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Eine syrische Familie campiert in einem selbstgekauften 30-Euro Zelt inmitten des ehemaligen Verkehrsübungsplatzes „Kara Tepe“ auf Lesbos. (Ja, Sie haben richtig gesehen: <a href="http://www.migazin.de/2015/06/17/fluechtlinge-haben-handys/">Diese Flüchtlinge haben Handys. Sogar mehrere.</a> ) Foto: Salinia Stroux

Unsere Projektpartnerinnen vom „Refugee Support Program Aegean“ (RSPA) berichten über die sich zuspitzende humanitäre Krise in Griechenland. Von den griechischen Inseln über Athen bis an die mazedonisch-griechische Grenze: Die Situation für Flüchtlinge in Griechenland ist nach wie vor katastrophal.

Das UN-Flücht­lings­hoch­kom­mis­sa­ri­at (UNHCR) spricht von einer huma­ni­tä­ren Flücht­lings­kri­se in Grie­chen­land. Etwa 1.000 Flie­hen­de gelan­gen im Durch­schnitt täg­lich nach Grie­chen­land, so die Schät­zun­gen von UNHCR. Mehr als 100.000 Flücht­lin­ge sind nach UN-Anga­ben seit Beginn des Jah­res auf dem See­weg in Grie­chen­land ange­kom­men. Grie­chen­land sei das euro­päi­sche Mit­tel­meer­land, in dem 2015 bis­lang die meis­ten Boots­flücht­lin­ge regis­triert wor­den sei­en, sag­te der Spre­cher des Hilfs­werks UNHCR, Adri­an Edwards, am 24. Juli 2015 in Genf. Etwa 60 Pro­zent sind Kriegs­flücht­lin­ge aus Syri­en.

„Dass die Men­schen in ver­las­se­nen Gebäu­den oder auf Müll­fel­dern sich selbst über­las­sen blei­ben, wo kaum Zugang zu Was­ser oder gar Toi­let­ten besteht, ist ein­fach inak­zep­ta­bel und bringt die Gesund­heit die­ser Men­schen in Gefahr“, beschreibt Eli­sa­bet­ta Faga, Koor­di­na­to­rin des Not­ein­sat­zes von Ärz­te ohne Gren­zen (MSF) auf Les­bos, die sich zuspit­zen­de huma­ni­tä­re Kri­se auf den grie­chi­schen Inseln. Die Appel­le der huma­ni­tä­ren Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen vor Ort wer­den von Tag zu Tag dring­li­cher.

Boots­ka­ta­stro­phen und neue Ära von Push Backs?

Am 16. Juli 2015 ertran­ken sechs syri­sche Flücht­lin­ge auf dem Weg nach Les­bos. Unter ihnen waren auch Kin­der. Das Unglück ereig­ne­te sich nur weni­ge Tage nach­dem ein ande­res Flücht­lings­boot mit etwa 40 Pas­sa­gie­ren am 7. Juli 2015 in der Nähe von Far­ma­ko­ni­si in See­not gera­ten war. Auch hier kamen min­des­tens fünf Men­schen ums Leben. Über 15 gel­ten als ver­misst.

Ein loka­ler Nach­rich­ten­blog aus Les­bos ver­öf­fent­lich­te am 22. Juli 2015 ein Doku­ment, das den inter­nen Befehl der grie­chi­schen Küs­ten­wa­che an alle natio­na­len Küs­ten­wa­chen der Nord­ägä­is ent­hält, bei Loka­li­sie­rung eines Flücht­lings­boo­tes sofort Maß­nah­men der „Vor­beu­gung der Ein­rei­se“ auf grie­chi­sches Ter­ri­to­ri­um ein­zu­lei­ten. Die tür­ki­sche Küs­ten­wa­che sei zu alar­mie­ren, damit die­se sich um den Vor­fall küm­me­re. Es ist zu befürch­ten, dass die­se Anwei­sung wie­der zu neu­en Push Backs – oft mit Bru­ta­li­tät aus­ge­führ­te völ­ker­rechts­rechts­wid­ri­ge Zurück­wei­sun­gen von Flücht­lin­gen – an der grie­chisch-tür­ki­schen Gren­ze füh­ren wird. Aktu­ell häu­fen sich wie­der Gerüch­te um ille­ga­le Zurück­wei­sun­gen auf See durch mas­kier­te Beam­te.

