04.04.2012

Anläss­lich des 20.Jahrestages der Rati­fi­zie­rung der UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on durch Deutsch­land üben PRO ASYL und die Kam­pa­gne „Jetzt erst Recht(e) für Flücht­lings­kin­der“ schar­fe Kri­tik an der Regie­rungs­ko­ali­ti­on, die es trotz Rück­nah­me der deut­schen Vor­be­hal­te im Jahr 2010 nicht ver­moch­te, die allen Kin­dern zuge­si­cher­ten Men­schen­rech­te auch für Flücht­lings­kin­der in Deutsch­land unein­ge­schränkt umzu­set­zen. 

PRO ASYL-Vor­stands­mit­glied Hei­ko Kauffmann nann­te es eine „Mogel­pa­ckung“, wenn Poli­ti­ker die Rati­fi­zie­rung der Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on als „Stern­stun­de für Kin­der- und Men­schen­rech­te“ fei­er­ten, die­se aber für Flücht­lings­kin­der durch den man­geln­den Umset­zungs­wil­len der Poli­tik uner­reich­bar blie­ben.

Kauffmann und der Schirm­herr der Kam­pa­gne „Jetzt erst Recht(e) für Flücht­lings­kin­der“, Prof. Dr. Lothar Krapp­mann, for­der­ten Bun­des­re­gie­rung und Bun­des­tag auf, der Fei­er­tags­rhe­to­rik end­lich Taten fol­gen zu las­sen: “Wir for­dern die vor­be­halt­lo­se Aner­ken­nung und umfas­sen­de Gel­tung der Kin­der­rech­te für alle Kin­der, die Ver­an­ke­rung des Kin­des­wohls als Grund­prin­zip und Leit­mo­tiv der Kon­ven­ti­on in allen Kin­der­flücht­lin­ge betref­fen­den Rege­lun­gen – z.B. im Auf­ent­halts­ge­setz, Asyl­ver­fah­rens­ge­setz, im Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz und in der Sozi­al­ge­setz­ge­bung!“

Krapp­mann mahn­te die „täg­li­che Ver­pflich­tung“ der Bun­des­re­pu­blik an, „alle Kin­der auf ihrem Grund und Boden gleich zu behan­deln. Es ist der Kern­satz der Kon­ven­ti­on, dem Wohl der Kin­der Vor­rang zu geben. In behörd­li­chen Ent­schei­dun­gen über Flücht­lings­kin­der wird das Wohl der Kin­der nicht ein­mal erwähnt. Die BRD hat kei­ne ande­re Idee, als die­se Kin­der los­zu­wer­den und lie­fert sie einem unge­wis­sen, meist erbärm­li­chen Schick­sal aus.“ Krapp­mann ver­wies auf die jüngst erschie­ne UNICEF-Stu­die über in den Koso­vo abge­scho­be­ne Kin­der, nach der fast die Hälf­te der Kin­der unter Depres­sio­nen lit­ten, je ein Vier­tel von ihnen kei­ne Zukunft sähe oder Selbst­mord­ge­dan­ken hät­te.

Scharf kri­ti­sier­te PRO ASYL die Abschie­bungs- und Behör­den­pra­xis der Län­der, Fami­li­en aus­ein­an­der­zu­rei­ßen und auf Dau­er zu tren­nen – ohne Beach­tung und Abwä­gung des Kin­des­wohls, des Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­sat­zes und der völ­ker­recht­lich gebo­te­nen Schutz­rech­te der Fami­lie. Kauffmann nann­te als Bei­spiel das Schick­sal der Fami­lie Sia­la / Sala­me in Hil­des­heim. Die Fami­lie wur­de durch die Abschie­bung der schwan­ge­ren Mut­ter Gaza­le Sala­me und ihres Klein­kin­des in die Tür­kei aus­ein­an­der­ge­ris­sen. Zurück blieb Vater Ahmed Sia­la mit den bei­den älte­ren, in Deutsch­land gebo­re­nen Töch­tern. Der in Izmir gebo­re­ne Gazi hat Vater und Geschwis­ter noch nie ken­nen­ler­nen dür­fen.

