „Die in Art. 1 Abs. 1 Grund­ge­setz garan­tiert Men­schen­wür­de ist migra­ti­ons­po­li­tisch nicht zu rela­ti­vie­ren“ (Beschluss vom 18.7.2012 – 1
BvL 10/10).

Trotz­dem kürz­te die Gro­ße Koali­ti­on die Leis­tun­gen nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz in den Jah­ren 2014 bis 2019 in meh­re­ren Schrit­ten erneut und wei­te­te den Anwen­dungs­zeit­raum von 15 auf 18 Mona­te aus. 2022 hat das Ver­fas­sungs­ge­richt die 2019 ein­ge­führ­ten zusätz­li­chen Leis­tungs­kür­zun­gen für Allein­ste­hen­de in Sam­mel­un­ter­künf­ten als ver­fas­sungs­wid­rig gekippt (Beschluss vom 19.10.2022 – 1 BvL 3/21). Ein wei­te­res Ver­fah­ren ist anhän­gig (1 BvL 5/21).

Auch zu den Sank­tio­nen, die das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz vor­sieht, hat sich das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt geäu­ßert. Aus dem Urteil zu den Hartz-IV-Sank­tio­nen vom 5.11.2019 geht klar her­vor, dass die Sank­tio­nen des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes mit dem Grund­ge­setz nicht ver­ein­bar sind.

Das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz ver­stößt damit gegen das Grund­recht auf ein men­schen­wür­di­ges Exis­tenz­mi­ni­mum, das Grund­recht auf Gleich­heit, das Sozi­al­staats­ge­bot (Art. 1, 3, 20 GG), das Grund­recht auf Gesund­heit und kör­per­li­che Unver­sehrt­heit (Art. 2 Abs. 2 GG), die UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on und den UN-Sozialpakt.

Die Bun­des­re­gie­rung will das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz laut Koali­ti­ons­ver­trag von 2021 »im Lich­te der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts« über­ar­bei­ten, doch das reicht nicht aus. Letzt­lich bleibt es damit beim dop­pel­ten Standard.

Unsere Forderungen

Es kann nicht zwei­er­lei Maß für die Men­schen­wür­de geben. Wir for­dern das glei­che Recht auf Sozi­al­leis­tun­gen für alle in Deutsch­land leben­den Men­schen, ohne dis­kri­mi­nie­ren­de Unter­schie­de. Das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz muss abge­schafft wer­den. Die Betrof­fe­nen müs­sen in das regu­lä­re Sozi­al­leis­tungs­sys­tem ein­be­zo­gen wer­den. Dies erfor­dert ins­be­son­de­re fol­gen­de Änderungen:

  1. Abschaf­fung des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes und Ein­be­zie­hung Geflüch­te­ter ins Bür­ger­geld bzw. die Sozi­al­hil­fe (SGB II/XII). Auf migra­ti­ons­po­li­tisch moti­vier­te Kür­zun­gen und Sank­tio­nen ist gemäß dem Urteil des BVerfG aus 2012 aus­nahms­los zu verzichten.
  2. Ein­be­zie­hung aller Geflüch­te­ten in die Sprach‑, Qua­li­fi­zie­rungs- und Arbeits­för­de­rungs­in­stru­men­te des SGB II.
  3. Ein­be­zie­hung geflüch­te­ter Men­schen in die gesetz­li­che Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung (SGB V/XI). Dabei muss sicher­ge­stellt sein, dass auch Men­schen ohne Papie­re jeder­zeit ohne Angst vor Abschie­bung Zugang zum Gesund­heits­sys­tem haben. Ins­be­son­de­re muss ein Anspruch auf Sprach­mitt­lung bei Inan­spruch­nah­me von Leis­tun­gen im Gesund­heits­we­sen ver­an­kert werden.
  4. Von Krank­heit, Trau­ma­ti­sie­rung, Behin­de­rung, Pfle­ge­be­dürf­tig­keit Betrof­fe­ne sowie schwan­ge­re, allein­er­zie­hen­de und älte­re Men­schen und geflüch­te­te Kin­der müs­sen – ent­spre­chend ihrem Recht aus der EU-Auf­nah­me­richt­li­nie – einen Anspruch auf alle auf­grund ihrer beson­de­ren Situa­ti­on erfor­der­li­chen zusätz­li­chen Leis­tun­gen erhal­ten (ins­be­son­de­re nach SGB IX, SGB VIII u.a.).
  5. Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­hal­tes sind als Geldleistungen
    auszugestalten.

