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Das Flüchtlingscamp Kara Tepe auf der griechischen Insel Lesbos. Foto: UNHCR

Dr. med. Arndt Dohmen war mit der Organisation Medical Volunteers International sieben Wochen lang im Flüchtlingscamp Mavrovouni auf der Insel Lesbos, um dort als Arzt zu helfen. In seinem Gastbeitrag für PRO ASYL zieht er Bilanz.

Einen Tag vor mei­ner Rück­rei­se aus Les­bos hat der rus­si­sche Über­fall auf die Ukrai­ne begon­nen, der auch unser sicher geglaub­tes Leben in Frie­den und Frei­heit auf abseh­ba­re Zeit bedroht. In die­ser Zeit ver­lie­ren ande­re Ereig­nis­se an Bedeu­tung und so gerät auch das Schick­sal der nicht weni­ger bedroh­ten Men­schen aus ande­ren Tei­len der Welt, die an den süd­li­chen Außen­gren­zen unse­res Kon­ti­nents eben­falls auf unse­re Soli­da­ri­tät hof­fen, aus dem Blick. Mit dem fol­gen­den Bericht möch­te ich einen Ein­blick geben in das trost­lo­se Leben ohne Zukunfts­per­spek­ti­ve, das die Men­schen in den grie­chi­schen Flücht­lings­la­gern führen.

Lang­sam schau­kelt mich die Fäh­re durch die unru­hi­gen Wel­len der Ägä­is von Les­bos zurück nach Pirä­us und erneut lie­gen sie­ben Wochen hin­ter mir, in denen ich mit dem Team der Medi­cal Vol­un­te­ers Inter­na­tio­nal bei der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung der Flücht­lin­ge im Camp Kara Tepe (heu­ti­ger Name: Mav­ro­vouni Camp) gehol­fen habe. Vor genau einem Jahr war ich zum ers­ten Mal auf die­ser Insel, und die Ein­drü­cke von damals hat­ten mich das gan­ze Jahr über nicht los­ge­las­sen: die dra­ma­ti­schen Schick­sa­le der Men­schen, ihre Hoff­nun­gen auf und ihre Ent­täu­schung über Euro­pa nach der Ankunft in see­un­taug­li­chen, über­füll­ten Schlauch­boo­ten.  Damals wie heu­te lan­det nur ein Vier­tel der Men­schen, die in der Tür­kei gestar­tet sind, wirk­lich in Grie­chen­land, weil die grie­chi­sche Küs­ten­wa­che gemein­sam mit der euro­päi­schen Grenz­po­li­zei Fron­tex die meis­ten Men­schen mit Gewalt wie­der zurück­drängt aufs Meer und in die Tür­kei, die für  vie­le nur eine der end­lo­sen Sta­tio­nen ist auf dem lebens­ge­fähr­li­chen Flucht­weg aus ihren Heimatländern.

Abgeschoben nach Afghanistan an Seehofers 69. Geburtstag 

Wie­der bin ich nach der Ankunft gleich ins Camp zur ers­ten Sprech­stun­de gefah­ren. Für mich war die­ser ers­te Tag geprägt vom Wie­der­se­hen mit eini­gen Leu­ten, die ich vom letz­ten Jahr schon kann­te. Einer die­ser Bekann­ten war unser afgha­ni­scher Dol­met­scher, der am 69. Geburts­tag unse­res ehe­ma­li­gen Innen­mi­nis­ters See­hofer nach meh­re­ren Jah­ren, in denen er in Deutsch­land zur Schu­le gegan­gen war, im Abschie­be­flie­ger nach Afgha­ni­stan geses­sen hat­te. Damals hieß es, nur straf­fäl­li­ge Men­schen sei­en abge­scho­ben wor­den. Sein Ver­ge­hen: Er war 18 Jah­re gewor­den und hat­te nun als Erwach­se­ner kein Anrecht mehr, bei sei­ner Fami­lie in Deutsch­land zu blei­ben. Er war nicht ein­mal in Afgha­ni­stan gebo­ren, denn sei­ne Fami­lie war schon wäh­rend der ers­ten Tali­b­an­herr­schaft in den Iran geflo­hen. Nichts ver­band ihn also mit die­sem Land, und so mach­te er sich schon bald wie­der auf den Weg zur zwei­ten Flucht über die Tür­kei, wo er elf Anläu­fe brauch­te, um unbe­merkt von der grie­chi­schen Grenz­wa­che wie­der euro­päi­schen Boden zu erreichen.