Les­bos: “Die Situa­ti­on im Zelt­la­ger ´Kara Tepe´ trieb eini­ge in den Wahn­sinn.“

Zur­zeit kom­men nahe­zu 1.000 Men­schen täg­lich auf der Insel Les­bos an. Die meis­ten sind syri­sche Schutz­su­chen­de, vie­le sind aus Afgha­ni­stan geflo­hen. Im Juni 2015 kamen mit ins­ge­samt 15.000 Flücht­lin­gen mehr Men­schen auf Les­bos an als im gesam­ten Vor­jahr (12.187). Ein Spre­cher von MSF beschrieb die Situa­ti­on auf der Insel als das Schlimms­te, was er je in Euro­pa gese­hen habe. Das Erst­auf­nah­me­haft­la­ger ist über­füllt. Rund 1.000 Men­schen zel­ten davor. Wei­te­re 3.000 sind pro­vi­so­risch im Zelt­la­ger Kara Tepe unter­ge­bracht.

M. ist aus Afgha­ni­stan geflo­hen. Mit­te Juli ist die 19jährige mit ihrem 15jährigen Bru­der auf Les­bos ange­kom­men. „Wir muss­ten drei bis vier Stun­den zur nächs­ten Poli­zei­wa­che lau­fen“, berich­tet die jun­ge Frau. Die meis­ten Flücht­lings­boo­te kom­men im Nor­den der Insel an, etwa 40 Kilo­me­ter von der Haupt­stadt Myti­le­ne ent­fernt. Die Poli­zei wei­gert sich nach wie vor sys­te­ma­ti­sche Trans­fers von den Ankunfts­or­ten zu den Stel­len der Erst­re­gis­trie­rung durch­zu­füh­ren. Die meis­ten Men­schen müs­sen daher inmit­ten der som­mer­li­chen Hit­ze und trotz Erschöp­fung die rund 40 Kilo­me­ter lan­ge Stre­cke zu Fuß lau­fen. Trans­port­fahr­ten von Pri­vat­per­so­nen und ein von MSF orga­ni­sier­ter Bus erspa­ren zumin­dest eini­gen Flücht­lin­gen den anstren­gen­den Fuß­marsch.

M. erzählt wei­ter: „Als wir an der Hal­te­stel­le anka­men, war­te­ten schon Dut­zen­de ande­re Men­schen. (…) Als die Poli­zei uns nach zwei Stun­den abhol­te, wur­den wir in eine alte Schwimm­hal­le am Hafen gebracht. Dort waren 500 bis 600 Men­schen. Es roch über­all nach Exkre­men­ten. Wegen der Hit­ze waren wir aber gezwun­gen drin­nen Schutz zu suchen vor der Son­ne. Eini­ge schlie­fen da sogar.“ Die Schwimm­hal­le ist mitt­ler­wei­le wie­der geschlos­sen.

„Vom Hafen brach­te man uns am Abend in ein Zelt­la­ger (Kara Tepe). Sie nann­ten es ´Camp´, aber es war ein kar­ger Sand­platz mit wenig Gebüsch und Bäu­men. Wir soll­ten ent­we­der selbst­stän­dig eine Grup­pe von 25 Men­schen bil­den, um eines der staat­li­chen Zel­te bele­gen zu kön­nen oder uns ein eige­nes Zelt für 30 Euro kau­fen. Wir hat­ten ins­ge­samt nur 50 Euro, aber es gab kei­ne Alter­na­ti­ve.“ Täg­lich habe ein Cate­ring etwa 100 bis 150 Mahl­zei­ten gebracht, wäh­rend über 1.000 Men­schen auf dem Feld haus­ten, so M. Vor den übel rie­chen­den Duschen habe es eine rei­sen Schlan­ge und stän­dig Streit gege­ben. „Die Situa­ti­on trieb eini­ge in den Wahn­sinn. Ich habe mich kein ein­zi­ges Mal gewa­schen. Wir wur­den dort regis­triert und dann ent­las­sen.“ Schließ­lich gelang­ten sie nach Athen.

