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Um diese Menschen geht es

Die Begrenzungen und Schwierigkeiten beim Familiennachzug betreffen viele Menschen – oft mit dramatischen Folgen. Exemplarisch stellen wir fünf beispielhafte Einzelfälle vor:

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Fadi ist schon seit über 1,5 Jahren in Deutschland als Flüchtling anerkannt. Seine Familie kann er trotzdem nur auf dem Handy sehen - ohne ein Visum konnte sie aus dem Kriegsgebiet nur in den Sudan fliehen. Dort gibt es bis Dezember keine Termine in der Botschaft. Foto: Najem Al-Khalaf

Im November 2015 wird Fadi R. als syrischer Flüchtling in Deutschland anerkannt. Seine Frau Enam und die vier Kinder im Alter zwischen fünf und elf Jahren bleiben in Syrien. Beim Deutschen Konsulat in Izmir beantragt er einen Termin, die Familie wird für den 2. August 2016 einbestellt. Doch an der türkisch-syrischen Grenze wird Enam und den Kindern die Einreise in die Türkei verwehrt. Ohne Visum darf sie in keinen Anrainerstaat einreisen. Da ihr Wohnort im Kampfgebiet liegt, entscheidet Enam schließlich, mit den Kindern – visumsfrei – in den Sudan zu fliegen.

Im Sudan bekommt die Familie eine Aufenthaltserlaubnis für ein Jahr und lässt sich beim UNHCR registrieren. Enam versucht, einen Termin bei der Deutschen Botschaft in Khartoum zu erhalten, um ein Visum für die Ausreise nach Deutschland zu beantragen. Die Botschaft erklärt, die Familie müsse sich zunächst mindestens sechs Monate im Sudan aufhalten. Bis dahin gelte der Sudan nicht als ihr gewöhnlicher Aufenthaltsort und ihr Ansinnen auf Familienzusammenführung falle somit nicht in den Zuständigkeitsbereich der Botschaft. Sie könne sich daher frühestens im Februar 2017 um eine Terminvergabe bemühen.

Die Situation der Familie in Khartoum ist schwierig. Der 9-jährige Sohn ist schwer krank und benötigt eine Operation. Der Vater und Unterstützer wenden sich an ein Mitglied des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages. Aufgrund der prekären Lage der Familie ergeht auf diesem Weg die Bitte an die Botschaft in Khartoum, das Verfahren zu beschleunigen. Die Antwort des Auswärtigen Amtes: Das sei nicht möglich, die Familie könne aber einen Termin bei der Deutschen Botschaft in Beirut beantragen. Auch eine Intervention der Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung bleibt erfolglos.

Im Januar 2017 verkündet die Botschaft in Khartoum auf ihrer Webseite, dass sie aus Kapazitätsgründen bis Dezember keine Terminanträge bearbeiten könne.

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Fadi R. im März 2016. Foto: Najem Al-Khalaf

Im November 2015 reist Bahgat H., ein staatenloser Kurde aus Syrien, nach Deutschland ein. Seine Frau und die drei Kinder bleiben in einem Flüchtlingslager im Nordirak. Mit Hilfe einer ehrenamtlichen Unterstützerin gelingt es Bahgat, vergleichsweise schnell, nach sechs Monaten einen Anhörungstermin beim Bundesamt zu erhalten.

Im November 2016 wird ihm subsidiärer Schutz zugesprochen. Damit muss Bahgat auf den Nachzug seiner Frau und Kinder bis mindestens März 2018 warten. Dennoch beantragt er im Juni 2016 beim deutschen Generalkonsulat in Erbil einen Termin in der Hoffnung, dass seine Frau und Kinder dort zumindest schon einmal ihren Visumsantrag stellen können. Bis heute hat die Familie keinen Termin erhalten.

Schon während des Asylverfahrens gelingt es Bahgat, einen Arbeitsplatz bei einem Bauunternehmer zu finden. Dieser hatte keinen Einheimischen für die Tätigkeit finden können. Seit September 2016 bezieht der Kurde keinerlei Sozialleistungen mehr und wäre finanziell in der Lage, seine Familie in Deutschland zu versorgen. Er ist auf dem besten Weg, sich erfolgreich in Deutschland zu integrieren. Inzwischen unterstützt er sogar andere Flüchtlinge bei Behördengängen oder Arztbesuchen.

Aussicht darauf, Frau und Kinder wiederzusehen, hat Bahgat auf absehbare Zeit nicht. Auch die Möglichkeit, seine Familie über ein Länderprogramm nach Deutschland zu holen, besteht nicht. Lediglich die Bundesländer Berlin, Hamburg, Schleswig-Holstein und Thüringen ermöglichen es Syrern mit gültigem Aufenthaltstitel aktuell noch, ihre Angehörigen zu sich zu holen, wenn deren finanzielle Versorgung sichergestellt ist. Bahgat lebt in einem anderen Bundesland.