Es war beschä­mend, als Deut­scher von ihm über­aus herz­lich begrüßt zu wer­den, und es wird mir in Erin­ne­rung blei­ben, mit wel­cher Fröh­lich­keit er auch jetzt wie­der unser Team durch sei­ne Über­set­zun­gen unter­stütz­te, obwohl sei­ne Lebens­per­spek­ti­ve wei­ter­hin hoff­nungs­los ist, denn zwei­mal war sein Asyl­an­trag inzwi­schen wie­der abge­lehnt wor­den. Erst die aktu­el­le Tali­b­an­herr­schaft macht sei­ne per­sön­li­chen Aus­sich­ten auf eine posi­ti­ve Asy­l­ent­schei­dung deut­lich wahr­schein­li­cher. Solan­ge lebt er aber ille­gal in Grie­chen­land, und jede Poli­zei­kon­trol­le kann erneut dra­ma­ti­sche Kon­se­quen­zen haben.

Die Apo­the­ke im Camp. Foto: Dr. med. Arndt Dohmen
Das Lager Fylakios in der Evros-Region
Das Lager Fyla­kio in der Evros-Regi­on, nahe der grie­chisch-tür­ki­schen Gren­ze. Foto: UNHCR / Achil­leas Zavallis
Grenzmauer in der Evros-Region
Die neue Grenz­mau­er in der Evros-Regi­on. Foto: pic­tu­re alli­an­ce / ASSOCIATED PRESS / Gian­nis Papanikos

Abdullah entwickelte eine App für eine improvisierte Apotheke

Auch Abdul­lah aus Afri­ka gehör­te zu mei­nen Bekann­ten vom ver­gan­ge­nen Jahr, der trotz Ableh­nung des eige­nen Asyl­an­tra­ges sein gro­ßes Orga­ni­sa­ti­ons­ta­lent jeden Tag sei­nen Mit­men­schen und uns NGOs zur Ver­fü­gung stellt, weil er eine zen­tra­le Koor­di­na­ti­ons­funk­ti­on in der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung inne­hat und wesent­li­chen Anteil dar­an, dass sich die chao­ti­sche Medi­ka­men­ten­la­ge­rung des letz­ten Jah­res inzwi­schen zu einer pro­fes­sio­nell geführ­ten Apo­the­ke ent­wi­ckelt hat, für deren Lager­hal­tung er sogar eine eige­ne App ent­wi­ckelt hat, die wir alle tag­täg­lich in der Sprech­stun­de benutzen.

Gera­de unse­re Dol­met­scher, die über­wie­gend selbst seit lan­gem als Betrof­fe­ne im Camp leben, wer­den durch die Zusam­men­ar­beit mit den ver­schie­de­nen NGOs haut­nah mit extrem unge­recht ver­teil­ten Lebens­chan­cen kon­fron­tiert, denn wir Frei­wil­li­gen kom­men auf­grund eige­ner Ent­schei­dung auf die Insel und tei­len eini­ge Wochen den All­tag mit ihnen, bevor wir nach einem manch­mal emo­tio­na­len Abschied wie­der in unse­re pri­vi­le­gier­te Welt zurückfliegen.

