27.11.2013
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Die Ausgrenzung und Diskriminierung der Roma in den Balkanstaaten verschärft sich besonders im Winter zur Existenzbedrohung. Foto: flickr/Milos Milosevic

Schutzsuchenden Roma aus den Staaten des westlichen Balkans wird pauschal Asylmissbrauch unterstellt. Nun will die Koalition Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina auch noch als „sichere Herkunftsstaaten“ einstufen. Dabei ist kaum zu übersehen, dass Roma in diesen Staaten rassistischer Diskriminierung bis hin zur Existenzbedrohung ausgesetzt sind.

Der Koali­ti­ons­ver­trag von CDU/CSU und SPD sieht vor, dass Ser­bi­en, Maze­do­ni­en und Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na als siche­re Her­kunfts­staa­ten ein­ge­stuft wer­den. So sol­len die Betrof­fe­nen – haupt­säch­lich Ange­hö­ri­ge der Roma und ande­rer Min­der­hei­ten – in Schnell­ver­fah­ren abge­lehnt und bin­nen kur­zer Zeit abge­scho­ben wer­den kön­nen.

Schon seit Herbst letz­ten Jah­res wer­den Asyl­su­chen­de aus den Bal­kan-Staa­ten im Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge auf Anwei­sung des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums mit Vor­rang bear­bei­tet. Bereits jetzt erfolgt kei­ne ernst­zu­neh­men­de Prü­fung ihrer Flucht­grün­de. Die Ableh­nung scheint von vorn­her­ein fest­zu­ste­hen.

Dies, wie auch die geplan­te Ein­stu­fung der Her­kunfts­staa­ten als „sicher“, steht in ekla­tan­tem Wider­spruch zur Rea­li­tät: Die Dis­kri­mi­nie­rung der Roma und ande­rer Min­der­hei­ten ist etwa in Ser­bi­en so umfas­send, dass einem Groß­teil der Betrof­fe­nen der Zugang zu Arbeit, zu Bil­dung, zu medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung, zu regu­lä­ren Woh­nun­gen und oft gar zu sau­be­rem Trink­was­ser ver­wehrt bleibt.

Aus­blen­dung der Rea­li­tät

Obwohl es unstrit­tig ist, dass es ins­be­son­de­re die Ange­hö­ri­gen von Min­der­hei­ten sind, die in die­sen Staa­ten unter exis­ten­zi­el­ler Armut lei­den, wird die Ursa­che ihrer Armut – die umfas­sen­de ras­sis­ti­sche Aus­gren­zung – in der öffent­li­chen Dis­kus­si­on um die Roma-Flücht­lin­ge sys­te­ma­tisch aus­ge­blen­det.

Ein Papier des EASO (European Asyl­um Sup­port Office), das sich mit den Asyl­an­trä­gen aus den west­li­chen Bal­kan­staa­ten ersicht­lich mit dem Ziel beschäf­tigt, For­de­run­gen nach Schnell­ver­fah­ren und ver­min­der­ten Geld­leis­tun­gen für die betrof­fe­nen Asyl­su­chen­den zu unter­mau­ern, argu­men­tiert, die EU-Staa­ten wie auch die Her­kunfts­staa­ten sei­en sich einig, dass die Asyl­an­trä­ge der Roma öko­no­mi­sche Grün­de hät­ten, was ins­be­son­de­re in Ser­bi­en und Maze­do­ni­en ver­stärkt für die Min­der­hei­ten gel­te. War­um die Min­der­hei­ten ver­stärkt von Armut betrof­fen sind, das bleibt in der „Stu­die“ ziem­lich im Dun­keln.

