12.06.2013

Heu­te ver­ab­schie­det das Euro­pa­par­la­ment ein so genann­tes Asyl­pa­ket, wel­ches für hun­dert­tau­sen­de Asyl­su­chen­de  in der EU von exis­ten­zi­el­ler Bedeu­tung sein wird. Nach­dem am 7. Juni 2013 bereits die EU-Innen­mi­nis­ter for­mell zuge­stimmt hat­ten, wer­den die Bau­ar­bei­ten am gemein­sa­men euro­päi­schen Asyl­sys­tem nun bis auf Wei­te­res ein­ge­stellt.

Die bit­te­re Bilanz von PRO ASYL: Die heu­te ange­nom­me­nen Richt­li­ni­en zur sozia­len Auf­nah­me, zu Asyl­ver­fah­ren und die Ver­ord­nun­gen zur Asyl­zu­stän­dig­keit (Dub­lin III) und dem euro­pa­wei­ten Fin­ger­ab­druck­ab­gleich (Euro­dac) wer­den die „euro­päi­sche Schutz­lot­te­rie“ nicht been­den. Der Fli­cken­tep­pich im Asyl­recht wird fort­be­stehen. Das inhu­ma­ne und unso­li­da­ri­sche Asyl­zu­stän­dig­keits­sys­tem Dub­lin bleibt in sei­nen Grund­struk­tu­ren erhal­ten und wird die flücht­lings­po­li­ti­sche Sys­tem­kri­se in Euro­pa wei­ter ver­schär­fen. Die Inhaf­tie­rung von Asyl­su­chen­den droht zur Regel in der EU zu wer­den. Knapp vier­zehn Jah­re nach dem Start­schuss zu einem gemein­sa­men euro­päi­schen Asyl­recht ist auch nach der zwei­ten Etap­pe kein „Euro­pa des Asyls“ (so der Anspruch im so genann­ten Stock­hol­mer Pro­gramm der EU von 2009) oder gar ein „gemein­sa­mer Schutz­raum für Flücht­lin­ge“ (eben­da) geschaf­fen wor­den. 

Dem Paket, das fälsch­li­cher­wei­se das Label „Asyl“ trägt, hat das Par­la­ment nach quä­lend lan­gen Ver­hand­lun­gen, man­nig­fal­ti­gen Ver­wäs­se­run­gen und Ver­schär­fun­gen durch die EU-Mit­glied­staa­ten zuge­stimmt – nach dem Mot­to „Augen zu und durch “, Eini­gung um jeden men­schen­recht­li­chen Preis.

Aus einer Auf­nah­me- wur­de eine Inhaf­tie­rungs­richt­li­nie

Die so genann­te Auf­nah­me­richt­li­nie soll­te eigent­lich die sozia­len Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Asyl­su­chen­de regeln. Im Zuge der Ver­hand­lun­gen wur­de dar­aus eine Inhaf­tie­rungs­richt­li­nie für Schutz­su­chen­de. Bei den Ver­hand­lun­gen woll­te kein Staat auf sei­ne Haft­grün­de ver­zich­ten. So kam es dazu, dass die Richt­li­nie nun sechs Haft­grün­de ent­hält, die es erlau­ben, Asyl­su­chen­de zu inhaf­tie­ren. Bis jetzt hat kein EU-Mit­glied­staat alle sechs in der Auf­nah­me­richt­li­nie vor­ge­se­he­nen Haft­grün­de (unge­klär­te Iden­ti­tät, Beweis­si­che­rung im Asyl­ver­fah­ren, Prü­fung des Ein­rei­se­rech­tes, ver­spä­te­te Asyl­an­trags­stel­lung, aus Grün­den der öffent­li­chen Sicher­heit und Ord­nung, Dub­lin­ver­fah­ren) im natio­nal­staat­li­chen Recht ver­an­kert. Selbst die alte Posi­ti­on des Euro­pa­par­la­ments, zumin­dest die Inhaf­tie­rung von unbe­glei­te­ten Flücht­lings­kin­dern zu ver­bie­ten, wur­de im Zuge der Ver­hand­lun­gen auf­ge­ge­ben.

