20.10.2015
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In Elaionas kommen viele Flüchtlinge für einige Tage unter, bevor sie ihre Weiterreise fortsetzen. Vor allem alleinerziehende Mütter und Familien finden dort Schutz. Foto: Chrissi Wilkens

Unsere griechische Partnerorganisation, das Refugee Support Program Aegean (RSPA) berichtet über die Situation in der griechischen Hauptstadt. Täglich treffen dort mit den Fähren von den Ägäis-Inseln Tausende Flüchtlinge in Athen ein. Viele davon kaufen sich schon auf den Inseln Fahrkarten und steigen gleich im Hafen von Piräus in Busse, die sie direkt an die Grenze zu Mazedonien fahren. Von dort aus setzen sie schnellstmöglich ihre Reise Richtung Nordwesten fort. Manche bleiben jedoch länger in Athen - das Geld für die Weiterreise fehlt. Die staatlichen Strukturen sind mangelhaft, ohne ehrenamtliche Helfer wären viele Flüchtlinge hilflos.

„Wir müssen uns beeilen, bevor der Winter kommt“

Auf Lesbos erklärt uns eine junge syrische Mutter: „Wir haben schon Bustickets gekauft und fahren von Athen direkt weiter. Das Wetter wird von Tag zu Tag schlechter und wir haben Angst, dass die Situation an der Grenze sich verschlechtern könnte. Niemand weiß, wie lange die Grenze offen bleiben wird. Wir haben drei kleine Kinder dabei. Wir müssen uns beeilen bevor der Winter kommt.“ Die Familie besteigt wenige Minuten später die Fähre. Für die schwierigen Wetterbedingungen sind sie nicht ausgerüstet, aber sie hoffen auf Unterstützung von Solidaritätsgruppen unterwegs. Dutzende Busse starten täglich in den frühen Morgenstunden von Piräus und abends zusätzlich vom Zentrum Athens aus.

Ähnlich wie die Tickets für die Sonderfähren für Flüchtlinge sind auch die Busfahrkarten oft überteuert. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM), fahren Anfang Oktober 70 Prozent der neuankommenden Flüchtlinge direkt vom Einreiseort an den Ausreiseort weiter. Die gesamte Fahrt von Athen bis zur mazedonischen Grenze koste für eine syrische Familie mehr als 700 Euro, so die Organisation. Mittellose Flüchtlinge sind jedoch nicht in der Lage ihre Reise so zügig fortzusetzen und bleiben gezwungenermaßen ein paar Tage länger in der griechischen Hauptstadt, um auf Geldüberweisungen von Verwandten oder Bekannten zu warten. Überwiegend handelt es sich um afghanische Familien, die zunächst zum Viktoria-Platz im Zentrum Athens gehen und sich von dort mithilfe von Kontakten in der afghanischen Community weiter orientieren.

Unterbringungen sind nicht auf längere Aufenthalte ausgelegt

Die Lebensbedingungen für Schutzsuchende und Anerkannte in dem schwer von der Krise betroffenen Land bleiben höchst problematisch. Die neue Regierung hat zwar in der griechischen Hauptstadt neue Einrichtungen für die kurzfristige Unterbringung von mehr als 2.500 neuankommenden Flüchtlingen geschaffen, doch diese sind keine Lösung für einen langfristigen Aufenthalt insbesondere in den Wintermonaten. „Es sind Einrichtungen ohne die notwendige Infrastruktur. Für ihren Betrieb sind sie auf Spenden und Solidarität aus der Zivilgesellschaft angewiesen. Falls die Grenzen im Winter schließen sollten und tausende von Flüchtlingen in Griechenland hängen bleiben, werden wir eine enorme humanitäre Krise erleben“, so Nasim Lomani aus dem Netzwerk für die soziale Unterstützung von Flüchtlingen und Migranten. Migrationsminister Giannis Mouzalas kündigte im September an, dass weitere Orte mit „menschenwürdigen Bedingungen“ geschaffen würden. Besorgniserregend ist seine Aussage, dass im Notfall auch das Internierungslager Amygdaleza für die Unterbringung genutzt würde. Anfang Oktober hieß es auf einmal, dass Amygdaleza doch nicht mehr für die Unterbringung von Schutzsuchenden in Frage käme.

