07.03.2013

Anläss­lich des heu­ti­gen Tref­fens des Rates Jus­tiz und Inne­res der EU for­dert ein brei­tes gesell­schaft­li­ches Bünd­nis von PRO ASYL, Dia­ko­nie Deutsch­land, Pari­tä­ti­schem Wohl­fahrts­ver­band, Arbei­ter­wohl­fahrt, Jesui­ten-Flücht­lings­dienst, Deut­schem Anwalt­ver­ein und Neu­er Rich­ter­ver­ei­ni­gung eine grund­le­gen­de Neu­aus­rich­tung der Ver­ant­wor­tungs­tei­lung für Flücht­lin­ge in der EU. Ange­sichts des Still­stan­des in der EU bei der Wei­ter­ent­wick­lung hin zu einer huma­ne­ren Flücht­lings­po­li­tik legen die Orga­ni­sa­tio­nen am heu­ti­gen Tag ein Memo­ran­dum mit dem Titel „Flücht­lings­auf­nah­me in der Euro­päi­schen Uni­on: Für ein gerech­tes und soli­da­ri­sches Sys­tem der Ver­ant­wort­lich­keit vor. Es soll eine Debat­te dar­über ansto­ßen, wie Euro­pa künf­tig mit Flücht­lin­gen umge­hen will. Denn das Memo­ran­dum führt vor Augen: Vie­le Asyl­su­chen­de blei­ben trotz Ankunft auf dem „siche­ren Boden“ der EU schutz­los und sind gezwun­gen, in dem für sie zustän­di­gen EU-Land zu ver­blei­ben oder dort­hin zurück­zu­keh­ren.

Beim heu­ti­gen Tref­fen des Rates Jus­tiz und Inne­res wird der Aus­bau der Kon­trol­le der EU-Außen­gren­zen durch soge­nann­te „Smart Bor­ders“ wei­ter vor­an­ge­trie­ben – wäh­rend die Abstim­mung über die Reform des „Gemein­sa­men Euro­päi­schen Asyl­sys­tems“ auf Eis liegt. Die unter­zeich­nen­den Orga­ni­sa­tio­nen appel­lie­ren an Rat und Euro­päi­sches Par­la­ment, die Zeit bis zur im Som­mer erwar­te­ten Abstim­mung zur Neu­re­ge­lung des EU-Asyl­zu­stän­dig­keits-Regel­wer­kes (der Dub­lin-Ver­ord­nung) zu nut­zen: Statt der geplan­ten Reform von Dub­lin II zu Dub­lin III, die die Grund­struk­tu­ren der Zustän­dig­keits­ver­tei­lung nicht antas­tet, brau­chen wir eine grund­le­gen­de Neu­aus­rich­tung der EU-Flücht­lings­po­li­tik, um die tief­grei­fen­de Kri­se des Gemein­sa­men Euro­päi­schen Asyl­sys­tems zu über­win­den.

Das Memo­ran­dum zeigt die tief­grei­fen­de Kri­se der euro­päi­schen Asyl­po­li­tik. Ursa­che ist das Dub­lin-Sys­tem, das den EU-Staa­ten an den Außen­gren­zen die Ver­ant­wor­tung für die Asyl­ver­fah­ren zuweist. Die­se wer­den über­pro­por­tio­nal bean­sprucht und sind viel­fach über­for­dert. Die Fol­ge: Flücht­lin­ge wer­den in Län­dern wie Grie­chen­land, Ita­li­en, Ungarn und Mal­ta zu Obdach­lo­sen gemacht, erle­ben schlimms­te Armut und Über­grif­fe. Viel­fach wer­den sie völ­ker­rechts­wid­rig inhaf­tiert. All dies führt zu gra­vie­ren­den Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen. In Bezug auf Grie­chen­land haben der Straß­bur­ger Men­schen­rechts­ge­richts­hof und der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on (EuGH) im Jahr 2011 ver­bind­lich fest­ge­stellt, dass Flücht­lin­ge aus men­schen­recht­li­chen Grün­den von ande­ren EU-Staa­ten aus dort­hin nicht abge­scho­ben wer­den dür­fen.

