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In Malta werden Leichen an Land gebracht. Bislang ist nur ein kleiner Teil der Toten geborgen. Ein Teil der offenbar über 900 Flüchtlinge war Zeugenaussagen nach im Inneren des Schiffs untergebracht und wurde mit diesem in die Tiefe gerissen. Foto: UNHCR/ F.Ellul

Weit über 1000 Menschen sterben innerhalb weniger Tage auf der Flucht nach Europa. Doch die Antworten der EU auf die fortlaufenden Katastrophen sind zynisch wie eh und je: Abschottung, Schlepperbekämpfung, Auffanglager. Dabei kann nur eines das Massensterben der Flüchtlinge beenden: Ein EU-Seenotrettungsprogramm – und legale, gefahrenfreie Fluchtwege. Ein Überblick.

Es ist die ver­mut­lich töd­lichs­te Kata­stro­phe, die sich bis­lang im Mit­tel­meer ereig­net hat. Neu­es­te Mel­dun­gen gehen davon aus, dass über 900 Men­schen ums Leben kamen, als Sams­tag­nachts ein Flücht­lings­boot etwa 130 Kilo­me­ter vor der liby­schen Küs­te ken­ter­te. Bis­lang konn­ten 28 Men­schen geret­tet wer­den. Erst am Sonn­tag zuvor star­ben rund 400 Men­schen bei einer ähn­li­chen Kata­stro­phe. Gera­de eben wird von einer wei­te­ren Kata­stro­phe berich­tet.

Ins­ge­samt steigt die Zahl der doku­men­tier­ten Todes­fäl­le im zen­tra­len Mit­tel­meer in die­sem Jahr damit auf rund 1.800 an. Da ver­mut­lich etli­che wei­te­re Kata­stro­phen auf der welt­weit töd­lichs­ten Flucht­rou­te kei­ne öffent­li­che Beach­tung fin­den, dürf­te die Zahl der Toten tat­säch­lich noch höher sein. Seit dem Jahr 2000 fan­den min­des­tens 25000 Men­schen den Tod an den Außen­gren­zen der EU.

Son­der­tref­fen der EU: Die erwart­ba­ren Ant­wor­ten sind fatal

Heu­te wol­len Euro­pas Außen- und Innen­mi­nis­ter bei einem Son­der­tref­fen in Luxem­burg über die EU-Flücht­lings­po­li­tik bera­ten. Doch die bis­her zu erwar­ten­den Ant­wor­ten der Bun­des­re­gie­rung und der ande­ren EU-Staa­ten und -Insti­tu­tio­nen sind fatal: So sol­len Flücht­lin­ge, Migran­ten und Migran­tin­nen mit allen Mit­teln dar­an gehin­dert wer­den, die Küs­ten Nord­afri­kas zu ver­las­sen. Dafür sol­len Schlep­per­or­ga­ni­sa­tio­nen bekämpft wer­den, Flücht­lings­la­ger in Nord­afri­ka ein­ge­rich­tet und Län­der wie Tune­si­en und Ägyp­ten in die Pflicht genom­men wer­den, Flücht­lings­boo­te vor den afri­ka­ni­schen Küs­ten abzu­fan­gen.

Kei­ne die­ser Maß­nah­men ist geeig­net, das Mas­sen­ster­ben auf dem Mit­tel­meer zu been­den und die Not der Flücht­lin­ge zu lin­dern. PRO ASYL for­dert statt­des­sen die Bun­des­re­gie­rung und die EU auf, sofort eine euro­päi­sche See­not­ret­tungs­ope­ra­ti­on zu star­ten und Flücht­lin­gen end­lich lega­le und gefah­ren­freie Flucht­we­ge zu eröff­nen. Nur dies kann das Mas­sen­ster­ben von Schutz­su­chen­den an den Außen­gren­zen der EU been­den.

War­um „Schlep­per­be­kämp­fung“ ein Schein­dis­kurs auf dem Rücken der Toten ist

Zu den bereits ritua­li­sier­ten Ant­wor­ten auf den tau­send­fa­chen Tod im Mit­tel­meer gehört die Ansa­ge, den Kampf gegen Schlep­per inten­si­vie­ren zu müs­sen. Durch ihr skru­pel­lo­ses Agie­ren sei­en Schlep­per­or­ga­ni­sa­tio­nen ver­ant­wort­lich für die Todes­fäl­le, so die belieb­te Argu­men­ta­ti­on.