Warum nur noch wenige Flüchtlinge auf Lesbos ankommen

  • Vor einem Jahr wur­den Geneh­mi­gun­gen zur Wei­ter­rei­se aufs Fest­land sehr restrik­tiv gehand­habt – medi­zi­ni­sche Grün­de wur­den nur aner­kannt, wenn es sich um lebens­be­droh­li­che Erkran­kun­gen han­del­te, die auf der Insel nicht behan­delt wer­den kön­nen. Inzwi­schen hat sich die poli­ti­sche Linie der Regie­rung in die­sem Punkt geän­dert. Jetzt ist es das Ziel, mög­lichst kei­ne Flücht­lin­ge mehr län­ger­fris­tig auf den Inseln zu behal­ten, son­dern vie­le aktiv auf das Fest­land zu schi­cken in der Hoff­nung, dass die Men­schen Grie­chen­land mög­lichst schnell den Rücken keh­ren. Und so ist die Flücht­lings­po­li­tik auch kon­se­quent auf Abschre­ckung aus­ge­rich­tet, denn aner­kann­te Flücht­lin­ge müs­sen inner­halb von spä­tes­tens 30 Tagen die Unter­künf­te in den Camps ver­las­sen, bekom­men par­al­lel dazu aber alle Hil­fen gestri­chen nach dem Grund­satz, dass jede*r selbst für sein/ihr Leben verantwortlich.
  • Die sys­te­ma­ti­schen Zurück­wei­sun­gen (soge­nann­te Push­backs) der ankom­men­den Flücht­lin­ge sind in den letz­ten Mona­ten wei­ter ver­schärft wor­den. Kon­zen­trier­te sich frü­her die Küs­ten­wa­che dar­auf, Boo­te auf dem Meer auf­zu­brin­gen und mit teil­wei­se gewag­ten Manö­vern in Rich­tung Tür­kei abzu­drän­gen, so wer­den jetzt auch Men­schen, die schon die Insel erreicht haben, wie­der in die Boo­te zurück­ge­zwun­gen und in Rich­tung Tür­kei geschleppt. Im Camp ist uns auf­ge­fal­len, was uns auch von ande­ren Stel­len bestä­tigt wur­de: Die Push­backs erfol­gen unter­schied­lich hart je nach Natio­na­li­tät der Boots­in­sas­sen. Afghan*innen wer­den beson­ders häu­fig abge­wie­sen. Neu­an­kömm­lin­ge kom­men inzwi­schen fast nur noch aus afri­ka­ni­schen Län­dern, wäh­rend das bis­her häu­figs­te Her­kunfts­land Afgha­ni­stan bei den neu Ankom­men­den kaum noch ver­tre­ten ist. Das Kal­kül dahin­ter ist lei­der sehr offen­sicht­lich: Asyl­an­trä­ge von Afghan*innen wer­den seit der Macht­über­nah­me der Tali­ban fast aus­nahms­los aner­kannt, die­se Men­schen blei­ben also für lan­ge Zeit in Grie­chen­land. Afri­ka­ni­sche Flücht­lin­ge haben dage­gen schlech­te Aus­sich­ten auf Aner­ken­nung und kön­nen so ohne län­ger­fris­ti­ge Fol­gen den Asyl­pro­zess durch­lau­fen, um am Ende ganz legal mit gül­ti­gem Ableh­nungs­be­scheid abge­scho­ben zu werden.

Die all­täg­li­chen Lebens­be­din­gun­gen im Camp haben sich inner­halb des letz­ten Jah­res ver­bes­sert. Bedingt durch die rück­läu­fi­ge Bele­gung kön­nen Fami­li­en weit­ge­hend in klei­nen Con­tai­nern unter­ge­bracht wer­den und haben damit ein Mini­mum an Pri­vat­sphä­re. Nur allein­ste­hen­de Män­ner woh­nen wei­ter­hin in gro­ßen Zel­ten mit unzu­rei­chen­der Abgren­zung der ver­schie­de­nen Wohn­be­rei­che. Allein leben­de Män­ner sind nicht nur in die­ser Hin­sicht inzwi­schen die am meis­ten benach­tei­lig­te Grup­pe unter den Flücht­lin­gen geworden.

