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Aufmarsch der Partei Jobbik in Ungarn. Bei den Parlamentswahlen 2014 stimmten über 20 Prozent für die Rechtsradikalen. Foto: flickr / Leigh Phillips

Der Europarat kritisiert in einem aktuellen Bericht die ungarische Regierung mit klaren Worten. Flüchtlinge würden inhaftiert und misshandelt. Hetze gegen Roma, Juden, MigrantInnen und Homosexuelle seien an der Tagesordnung. Trotzdem schiebt Deutschland weiter Flüchtlinge ab.

Ein am Mon­tag ver­öf­fent­lich­te Bericht des Aus­schuss gegen Ras­sis­mus und Into­le­ranz (ECRI) des Euro­pa­rats doku­men­tiert mas­si­ve ras­sis­ti­sche Het­ze in Ungarn.

Ras­sis­mus und Über­grif­fe gegen Roma und Asyl­su­chen­de

Der Ras­sis­mus gegen Roma stel­le eines der drän­gends­ten Pro­ble­me in Ungarn dar. Para­mi­li­tä­ri­sche Grup­pen orga­ni­sier­ten immer wie­der Demons­tra­tio­nen und ille­ga­le Patrouil­len in Dör­fern, um dort wohn­haf­te Roma zu bedro­hen und ein­zu­schüch­tern.

Der Aus­schuss des Euro­pa­ra­tes kri­ti­siert auch den Umgang Ungarns mit Asyl­su­chen­den mit deut­li­chen Wor­ten. Mehr als ein Fünf­tel aller Schutz­su­chen­den sei in Haft­la­gern unter­ge­bracht. Dort sei­en sie phy­si­schen und ver­ba­len Angrif­fen durch Sicher­heits­kräf­te aus­ge­setzt, der Zugang zu Anwäl­tinn­nen und Anwäl­ten sowie zu Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen wer­de kaum gewährt.

Der Euro­pa­rat for­dert von der unga­ri­schen Regie­rung, gegen anti­se­mi­ti­sche und ras­sis­ti­sche Het­ze mit aller Deut­lich­keit vor­zu­ge­hen. Auch straf­recht­li­che Maß­nah­men müss­ten effek­tiv ergrif­fen wer­den.

Hass­ti­ra­den gegen Ein­wan­de­rer, Flücht­lin­ge, Roma, Juden und Homo­se­xu­el­le

Aus­führ­lich wer­den men­schen­ver­ach­ten­de anti­se­mi­ti­sche und ras­sis­ti­sche Äuße­run­gen der rechts­ex­tre­men Par­tei Job­bik doku­men­tiert, die bei den Par­la­ments­wah­len 2014 über 20% der Stim­men auf sich ver­ei­ni­gen konn­te. 2012 for­der­te ein Abge­ord­ne­ter der Job­bik, eine Lis­te von Men­schen jüdi­scher Her­kunft zu erstel­len, da die­se eine Bedro­hung der natio­na­len Sicher­heit dar­stell­ten. Die von Job­bik ver­brei­te­te Het­ze bleibt im Nor­mal­fall unbe­hel­ligt von den Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den.

Doch Hetz­re­den sei­en nicht nur unter Par­tei­mit­glie­dern der extre­men Rech­ten salon­fä­hig, so der Bericht. Auch im wei­te­ren poli­ti­schen Spek­trum sei ras­sis­ti­sche Het­ze gegen Roma, Jüdin­nen und Juden sowie Flücht­lin­ge und Migran­tIn­nen gän­gi­ge Pra­xis. In (staat­li­chen) Medi­en wür­den offen­kun­dig ras­sis­ti­sche Berich­te ver­öf­fent­licht, Het­ze im Inter­net sei weit­ver­brei­tet. Ein bekann­ter Jour­na­list und Par­tei­mit­glied der Regie­rungs­par­tei Fidesz habe bei­spiels­wei­se in einem Arti­kel vom Janu­ar 2013 Roma und Sin­ti als „Tie­re“ bezeich­net, die „nicht exis­tie­ren dürf­ten“.