Man müs­se den „Schlep­per­or­ga­ni­sa­tio­nen das Hand­werk legen“, sag­te Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Frank-Wal­ter Stein­mei­er als Reak­ti­on auf rund 1.000 Todes­fäl­le im Mit­tel­meer allein in den letz­ten zehn Tagen. Ähn­lich äußer­te sich der SPD-Vor­sit­zen­de Sig­mar Gabri­el. Innen­mi­nis­ter de Mai­ziè­re ergänz­te: „Wir dür­fen und wer­den es nicht dul­den, dass die­se Ver­bre­cher aus blo­ßer Pro­fit­gier mas­sen­haft Men­schen­le­ben opfern“. Auch EU-Par­la­ments­prä­si­dent Mar­tin Schulz for­der­te nun, man sol­le mit der Regie­rung der Natio­na­len Ein­heit in Liby­en eine Rege­lung tref­fen, um „die Men­schen davon abzu­hal­ten, sich in ein unkal­ku­lier­ba­res Risi­ko zu stür­zen“. Man benö­ti­ge einen effek­ti­ven Küs­ten­schutz, um Schlep­per­netz­wer­ke zu bekämp­fen, so Schulz.

Blo­cka­de gegen Flücht­lin­ge: Sinn­bild der Abschot­tungs­po­li­tik Euro­pas

Der ita­lie­ni­sche Poli­ti­ker Per­fer­di­nan­do Casi­ni for­der­te gar, eine Blo­cka­de in liby­schen Gewäs­sern ein­zu­rich­ten: „Da die liby­sche Regie­rung nicht da ist, brau­chen wir die Erlaub­nis, unter der Regie der Ver­ein­ten Natio­nen in liby­schen Gewäs­sern eine Blo­cka­de ein­zu­rich­ten. Wenn nicht, dann machen die Schleu­ser immer mehr Geld und die Ver­zwei­fel­ten ster­ben wei­ter. Es gibt kei­nen ande­ren Weg.“

Anstatt lega­le Wege nach Euro­pa für die Schutz­su­chen­de zu eröff­nen, wer­den mit der „Schlep­per­be­kämp­fung“ nur die Sym­pto­me der Fes­tung Euro­pa bekämpft – und Ver­ant­wor­tung und Schuld abge­wälzt. Denn die Schlep­per­in­dus­trie lebt präch­tig mit den immer aus­ge­klü­gel­te­ren Abwehr­maß­nah­men der EU: Die Abschot­tungs­po­li­tik Euro­pas ist eben­so sehr ihre Geschäfts­grund­la­ge wie die Aus­weg­lo­sig­keit und Not der Flücht­lin­ge, die meist kei­ne ande­re Wahl haben, als ihr Leben auf den maro­den Boo­ten zu ris­kie­ren.

Flücht­lings­la­ger in Staa­ten, die mas­siv Men­schen­rech­te ver­let­zen?

Die Innen­mi­nis­ter ver­schie­de­ner EU-Staa­ten, dar­un­ter auch der deut­sche Innen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re, hat­ten bereits anläss­lich des  EU-Innen­mi­nis­ter­tref­fens am 12./13. März 2015 die Ein­rich­tung von Asyl­zen­tren in Nord­afri­ka vor­ge­schla­gen, die  Flücht­lin­ge bereits im Tran­sit in EU-Lagern von der Über­fahrt über das Mit­tel­meer abhal­ten sol­len – angeb­lich um Tote zu ver­hin­dern.

Damit wür­de Staa­ten, in denen die Men­schen­rech­te von Flücht­lin­gen, Migran­tin­nen und Migran­ten sys­te­ma­tisch ver­letzt wer­den, Mit­ver­ant­wor­tung für die Schutz­prü­fung und Auf­nah­me von Flücht­lin­gen über­ge­ben wer­den. Der UNHCR erklär­te am ver­gan­ge­nen Frei­tag, dass sol­che Zen­tren in nord­afri­ka­ni­schen Län­dern wie Liby­en auf­grund der mas­si­ven Gewalt kei­ne Opti­on dar­stell­ten.

Wie Auf­fang­la­ger in Nord­afri­ka das Asyl­recht aus­he­beln

Doch es geht um mehr als die schlech­te bis kata­stro­pha­le Men­schen­rechts­la­ge in den Staa­ten Nord­afri­kas. Asyl­la­ger in Nord­afri­ka sind für die EU-Staa­ten nichts ande­res als ein Instru­ment zur Aus­he­be­lung des euro­päi­schen Asyl­rechts. Ihre Ziel­set­zung ist es, ein indi­vi­du­el­les Recht auf Asyl in ein Gna­den­recht zu ver­wan­deln, wo sie sich selbst eini­ge weni­ge hand­ver­le­se­ne Flücht­lin­ge aus­wäh­len, denen die Ein­rei­se erlaubt wird.

Unge­klärt ist die Fra­ge, was mit den Flücht­lin­gen gesche­hen soll, die als schutz­be­dürf­tig aner­kannt wer­den. Ange­sichts der Tat­sa­che, dass sich schon jetzt für Tau­sen­de vom UNHCR aner­kann­te, in aus­weg­lo­ser Situa­ti­on ver­har­ren­de, Flücht­lin­ge kei­ne Auf­nah­me­staa­ten fin­den, ist davon aus­zu­ge­hen, dass auch bei die­sem Pro­zess aner­kann­te Flücht­lin­ge ohne Asyl­land blei­ben.