Kauffmann nann­te es „eine Schan­de für den Rechts­staat und die poli­ti­sche Kul­tur die­ses Lan­des, dass – unter Hint­an­stel­lung huma­ni­tä­rer und men­schen­recht­li­cher Erwä­gun­gen – eine schwan­ge­re Mut­ter mit Kleinst­kind abge­scho­ben wur­de und die Fami­lie inzwi­schen über sie­ben Jah­re von­ein­an­der getrennt leben muss, ohne dass sich die ver­ant­wort­li­chen Lan­des- und Regie­rungs­stel­len des Lan­des Nie­der­sach­sen in der Lage sehen, die­ser Zer­mür­bung und Zer­stö­rung einer Fami­lie und der fort­ge­setz­ten Miss­ach­tung des Kinds­wohls und des Schut­zes der Fami­lie Ein­halt zu gebie­ten!“

Kauffmann und Krapp­mann appel­lier­ten ein­dring­lich an den Minis­ter­prä­si­den­ten des Lan­des Nie­der­sach­sen, David McAl­lis­ter, die­sem „zer­stö­re­ri­schen und rechts­wid­ri­gen Tun“ nicht län­ger zuzu­se­hen und sich mit allem Nach­druck und aller Ener­gie dafür ein­zu­set­zen, die umge­hen­de Rück­kehr von Gaza­le Sala­me mit ihren Kin­dern Schams und Gazi zu ermög­li­chen und damit die über sie­ben­jäh­ri­ge Tren­nung der Fami­lie zu been­den und ihr ein dau­er­haf­tes Blei­be­recht zu gewäh­ren.

Die Kam­pa­gne „Jetzt erst Recht(e) für Flücht­lings­kin­der“ und PRO ASYL for­dern einen „wachen, sen­si­ble­ren und geschärf­ten“ Blick auf die Ursa­chen von Flucht und auf das Leid der Betrof­fe­nen und wei­sen dar­auf hin, dass der euro­päi­sche Umgang mit schutz­su­chen­den Kin­dern per­ma­nent deren Rech­te ver­letzt. Flücht­lings­kin­der gehör­ten zu den Haupt­leid­tra­gen­den einer ver­fehl­ten deut­schen und euro­päi­schen Flücht­lings­po­li­tik.

Der 20. Jah­res­tag der Rati­fi­zie­rung der UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on durch Deutsch­land, so Krapp­mann und Kauffmann abschlie­ßend, müs­se Mah­nung und Ansporn für die Zivil­ge­sell­schaft sein, in ihrem Ein­satz für die unein­ge­schränk­te Gel­tung der Kin­der­rech­te aller Kin­der in Deutsch­land und Euro­pa nicht nach­zu­las­sen, hart­nä­ckig Defi­zi­te zu benen­nen, die Dis­kre­panz zwi­schen Recht und Rea­li­tät immer wie­der auf­zu­zei­gen und Poli­tik und Gesell­schaft für einen enga­gier­ten Ein­satz zur Ein­hal­tung der Kin­der- und Men­schen­rech­te wach­zu­rüt­teln.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen:

- Kam­pa­gne „Jetzt erst Recht(e) für Flücht­lings­kin­der“
http://www.jetzterstrechte.de/die-kampagne/die-kampagne.html              

 – Bro­schü­re „Kin­der­rech­te ernst neh­men“:
http://is.gd/Kinderrechte_ernst_nehmen

 – UNICEF-Stu­die „Alp­traum Abschie­bung“: http://www.unicef.de/aktuelles/2012/03/28/alptraum-abschiebung/

 – DRK-Bro­schü­re „Kin­der­rech­te für min­der­jäh­ri­ge Flücht­lin­ge und Migran­ten“ http://is.gd/DRK_Kinderrechte

 – Infor­ma­tio­nen zum Fall der Fami­lie Sia­la / Sala­me:
http://www.nds-fluerat.org/infomaterial/gazale-salame/

 EU- Innen­mi­nis­ter­tref­fen am 8. März: Deutsch­land blo­ckiert Ver­bes­se­run­gen für Flücht­lings­kin­der (06.03.12)

 Bun­des­tags­de­bat­te zu Kin­der­rech­ten (20.01.12)

 Mah­nung zum Jah­res­tag der UN – Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on:  (17.11.11)

 PRO ASYL for­dert zum Welt­kin­der­tag: UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on end­lich umset­zen! (19.09.11)

 Kin­der­rech­te auch für Flücht­lings­kin­der – Deutsch­land muss UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on end­lich umset­zen (14.07.11)

 Kam­pa­gnen­start „Jetzt erst Recht(e) für Flücht­lings­kin­der!“ (31.05.11)

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