08.01.2016
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Afghanistan kommt nicht zur Ruhe - im Gegenteil: Auch im neuen Jahr gehen Angriffe und Anschläge der Taliban unvermindert weiter. Foto: flickr / Defence Images / CC BY-SA 2.0

Deutschland plant, in Zukunft verstärkt nach Afghanistan abzuschieben. Die angespannte Sicherheitslage im Land wird dabei ignoriert. Zu Jahresbeginn kommt es gleich zu mehreren Taliban-Angriffen und Attacken.

Unge­ach­tet der Tat­sa­che, dass die Bun­des­wehr-Mis­si­on in Afgha­ni­stan kürz­lich ver­län­gert und per­so­nell auf­ge­stockt wur­de, will die Gro­ße Koali­ti­on die hohe Aner­ken­nungs­quo­te von Asyl­be­wer­bern aus Afgha­ni­stan (77% berei­nig­te Schutz­quo­te, Jan. – Nov. 2015 [1]) sen­ken und Afgha­nen ver­mehrt in ihr Hei­mat­land abschie­ben. Das bekräf­tig­te Innen­mi­nis­ter de Mai­ziè­re bei einer Pres­se­kon­fe­renz am 06.01. und auch in den Beschlüs­sen der Innen­mi­nis­ter­kon­fe­renz heißt es, dass „die Sicher­heits­la­ge in Afgha­ni­stan in eini­gen Regio­nen eine Rück­kehr aus­rei­se­pflich­ti­ger afgha­ni­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger“ grund­sätz­lich erlau­be und Abschie­bun­gen in die­se „siche­ren Regio­nen“ mög­lich sei­en.

Aber ist Afgha­ni­stan tat­säch­lich sicher, kann man Men­schen beden­ken­los dort­hin abschie­ben? Mel­dun­gen aus dem Land zeich­nen ein ande­res Bild:

Tali­ban und „Isla­mi­scher Staat“ sind auf dem Vor­marsch

Anders als in den ver­gan­ge­nen Jah­ren führt auch der har­te Win­ter in Afgha­ni­stan nicht zu einer Pau­se der Kampf­hand­lun­gen. Ob in der Haupt­stadt Kabul, im Süden oder im Nor­den des Lan­des: Über­all kommt es zu Anschlä­gen und Angrif­fen durch die Tali­ban. Wie vie­le Lan­des­tei­le umkämpft oder gar bereits voll­stän­dig unter der Kon­trol­le der Tali­ban sind, zeigt auch die­se Kar­te – auf der aller­dings Gebie­te in denen es „nur“ zu Anschlä­gen, nicht aber zu offe­nen Kampf­hand­lun­gen kommt, sogar noch feh­len.

Und auch der soge­nann­te „Isla­mi­sche Staat“ gewinnt immer mehr an Ein­fluss in Afgha­ni­stan: Im Osten des Lan­des hat die Ter­ror­mi­liz die Kon­trol­le über Tei­le der Pro­vinz Nangar­har erlangt – tau­sen­de Men­schen flie­hen von dort.

Kabul, Mazar-i-Sharif, Hel­mand: Es brennt über­all im Land

In Kabul kam es vor weni­gen Tagen zu gleich zwei Anschlä­gen mit min­des­tens 30 Ver­letz­ten, einer davon galt offen­bar einem Bun­des­wehr-Kon­voi. Nicht die ein­zi­gen Atta­cken: Ende 2015 gab es bereits Angrif­fe auf ein Restau­rant und die spa­ni­sche Bot­schaft, dabei wur­den meh­re­re Men­schen getö­tet. In Mazar-i-Sharif, ehe­ma­li­ger Stand­ort der Bun­des­wehr, viert­größ­te Stadt des Lan­des, wur­de wäh­rend­des­sen am 03.01. das indi­sche Kon­su­lat ange­grif­fen, es dau­er­te 27 Stun­den bis die Kämp­fe been­det wer­den konn­ten.

Noch schlim­mer ist die Situa­ti­on in der süd­af­gha­ni­schen Pro­vinz Hel­mand. Dort bat der stell­ver­tre­ten­de Gou­ver­neur den Prä­si­den­ten des Lan­des gar per Face­book um mili­tä­ri­sche Hil­fe, mitt­ler­wei­le sind nur noch drei der vier­zehn Distrik­te in der Pro­vinz unter Kon­trol­le der Regie­rung – im Rest herr­schen die Tali­ban. West­li­che Spe­zi­al­kräf­te sol­len die Gebie­te nun zurück­er­obern, aber auch sie haben Schwie­rig­kei­ten bei der Ope­ra­ti­on – ein US-Sol­dat wur­de die­se Woche getö­tet.

Bun­des­wehr: Sicher­heits­la­ge hat sich wei­ter ver­schlech­tert

Auch die Bun­des­wehr muss auf­grund der aktu­el­len Ereig­nis­se fest­stel­len: „Die Sicher­heits­la­ge in Kabul und in wei­ten Tei­len Afgha­ni­stans hat sich in den ver­gan­ge­nen Tagen und Wochen wei­ter ver­schlech­tert. In der Haupt­stadt gab es allei­ne seit dem 28. Dezem­ber vier Anschlä­ge.“

Der gefähr­li­che Trend des Jah­res 2015 scheint sich also unge­hin­dert fort­zu­set­zen. Bereits im ver­gan­ge­nen Jahr war eine dras­ti­sche Ver­schlech­te­rung der Sicher­heits­la­ge im Ver­gleich zu den Vor­jah­ren zu ver­zeich­nen, bei­spiels­wei­se wur­den 16.000 afgha­ni­sche Sol­da­ten und Poli­zis­ten getö­tet oder ver­wun­det – ein Anstieg von 28% gegen­über 2014.

PRO ASYL: Kei­ne Abschie­bun­gen nach Afgha­ni­stan!

PRO ASYL for­dert die Bun­des­re­gie­rung ange­sichts sol­cher Mel­dun­gen auf, von der Idee ver­stärk­ter Abschie­bun­gen nach Afgha­ni­stan sofort Abstand zu neh­men. Die der­zei­ti­ge Sicher­heits­la­ge ist höchst pro­ble­ma­tisch und kann sich jeder­zeit noch wei­ter ver­schlech­tern – auch in ver­meint­lich „siche­ren Regio­nen“ kann es zu Kampf­hand­lun­gen kom­men. Abschie­bun­gen nach Afgha­ni­stan wür­den für die Betrof­fe­nen Abschie­bun­gen in lebens­ge­fähr­li­che Zustän­de bedeu­ten.


[1] Die Schutz­quo­te umfasst den Schutz nach Art. 16a GG, den Flücht­lings­schutz, sub­si­diä­ren Schutz und natio­na­len Abschie­bungs­schutz. Die berei­nig­te Gesamt­schutz­quo­te errech­net sich, indem aus der Gesamt­zahl der Ent­schei­dun­gen des BAMF alle „for­mel­len Ent­schei­dun­gen“ her­aus­ge­rech­net wer­den. Die „for­mel­len Ent­schei­dun­gen“ sind jene, in denen das BAMF kei­ne inhalt­li­che Aus­sa­ge zum Antrag trifft, son­dern die Fäl­le sich bereits vor der behörd­li­chen Ent­schei­dung ander­wei­tig erle­di­gen.

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