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Ein Überlebender auf Lesbos blickt auf die Ägäis, in der allein im Januar 2016 über 200 Flüchtlinge auf der Flucht nach Europa starben. Foto: Bartek Langer

Rund 300 Menschen haben im Januar an den europäischen Außengrenzen ihr Leben verloren – die meisten bei Bootskatastrophen in der Ägäis. Der Zynismus ist kaum zu übertreffen: Während die Todeszahlen täglich steigen, drängen die europäischen Staats- und Regierungschefs Griechenland und die Türkei zu verstärkter Abwehr.

Rund 58.600 Schutz­su­chen­de erreich­ten UNHCR zufol­ge im Janu­ar die grie­chi­schen Küs­ten. Mehr als die Hälf­te von ihnen sind mitt­ler­wei­le Frau­en und Kin­der – PRO ASYL hat­te bereits im Dezem­ber davor gewarnt, dass dies eine Fol­ge der Ein­schrän­kung des Fami­li­en­nach­zugs sein wird. Unver­min­dert kommt es bei der gefähr­li­chen Flucht über das Mit­tel­meer zu Todes­fäl­len:

Chro­nik des Todes: Boots­un­glü­cke im Janu­ar

2. Janu­ar 2016: Ein Flücht­lings­boot rammt kurz vor der grie­chi­schen Insel Aga­tho­ni­si einen Fel­sen und ken­tert. 39 Schutz­su­chen­de wer­den von der grie­chi­schen Küs­ten­wa­che geret­tet, ein zwei Jah­re alter Jun­ge aus Syri­en ertrinkt.

5. Janu­ar 2016: Zwei Schlauch­boo­te ken­tern bei der Über­fahrt auf die Insel Les­vos. Medi­en­be­rich­ten zufol­ge ster­ben min­des­tens 31 Men­schen – die Lei­chen wer­den an die tür­ki­sche Küs­te ange­schwemmt.

22. Janu­ar 2016: 45 Flücht­lin­ge ster­ben kurz vor der Insel Kalim­nos – dar­un­ter min­des­tens 17 Kin­der.

27. Janu­ar 2016: Min­des­tens 25 Men­schen ster­ben bei einer Boots­ka­ta­stro­phe, die sich kurz vor der Insel Samos ereig­net. Unter den Toten sind zehn Kin­der. Zehn Schutz­su­chen­de wer­den geret­tet.

30. Janu­ar 2016: Bei dem Ver­such, die grie­chi­sche Insel Les­bos von der tür­ki­schen Pro­vinz Çan­ak­ka­le aus zu errei­chen, ken­tert ein Boot. Min­des­tens 39 Men­schen kom­men ums Leben, dar­un­ter fünf Kin­der. Die Flücht­lin­ge stam­men unter ande­rem aus Syri­en, Afgha­ni­stan und Myan­mar.

Die­se und wei­te­re dra­ma­ti­sche Kata­stro­phen ereig­ne­ten sich zu Beginn des Jah­res. Noch nie gab es im Janu­ar so vie­le Todes­fäl­le wie in die­sem Jahr. Min­des­tens 244 Men­schen ver­lo­ren IOM zufol­ge allein vom 1. bis zum 28. Janu­ar 2016 ihr Leben bei dem Ver­such, Euro­pa zu errei­chen – 218 von ihnen in der Ägä­is. Im Klar­text heißt das: Jeden Tag ster­ben durch­schnitt­lich acht Men­schen, die auf der Suche nach Schutz in Euro­pa sind, auf der gefähr­li­chen Über­fahrt.

Reak­ti­on Euro­pas: Grenz­ab­schot­tung statt See­not­ret­tung

Die Todes­zah­len blei­ben in den Äuße­run­gen der poli­ti­schen Ver­ant­wort­li­chen in Euro­pa uner­wähnt. Hier inter­es­siert vor allem eins: Wie kann durch effek­ti­ve­re Abwehr die Ankunft von wei­te­ren Schutz­su­chen­den auf den grie­chi­schen Inseln ver­hin­dert wer­den? Nach wie vor lan­den täg­lich rund 2.000 Flücht­lin­ge an. Dabei ste­hen sowohl Grie­chen­land, als auch die Tür­kei in der Kri­tik.

