02.02.2016
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Thomas de Maizière, damals noch Verteidigungsminister, auf Truppenbesuch in Afghanistan. Während er nun vor Ort über die Abschiebemöglichkeiten für afghanische Flüchtlinge verhandelte, kam es zu einem blutigen Anschlag. Foto: Wikimedia / Bundeswehr / CC BY 2.0

Deutschland plant, in Zukunft verstärkt nach Afghanistan abzuschieben – obwohl sich die Situation im Land immer weiter verschlechtert. Nun wurde der deutsche Innenminister bei seinem Besuch in Kabul selbst Zeuge der verschärften Sicherheitslage.

Unge­ach­tet der Tat­sa­che, dass die Bun­des­wehr-Mis­si­on in Afgha­ni­stan kürz­lich ver­län­gert und per­so­nell auf­ge­stockt wur­de, will die Gro­ße Koali­ti­on Afgha­nen ver­mehrt in ihr Hei­mat­land abschie­ben. Das bekräf­tig­te Innen­mi­nis­ter de Mai­ziè­re bei einer Pres­se­kon­fe­renz am 06.01. und auch in den Beschlüs­sen der Innen­mi­nis­ter­kon­fe­renz heißt es, dass „die Sicher­heits­la­ge in Afgha­ni­stan in eini­gen Regio­nen eine Rück­kehr aus­rei­se­pflich­ti­ger afgha­ni­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger“ grund­sätz­lich erlau­be und Abschie­bun­gen in die­se „siche­ren Regio­nen“ mög­lich seien.

Aber ist Afgha­ni­stan tat­säch­lich sicher, kann man Men­schen beden­ken­los dort­hin abschie­ben? Bei sei­nem Besuch in der „siche­ren Regi­on“ Kabul dürf­ten Tho­mas de Mai­ziè­re nun selbst Zwei­fel gekom­men sein.

Drin­nen tafelt de Mai­ziè­re, drau­ßen gibt es Tote

Min­des­tens 20 Tote, 29 Ver­letz­te – das ist die Bilanz eines wei­te­ren Anschlags in Kabul. Bei wei­tem nicht der ein­zi­ge in der letz­ten Zeit, ein Bericht vom 20.01. spricht sogar von bis dato sie­ben Tali­ban-Anschlä­gen allein in Kabul im Jahr 2016, auch die Bun­des­wehr war bereits davon betrof­fen.

Beson­ders inter­es­sant dabei: Von den 34 afgha­ni­schen Pro­vin­zen bezeich­net der afgha­ni­sche Flücht­lings­mi­nis­ter 31 als unsi­cher – eine der drei übrig­blei­ben­den Pro­vin­zen ist Kabul. Allein die­se Ein­schät­zung spricht Bän­de über die gene­rel­le Sicher­heits­la­ge im Land.

Ange­spann­te Sicher­heits­si­tua­ti­on wird heruntergespielt

Mit der Begrün­dung, Anschlä­ge gebe es auch „anders­wo auf der Welt“ und danach „dür­fe man die Poli­tik nicht aus­rich­ten“ ver­tei­digt de Mai­ziè­re auch nach dem jüngs­ten schreck­li­chen Ereig­nis sei­ne Afgha­ni­stan-Poli­tik. Anstatt zu akzep­tie­ren, dass die Men­schen berech­tig­te Grün­de haben, aus Afgha­ni­stan zu flie­hen, arbei­tet er wei­ter an der Dele­gi­ti­mie­rung afgha­ni­scher Flücht­lin­ge und beharrt dar­auf, Afgha­nen ver­stärkt in ihre Hei­mat abzu­schie­ben, da es dort genü­gend „inner­staat­li­che Flucht­al­ter­na­ti­ven“ gäbe. Dazu gehört für de Mai­ziè­re auch Kabul. Ange­sichts der ohne­hin schon schwie­ri­gen Situa­ti­on mit rund einer Mil­li­on Bin­nen­flücht­lin­gen wider­spre­chen ihm dabei auch afgha­ni­sche Politiker.

PRO ASYL: Kei­ne Abschie­bun­gen nach Afghanistan!

PRO ASYL for­dert die Bun­des­re­gie­rung auf, von der Idee ver­stärk­ter Abschie­bun­gen nach Afgha­ni­stan sofort Abstand zu neh­men. Die der­zei­ti­ge Sicher­heits­la­ge ist höchst pro­ble­ma­tisch und kann sich jeder­zeit noch wei­ter ver­schlech­tern – auch in ver­meint­lich „siche­ren Regio­nen“ kann es zu Kampf­hand­lun­gen und Anschlä­gen kom­men, wie Minis­ter de Mai­ziè­re nun haut­nah mit­er­le­ben konn­te. Abschie­bun­gen nach Afgha­ni­stan wür­den für die Betrof­fe­nen Abschie­bun­gen in lebens­ge­fähr­li­che Zustän­de bedeuten.

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