27.06.2013
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Mehrere Hunger- und Durststreikende mussten bereits ins Krankenhaus gebracht werden. Foto: <a href="http://www.refugeetentaction.net/">www.refugeetentaction.net/</a>

Seit Samstag protestieren Flüchtlinge auf dem Münchner Rindermarkt mit einem Hungerstreik. Seit Dienstag nehmen rund 50 von ihnen keine Flüssigkeit mehr zu sich, mehrere mussten bereits ins Krankenhaus eingeliefert werden. Gespräche mit Behördenvertretern verliefen am Mittwoch ergebnislos.

Die Situa­ti­on ist mehr als ernst und eine Lösung ist nicht in Sicht. Bereits im Vor­feld eines Tref­fens einer Dele­ga­ti­on der Behör­den mit einem Dele­gier­ten der hun­ger- und durst­strei­ken­den Flücht­lin­ge hat­te Bay­erns Sozi­al­mi­nis­te­rin Chris­ti­ne Hadert­hau­er (CSU), deren Minis­te­ri­um für die Lebens­be­din­gun­gen der Asyl­su­chen­den in Bay­ern ver­ant­wort­lich ist, Empha­t­hie­lo­sig­keit demons­triert. „Hier­zu­lan­de ist Poli­tik nicht erpress­bar, wir leben in einem Rechts­staat, wo man sich nicht durch Hun­ger­streiks eine Vor­zugs­be­hand­lung erzwin­gen kann“, so die Minis­te­rin in einer Pres­se­er­klä­rung, in der sie die Flücht­lin­ge auf­for­der­te, den Hun­ger­streik sofort zu been­den. „Kaser­nen­hof­ton statt Mit­ge­fühl“ kom­men­tiert die Süd­deut­sche Zei­tung Hadert­hau­ers Erklä­rung.

Mit ihrem Hun­ger- und Durst­streik wol­len die Flücht­lin­ge Schutz vor poli­ti­scher Ver­fol­gung und men­schen­wür­di­ge Auf­nah­me­be­din­gun­gen erkämp­fen: Die Abschaf­fung der aus­gren­zen­den Lager­un­ter­brin­gung und der ent­wür­di­gen­den Lebens­mit­tel­pa­ke­te,  die Abschaf­fung der Resi­denz­pflicht, die Asyl­su­chen­de und Gedul­de­te in Deutsch­land das Men­schen­recht auf Bewe­gungs­frei­heit vor­ent­hält, sowie die Abschaf­fung des Arbeits­ver­bo­tes. In Bay­ern wer­den die zur Abschre­ckung von Flücht­lin­gen gedach­ten schi­ka­nö­sen Son­der­ge­set­ze bun­des­weit am restrik­tivs­ten ange­wandt.

„Trotz der viel­fäl­ti­gen Pro­tes­te von Flücht­lin­gen in den letz­ten Mona­ten und Jah­ren hal­ten Bun­des- und Lan­des­po­li­tik unver­än­dert an ihrer rigi­den Abschie­bungs- und Abschre­ckungs­po­li­tik fest. Dass die Situa­ti­on jetzt eska­liert, ist des­halb kein Wun­der“, kom­men­tiert der Baye­ri­sche Flücht­lings­rat die Situa­ti­on, der auf sei­ner Home­page  aus­führ­lich die Bericht­erstat­tung über den Hun­ger­streik doku­men­tiert.

Der Münch­ner Abend­zei­tung  zufol­ge ver­lief das Gespräch zwi­schen Behör­den­ver­tre­tern und einem Dele­gier­ten der Flücht­lin­ge ergeb­nis­los. Der ober­baye­ri­sche Regie­rungs­prä­si­dent Chris­toph Hil­len­brand, der zu dem Run­den Tisch gela­den hat­te, beton­te dem Bericht nach, die Behör­den sei­en sich ihrer Ver­ant­wor­tung bewusst. In einem Rechts­staat könn­ten Regeln aber nicht auf Zuruf geän­dert wer­den. Die For­de­rung nach sofor­ti­ger Aner­ken­nung der Anträ­ge kön­ne aus recht­li­chen Grün­den nicht erfüllt wer­den. Ein Ange­bot des Bun­des­amts für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge, die Asyl­an­trä­ge der Hun­ger­strei­ken­den bin­nen zwei Wochen zu prü­fen, lehn­te der Dele­gier­te der Flücht­lin­ge ab. Die Asyl­su­chen­den woll­ten ihren Pro­test fort­set­zen, bis die For­de­rung auf Aner­ken­nung ihrer Asyl­an­trä­ge erfüllt sei.

Nach Anga­ben der Flücht­lin­ge muss­ten seit Diens­tag bereits vier Per­so­nen ins Kran­ken­haus gebracht wer­den, eine Per­son befin­det sich wei­ter­hin auf der Inten­siv­sta­ti­on. Wäh­rend Hadert­hau­er ver­brei­te­te, am Hun­ger­streik neh­me auch eine schwan­ge­re Frau teil, der sie vor­warf, ihr unge­bo­re­nes Kind zu gefähr­den, tei­len die Flücht­lin­ge in ihrer Pres­se­mit­tei­lung mit, eine schwan­ge­re Frau und drei Kin­der sei­en vor Ort,  befän­den sich jedoch nicht im Hun­ger­streik.

PRO ASYL beob­ach­tet die Situa­ti­on auf dem Rin­der­markt mit gro­ßer Sor­ge um die Gesund­heit und das Leben der Hun­ger- und Durst­strei­ken­den. Die Bun­des­re­gie­rung und ins­be­son­de­re die baye­ri­sche Lan­des­re­gie­rung müs­sen die seit Mona­ten andau­ern­den und jetzt in Mün­chen eska­lie­ren­den Flücht­lings­pro­tes­te end­lich als das anse­hen, was sie sind: Als ein Signal abso­lu­ter Ver­zweif­lung ange­sichts der den Asyl­su­chen­den auf­ge­zwun­ge­nen Lebens­be­din­gun­gen. 

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