Athen: Obdach­lo­sig­keit und Hun­ger im Tran­sit

„In Athen hat­ten wir zunächst kei­ne Blei­be“, berich­tet M. „Wir gin­gen zum Vic­to­ria Platz, wo alle Afgha­nen sind. Die Poli­zei ver­scheuch­te uns. Wir zogen in den Alex­an­der Park um. Dort roch es unan­ge­nehm, alles war vol­ler Müll und es gab vie­le Men­schen, die dort Dro­gen kon­su­mier­ten und auch ver­kauf­ten.“

Vie­le, die nicht über die finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten ver­fü­gen oder den Dreck in den Hotels nicht aus­hal­ten, über­nach­ten auf dem Omo­nia Platz oder im Park „Pedi­on tou Are­os“ in der Athe­ner Innen­stadt. Eini­ge der Schutz­su­chen­den bau­en Zel­te im öffent­li­chen Raum auf, ande­re schla­fen unter frei­em Him­mel. Die Poli­zei führt immer wie­der Kon­trol­len durch.

Muba­rak Shah, Mit­ar­bei­ter des RSPA-Pro­jekts von PRO ASYL, hat sich vor Ort ein Bild gemacht: „Die Situa­ti­on ist äußerst kri­tisch. Von Sei­ten der Regie­rung gibt es kei­ne Unter­stüt­zung. Kin­dern, Frau­en und Män­nern fehlt es am Grund­le­gends­ten: Es man­gelt an Essen, Was­ser und Medi­zin. Eini­ge Anwoh­ne­rIn­nen haben begon­nen, Klei­der, Schu­he und ande­re Din­ge für die Flücht­lin­ge zu brin­gen, aber das reicht bei Wei­tem nicht aus.“

Eini­ge Flücht­lin­ge ver­su­chen bei der Asyl­be­hör­de in Athen einen Antrag auf Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung zu stel­len, um zu ihren Ange­hö­ri­gen in ande­ren euro­päi­schen Län­dern wei­ter­rei­sen zu kön­nen. Doch die Behör­de ist nach wie vor voll­kom­men über­las­tet. Wer einen Ter­min ver­ein­ba­ren will, muss über den Onlie­ne­dienst Sky­pe ver­su­chen, zur Asyl­be­hör­de durch­zu­drin­gen. Die Chan­cen ste­hen schlecht, denn häu­fig ist die Sky­pe-Lei­tung über­las­tet.

Wäh­rend das feh­len­de Auf­nah­me­sys­tem das Leben für Flücht­lin­ge auch in der grie­chi­schen Haupt­stadt uner­träg­lich macht, het­zen die grie­chi­schen Mas­sen­me­di­en mit frem­den­feind­li­chen Berich­ten über mas­sen­wei­se Obdach­lo­se, über­trag­ba­re Krank­hei­ten und wach­sen­de Müll­hau­fen, die Flücht­lin­ge zu ver­ant­wor­ten hät­ten.

Ido­me­ni: Huma­ni­tä­re Kri­se an der grie­chisch-maze­do­ni­schen Gren­ze

Das Elend der Flücht­lin­ge setzt sich nach der Wei­ter­flucht von den Inseln auf dem grie­chi­schen Fest­land fort. Den beschwer­li­chen Weg über Athen und Thes­sa­lo­ni­ki bis ins grie­chisch-maze­do­ni­sche Grenz­ge­biet müs­sen die Schutz­su­chen­den teil­wei­se zu Fuß bestrei­ten. Vie­le errei­chen den Grenz­ort Ido­me­ni völ­lig ent­kräf­tet. Die Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen an den Flücht­lin­gen rei­chen hin bis zu gewalt­sa­men Über­grif­fen durch Beam­te an der maze­do­ni­schen Gren­ze.

