25.10.2013

Ein heu­te erschie­ne­ner Bericht von PRO ASYL und bordermonitoring.eu zur Situa­ti­on von Flücht­lin­gen in Ungarn zeigt, dass die sys­te­mi­schen Män­gel im unga­ri­schen Asyl- und Auf­nah­me­sys­tem fort­be­stehen bzw. sich sogar ver­schärft haben. Der Bericht, der vor­lie­gen­de Recher­che­er­geb­nis­se von 2012 aktua­li­siert, kri­ti­siert ins­be­son­de­re rechts­staat­lich äußerst frag­wür­di­ge Inhaf­tie­run­gen und die Gefahr von Miss­hand­lun­gen durch Wach­per­so­nal.  Zudem zei­gen die neu­en Recher­chen fol­gen­de Män­gel im unga­ri­schen Asyl­sys­tem auf:

Obdach­lo­sig­keit und man­geln­de medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung: Hier­von sind selbst aner­kann­te Flücht­lin­ge betrof­fen. Das bele­gen Berich­te von Flücht­lin­gen, die nach sechs Mona­ten aus dem soge­nann­ten „Pre-Inte­gra­ti­on Camp“ in Bics­ke in die Obdach­lo­sig­keit ent­las­sen wer­den soll­ten. Die finan­zi­el­le Unter­stüt­zung im Anschluss an die Unter­brin­gung in Bics­ke reicht im Regel­fall nicht aus, um davon eine Woh­nung und den Lebens­un­ter­halt zu finan­zie­ren. Die Aus­zah­lung der Unter­stüt­zungs­leis­tun­gen ist an zumeist uner­füll­ba­re Bedin­gun­gen geknüpft. Ohne fes­ten Wohn­sitz besteht kein Zugang zu aus­rei­chen­der medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung. Der Zugang zu Obdach­lo­sen­un­ter­künf­ten ist für Flücht­lin­ge und ins­be­son­de­re für Fami­li­en mit Kin­dern so gut wie aus­ge­schlos­sen. Obdach­lo­se wer­den in Ungarn unter der Regie­rung Vik­tor Orbáns kri­mi­na­li­siert: Das Näch­ti­gen im Frei­en kann mit einer Geld- oder Frei­heits­stra­fe geahn­det wer­den.

Rechts­wid­ri­ge Inhaf­tie­run­gen: Im Zuge einer vor­geb­li­chen Anpas­sung der unga­ri­schen Geset­ze an die EU-Auf­nah­me­richt­li­nie tra­ten am 1. Juli 2013 Geset­zes­än­de­run­gen in Kraft, die weit gefass­te Haft­grün­de vor­se­hen. Die­se kön­nen auf nahe­zu jeden Asyl­su­chen­den ange­wen­det wer­den. So reicht etwa schon die „Behin­de­rung des Asyl­ver­fah­rens“ als Haft­grund aus. Beson­ders bedroht von die­sem Haft­grund wer­den vor­aus­sicht­lich Dub­lin-Rück­keh­rer ohne Auf­ent­halts­ti­tel sein, da ihnen vor­ge­wor­fen wird, ihr Asyl­ver­fah­ren durch ihre Wei­ter­wan­de­rung behin­dert zu haben.

Feh­len­de Rechts­mit­tel: Indi­vi­du­el­le Rechts­mit­tel gegen die Inhaf­tie­rung sind nicht vor­ge­se­hen. Eine rich­ter­li­che Über­prü­fung der Haft erfolgt aus­schließ­lich in 60-Tage-Inter­val­len. In den Jah­ren 2011 und 2012 wur­de bei drei von ins­ge­samt 5.000 Ent­schei­dun­gen die Haft durch die zustän­di­gen Gerich­te been­det, was jüngst auch die UN Working Group on Arbi­tra­ry Detenti­on kri­ti­sier­te.

Pre­kä­re Unter­brin­gung: Die Zahl der Asyl­an­trä­ge ist von rund 2.200 im Jahr 2012 auf fast 12.000 allein im ers­ten Halb­jahr 2013 gestie­gen. Schät­zungs­wei­se 7.000 Asyl­su­chen­de sind in jüngs­ter Zeit auf­grund der untrag­ba­ren Bedin­gun­gen aus Ungarn in ande­re EU-Län­der wei­ter­ge­wan­dert, was vor­aus­sicht­lich zu einem mas­si­ven Anstieg der Dub­lin-Rück­über­stel­lungs­ge­su­che an Ungarn füh­ren wird. Wenn die­se Über­stel­lun­gen tat­säch­lich durch­ge­führt wer­den soll­ten, dürf­te dies aller Vor­aus­sicht nach das ohne­hin schon pre­kä­re Sys­tem der Flücht­lings­auf­nah­me in Ungarn end­gül­tig zum Kol­la­bie­ren brin­gen. Schon jetzt sind die Kapa­zi­tä­ten der Unter­brin­gungs­ein­rich­tun­gen aus­ge­schöpft, Flücht­lin­ge wur­den nur not­dürf­tig in Zel­ten und Turn­hal­len unter­ge­bracht.

Man­geln­der Schutz vor ras­sis­tisch moti­vier­ter Gewalt: An meh­re­ren Orten mobi­li­sier­te die neo­fa­schis­ti­sche Par­tei Job­bik gegen Asyl­su­chen­de. Unter ande­rem ver­an­stal­te­te die Par­tei im Mai die­sen Jah­res in Debre­cen einen Fackel­marsch, gefor­dert wur­de die Schlie­ßung der dor­ti­gen Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung. Auch an ande­ren Orten gab es mas­si­ve ras­sis­ti­sche Pro­tes­te.

Auf­grund die­ser Ent­wick­lun­gen for­dern PRO ASYL und bordermonitoring.eu, dass Dub­lin-Abschie­bun­gen nach Ungarn umge­hend aus­ge­setzt wer­den. Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern muss das zustän­di­ge Bun­des­amt anwei­sen, in die­sen Fäl­len vom Selbst­ein­tritts­recht Gebrauch zu machen, so dass die Betrof­fe­nen in Deutsch­land ein Asyl­ver­fah­ren erhal­ten.

PRO ASYL und bordermonitoring.eu for­dern zudem die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on auf, die sys­te­mi­schen Män­gel und die dar­aus resul­tie­ren­den all­täg­li­chen Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen gegen­über Asyl­su­chen­den in Ungarn zur Kennt­nis zu neh­men und dies­be­züg­lich ein Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren gegen Ungarn ein­zu­lei­ten. Die EU muss die unga­ri­sche Regie­rung unter Druck set­zen, ihr Ver­hal­ten gegen­über Flücht­lin­gen grund­le­gend zu ver­än­dern.

Ungarn: Flücht­lin­ge zwi­schen Haft und Obdach­lo­sig­keit – Aktua­li­sie­rung und Ergän­zung des Berichts vom März 2012

Ungarn: Flücht­lin­ge zwi­schen Haft und Obdach­lo­sig­keit – Bericht einer ein­jäh­ri­gen Recher­che bis Febru­ar 2012

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