  • Män­ner wer­den von ihren Fami­li­en oft allein auf die Flucht geschickt, denn in der wirt­schaft­li­chen Not reicht das Geld nicht zur Bezah­lung der Schleu­ser für eine gan­ze Fami­lie. Mit die­ser Ent­schei­dung ver­bun­den ist der Anspruch der Fami­lie, dass die Män­ner nach Ankunft in Euro­pa regel­mä­ßig einen Teil ihres Arbeits­loh­nes nach Hau­se schi­cken, um die zurück­blei­ben­de Fami­lie öko­no­misch zu unter­stüt­zen. Miss­lingt die Flucht und schaf­fen die Män­ner es nicht, die an sie gestell­ten Erwar­tun­gen durch die Fami­lie zu erfül­len, ist das mit gro­ßen Ver­sa­gens­vor­wür­fen durch die daheim Gebliebenen.
  • Allein­ste­hen­de Män­ner wer­den auf der gan­zen Flucht beson­ders schlecht behan­delt, und auch die vie­len NGOs, die sich in den ver­schie­de­nen Län­dern um die Inte­gra­ti­on von Geflüch­te­ten küm­mern, haben vie­le beson­de­re Hilfs­an­ge­bo­te für Kin­der und Müt­ter sowie auch für Min­der­jäh­ri­ge und Fami­li­en, fast kei­ne aber hat den Fokus ihrer Unter­stüt­zungs­maß­nah­men auf allein­ste­hen­de Män­ner gerich­tet. Auf­grund die­ser Erfah­rung haben sich die Medi­cal Vol­un­te­ers Inter­na­tio­nal inzwi­schen beson­ders auf die psy­cho­lo­gi­sche Unter­stüt­zung für die­se Gruppe.

Gab es in der beeng­ten räum­li­chen Situa­ti­on im Lager vor einem Jahr über­haupt kei­ne kul­tu­rel­len oder sport­li­chen Frei­zeit­an­ge­bo­te, so steht heu­te etwas abseits der Wohn­con­tai­ner und Zel­te auf der Anhö­he ein Fuß­ball­platz zur Ver­fü­gung und außer­halb des Camps kön­nen die Bewohner*innen auch ande­re Frei­zeit­an­ge­bo­te wahrnehmen.

Die Strom­ver­sor­gung ist sta­bi­ler als im letz­ten Jahr, eben­falls eine Fol­ge der abneh­men­den Bele­gung, weil die Gene­ra­to­ren sel­te­ner über­las­tet sind. Flie­ßen­des Was­ser gibt es noch immer nicht, die Ver­sor­gung erfolgt über Tank­wa­gen, die die ver­schie­de­nen Sam­mel­stel­len regel­mä­ßig wie­der mit Was­ser beliefern.

Afghanischer Ingenieur gründet Schule im Camp

Nach einem Brand­an­schlag auf eine Schu­le für Flücht­lin­ge etwas außer­halb des Camps hat­ten die Kin­der lan­ge kei­ne Mög­lich­keit mehr, zur Schu­le zu gehen.  Sie wur­de erst im ver­gan­ge­nen Som­mer wie­der in Betrieb genom­men. Es gibt aber noch eine zwei­te Schu­le im Mav­ro­vouni Camp und deren Grün­dung gehört zu den schöns­ten Geschich­ten, die ich aus dem sonst so trost­lo­sen Camp-All­tag berich­ten kann.

2019 kam ein jun­ger afgha­ni­scher Inge­nieur als Flücht­ling nach Moria. Er bemerk­te sofort, wie bil­dungs­hung­rig die meis­ten Kin­der aber auch vie­le Erwach­se­ne waren und wie sehr sie dar­un­ter lit­ten, kein aus­rei­chen­des Ange­bot zum Ler­nen zu bekom­men. Es dau­er­te gera­de mal einen Monat, bis die­ser jun­ge Mann eine klei­ne Schu­le aus dem Nichts grün­de­te. Es gab kei­ne Räu­me, kei­ne Hef­te, kei­ne Stif­te und erst recht kei­ne Lehr­bü­cher. Um die­sem Man­gel wenigs­ten ein biss­chen abzu­hel­fen, leg­te er zunächst von den 75 Euro, die ihm als Camp­be­woh­ner monat­lich zuste­hen, einen klei­nen Betrag zur Sei­te und besorg­te so die wich­tigs­ten Lehr­ma­te­ria­li­en. Statt Bücher zu kau­fen, stell­te er selbst ein klei­nes Lern­heft zusam­men, das er kopie­ren und den Schüler*innen so zur Ver­fü­gung stel­len konnte.