69 Unterzeichnende Organisationen

Stand 01. Febru­ar 2023

BUNDESEBENE

Amnes­ty Inter­na­tio­nal Deutsch­land e.V.
Armut und Gesund­heit in Deutsch­land e.V.
Ärz­te der Welt e.V.
AWO Bun­des­ver­band e.V.
Bun­des­fach­ver­band unbe­glei­te­te min­der­jäh­ri­ge Flücht­lin­ge – BumF e.V.
Bun­des­ver­band Frau­en­be­ra­tungs­stel­len und Frau­en­not­ru­fe – Frau­en gegen Gewalt e.V.
Bun­des­wei­te Arbeits­ge­mein­schaft der psy­cho­so­zia­len Zen­tren für Flüchtlinge
und Fol­ter­op­fer – BAfF e.V.
Der Pari­tä­ti­sche Gesamtverband
Deut­sche Psy­cho­the­ra­peu­ten Vereinigung
Deut­scher Anwalt­ver­ein e.V.
Dia­ko­nie Deutsch­land – Evan­ge­li­sches Werk für Dia­ko­nie und Ent­wick­lung e.V.
Gemein­nüt­zi­ge Gesell­schaft zur Unter­stüt­zung Asyl­su­chen­der e.V.
Han­di­cap Inter­na­tio­nal e.V.
IPPNW – Inter­na­tio­na­le Ärzt*innen für die Ver­hü­tung des Atomkriegs /
Ärzt*innen in sozia­ler Ver­ant­wor­tung e.V.
Jesui­ten-Flücht­lings­dienst Deutschland
KOK – Bun­des­wei­ter Koor­di­nie­rungs­kreis gegen Men­schen­han­del e.V.
Komi­tee für Grund­rech­te und Demo­kra­tie i.V.
med­i­co inter­na­tio­nal e.V.
MIA – Müt­ter­initia­ti­ve für Allein­er­zie­hen­de e.V. i.G.
PRO ASYL Bun­des­wei­te Arbeits­ge­mein­schaft für Flücht­lin­ge e.V.
Repu­bli­ka­ni­scher Anwäl­tin­nen- und Anwäl­te­ver­ein e.V.
SOLWODI Deutsch­land e.V.
Ver­ein demo­kra­ti­scher Phar­ma­zeu­tin­nen und Phar­ma­zeu­ten e.V. (VdPP) -
Phar­ma­zie in sozia­ler Verantwortung
Ver­ei­ni­gung Demo­kra­ti­scher Juris­tin­nen und Juris­ten (VDJ)

LANDESEBENE

Baye­ri­scher Flüchtlingsrat
civi kune RLP
Dia­ko­nie Hessen
Flücht­lings­rat Baden-Würt­tem­berg e.V.
Flücht­lings­rat Ber­lin e. V.
Flücht­lings­rat Brandenburg
Flücht­lings­rat Bremen
Flücht­lings­rat Ham­burg e.V.
Flücht­lings­rat Nie­der­sach­sen e.V.
Flücht­lings­rat Nord­rhein-West­fa­len e.V.
Flücht­lings­rat RLP e.V.
Flücht­lings­rat Sach­sen-Anhalt e.V.
Flücht­lings­rat Schles­wig-Hol­stein e.V.
Flücht­lings­rat Thü­rin­gen e.V.
Hes­si­scher Flücht­lings­rat e.V.
REFUGIO Thüringen
Saar­län­di­scher Flücht­lings­rat e.V.
Säch­si­scher Flücht­lings­rat e.V.

KOMMUNALE EBENE

Akti­on Gren­zen­los e.V./Medizinische Flücht­lings­hil­fe Nürn­berg u. Fürth
Anony­mer Kran­ken­schein Bonn e.V.
Aus­län­der­rat Dres­den e.V.
Ban Ying e.V.
Ber­li­ner Netz­werk für beson­ders schutz­be­dürf­ti­ge geflüch­te­te Men­schen (BNS)
BI Bil­dung und Inte­gra­ti­on Ham­burg Süd gGmbH
Cari­tas­ver­band für die Stadt Köln e. V.
Clea­ring­stel­le für nicht kran­ken­ver­si­cher­te Men­schen – Ber­li­ner Stadtmission
FIM – Frau­en­recht ist Men­schen­recht e.V., Bera­tungs- und Infor­ma­ti­ons­zen­trum für Migran­tin­nen, Frank­furt a.M.
Flücht­lings­hil­fe Lan­gen­feld e.V.
Hil­fe für Men­schen in Abschie­be­haft Hof e.V.
Lebens­hil­fe Gie­ßen e.V.
Medi­bü­ro Ber­lin – Netz­werk für das Recht auf Gesund­heits­ver­sor­gung aller Migrant*innen
Medi­Netz Bielefeld
Medi­Netz Bonn e.V.
Medi­Netz Essen e.V.
Medi­netz Karlsruhe
Medi­Netz Mag­de­burg e.V.
Medi­netz Mainz e.V.
Medi­netz Tübin­gen e.V.
Medi­zi­ni­sche Flücht­lings­hil­fe Bochum e.V.
Öku­me­ni­sche Fach­stel­le Asyl/Forum Asyl Land­kreis Ludwigsburg
Refu­docs Frei­burg e.V.
Refu­gio Stutt­gart e.V.
S.I.G.N.A.L. e. V. – Inter­ven­ti­on im Gesund­heits­be­reich gegen häus­li­che und sexua­li­sier­te Gewalt
STAY! Düs­sel­dor­fer Flücht­lings­in­itia­ti­ve e.V.
we inte­gra­te e.V., Nürnberg