05.05.2015
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Matthias Weinzierl von "Bellevue di Monaco". Das Bündnis möchte in einem leerstehenden Gebäudekomplex in Münchens Innenstadt ein besonderes Flüchtlingsprojekt verwirklichen.

Im „Bellevue di Monaco“ in München sollen Flüchtlinge wohnen, Kulturräume und ein Infocafe entstehen sowie die Selbstorganisation unterstützt werden. Ein Gegenmodell zur Isolation und Bevormundung in Flüchtlingsheimen. Darüber sprachen wir mit Mitinitiator Matthias Weinzierl.

„Bel­le­vue di Mona­co“ – das klingt auf den ers­ten Blick nicht nach einem Pro­jekt für Flücht­lin­ge. Wie kamt ihr auf die­sen Namen und was ist die Idee dahin­ter?

„Bel­le­vue“ heißt „schö­ne Aus­sicht“. Unser Pro­jekt ist noch in der Start­pha­se, aber die Aus­sicht, es zu ver­wirk­lich, fin­den wir bereits schön. Aber natür­lich spie­len wir auch damit, dass Bel­le­vue nor­ma­ler­wei­se ein Name für teu­re Hotels ist. Wir wol­len selbst­ver­ständ­lich kein Luxus­ho­tel errich­ten, aber wir wol­len zei­gen, dass man mit Flücht­lin­gen anders umge­hen kann, dass sie auch ganz anders leben und woh­nen kön­nen als bis­lang.

Was genau wollt ihr mit dem Pro­jekt alles ver­wirk­li­chen?

Wir wol­len, dass im Zen­trum der Stadt Mün­chen ein Pro­jekt ent­steht, das Woh­nun­gen für Flücht­lin­ge und noch vie­les mehr bie­tet.
Die Häu­ser, um die es geht, sind nicht beson­ders groß, es gibt Wohn­raum für viel­leicht 30–40 Per­so­nen. Ange­sichts des all­ge­mei­nen Bedarfs ist das natür­lich in die­sem Punkt ein klit­ze­klei­nes Pro­jekt. Es ist schön, wenn wir eini­gen Men­schen ermög­li­chen, unter bes­se­ren Bedin­gun­gen zu woh­nen, das ist aber nur eine unse­rer drei Säu­len.

Wir möch­ten ein Info­ca­fé auf­bau­en, in dem Flücht­lin­ge Bera­tung fin­den, sich ver­net­zen kön­nen, Kon­tak­te knüp­fen. In Mün­chen gab es in der letz­ten Zeit gro­ße Flücht­lings­pro­tes­te. Auch die­sem Enga­ge­ment von Flücht­lin­gen möch­ten wir einen Raum bie­ten, damit der Pro­test nicht mehr unter pre­kä­ren Bedin­gun­gen und unter frei­em Him­mel statt­fin­den muss.

Gleich­zei­tig soll dort auch eine Platt­form für die Ver­knüp­fung von geflüch­te­ten Men­schen und der Mün­che­ner Stadt­be­völ­ke­rung ent­ste­hen. In den Häu­sern gibt es genü­gend Platz für Kul­tur­räu­me, da wol­len wir eini­ge Ver­an­stal­tun­gen rea­li­sie­ren und haben auch schon bei­spiels­wei­se die Mün­che­ner Kam­mer­spie­le als Part­ner.

Als drit­te Säu­le möch­ten wir mit unse­ren Kon­tak­ten zur Han­dels­kam­mer für Flücht­lin­ge und Stadt­ge­sell­schaft auch Arbeits­markt­pro­jek­te oder ähn­li­ches auf unse­rem Gelän­de orga­ni­sie­ren.

Für euer Pro­jekt habt ihr euch einen leer­ste­hen­den Gebäu­de­kom­plex in der Innen­stadt aus­ge­guckt?

Die Geschich­te ging ein biss­chen anders: In Mün­chen gibt es im Stadt­zen­trum drei Häu­ser, die ursprüng­lich abge­ris­sen wer­den soll­ten. Schon bevor es unser Pro­jekt gab, gab es dort eine Initia­ti­ve, die sich dafür stark gemacht hat, die Gebäu­de und den dazu­ge­hö­ri­gen Bolz­platz zu erhal­ten.

Die Stadt hat dann, salopp gesagt, damit gedroht, dass in die Häu­ser Flücht­lin­ge gesteckt wer­den, wenn die Pro­tes­te gegen den Abriss nicht auf­hö­ren. Das fan­den wir eine pri­ma Idee, dar­aus hat sich dann „Bel­le­vue di Mona­co“, ein Bünd­nis aus ver­schie­de­nen Grup­pen und Initia­ti­ven gegrün­det.

Wie ist die Unter­kunfts­si­tua­ti­on von Flücht­lin­gen in Mün­chen bis­her?