Trotzdem fürchtet man, dass auch die linksgerichtete Regierung zukünftig auf eine Inhaftierungspolitik setzen könnte, wenn die Anzahl der Schutzsuchenden, die in Griechenland bleiben, steigen sollte. „Die sogenannten Hotspots werden nichts anderes als Abschiebelager sein. Außerdem gibt es bereits ein großes Problem mit der Haft von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Die Haft würde sie vor Schlepperbanden schützen, so die Argumentation, um die unbegleiteten Kinder und Jugendlichen in Polizeistationen und Flüchtlingshaftlagern auf den Inseln der Ägäis und andernorts für mehrere Tage und Wochen gefangen zu halten, bis ein Platz in einem offenen Aufnahmezentrum gefunden wird“, sagt Lomani.

Notunterkünfte in ehemaligen Olympischen Anlagen

Ende September setzten in Athen heftige Regenfälle ein. Hunderte Flüchtlinge suchten Schutz in der U-Bahn Station von Viktoria, in den Eingängen von Miethäusern oder übernachteten schutzlos auf der Straße.

Das erste offene Transit-Lager, das Mitte August in Elaionas eröffnet wurde, war schnell überfüllt. Die Regierung entschied in Anbetracht der Notlage, heute ungenutzte Anlagen, die für die Olympischen Spiele in 2004 gebaut worden waren, in provisorische Aufnahmelager umzufunktionieren. Darunter das Hockey-Stadion in Elliniko, einige Kilometer vom Zentrum Athens entfernt. Es öffnete Ende September, um diejenigen Flüchtlinge unterzubringen, die zuvor in einer anderen Sporthalle in Paleo Faliro untergebracht waren. Das Stadion hat eine Maximalkapazität zur Unterbringung von 500 Personen. Am 7. Oktober waren dort etwa 150 Flüchtlinge, überwiegend aus Afghanistan.

Eine Gruppe von jungen Afghanen steht vor dem großen grauen Stadion in Elliniko. Manche von ihnen tragen in Vorbereitung auf ihre baldige Weiterreise über den Balkan schon Winterkleidung. Die meisten wollen nach Deutschland und fragen nach der aktuellen Lage dort. „Ist es wirklich so voll? Wir lesen im Internet, dass sich die Lage dort verschlechtert hat.“ Innerhalb des Gebäudes liegen Decken am Boden, auf denen erschöpfte Familien schlafen. Es gibt keine Matratzen oder Betten. Andere haben ihre Zelte, die sie von den Inseln mitgebracht haben, in den Räumen aufgebaut. Zwei junge Frauen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, sind gerade gekommen. Sie wollen mit den Kindern einer afghanischen Familie spielen. Ein Ehepaar bringt einen großen Korb mit Äpfeln als Spende. Kurz zuvor hat eine Bürgerinitiative Lebensmittel vorbeigebracht. “Ständig bringen uns Menschen Spenden“, sagt eine Helferin. Der Boden vor dem Gebäude ist übersät von Schuhen. Das einzige, was hier momentan fehlt, sind Schlafsäcke. Es fällt auf, dass keine Polizei anwesend ist.

„Die wichtigste Funktion, die sie je hatten“

In Galatsi, im Westen Athens sind weitere 1.000 Flüchtlinge ebenfalls in einem ehemaligen Olympia-Stadion untergebracht. Das Gebäude ist mit 2.500 Quadratmetern weitaus größer als das in Elliniko. In einer großen Halle schlafen Familien auf Decken oder in Zelten, in einer anderen nächtigen alleinstehende Männer. Auch dort gibt es eine große Menge an Spenden von der Zivilgesellschaft, vor allem Kleidung aber auch Lebensmittel.

Mohamedi Ali ist unterwegs mit seiner Frau. Der junge Afghane hat von dem Relocation Programm der EU erfahren und fragt wie er daran teilnehmen kann. “Gibt es keinen anderen legalen Einreiseweg nach Deutschland?“, fragt er besorgt. Dann macht er sich auf die Suche nach Mitarbeitern des UN-Flüchtlingskommissariats, um mehr Infos zu bekommen.

Die Medien berichten über die neue Nutzung der ehemaligen Sporteinrichtungen zur Unterbringung von Flüchtlingen. “Dies ist die wichtigste Funktion, die sie je hatten”, sagt ein Angestellter der regionalen Verwaltung Attika, der wie viele andere GriechInnen seit Jahren wegen des Leerstands dieser Gebäude frustriert war und diese als Symbol der Geldverschwendung der vorigen Regierungen beschreibt, sarkastisch. Laut Medienberichten überlegt die Regierung die kommenden Wochen weitere Unterbringungseinrichtungen in Athen in den Vororten Liosia und Lavrio zu eröffnen.

