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Aus Verzweiflung über das Fehlen von legalen und sicheren Fluchtwegen kommen immer mehr Frauen und Kinder über den Seeweg nach Europa - ein lebensgefährliches Unterfangen. Foto: © UNHCR/Achilleas Zavallis

Weil legale und sichere Fluchtwege fehlen, treten nun auch immer mehr Frauen und Kinder die gefährliche Flucht über das Meer nach Griechenland an. Während die Todeszahlen steigen, baut die Politik unbeirrt weiter an der Festung Europa.

Viele Kleinkinder sind auf den Booten, die fast täglich untergehen

Laut dem UNHCR sind unter den Flüchtlingen, die in Griechenland ankommen, immer mehr Frauen und Kinder. Eine Statistik zeigt, dass der Anteil erwachsener Frauen, die in Griechenland ankommen, von 11 Prozent (Juni 2015) auf 17 Prozent (November 2015) gestiegen ist, die Quote der Minderjährigen hat sich sogar von 16 Prozent auf mittlerweile 28 Prozent erhöht. Darunter sind auch viele Kleinkinder: Auf der Insel Chios waren beispielsweise im November bereits 11 Prozent der ankommenden Flüchtlinge Kleinkinder bis 4 Jahre, im Juni waren es noch 4 Prozent.

Wie gefährlich diese Flucht ist, zeigen die anhaltend hohen Todeszahlen: Allein in den letzten drei Monaten sind in der Ägäis mehrere Hundert Menschen durch Ertrinken oder Unterkühlung gestorben. Fast täglich kommen Meldungen über neue Bootsunglücke mit vielen Toten – darunter viele Kinder und Kleinkinder, die bei der Flucht mit den oft seeuntauglichen Booten einem erhöhten Todesrisiko ausgesetzt sind.

Steigende Zahlen sind Reaktion auf Ausbau der „Festung Europa“

Der drastische Anstieg der flüchtenden Frauen und Kinder ist auch eine Panikreaktion auf die Abschottungssignale aus Deutschland und Europa. Das Vorhaben von CDU und CSU, den legalen Familiennachzug nach Deutschland zu verhindern kommt auch bei den Flüchtlingen an, die ersten Folgen der verstärkten europäisch-türkischen Zusammenarbeit zur Grenzsicherung sind bereits spürbar.

Deutschland will Möglichkeiten für den Familiennachzug massiv einschränken

Innerhalb Deutschlands zielten die politischen Bemühungen der letzten Wochen darauf ab, syrischen Flüchtlingen den Flüchtlingsstatus zu verweigern, ihnen lediglich subsidiären Schutz zuzugestehen und damit ihr Recht auf Familiennachzug zu beschränken. Die Bundesregierung will den Familiennachzug für subsidiär geschützte Menschen zwei Jahre lang ganz aussetzen und auch danach restriktiv handhaben. Zudem sind viele der 2013 von Bund & Ländern gestarteten Aufnahmeprogramme für syrische Flüchtlinge mittlerweile beendet. Es droht, dass damit auch die letzten Möglichkeiten, auf sicherem und legalem Weg aus dem Krisengebiet zu fliehen, wegfallen.

Welch dramatische Folgen diese Politik hat, zeigt unmittelbar der traurige Fall der Familie Ghnema – hätte der bayerische Innenminister Herrmann gehandelt, hätte die im 5. Monat schwangere Frau von Adnan Ghnema nicht sterben müssen.

Die europäische Abschottungsgemeinschaft treibt Flüchtlinge auf gefährlichere Wege

Die Europäische Union versucht derweil, die Türkei mit allen Mitteln dazu zu bringen, Flüchtlinge von Europa fernzuhalten. Der vor wenigen Wochen abgeschlossene EU-Türkei-Deal hat bereits erste fatale Folgen: Masseninhaftierungen, Abschiebungen nach Syrien, Ausweichen auf immer gefährlichere Fluchtrouten. Die neuesten Zahlen zeigen jedoch: Die verzweifelten Menschen gehen jedes Risiko ein, das Resultat sind immer mehr Tote im Mittelmeer.

Recht auf Familiennachzug nicht antasten, aktiv werden gegen Sterben auf dem Meer

PRO ASYL fordert daher, alles zu tun, um das Sterben zu beenden. Statt die wenigen legalen und sicheren Wege noch weiter zu beschränken, müssen diese in Deutschland und Europa massiv ausgebaut werden: Das Bundesprogramm zur Aufnahme syrischer Flüchtlinge mit Angehörigen in Deutschland muss wieder aufgenommen, die Länderaufnahmeprogramme fortgeführt werden.

Angesichts der täglichen Tragödien darf die Bundesregierung das Recht auf den Familiennachzug für Flüchtlinge nicht antasten, um Frauen und Kindern eine Flucht aus dem Kriegsgebiet zu ermöglichen, ohne dass sie ihr Leben auch noch auf dem Mittelmeer riskieren müssen.

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