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Kein Familiennachzug mehr für syrische Flüchtlinge? Die Folge: Frauen und Kinder müssen die lebensgefährliche Flucht über das Mittelmeer antreten, denn sie können nicht mehr legal und gefahrenfrei nach Deutschland einreisen. Foto: UNHCR / I.Prickett

Innenminister de Maizière demontiert das Asylrecht: Syrische Flüchtlinge sollen nur noch subsidiären Schutz erhalten, subsidiär Schutzberechtigte ihre Familien nicht nachholen dürfen. Thomas de Maizière legt wieder einmal rechtswidrige, impraktikable und ethisch nicht vertretbare Pläne vor.

Zunächst schien es ein son­der­ba­rer Allein­gang von Innen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re zu sein (CDU): Syri­sche Flücht­lin­ge sol­len nur noch einen sub­si­diä­ren Sta­tus erhal­ten und damit soll, gemäß der Beschlüs­se der Gro­ßen Koali­ti­on von letz­ter Woche, der Fami­li­en­nach­zug für die Dau­er von zwei Jah­ren aus­ge­setzt wer­den. Doch die Unter­stüt­zung für de Mai­ziè­res Vor­schlag in den Rei­hen von CDU/CSU wächst. Die CSU und auch Finanz­mi­nis­ter Schäub­le (CDU) spra­chen sich für den Vor­schlag aus. Doch die­se Maß­nah­men sind rechts­wid­rig, wer­den das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) zum Kol­la­bie­ren brin­gen und Men­schen in den Tod trei­ben.

Sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­te haben ein Recht auf Fami­li­en­nach­zug

Unter die Grup­pe der sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten nach § 4 AsylG fal­len jene Flücht­lin­ge, denen in ihrem Her­kunfts­land ein ernst­haf­ter Scha­den droht (Todes­stra­fe, Fol­ter, unmensch­li­che oder ernied­ri­gen­de Behand­lung, ernst­haf­te indi­vi­du­el­le Bedro­hung). Seit dem 1. August 2015 sind sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­te hin­sicht­lich des Fami­li­en­nach­zugs den Flücht­lin­gen nach der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on in Deutsch­land gleich­ge­stellt (§ 25 Abs. 2 S. 1 Alt. 2,  § 26 Abs. 4, 29 Auf­en­thG). In den ers­ten drei Mona­ten nach der Aner­ken­nung ist der Fami­li­en­nach­zug ohne Siche­rung des Lebens­un­ter­halts oder aus­rei­chen­den Wohn­raums mög­lich. Eine pau­scha­le Aus­set­zung des Fami­li­en­nach­zugs für zwei Jah­re – ohne Ein­zel­fall­prü­fung – ist des­halb ohne Geset­zes­än­de­rung nicht mög­lich.

Auch die von de Mai­ziè­re pau­scha­le Abstu­fung von Flücht­lin­gen in den sub­si­diä­ren Schutz ist mit dem Recht nicht ver­ein­bar. Nach Art. 10 Abs. 2 der EU-Asyl­ver­fah­rens­richt­li­nie und nach dem indi­vi­du­el­len Recht auf Asyl im deut­schen Asyl­recht muss das BAMF zunächst bei jedem Asyl­be­wer­ber prü­fen, ob der/die Schutz­su­chen­de die Vor­aus­set­zun­gen für die Aner­ken­nung als Flücht­ling im Sin­ne der GFK erfüllt. Erst dann wird fest­ge­stellt, ob ein Anspruch auf sub­si­diä­ren Schutz besteht.

Das BAMF wird kol­la­bie­ren

Wel­che Kon­se­quenz hät­ten die Plä­ne des Innen­mi­nis­ters für das BAMF? Bis­her wer­den syri­sche Flücht­lin­ge in einem schrift­li­chen Ver­fah­ren als Flücht­lin­ge aner­kannt. Mit der Ände­rung müss­te das BAMF wie­der jeden Ein­zel­fall in einem Ver­fah­ren mit münd­li­cher Anhö­rung prü­fen. Das ohne­hin über­las­te­te BAMF wür­de in weni­gen Mona­ten voll­ends kol­la­bie­ren, die Asyl­ver­fah­rens­dau­er mas­siv stei­gen. Das Ziel, die Asyl­ver­fah­ren zu beschleu­ni­gen, wird damit voll­kom­men kon­ter­ka­riert. Von Janu­ar bis Juli 2015 sind laut EASY-Sta­tis­tik 243.721 Syrer ein­ge­reist. Auch wenn ein Teil von ihnen Deutsch­land in ande­re EU-Staa­ten ver­lässt, ist dies ein Hin­weis, dass das BAMF zusätz­li­che Arbeit auf­ge­bür­det bekommt. Gegen­wär­tig sind ins­ge­samt 328.207 Asyl­an­trä­ge von Schutz­su­chen­den aus allen Her­kunfts­staa­ten unbe­ar­bei­tet.