A.,  46 Jah­re alt, war Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor in sei­ner Hei­mat­stadt Homs in Syri­en. Mit­te Juni erreich­te er die Insel Kos. Auf­grund der unhalt­ba­ren Zustän­de flüch­te­te A. wie die meis­ten syri­schen Flücht­lin­ge in den Nor­den Grie­chen­lands, um über die Bal­kan­rou­te nach Deutsch­land zu gelan­gen und dort Asyl zu bean­tra­gen. Pro­jekt­mit­ar­bei­te­rin­nen von RSPA, die ihn auf Kos getrof­fen hat­ten, sind mit A. in Kon­takt geblie­ben. Einen der gefähr­lichs­ten Momen­te auf sei­ner Rei­se erleb­te er beim Über­tritt der grie­chisch-maze­do­ni­schen Gren­ze. Dort hät­ten Beam­te Warn­schüs­se in Rich­tung einer ande­ren Grup­pe von Flücht­lin­gen abge­feu­ert und sie mit Elek­tro­schocks ver­letzt, als sie ver­such­ten auf maze­do­ni­sches Ter­ri­to­ri­um zu gelan­gen.

“Ein Flücht­ling von die­ser Grup­pe trug sehr schwe­re Ver­let­zun­gen im Gesicht davon. Er muss­te in die Not­auf­nah­me gebracht wer­den”, so A. Auch er ver­letz­te sich wäh­rend der Rei­se. “Es war an der grie­chisch-maze­do­ni­schen Gren­ze. Wir sind 15 bis 17 Stun­den gelau­fen auf den Bahn­schie­nen, weil die Poli­zei zu uns sag­te, wir kön­nen nur die­sem Weg fol­gen.“ Schließ­lich habe er sich durch einen Stein schwer am Fuß ver­letzt. „Der Arzt sag­te mir, ich muss mich aus­ru­hen. Ich konn­te aber nicht dar­auf war­ten bis ich gesund wer­de. Ich muss­te wei­ter.“ Nach 17 Tagen ist A. in Deutsch­land ange­kom­men. Sei­ne Frau und sei­ne vier Kin­der sind noch in Homs.  Er hofft, dass sich die Fami­lie bald wie­der zusam­men­fin­det.

„War­um füh­ren die euro­päi­schen Län­der kei­ne lega­len Rei­se­mög­lich­kei­ten ein?“

Wäh­rend ihrer gefähr­li­chen Rei­se durch den Bal­kan haben A. und sei­ne Mit­rei­sen­den sich öfters gefragt, war­um es kei­nen lega­len Weg für sie gibt: “War­um füh­ren die euro­päi­schen Län­der kei­ne lega­len Rei­se­mög­lich­kei­ten ein, anstatt uns in die Arme der Schmugg­ler zu trei­ben? Wir hof­fen, dass die Regie­run­gen von Grie­chen­land, Maze­do­ni­en, Ser­bi­en und Ungarn sich dazu ver­stän­di­gen, den Pro­zess der Umsied­lung in west­eu­ro­päi­schen Län­dern zu erleich­tern, ins­be­son­de­re nach Deutsch­land, wo vie­le von uns ihre Freun­de und Fami­li­en haben, anstatt bewaff­ne­te Kon­trol­len durch­zu­füh­ren und Bar­rie­ren zu bau­en wie Zäu­ne. Wir hof­fen, dass unse­re Wor­te die Ohren der EU-Regie­run­gen errei­chen. Wir sind auf der Suche nach Frie­den für die Zukunft unse­rer Kin­der.“

Wei­ter­füh­ren­de Infor­ma­tio­nen zur Situa­ti­on in Grie­chen­land fin­den Sie hier im News­let­ter des RSPA-Pro­jekts Juli 2015

Wie grie­chi­sche Behör­den Hel­fe­rin­nen und Hel­fer von Flücht­lin­gen kri­mi­na­li­sie­ren (14.07.15)

Elend und bru­ta­le Gewalt an der maze­do­nisch-grie­chi­schen Gren­ze (10.07.15)

Huma­ni­tä­re Kata­stro­phe in der Ägä­is: Grie­chen­land geht in die Knie – EU ver­sagt (09.07.15)

„Die Situa­ti­on ist außer Kon­trol­le“ – RSPA-Bericht aus Grie­chen­land (17.06.15)

Flücht­lings­kri­se in der Ägä­is – Euro­pa lässt Grie­chen­land im Stich (16.06.15)