Elaionas: Das erste offene Transitlager Griechenlands 

Im Stadtteil Votanikos existiert seit Mitte August das erste offene Transitlager Griechenlands: Elaionas. Seit der Eröffnung bis Anfang Oktober haben hier über 7.200 Schutzsuchende für wenige Tage Unterschlupf gefunden. In den 92 Containern können bis zu 720 Personen untergebracht werden. In jeden Container passen 8 Personen. Für die Essensversorgung sorgen die griechische Marine und die NGO Nostos. Die Polizei ist nur außerhalb des Lagers präsent. UNHCR und die griechische Asylbehörde informieren die Schutzsuchenden über ihre Rechte und andere Organisation helfen entweder mit Personal oder mit Freiwilligen. Ärzte und Krankenschwestern vom staatlichen Gesundheitszentrum KEELPNO sind ebenfalls vor Ort. Es sind zumeist afghanische und syrische Flüchtlinge, die hier durchschnittlich zwei bis drei Tage bleiben, bis sie ihre Reise fortsetzen können, erklärt Anthi Karangeli, Leiterin der Einrichtung.

Die Soziologin und Kindergärtnerin hat bereits Erfahrung mit offenen Lagern, da sie eine der HauptinitiatorInnen des offenen Willkommenszentrums PIKPA auf Lesbos war. Nun arbeitet sie im Migrationsministerium und ist verantwortlich für den Betrieb von Elaionas. Wir sitzen in der Kantine des Lagers. Es ist ein großes Zelt mit mehreren Tischen und Stühlen, wo sich Flüchtlinge tagsüber aufhalten. Nebenan befindet sich ein anderes großes Zelt, das als Kinderspielplatz eingerichtet ist. Frauen sitzen entspannt zusammen und die Kinder spielen mit ehrenamtlichen Helfern. Vieles was hier umgesetzt wird, wurde durch die positiven Erfahrungen im Willkommenszentrum PIKPA ermöglicht. “Wir versuchen die Flüchtlinge in den Alltag miteinzubinden, wie z.B. bei der Reinigung, und ihre Meinung bei wichtigen Entscheidungen miteinzubeziehen. Wichtig ist Vertrauen in der griechischen Gesellschaft herzustellen. Zu zeigen, dass diese Menschen keine Bedrohung sind. Ein wichtiger Schritt ist bereits getan“, meint Karangeli. Denn die Politik hat die Rechte der Schutzsuchenden selbst immer wieder hervorgehoben und die BürgerInnen reagieren entsprechend.

“Wir sind überrascht wie viele kommen, um zu spenden oder zu helfen. Eines Morgens ist ein Vater mit seinen zwei Kindern gekommen. Der Kleine hatte im Fernsehen eine Sendung über das Lager gesehen und wollte unbedingt vor der Schule vorbei kommen, um sein Croissant einem Flüchtlingskind zu geben.“ Lehrer bringen ihre Schüler hierher, um sie mit der Flüchtlingsproblematik vertraut zu machen.

Viele alleinerziehende Mütter finden dort Schutz

Was man sehr oft in diesem Lager trifft, sind alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern. Die Schutzsuchenden können bleiben bis ihre Aufenthaltsgenehmigung verfällt –  meistens 30 Tage nach ihrer Registrierung.

In einem Container treffen wir die 24-jährige Parisa mit ihrer Mutter. Sie sind aus dem Iran geflohen und mit einem Schlauchboot auf der Insel Lesbos angekommen. Sie mussten im Hafen schlafen. “Ich konnte die ganze Nacht nicht einschlafen. Ich hatte Angst, dass uns etwas zustößt, weil wir alleine sind“, sagt die Mutter. Die zwei Frauen fühlen sich jetzt sicher in dem Lager, wissen aber, dass sie sich in ein paar Tagen wieder auf dem Weg machen müssen. Sie wollen nach Schweden, wo es bereits eine andere Tochter hingeschafft hat. Gerade haben sie gehört, dass Schweden anfangen wird, afghanische Flüchtlinge in ihr Herkunftsland abzuschieben und fragen besorgt, was sie dagegen machen können. Immer wieder unterbricht die Mutter das Gespräch, um für das Wohl der Europäer, die den Flüchtlingen helfen, zu beten.

“Der schwerste Moment ist, wenn man sich von ihnen verabschieden muss. Sie sind froh und umarmen uns. Wir wissen aber, dass sie eine sehr schwierige Reise vor sich haben“, so Karangeli.