Rechts­staat­li­che Garan­ti­en gäbe es für die Betrof­fe­nen außer­halb Euro­pas nicht: Der Kern eines rechts­staat­li­chen Ver­fah­rens ist, dass nega­ti­ve Behör­den­ent­schei­dun­gen von einer Beru­fungs­in­stanz über­prüft wer­den. Dies wäre in Nord­afri­ka nicht mög­lich. Mit Gewal­ten­tei­lung und Rechts­staat­lich­keit sind sol­che Vor­schlä­ge nicht zu ver­ei­nen.

Vor allem: Das Ster­ben im Mit­tel­meer kann dadurch nicht ver­hin­dert wer­den. Auf­fang­la­ger, die kei­ne Lebens­per­spek­ti­ve bie­ten, wer­den Flücht­lin­ge nicht davon abhal­ten, in see­un­tüch­ti­gen Boo­ten nach Euro­pa auf­zu­bre­chen.

War­um die Aus­la­ge­rung der See­not­ret­tung auf Dritt­staa­ten kei­ne Opti­on ist

Bei ihrem Tref­fen hat­ten die EU-Innen­mi­nis­ter anhand eines soge­nann­ten NON-Papers, das nun von State­watch ver­öf­fent­licht wur­de, über wei­te­re Maß­nah­men im zen­tra­len Mit­tel­meer dis­ku­tiert. „Mari­ne­ein­hei­ten aus Dritt­län­dern […] in der Nähe Liby­ens, könn­ten ein­grei­fen und Migran­ten in See­not ret­ten und danach zu ihren eige­nen Häfen brin­gen“, heißt es in dem Papier. Kon­kret wer­den Ägyp­ten und Tune­si­en als Part­ner für die Aus­la­ge­rung der See­not­ret­tung genannt, die durch „die Finan­zie­rung und Bereit­stel­lung tech­ni­scher Hil­fe“ von der EU unter­stützt wer­den sol­len.

Es ist mehr als zwei­fel­haft, ob die­se Län­der eine effek­ti­ve See­not­ret­tung leis­ten kön­nen. Und selbst wenn sie dazu von der EU aus­ge­rüs­tet wür­den: Unter wel­chen Umstän­den Flücht­lin­ge dann in Ägyp­ten oder Tune­si­en leben müs­sen – in Staa­ten, in denen die Gewalt gegen Flücht­lin­ge mas­siv ist – erklärt das Papier nicht.

Ope­ra­ti­on Ster­ben las­sen: Das Ende von Mare Nostrum und die Fron­tex-Ope­ra­ti­on Tri­ton

In 2014 wur­den noch mehr als 150.000 Flücht­lin­ge durch die ita­lie­ni­sche Mari­ne-Ope­ra­ti­on „Mare Nostrum“ geret­tet, die bis nahe an die liby­sche Küs­te Ret­tungs­ein­sät­ze fuhr. Doch  Ende 2014 wur­de die Ope­ra­ti­on offi­zi­ell been­det – weil Ita­li­en für die monat­li­chen Kos­ten von rund neun Mil­lio­nen Euro kei­ne Unter­stüt­zung der EU erhielt, aber vor allem, weil EU-Staa­ten wie Deutsch­land Druck auf Ita­li­en aus­üb­ten, die Ope­ra­ti­on zu been­den: Innen­mi­nis­ter de Mai­ziè­re kri­ti­sier­te, die „als Not­hil­fe“ gedach­te Ret­tungs­ope­ra­ti­on hät­te sich als „als Brü­cke nach Euro­pa erwie­sen“.

Auf „Mare Nostrum“ folg­te die EU-Ope­ra­ti­on Tri­ton. Der Ret­tungs­ra­di­us der Fron­tex-Ope­ra­ti­on ist jedoch deut­lich gerin­ger, das Bud­get beträgt nur ein Drit­tel von „Mare Nostrum“ und statt See­not­ret­tung steht die Flücht­lings­ab­wehr im Vor­der­grund. Ent­spre­chend ist die Zahl der Toten seit dem Ende von Mare Nostrum bzw. dem Beginn von Tri­ton stark ange­stie­gen.

Nur die Öff­nung lega­ler Flucht­we­ge und EU-See­not­ret­tung kön­nen das Ster­ben been­den

Denn de Mai­ziè­res Argu­men­ta­ti­on, die Been­di­gung von Mare Nostrum wür­de dafür sor­gen, dass weni­ger Flücht­lin­ge die gefähr­li­che Über­fahrt wagen, hat sich als unzu­tref­fend erwie­sen: Die Schutz­su­chen­den haben offen­sicht­lich kei­ne ande­re Wahl.

Die aktu­el­len Zah­len bewei­sen: Ver­stärk­te Kon­trol­le und mehr Über­wa­chung hin­dert Men­schen in Not nicht dar­an, sich auf den Weg zu machen. Eine euro­päi­sche See­not­ret­tung und die Öff­nung lega­ler Wege nach Euro­pa sind drin­gen­der denn je.

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