12.11.2013

Mit der Über­ga­be von mehr als 3.000 Unter­schrif­ten an das Innen­mi­nis­te­ri­um Baden-Würt­tem­berg for­dern Flücht­lin­ge und Unter­stüt­ze­rin­nen und Unter­stüt­zer heu­te ein Blei­be­recht für die Grup­pe der 72 aus Ungarn wei­ter­ge­flüch­te­ten Afgha­nin­nen und Afgha­nen. Die Betrof­fe­nen waren im Juni die­ses Jah­res auf­grund der men­schen­un­wür­di­gen Auf­nah­me- und Lebens­be­din­gun­gen von Flücht­lin­gen in Ungarn nach Baden-Würt­tem­berg wei­ter­ge­flo­hen. Nun droht ihnen die Abschie­bung nach Ungarn.

Flücht­lin­ge wer­den in Ungarn maxi­mal 12 Mona­te lang in einem „Pre-Inte­gra­ti­on-Camp“ unter­ge­bracht. Danach sind sie auf sich selbst gestellt. Für die meis­ten – vor allem für Fami­li­en – ist es nahe­zu unmög­lich, eine Woh­nung oder Arbeit zu fin­den, die Kin­der kön­nen nicht in die Schu­le gehen, es besteht kein Kran­ken­ver­si­che­rungs­schutz. Für die Mit­glie­der der „Karls­ru­her Grup­pe“ war die Zeit im „Pre-Inte­gra­ti­on-Camp“ Ende März abge­lau­fen – jeg­li­che finan­zi­el­le, medi­zi­ni­sche und sozia­le Unter­stüt­zung wur­de ihnen anschlie­ßend ent­zo­gen. Wie den meis­ten Geflüch­te­ten in Ungarn droh­te ihnen Obdach­lo­sig­keit. Die Flücht­lin­ge hat­ten sich des­halb an die unga­ri­sche Immi­gra­ti­ons­be­hör­de OIN und das Innen­mi­nis­te­ri­um gewandt, doch ohne Erfolg.

Zu ihrer Ent­schei­dung, Zuflucht in Deutsch­land zu suchen, erklär­ten sie in einer Stel­lung­nah­me gegen­über dem UN-Flücht­lings­hilfs­werk UNHCR: „Wir haben kei­ne ande­re Mög­lich­keit gese­hen, als zusam­men zu blei­ben und eine gemein­sa­me Lösung woan­ders zu suchen. Wir haben fest­ge­stellt, dass das euro­päi­sche Asyl­sys­tem nicht funk­tio­niert, es gibt kei­ne Gleich­be­hand­lung und glei­che Bedin­gun­gen für Asyl­su­chen­de und Flücht­lin­ge in Euro­pa.“

Die Betrof­fe­nen wur­den in Ungarn als Flücht­lin­ge aner­kannt oder haben einen „sub­si­diä­ren Schutz“ erhal­ten. Das euro­päi­sche Asyl­recht sieht vor, dass die Betrof­fe­nen daher in Ungarn blei­ben müs­sen. Auf­grund der deso­la­ten Situa­ti­on von Flücht­lin­gen in Ungarn sind Abschie­bun­gen dort­hin jedoch nicht zu ver­ant­wor­ten. In Ungarn dro­hen Flücht­lin­gen Obdach­lo­sig­keit und ras­sis­ti­sche Über­grif­fe, Asyl­su­chen­den droht die Inhaf­tie­rung. Das bele­gen unter ande­rem Berich­te von bordermonitoring.eu und PRO ASYL: eine aktu­el­le Recher­che zeigt, dass sich an den Anfang 2012 umfang­reich doku­men­tier­ten Ver­hält­nis­sen nur wenig geän­dert hat.

Dem tra­gen auch Ver­wal­tungs­ge­rich­te Rech­nung. Einem Teil der Betrof­fe­nen gewähr­ten Ver­wal­tungs­ge­rich­te mit Ver­weis auf die unzu­mut­ba­ren Lebens­ver­hält­nis­se in Ungarn einen Eil­rechts­schutz gegen die Rück­über­stel­lung, ande­re Ver­wal­tungs­ge­rich­te lehn­ten ent­spre­chen­de Anträ­ge ab. Obwohl die über­wie­gend posi­ti­ven Gerichts­ent­schei­de bele­gen, dass die in den Eil­an­trä­gen for­mu­lier­ten Zwei­fel an men­schen­wür­di­gen Lebens­be­din­gun­gen für Flücht­lin­ge in Ungarn berech­tigt sind, ver­such­te das Regie­rungs­prä­si­di­um Karls­ru­he in der ver­gan­ge­nen Woche mit den Rück­über­stel­lun­gen zu begin­nen.

Die Betrof­fe­nen, ihre Unter­stüt­ze­rin­nen und Unter­stüt­zer vor Ort, der Flücht­lings­rat Baden-Würt­tem­berg und PRO ASYL for­dern die Lan­des­re­gie­rung auf, eine huma­ni­tä­re Lösung zu fin­den und dafür ein­zu­tre­ten, dass Abschie­bun­gen nach Ungarn bun­des­weit aus­ge­setzt wer­den. Für die 72 afgha­ni­schen Flücht­lin­ge for­dern die Betrof­fe­nen und ihre Unter­stüt­ze­rin­nen und Unter­stüt­zer: Blei­be­recht für alle Mit­glie­der der Grup­pe – zunächst bis zum Abschluss der Gerichts­ver­fah­ren! Kei­ne Rück­füh­rung nach Ungarn! Kei­ne Abschie­bung nach Afgha­ni­stan!

Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen:

www.stop-deportation.de: Ers­ter Erfolg der Eil­kam­pa­gne: Abschie­bun­gen wur­den vor­erst gestoppt

PRO ASYL-Bericht: „Ungarn: Flücht­lin­ge zwi­schen Haft und Obdach­lo­sig­keit“ – März 2012 (PDF)

PRO ASYL-Bericht: „Ungarn: Flücht­lin­ge zwi­schen Haft und Obdach­lo­sig­keit“ – Update Okto­ber 2013

 Ungarn: Lage von Flücht­lin­gen ver­schärft sich zuneh­mend  (25.10.13)

 Flücht­lings­auf­nah­me in der EU: Brei­tes gesell­schaft­li­ches Bünd­nis for­dert grund­le­gen­de Neu­aus­rich­tung der Ver­ant­wor­tungs­tei­lung (07.03.13)

 UNHCR belegt Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen im unga­ri­schen Asyl­sys­tem (24.04.12)

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