23.02.2012

In einem weg­wei­sen­den Urteil hat der Men­schen­rechts­ge­richts­hof in Straß­burg soeben die ita­lie­ni­sche Zurück­wei­sungs­po­li­tik und damit die schä­bi­ge Koope­ra­ti­on der frü­he­ren Regie­rung Ber­lus­co­ni mit dem liby­schen Dik­ta­tor Gad­da­fi ver­ur­teilt.

Der Gerichts­hof stellt eine Ver­let­zung von Arti­kel 3 der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on fest: „Nie­mand darf der Fol­ter oder unmensch­li­cher oder ernied­ri­gen­der Behand­lung oder Stra­fe unter­wor­fen wer­den“. Zudem stellt er eine Ver­let­zung des Ver­bots der Kol­lek­tiv­aus­wei­sung fest und sieht das Recht auf einen wirk­sa­men Rechts­be­helf ver­letzt.

Das heu­ti­ge Urteil kommt für die zahl­rei­che Opfer der ita­lie­ni­schen Zurück­wei­sungs­po­li­tik zu spät. Sie waren Miss­hand­lung, ernied­ri­gen­der Behand­lung und Fol­ter in liby­schen Haft­la­gern aus­ge­setzt. Min­des­tens einer der kla­gen­den Flücht­lin­ge starb bei einem erneu­ten Ver­such nach Euro­pa zu gelan­gen. 

Die Ent­schei­dung hat nach Auf­fas­sung von PRO ASYL weit­rei­chen­de Kon­se­quen­zen für die euro­päi­sche Flücht­lings­po­li­tik: Staa­ten, ob sie unter der Ägi­de der euro­päi­schen Grenz­schutz­agen­tur FRONTEX han­deln oder nicht, wer­den ihre Grenz­kon­troll- und Zurück­wei­sungs­po­li­tik grund­le­gend über­prü­fen müs­sen, damit sie künf­tig die unein­ge­schränk­te Ach­tung des Grund­sat­zes der Nicht-Zurück­wei­sung gewähr­leis­ten.

Der Straß­bur­ger Gerichts­hof stellt klar: Das Mit­tel­meer ist kei­ne men­schen­rechts­freie Zone. Die Ver­pflich­tun­gen der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on machen nicht an den euro­päi­schen Gren­zen Halt – Staa­ten dür­fen sich ihrer men­schen­recht­li­chen Ver­pflich­tung auch außer­halb ihrer Ter­ri­to­ri­en nicht ent­zie­hen.

Die Gerichts­ent­schei­dung ist beschä­mend für die die EU- Kom­mis­si­on: Sie hat ange­sichts des ekla­tan­ten Völ­ker­rechts­bru­ches durch Ita­li­en kei­ne Sank­tio­nen gegen den Mit­glied­staat ein­ge­lei­tet. Die EU-Kom­mis­si­on und die Regie­run­gen in Ber­lin, Paris und Lon­don haben zu den schwe­ren Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen der Regie­rung Ber­lus­co­ni geschwie­gen.

Zum Hin­ter­grund: Im Mai 2009 wur­den über 200 eri­trei­sche und soma­li­sche Flücht­lin­ge auf dem Mit­tel­meer von der ita­lie­ni­schen Küs­ten­wa­che an Bord genom­men. Doch statt die Flücht­lin­ge ans ita­lie­ni­sche Ufer zu brin­gen, brach­te sie die Schutz­su­chen­den nach Liby­en und lie­fer­te sie dem Gad­da­fi-Regime aus. Dage­gen reich­ten eini­ge der Betrof­fe­nen Beschwer­de vor dem Euro­päi­scher Men­schen­rechts­ge­richts­hof in Straß­burg ein. Beschwer­de­füh­rer sind der Soma­li­er Sab­ir Jamaa Hirsi sowie zehn wei­te­re soma­li­sche und 13 eri­trei­sche Flücht­lin­ge. 

Pres­se­mit­tei­lung des EGMR zum Urteil im Fall Hirsi Jamaa and Others v. Ita­ly (PDF, engl.) 

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 Tri­po­lis, Lam­pe­du­sa, Ham­burg – kein Schutz, nir­gend­wo? (30.05.13)

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