Mit dem Memo­ran­dum machen die unter­zeich­nen­den Orga­ni­sa­tio­nen einen eige­nen Vor­schlag für einen men­schen­recht­li­chen Umbau des Dub­lin-Sys­tems: Das heu­ti­ge maß­geb­li­che Kri­te­ri­um für die Asyl­zu­stän­dig­keit – der „Ort der ille­ga­len Ein­rei­se“ – muss gestri­chen wer­den. Ersetzt wer­den muss die­ses durch das „Prin­zip der frei­en Wahl des Mit­glied­staa­tes“. Asyl­su­chen­de sol­len also selbst bestim­men kön­nen, in wel­chem Land der EU sie den Antrag auf Schutz­ge­wäh­rung stel­len und ihr Asyl­ver­fah­ren durch­lau­fen möch­ten. Für einen sol­chen Sys­tem­wech­sel spre­chen meh­re­re Gesichts­punk­te: Das Prin­zip der frei­en Wahl wird dazu füh­ren, dass Asyl­su­chen­de dort hin­ge­hen, wo sie die Unter­stüt­zung ihrer Fami­li­en oder Com­mu­nities erhal­ten. Dies ist nicht nur für die Flücht­lin­ge von Vor­teil, son­dern führt auch dazu, dass sie sich bes­ser inte­grie­ren und zurecht­fin­den kön­nen. Außer­dem kön­nen Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen an Flücht­lin­gen ver­mie­den wer­den, wenn die­se nicht län­ger zum Auf­ent­halt in Län­dern gezwun­gen wer­den, die weder ein ordent­li­ches Asyl­sys­tem noch ein Min­dest­maß an men­schen­wür­di­ger Behand­lung für sie bereit­hal­ten. Aber auch prag­ma­ti­sche Aspek­te spre­chen für eine sol­ches Kon­zept: Wenn Asyl­su­chen­de nicht in EU-Staa­ten abge­scho­ben wer­den, in die sie nicht wol­len, wird ver­hin­dert, dass sie von einem EU-Land ins nächs­te wan­dern. Die soge­nann­te Sekun­där­wan­de­rung inner­halb der EU wird ver­mie­den. Kos­ten für büro­kra­ti­sche Ver­fah­ren zur Über­stel­lung von einem Land ins ande­re wer­den redu­ziert. Die unter Umstän­den ent­ste­hen­den Ungleich­ge­wich­te in der Aus­las­tung der Mit­glied­staa­ten kön­nen durch einen Euro­päi­schen Aus­gleichs­fonds kor­ri­giert wer­den.

Kommt es nicht zu dem gefor­der­ten Sys­tem­wech­sel, wird sich die asyl­po­li­ti­sche Kri­se in der EU wei­ter ver­schär­fen. Ver­ur­tei­lun­gen wegen Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen an Flücht­lin­gen wer­den wei­ter erfol­gen. Zeigt sich die Poli­tik hand­lungs­un­fä­hig und über­lässt sie es wie bis­her den Gerich­ten – den natio­na­len Gerich­ten sowie dem Straß­bur­ger Men­schen­rechts­ge­richts­hof oder dem Luxem­bur­ger EuGH – , wenigs­tens die schlimms­ten Fol­gen abzu­mil­dern, bedeu­tet dies für die Betrof­fe­nen jah­re­lan­ges Leid: Sie müs­sen lang­wie­ri­ge Ver­fah­ren auf sich neh­men bevor sie gehört wer­den und die Chan­ce haben, ihre Rech­te durch­zu­set­zen. Men­schen­rechts­schutz ist jedoch nicht nur Auf­ga­be der Gerich­te. Die von den poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen pro­du­zier­ten Pro­ble­me müs­sen auch durch poli­ti­sche Lösun­gen ange­gan­gen wer­den. Das Memo­ran­dum ver­steht sich als zivil­ge­sell­schaft­li­cher Impuls für einen Weg zu einem men­schen­wür­di­gen Umgang mit Flücht­lin­gen in der EU.

Memo­ran­dum Flücht­lings­auf­nah­me in der Euro­päi­schen Uni­on: Für ein gerech­tes und soli­da­ri­sches Sys­tem der Ver­ant­wort­lich­keit (pdf down­load)

Pres­se­er­klä­rung 7.3.2013

Memo­ran­dum Allo­ca­ti­on of refu­gees in the European Uni­on: for an equi­ta­ble, soli­da­ri­ty-based sys­tem of sharing respon­si­bi­li­ty

Press­re­lease 7.3.2013

 Blei­be­recht für die 72 afgha­ni­schen Ungarn-Flücht­lin­ge (12.11.13)

 Ungarn: Lage von Flücht­lin­gen ver­schärft sich zuneh­mend  (25.10.13)

 Euro­päi­scher Gerichts­hof für Men­schen­rech­te ver­ur­teilt Mal­ta und Zypern (24.07.13)

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