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Bahgat H. hat nur subsidiären Schutz erhalten. Obwohl er in Deutschland arbeitet und seine Familie versorgen könnte, kann er sie daher nicht aus dem Nordirak zu sich holen. Foto: Najem Al-Khalaf

Salah J. floh vor der Einberufung in Assads Armee nach Deutschland. Er kam im Frühjahr 2015 in Ratingen an und erhielt nach langer Wartezeit nur den subsidiären Schutz. Gemeinsam mit seinem Rechtsanwalt legte er zwar Klage dagegen ein – für seine Familie wird die Entscheidung darüber aber zu spät kommen.

Nach über zwei Jahren der Trennung war die Familie finanziell nicht mehr in der Lage, in der Türkei  auszuharren, weshalb die Frau von Salah J. mit den zwei Kleinkindern den Weg über die Ägäis antrat. Bei der gefährlichen Flucht kenterte ihr Schlauchboot. Nur sieben von 22 Flüchtlingen überleben, für Salahs Familie kommt jede Hilfe zu spät.

Besonders tragisch: Salah J. hätte eigentlich als Flüchtling gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) anerkannt werden müssen, da der Grund für seine Flucht der drohende Einzug in den Kriegseinsatz für die syrische Armee war.

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Schon Ende 2014 ist Mussa A. nach Deutschland geflohen. Obwohl er mittlerweile als Flüchtling anerkannt wurde, konnte seine Familie bis heute nicht nachkommen. Foto: Najem Al-Khalaf

Der Elektriker Mussa Algouri lebt als palästinensischer Flüchtling mit seiner Familie bei Damaskus. Als in Syrien der Bürgerkrieg ausbricht, flieht er mit seiner Frau und seinen fünf Kindern in Richtung Libanon. Auf der Flucht wird seine neunjährige Tochter bei einem Bombenangriff getötet, Mussa selbst wird schwer verletzt.

Im Libanon angekommen, lebt die Familie in einem überfüllten palästinensischen Flüchtlingslager, in dem Auseinandersetzungen zwischen bewaffneten Gruppen an der Tagesordnung sind. Im Oktober 2014 wagt der Familienvater die gefährliche Flucht über das Mittelmeer und beantragt in Deutschland Asyl. Ende 2015 wird er als Flüchtling anerkannt und hat damit einen Rechtsanspruch darauf, seine Familie nach Deutschland nachzuholen. Im April 2016 beantragt er bei der Deutschen Botschaft in Beirut einen Termin für seine Frau und die verbliebenen vier Kinder. Die Anfrage stellt er über ein eigens zu diesem Zweck vom Auswärtigen Amt eingerichtetes Mailpostfach.

Sorgen macht sich Mussa vor allem um seine dreijährige, schwerbehinderte Tochter, die an einer Hirnlähmung leidet. Entsprechende ärztliche Atteste leitet er an die Botschaft in Beirut weiter mit der Bitte, das Verfahren zu beschleunigen. Auch um seinen 17-jährigen Sohn steht es schlecht: Gelingt es nicht, ihn vor seiner Volljährigkeit nach Deutschland zu holen, ist er dauerhaft vom Familiennachzugsrecht ausgeschlossen.

Bis heute – ein Jahr später – hat Mussa nicht einmal eine Antwort erhalten. Der Familienvater lebt in ständiger Angst um seine Familie. Dabei benötigt er selbst dringend eine Operation: Bombensplitter stecken in seinem Körper. Mussa möchte sie erst entfernen lassen, wenn seine Frau und die Kinder endlich in Deutschland sind.

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Mussa lebt in ständiger Angst um seine Familie. Bereits auf der gefährlichen Flucht verlor er eine Tochter. Foto: Najem Al-Khalaf

Der syrische Familienvater Mehiar Alahmed wird im September 2015 als Flüchtling in Deutschland anerkannt. Seine Ehefrau Shaimaa und die drei Kinder im Alter von drei, fünf und sieben Jahren leben zu diesem Zeitpunkt noch im Norden Syriens. Um seine Familie nach Deutschland zu holen, stellt Mehiar bei der zuständigen Ausländerbehörde einen Antrag auf Familiennachzug. Daraufhin erhält die Familie bei der Deutschen Auslandsvertretung in Istanbul einen Termin im Juli 2016.

Shaimaa macht sich mit ihren Kindern auf den Weg in die Türkei, um den Termin beim Deutschen Generalkonsulat wahrzunehmen. Wegen der akuten Kriegshandlungen gelingt es ihnen jedoch nicht, die syrisch-türkische Grenze zu passieren. Die Familie entrinnt knapp dem Tod und bleibt in Syrien. Dann wird die Lage vor Ort immer gefährlicher. Anfang März 2017 wagt die Frau einen erneuten Versuch, mit den Kindern in die Türkei zu fliehen. Die Familie ist nahe der türkischen Grenze, als Shaimaa erschossen wird, vermutlich von Milizen des sogenannten Islamischen Staates.

Einem Verwandten von Mehiar, der mit seiner Familie im Süden der Türkei lebt, gelingt es, die Kinder über die Grenze zu bringen und für die erste Zeit bei sich aufzunehmen. Um zumindest seine Kinder sicher nach Deutschland zu holen, bemüht sich Mehiar seither um einen erneuten Termin beim Deutschen Generalkonsulat in Istanbul.