Antwort auf die fehlenden staatlichen Strukturen: Hausbesetzung als Flüchtlingsunterkunft

Die Besetzung in der Notara Straße 26 besteht seit Ende September als Antwort auf die fehlenden staatlichen Aufnahmestrukturen für Flüchtlinge. Am fünfstöckigen Gebäude im Stadtteil Exarcheia konnten Anfangs 35 Personen untergebracht werden, dann stieg die Anzahl auf 45 und am 10. Oktober, als RSPA den Ort besuchte, waren es schon 70 Personen. Das ehemalige Gebäude der Versicherungskasse (ΕΤΕΑΜ), das jahrelang leer stand, wurde von Solidaritätsgruppen in eine Unterkunftseinrichtung für Flüchtlinge umgewandelt, die farblosen Büroräume sind zu einem warmen Willkommenszentrum geworden.

Ehrenamtliche sorgen dafür, dass in jedem Raum eine begrenzte Anzahl von Personen schläft. Matratzen liegen auf Holzlatten, es gibt saubere Bettwäsche, Decken sowie Kleidung und warmes Essen für die BewohnerInnen. Ein Spielplatz mit Kinderhort, ein Essraum, sowie ein kleine Arztpraxis und eine Apotheke ergänzen das Angebot. Am Eingang befindet sich eine Art 24-Stunden-Rezeption der AktivistInnen, die die Neuangekommenen auf die Schlafplätze verteilen. Jeden Nachmittag können die BewohnerInnen und AktivistInnen im Plenum gemeinsam diskutieren und Entscheidungen treffen. Die Flüchtlinge bleiben auch hier nur ein paar Tage und ziehen dann weiter. Mitglieder der Solidaritätsgruppe finden auf dem Viktoria Platz oder anderswo obdachlose Flüchtlinge und bringen sie in das besetzte Haus. Freiwillige Ärzte, Krankenschwestern, Psychologen, Sozialarbeiter und Übersetzer sind vor Ort, um das Projekt zu unterstützen. “Anfangs waren die Menschen in der Umgebung skeptisch. Jetzt hält jede 20 Minuten ein Auto, um uns Tüten mit Spenden zu bringen“, so ein Mitglieder der Solidaritätsgruppe. Laut Medienberichten stehen Dutzende staatliche Gebäude wie dieses leer und könnten für die Unterbringung von Flüchtlingen benutzt werden.

„Nach 45 Tagen Reise haben wir endlich einen sicheren Ort gefunden“

Auch der 40-jährige Taher hat hier mit seiner Frau und ihren zwei kleinen Kindern Zuflucht gefunden. Sie sind heute angekommen nach einer wochenlangen Reise vom Iran bis nach Athen. Als sie versuchten in der Türkei ein Schlauchboot zu besteigen, wurden sie mehrmals von der türkischen Polizei abgefangen und in die Türkei zurückgeschickt. Sie schafften es schließlich in einem überfüllten Boot nach Lesbos. “Wir haben für einen leichten Tod gebetet. Wir waren uns sicher, wir würden sterben. Das Boot war voll mit Wasser”, sagt die Frau von Taher. Nun sitzen sie im kleinen Raum, den die Solidaritätsgruppe für sie eingerichtet hat. Eine improvisierte Wand trennt sie von einer anderen afghanischen Familie. „Hier haben wir ein gutes Gefühl gegenüber den Menschen. Wir fühlen uns wohl”, sagt Taher.

Shabatallah, ein anderer Familienvater, ist Mitte Oktober mit seiner Frau und ihrer zweijährigen Tochter von Lesbos in diese Einrichtung gekommen. Sie mussten sechs Tage lang im Lager Moria in der Schlange stehen und auf ihre Papiere warten. Sie wurden wie andere Flüchtlinge von Bereitschaftspolizei mit Tränengas attackiert und brutal zurückgedrängt. „Dreimal haben Sie Tränengas gegen uns eingesetzt. Das Chaos ist ausgebrochen und die Menschen sind in jede Richtung geflohen, um sich und ihre Kinder zu schützen. Dann mussten wir uns wieder neu in der Reihe anstellen“, sagt der Vater. Die Familie musste außerhalb des Lagers schlafen. „Sie haben uns eine weiße Plastikplane gegeben, damit wir uns vor dem Wind schützen. Unsere Kleider und Decken waren nass vom Regen. Essen gab es nur einmal am Tag und wir blieben hungrig.” Die Familie will nach dieser kurzen Ruhepause gleich heute Nachmittag in den Bus steigen, um an die griechisch-mazedonische Grenze zu gelangen. “Nach 45 Tagen Reise haben wir endlich einen sicheren Ort gefunden. Wir müssen aber wieder los, in ein anderes Land. Es ist uns egal wohin. Hauptsache, es ist dort besser als hier in Griechenland“ sagt Taher.