Recht­spre­chung: Syrer wer­den als Flücht­lin­ge aner­kannt

Auch die Recht­spre­chung steht den Plä­nen des Innen­mi­nis­ters ent­ge­gen. Syri­sche Flücht­lin­ge erhal­ten in Deutsch­land den GFK-Flücht­lings­schutz. Das BAMF wur­de seit 2014 von den Ober­ge­rich­ten gezwun­gen, den Flücht­lings­sta­tus zu ver­ge­ben. Zuvor hat­te das BAMF über­wie­gend sub­si­diä­ren Schutz gewährt. Im Jahr 2013 haben noch 63 % der Syre­rin­nen und Syrer sub­si­diä­ren Schutz erhal­ten, immer­hin 28 % den Flücht­lings­sta­tus. Im Jahr 2014 hat sich das Ver­hält­nis umge­dreht: 71 % haben den Flücht­lings­sta­tus erhal­ten, nur ca. 13 % den sub­si­diä­ren Schutz.

Die Ober­ge­rich­te haben die Fra­ge, ob syri­schen Flücht­lin­gen die nach Syri­en zurück­keh­ren, eine poli­ti­sche Ver­fol­gung droht, klar beant­wor­tet. Bei­spiels­wei­se hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Meck­len­burg-Vor­pom­mern in einem Urteil (2 L 16/13) fest­ge­stellt:

„Ein syri­scher Asyl­be­wer­ber ist, unab­hän­gig von einer Vor­ver­fol­gung, wegen sei­ner ille­ga­len Aus­rei­se aus Syri­en, der Asyl­an­trag­stel­lung und dem län­ge­ren Auf­ent­halt in Deutsch­land im Fal­le einer Rück­kehr bedroht. Sein Ver­hal­ten wird vom syri­schen Staat der­zeit als Aus­druck regi­me­feind­li­cher Gesin­nung auf­ge­fasst, und er hat bei einer Rück­kehr nach Syri­en mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit in Anknüp­fung an sei­ne tat­säch­li­che oder jeden­falls ver­mu­te­te poli­ti­sche Über­zeu­gung mit Ver­fol­gungs­maß­nah­men zu rech­nen.“

Men­schen wer­den in den Tod getrie­ben

Die Aus­set­zung des Fami­li­en­nach­zugs wür­de zudem unend­li­ches Leid pro­du­zie­ren. Nicht nur syri­sche, son­dern auch afgha­ni­sche Flücht­lin­ge und ande­re Flücht­lings­grup­pen, die sub­si­diä­ren Schutz erhal­ten, wer­den sich mit der gesam­ten Fami­lie auf den Weg über die töd­li­chen Rou­ten nach Deutsch­land machen. Alte, Kran­ke, Frau­en und Kin­der wer­den die Boo­te über die Ägä­is und das Mit­tel­meer bestei­gen – bereits jetzt wer­den jeden Tag tote Men­schen an den Küs­ten Euro­pas ange­spült. Die Gro­ße Koali­ti­on und ins­be­son­de­re der Innen­mi­nis­ter tra­gen die poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung für das Ster­ben an den Gren­zen.

Sym­bo­li­sches Zei­chen: „Deutsch­land will euch nicht“

Die Lis­te der recht­li­chen, prak­ti­schen, poli­ti­schen und ethi­schen Grün­de gegen das Vor­ha­ben de Mai­ziè­res Vor­ha­ben ist lang: Sein Vor­stoß hat aber einen sym­bo­li­schen Effekt. Der Innen­mi­nis­ter betreibt den Roll­back gegen­über der Hal­tung von Kanz­le­rin Ange­la Mer­kel und Kanz­ler­amts­mi­nis­ter Peter Alt­mai­er, kei­ne Ober­gren­zen beim Asyl zu zie­hen und zumin­dest bestimm­te Flücht­lings­grup­pen in Deutsch­land auf­zu­neh­men. Die Hal­tung soll sein: „Deutsch­land heißt Euch nicht will­kom­men.“

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