Hetz­kam­pa­gne gegen Flücht­lin­ge

Die Ergeb­nis­se des Berichts sind im Hin­blick auf die aktu­el­le ras­sis­ti­sche Kam­pa­gne von Pre­mier­mi­nis­ter Vik­tor Orban umso ekla­tan­ter. Der rechts­na­tio­na­le Poli­ti­ker hat­te mit sei­nem Vor­stoß einer offen­kun­dig poli­tisch moti­vier­ten Befra­gung  ras­sis­ti­sche Res­sen­ti­ments wei­ter befeu­ert. Fra­gen wie „Wuss­ten Sie, dass Wirt­schafts­flücht­lin­ge die Gren­ze ille­gal über­que­ren und deren Zahl zuletzt um das Zwan­zig­fa­che gestie­gen ist?“ las­sen sich in dem Fra­ge­bo­gen zur „Natio­na­len Kon­sul­ta­ti­on“ fin­den. Die Grup­pe für Soli­da­ri­tät mit Migran­tIn­nen und Flücht­lin­gen MigS­zol hat­te für den 19. Mai zu einer Kund­ge­bung gegen den Fra­ge­bo­gen auf­ge­ru­fen, an der 200 Men­schen teil­nah­men.

Auch mit sei­nen gän­gi­gen For­de­run­gen nach einem „Ein­wan­de­rungs­stopp“ auf­grund der wach­sen­den Ter­ro­ris­mus­ge­fahr und einer wei­ter ver­schärf­ten Inhaf­tie­rungs­pra­xis lässt Vik­tor Orbán kei­nen Zwei­fel dar­an, dass wei­te­re flücht­lings­feind­li­che Maß­nah­men zu erwar­ten sind. Die von der EU-Kom­mis­si­on vor­ge­schla­ge­ne Umver­tei­lung von 40.000 Flücht­lin­gen aus Ita­li­en und Grie­chen­land auf ande­re EU-Staa­ten lehn­te Orbán mit der Begrün­dung ab, der Vor­schlag sei voll­kom­men „irr­sin­nig“ und „gren­ze an Wahn­sinn“. Zwar sind die vor­ge­schla­ge­nen Quo­ten tat­säch­lich kri­tik­wür­dig, da sie die Bedürf­nis­se der Flücht­lin­ge nicht berück­sich­ti­gen. Orbán befürch­tet jedoch für ein­mal mehr eine Zunah­me der Flücht­lings­zah­len. Die tat­säch­li­che Bedro­hung, die von dem viru­len­ten Ras­sis­mus und Anti­se­mi­tis­mus in wei­ten Tei­len der unga­ri­schen Bevöl­ke­rung aus­geht, inter­es­siert hin­ge­gen nicht: Die Vor­wür­fe aus dem Euro­pa­rats­be­richt wies die unga­ri­sche Regie­rung zurück.

Flücht­lin­ge wer­den wei­ter­hin aus Deutsch­land abge­scho­ben

Trotz der Het­ze und Gewalt fin­den wei­ter­hin Rück­füh­run­gen aus Deutsch­land statt. Ungarn wird ein immer wich­ti­ge­res Erstein­rei­se­land für Flücht­lin­ge die über die Ost­rou­te nach Euro­pa kom­men. Im Jahr 2014 wur­den 42.777 Asyl­an­trä­ge gestellt. Eine Ver­zwan­zig­fa­chung gegen­über 2012 – damals  waren es gera­de ein­mal 2.157 Anträ­ge. Auf­grund kata­stro­pha­ler Lebens­be­din­gun­gen und des ver­brei­te­ten Ras­sis­mus, rei­sen die meis­ten Flücht­lin­ge jedoch schon nach weni­gen Tagen wei­ter. Kom­men sie nach Deutsch­land droht ihnen die Abschie­bung. Laut Dub­lin-Ver­ord­nung ist das EU-Land für den Asyl­an­trag zustän­dig, wel­ches ein Flücht­ling zuerst betre­ten hat. In 2014 frag­te Deutsch­land in 3.913 Fäl­len Ungarn um Über­nah­me von Flücht­lin­gen an. 178 Flücht­lin­ge wur­den abge­scho­ben. Immer wie­der stop­pen Ver­wal­tungs­ge­rich­te Abschie­bun­gen nach Ungarn, Men­sch­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen for­dern seit lan­gem einen Über­stel­lungs­stopp. Das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge hält jedoch wei­ter­hin an der Auf­fas­sung fest, dass Ungarn für Flücht­lin­ge sicher genug sei.

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