Ehrenamtliche nehmen Flüchtlinge bei sich auf

Überraschend schnell hat sich in den letzten Monaten in Athen die Solidaritätsbewegung für Flüchtlinge ausgeweitet. Große Teile der Bevölkerung zeigen sich solidarisch – trotz der schwierigen Lage, in der sich viele GriechInnen selber befinden:

Es begann mit der Versorgung der obdachlosen Flüchtlinge im Park Pedion tou Areos, ,ittlerweile gibt es in Athen sogar die Initiative „Refugees Welcome“, wo GriechInnen mit der Hilfe von AktivistInnen Flüchtlinge bei sich zuhause aufnehmen. Bis jetzt haben schon dutzende Familien Interesse bekundet oder bereits Schutzsuchende aufgenommen ohne großes Aufsehen zu erzeugen. So eine breite Unterstützungsstruktur und Solidaritätsbewegung war vor einem Jahr noch unvorstellbar, als die Medienhetze gegen Flüchtlinge und Migranten in der griechischen Gesellschaft Misstrauen und Fremdenfeindlichkeit schürte.

Aber auch die Migrantencommunities haben sich mobilisiert, um den Flüchtlingen Unterstützung zu bieten. Das MigrantInnennetwerk „Melissa“ (Deutsch: Biene) in Athen, war auch im Park Pedion tou Areos bei der Essenversorgung von Flüchtlingen aktiv. Die letzten Wochen bereiten sie kleine Reisetaschen für Flüchtlingskinder vor, die Richtung Balkan aufbrechen. Darin zu finden sind: Stifte, Hefte, selbstgemachte Spielzeuge, aber auch lebenswichtige Dinge für die kleinen Reisenden wie Jacken, Schuhe, eine Taschenlampe, eine Pfeife, sowie eine kleine Notfallapotheke. Die Taschen werden den Kindern vor ihrer Abreise in Athen übergeben.

EU-Pläne zu „Hotspots“ könnten die Zustände noch verschlimmern

Trotz dieser breiten privaten Unterstützung aus der griechischen Bevölkerung droht sich im Winter die humanitäre Notlage zu verschlimmern – auch in der Transitzone Athen. Noch ist nicht abzusehen, dass die griechischen Behörden in der Lage sein werden, menschenwürdige Unterbringungsmöglichkeiten für Schutzsuchende zu schaffen.

Die Pläne der Europäischen Union, Flüchtlinge mittels sogenannter „Hotspots“ massenhaft in den Ländern an der EU-Außengrenze unterzubringen, sind auch angesichts solcher Zustände höchst bedenklich: Flüchtlinge sollen an der Weiterreise gehindert und in „Wartezonen“ einkaserniert werden – wie die Berichte zeigen, reichen die staatlichen Strukturen zur Unterbringung von Flüchtlingen aktuell jedoch nicht einmal für den kleinen Teil der Flüchtlinge, die längere Zeit in Griechenland bleiben.

Dieser Bericht aus Griechenland entstand mit Unterstützung des „Refugee Support Program Aegean“, dem PRO ASYL – Projekt in Griechenland. Das RSPA ist vor allem auf den griechischen Inseln in der Flüchtlingshilfe aktiv und informiert regelmäßig über die Aktivitäten vor Ort.

„Hot Spot“ Lesbos: »Ein Ort der Schande« (05.11.15)

„Man sagte uns, das Meer sei voller Toter“ – Bootskatastrophe vor Lesbos (03.11.15)

„Hot Spot Center“ in Griechenland: Verzweiflung im Elendslager Moria (29.10.15)

EU schaut Elendstrecks durch Europa zu (26.10.15)

Geplante Transitzonen: Masseninhaftierungsprogramm für Flüchtlinge? (13.10.15)

„Da weitermachen, wo alle anderen aufhören“ – RSPA-MitarbeiterInnen berichten (01.10.15)

Grenzen dicht, Puffer drumherum: Ergebnisse des EU-Gipfels im Überblick (24.09.15)