Wäh­rend der grie­chi­schen Regie­rung in einem Bericht mas­si­ve Män­gel bei der Grenz­si­che­rung attes­tiert wer­den, erzie­le auch die Tür­kei bei der Bekämp­fung der Schleu­ser­kri­mi­na­li­tät und des Grenz­schut­zes »nur begrenz­te Fort­schrit­te«, heißt es in einem EU-Bericht für den Bun­des­tag über die bis­he­ri­ge Umset­zung des im Novem­ber beschlos­se­nen EU-Tür­kei-Abkom­mens.

Das »Ver­sa­gen« der grie­chi­schen und tür­ki­schen Grenz­be­am­ten wird in Brüs­sel als Skan­dal gese­hen – nicht jedoch die täg­li­chen Todes­mel­dun­gen ertrun­ke­ner Flücht­lin­ge in der Ägä­is.

Schi­ka­ne gegen pri­va­te Lebens­ret­ter

Doch damit nicht genug. Auch den nicht-staat­li­chen Ret­tungs­or­ga­ni­sa­tio­nen, die in der Ägä­is im Ein­satz sind, wird die Arbeit immer wei­ter erschwert: Künf­tig dürf­ten zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen nicht mehr in den Gewäs­sern vor den grie­chi­schen Küs­ten »patrouil­lie­ren«, heißt es in einer schrift­li­chen Anwei­sung der grie­chi­schen Küs­ten­wa­che vom Janu­ar. Die Begrün­dung: Der Ein­satz der Hel­fe­rIn­nen kön­ne Schutz­su­chen­de ermu­ti­gen, die Über­fahrt zu wagen – alt­be­kann­te Abwehr­ar­gu­men­te auf Kos­ten von Men­schen­le­ben.

Die See­not­ret­tungs­or­ga­ni­sa­tio­nen dür­fen künf­tig nur dann noch Ret­tungs­ein­sät­ze vor­neh­men, wenn sie von den Behör­den ange­fragt wer­den. Dies betrifft auch die Orga­ni­sa­ti­on Sea-Watch, die seit Novem­ber nahe der Insel Les­bos im Ein­satz ist. Am 13. Janu­ar wur­de zudem eine Funk­sta­ti­on, die an der nörd­li­chen Küs­te der Insel Les­bos von den Orga­ni­sa­tio­nen Ärz­te ohne Gren­zen und Green­peace unter­hal­ten wur­de, von der Poli­zei geschlos­sen. Funk­sta­tio­nen sind für die Ret­tungs­ein­sät­ze von gro­ßer Bedeu­tung. Hier wer­den Flücht­lings­boo­te so früh wie mög­lich geor­tet, der Hand­lungs­be­darf ein­ge­schätzt und die Ein­sät­ze der Ret­tungs­teams koor­di­niert.

In zwei Fäl­len wur­de gar wegen »Schlep­pe­rei« straf­recht­lich gegen Ret­tungs­schwim­mer vor­ge­gan­gen. Die Kri­mi­na­li­sie­rungs­ver­su­che rich­te­ten sich unter ande­rem gegen Salam Alde­en, einen wei­te­ren Kol­le­gen aus dem däni­schen »Team Huma­ni­ty« und drei spa­ni­sche Ret­tungs­schwim­mer. Sie wur­den 48 Stun­den in Gewahr­sam genom­men, ihr Boot wur­de beschlag­nahmt. Auf Kau­ti­on wur­de Salam Alde­en frei­ge­las­sen, nun soll er wegen Schlep­pe­rei ange­klagt wer­den.

Neue Dimen­si­on der mensch­li­chen Tra­gö­die

Was sich zu Beginn des Jah­res 2016 in der Ägä­is abspielt, ist eine neue Dimen­si­on des mensch­li­chen Dra­mas an Euro­pas Gren­zen. Unter dem euro­päi­schen Druck auf die Behör­den in Grie­chen­land und der Tür­kei, die Grenz­ab­schot­tung zu ver­stär­ken, wird die Todes­ra­te wei­ter stei­gen.

Die Bericht­erstat­tung hat das Aus­maß des Ster­bens an Euro­pas Gren­zen sel­ten so deut­lich gemacht. Euro­pa muss sich sei­ner Ver­ant­wor­tung bewusst wer­den und end­lich gemäß sei­ner huma­ni­tä­ren Wer­te han­deln: Stoppt das Ster­ben – öff­net gefah­ren­freie Wege!

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