Im letz­ten Som­mer hat­ten wir kata­stro­pha­le Zustän­de in der Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung in Mün­chen. Leu­te, die hier frisch ange­kom­men sind, muss­ten teil­wei­se in Maschi­nen­hal­len, in Zel­ten oder sogar unter frei­em Him­mel näch­ti­gen. Das war ein ziem­li­ches Cha­os. Ansons­ten ist es in Mün­chen wie im Rest von Bay­ern: Die meis­ten Flücht­lin­ge sind genö­tigt, in Flücht­lings­la­gern zu woh­nen. Die Lager lie­gen meis­tens nicht im Stadt­zen­trum, son­dern am Rand von Gewer­be­ge­bie­ten. Die Leu­te leben dort abseits von der Bevöl­ke­rung in einer gewis­sen Unfrei­heit. Gleich­zei­tig fehlt es an Pri­vat­sphä­re, die Zustän­de sind da in Mün­chen nicht anders als im Rest von Deutsch­land.

Wie weit seid ihr auf eurem Weg zur Rea­li­sie­rung? Vor wel­chen Hür­den steht ihr noch?

Die ers­ten Erfol­ge haben wir schon erreicht. Die Stadt hat im Janu­ar ihren Abriss­be­schluss zurück­ge­nom­men. Das pas­siert wirk­lich nicht oft, nor­ma­ler­wei­se wer­den sol­che Beschlüs­se durch­ge­zo­gen. Die­se Häu­ser blei­ben nun aber und der Stadt­rat hat auch beschlos­sen, dass er dort ein Flücht­lings­pro­jekt rea­li­siert sehen möch­te.

Jetzt ist unser Pro­blem, dass es dafür eine Aus­schrei­bung geben wird. Um dabei eine Chan­ce zu haben, haben wir eine Sozi­al­ge­nos­sen­schaft gegrün­det. Jeder kann dort mit der Zah­lung einer Ein­la­ge ein­stei­gen. Aktu­ell haben wir schon rund 100 Genos­sin­nen und Genos­sen. Damit wird gewähr­leis­tet, dass das Pro­jekt nicht von einem ein­zel­nen Ver­ein oder einer Grup­pie­rung betrie­ben wird, son­dern es ein bun­tes, bür­ger­schaft­li­ches Pro­jekt bleibt. Dafür gibt es in Mün­chen eine brei­te Basis. Als bei­spiels­wei­se im Herbst letz­ten Jah­res die Pegi­da-Demons­tra­tio­nen begon­nen haben, woll­ten wir mit unse­rem Bünd­nis „Bel­le­vue di Mona­co“ ein Zei­chen set­zen, schon bevor die Bewe­gung nach Mün­chen kam. Die ers­te Kund­ge­bung war für 300 Leu­te ange­mel­det, schließ­lich kamen 20.000 Men­schen. Nach den Kata­stro­phen der letz­ten Wochen im Mit­tel­meer haben wir auch gese­hen, dass die Leu­te bereit sind, sich mit dem The­ma wei­ter­ge­hen­der und tie­fer befas­sen. Dar­auf wol­len wir auf­bau­en.

Als letz­te Hür­de bleibt jetzt die Aus­schrei­bung für das Pro­jekt durch die Stadt, auf die wir uns aktu­ell vor­be­rei­ten.

Wisst ihr schon, wann die Aus­schrei­bung star­tet?

Im Juni die­ses Jah­res. Nach­dem das Pro­jekt aus­ge­schrie­ben ist, blei­ben 43 Tage für die Bewer­bung. Anschlie­ßend ent­schei­det der Stadt­rat.

Gibt es ver­gleich­ba­re Pro­jek­te in ande­ren Städ­ten?

Unser gro­ßes Vor­bild ist das Grand Hotel Cos­mo­po­lis in Augs­burg. Dort gibt es zusätz­lich noch einen Hotel­be­trieb, es ist also qua­si Flücht­lings­un­ter­kunft und Hotel in einem Gebäu­de. Das bie­tet natür­lich ganz ande­re Mög­lich­kei­ten, dazu ist unser Objekt lei­der zu klein.

Wie kann man euch bei eurem Vor­ha­ben unter­stüt­zen?

Es ist natür­lich jeder ein­ge­la­den, in die Sozi­al­ge­nos­sen­schaft ein­zu­tre­ten. Das ist mit einer finan­zi­el­len Ein­la­ge ver­bun­den, wei­te­re Infos dazu gibt es auf unse­rem Inter­net­auf­tritt.

Ansons­ten freu­en wir uns über Spen­den. Wer in Mün­chen ist, kann auch sehr ger­ne aktiv bei uns mit­hel­fen. Solan­ge es unser Pro­jekt noch nicht wirk­lich gibt, ver­su­chen wir Leu­te, die sich ein­brin­gen möch­ten, in bereits bestehen­de Struk­tu­ren zu ver­mit­teln.

Mehr Infor­ma­tio­nen zu „Bel­le­vue di Mona­co“ gibt es auf der Web­sei­te des Pro­jekts.

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