Baga­tel­li­sie­rung statt ernst­haf­te Kri­tik

Inter­views mit den Betrof­fe­nen haben die Autoren aller­dings nicht geführt – dies lie­ge „außer­halb der zur Ver­fü­gung ste­hen­den Res­sour­cen“ der EASO, heißt es in dem Papier – lie­ber ver­lässt man sich auf die Anga­ben der Her­kunfts­staa­ten, die gern über die groß­zü­gi­ge Unter­stüt­zung berich­ten, die den betrof­fe­nen Min­der­hei­ten­an­ge­hö­ri­gen auf dem Bal­kan angeb­lich zuteil­wird. Die Staa­ten hät­ten schon viel unter­nom­men, um die Situa­ti­on der Betrof­fe­nen zu ver­bes­sern und die Flucht­ur­sa­chen zu besei­ti­gen, heißt es dem­nach im Bericht. Auch der skan­da­lö­se Ver­such ins­be­son­de­re Maze­do­ni­ens und Ser­bi­ens, Min­der­hei­ten­an­ge­hö­ri­gen gezielt das Recht auf Aus­rei­se z. B. durch Passent­zug zu ver­weh­ren, wird erwähnt, doch das, so der Bericht, sei schwie­rig und „recht­lich frag­wür­dig“. Als ernst­zu­neh­men­de Kri­tik an der völ­ker­rechts­wid­ri­gen Pra­xis der betrof­fe­nen Staa­ten, Min­der­hei­ten­an­ge­hö­rig durch ras­sis­ti­sche Kon­trol­len an der Aus­rei­se zu hin­dern, kann sol­che Baga­tel­li­sie­rung kaum gel­ten.

Dass die EU-Staa­ten die Ver­hin­de­rung der Aus­rei­se von Min­der­hei­ten­an­ge­hö­ri­gen nicht kri­ti­sie­ren, son­dern die­se durch Druck auf die Her­kunfts­staa­ten her­bei­füh­ren, ist ein Bei­spiel dafür, wie sich die ras­sis­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung der Betrof­fe­nen in der Asyl- und Migra­ti­ons­po­li­tik der EU fort­setzt. Vor­be­rei­tet und beglei­tet wird die „West­bal­kan­stra­te­gie“ von einem mehr oder min­der offen ras­sis­ti­schen Dis­kurs über die Roma, der den ohne­hin ver­brei­te­ten Anti­zi­ga­nis­mus in Deutsch­land wie in ande­ren EU-Staa­ten wei­ter bestärkt.

Indi­vi­du­el­le Prü­fung der Asyl­an­trä­ge ist not­wen­dig

Am Ende der Schluss­fol­ge­run­gen des EASO-Papiers heißt es schließ­lich in weni­gen Zei­len doch noch, dass in eini­gen Fäl­len kumu­la­ti­ve Dis­kri­mi­nie­rung sich zu ras­sis­ti­scher Ver­fol­gung sum­mie­ren könn­te und dar­um eine indi­vi­du­el­le Prü­fung der Asyl­an­trä­ge aus den genann­ten Staa­ten erfor­der­lich sei, denn die für das Asyl­ver­fah­ren maß­geb­li­che Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie sieht vor, dass bei jedem Ein­zel­fall zu prü­fen ist, ob sich ein­zel­ne Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen zu soge­nann­ter kumu­la­ti­ver Ver­fol­gung sum­mie­ren.

Wäh­rend dies in ande­ren Staa­ten offen­bar zumin­dest teil­wei­se Berück­sich­ti­gung fin­det, und sich etwa in Bel­gi­en oder der Schweiz im ers­ten Halb­jahr 2013 in Asyl­ver­fah­ren der Betrof­fe­nen Schutz­quo­ten von über zehn Pro­zent erga­ben, liegt die Schutz­quo­te für Schutz­su­chen­de aus die­sen Her­kunfts­staa­ten in Deutsch­land im sel­ben Zeit­raum nahe null. Der pau­scha­len Ableh­nungs­pra­xis sol­len nun durch die Ein­stu­fung von Ser­bi­en, Maze­do­ni­en und Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na als „siche­re Her­kunfts­län­der“ die höhe­ren Wei­hen ver­lie­hen wer­den. Die Null soll ste­hen – wie die Gro­ße Koali­ti­on gegen Roma.

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