Die Zustim­mung des Euro­pa­par­la­ments zu die­sem euro­päi­schen Inhaf­tie­rungs­pro­gramm stellt aus Sicht von PRO ASYL ein men­schen­recht­li­ches Armuts­zeug­nis dar. Die höhe­ren Ver­fah­rens­ga­ran­ti­en, die das Euro­pa­par­la­ment für inhaf­tier­te Asyl­su­chen­de erstrit­ten hat, ver­schie­ben die Aus­ein­an­der­set­zung auf die Gerichts­ebe­ne. Gemein­sam mit den Betrof­fe­nen muss nun in einer lan­gen gericht­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung die­ses exzes­si­ve euro­päi­sche Inhaf­tie­rungs­pro­gramm  bekämpft wer­den.

Deutsch­land hat sich für zwei die­ser Inhaf­tie­rungs­grün­de vehe­ment ein­ge­setzt: bei Ver­fah­ren der Asyl­zu­stän­dig­keit (Dub­lin-II-Ver­ord­nung) und bei ver­spä­te­ter Asyl­an­trags­stel­lung. Dreist behaup­tet das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um in einer Pres­se­mit­tei­lung vom 7. Juni 2013: „In Deutsch­land wer­den Asyl­be­wer­ber grund­sätz­lich nicht in Haft genom­men.“ Fakt ist, dass bun­des­weit über 50 Pro­zent aller Abschie­bungs­haft­fäl­le Asyl­su­chen­de – Dub­lin­fäl­le – sind.

Zen­tra­le Ver­bes­se­run­gen durch euro­päi­sche Gerich­te erzwun­gen

Zen­tra­le Ver­bes­se­run­gen in der so genann­ten Dub­lin-III-Ver­ord­nung sind vor allem Grund­satz­ur­tei­len des Euro­päi­schen Gerichts­ho­fes für Men­schen­rech­te in Straß­burg und des Euro­päi­schen Gerichts­hofs in Luxem­burg zu ver­dan­ken: In Zukunft wird es eine Form des Rechts­schut­zes mit auf­schie­ben­der Wir­kung bei dro­hen­den Über­stel­lun­gen auf Grund­la­ge der euro­päi­schen Asyl­zu­stän­dig­keits­re­ge­lung geben. Der jah­re­lan­gen deut­schen Pra­xis, Asyl­su­chen­de im Mor­gen­grau­en abzu­ho­len und auf dem Weg zum Flug­ha­fen die jewei­li­gen Über­stel­lungs­be­schei­de in ein ande­res euro­päi­sches Land aus­zu­hän­di­gen, wird damit ein Ende gesetzt. Allein flie­hen­de Kin­der und Jugend­li­che dür­fen nicht mehr wie Stück­gut in das Land der Ein­rei­se zurück­ge­schickt wer­den. Die­se Errun­gen­schaf­ten, bes­ser: Repa­ra­tur­maß­nah­men am löch­ri­gen Flücht­lings­schutz, wur­den in jah­re­lan­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen vor Gericht erkämpft. 

Ers­te Ein­schät­zun­gen von PRO ASYL zu dem EU-Asyl­pa­ket

Zur Kam­pa­gnen­sei­te „Flucht ist kein Ver­bre­chen“ gegen die euro­pa­wei­te Inhaf­tie­rung von Schutz­su­chen­den

 Richt­li­nie ver­eint Inhaf­tie­rungs­grün­de der EU-Staa­ten (16.01.13)

 Abstim­mung über Auf­nah­me­richt­li­nie im Euro­pa­par­la­ment ver­scho­ben (11.01.13)

 Euro­päi­sche Poli­zei­be­hör­den sichern sich Zugriff auf Euro­dac-Daten (18.12.12)

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