Die Lager­lei­tung stand dem gan­zen Pro­jekt ableh­nend gegen­über und for­der­te ihn auf, die ille­ga­le Schu­le zu schlie­ßen. Dage­gen wehr­te er sich hart­nä­ckig und mit guten Argu­men­ten, und so erreich­te er die Ein­be­ru­fung einer Kon­fe­renz, die über die Zukunft sei­nes Pro­jekts ent­schei­den soll­te und an der auch loka­le Fach­leu­te und Politiker*innen teil­nah­men. Er ver­tei­dig­te sei­ne Schul­idee und es gelang ihm, die Schlie­ßung zu ver­hin­dern. Mit Begeis­te­rung und Aus­dau­er hat er die selbst­ver­wal­te­te »Star School« inzwi­schen aus­ge­baut und unter­rich­tet mit der­zeit 14 Lehrer*innen unge­fähr 300 Schüler*innen aller Alters­klas­sen in den Fächern Eng­lisch, Deutsch, Far­si, Mathe­ma­tik, Kunst und Sport. Dar­über hin­aus gibt er am Wochen­en­de auch Gitarrenunterricht.

Belastende Erzählungen von Folter in medizinischen Sprechstunden

Der orga­ni­sa­to­ri­sche Ablauf unse­rer all­ge­mein­me­di­zi­ni­schen Sprech­stun­de war ähn­lich wie im ver­gan­ge­nen Jahr. Unse­re zwei Medizinstudent*innen teil­ten die Patient*innen bei der Ankunft ein nach Dring­lich­keit und nach fach­li­cher Zuord­nung zu den par­al­lel ange­bo­te­nen Sprech­stun­den für Grund­ver­sor­gung, für chro­ni­sche Erkran­kun­gen, für Päd­ia­trie und Gynäkologie/ Geburts­hil­fe. Die medi­zi­ni­schen Auf­ga­ben in der Sprech­stun­de ent­spre­chen im Wesent­li­chen der Tätig­keit in einer All­ge­mein­pra­xis bei uns in Deutschland.

Sehr belas­tend sind aber die unvor­stell­bar grau­sa­men Schick­sa­le, mit denen wir im Gespräch mit unse­ren Patient*innen kon­fron­tiert waren. Fol­te­run­gen, oft in Gefäng­nis­sen über meh­re­re Mona­te hin­weg, sind eine der wich­tigs­ten Ursa­chen anhal­ten­der und teil­wei­se uner­träg­li­cher Schmer­zen, über die unse­re Patient*innen klag­ten. Auch alte Frak­tu­ren, die durch Fol­ter ent­stan­den sind und nie ange­mes­sen behan­delt wur­den, habe ich immer wie­der gese­hen. Wegen des nur ein­ge­schränk­ten Zugangs zur staat­li­chen Gesund­heits­ver­sor­gung wer­den in Grie­chen­land sol­che Fol­ter­fol­gen in der Regel nur sym­pto­ma­tisch mit Schmerz­me­di­ka­ti­on behan­delt, und so ver­ord­ne­ten wir wie in der Ver­gan­gen­heit kilo­wei­se Par­acet­amol und Ibu­profen – im Bewusst­sein, damit die schlech­tes­te Art der medi­zi­ni­schen Behand­lung zu betrei­ben. Schwers­ten Schmerz­zu­stän­den, die mit den ein­fa­chen Schmerz­me­di­ka­men­ten gar nicht gelin­dert wer­den kön­nen, stan­den wir hilf­los gegen­über, denn es ist in Grie­chen­land bei har­ten Stra­fen ver­bo­ten, Opio­ide zu ver­ord­nen, wenn man dazu kei­ne staat­li­che Auto­ri­sie­rung hat, über die auch kei­ner der grie­chi­schen Ärz­ten im Camp verfügte.

Auch ohne die­se gesetz­lich beding­ten Ein­schrän­kun­gen war die Zusam­men­ar­beit mit den für das Camp offi­zi­ell zustän­di­gen grie­chi­schen Ärz­ten sehr frus­trie­rend. Anders als im letz­ten Jahr hat­ten jetzt ein Chir­urg und ein Uro­lo­ge das Sagen, und wir waren von deren Geneh­mi­gung abhän­gig, sobald irgend­ei­ne Unter­su­chung oder Behand­lung außer­halb des Camps in Fach­arzt­pra­xen oder im Kran­ken­haus Myti­li­ni erfor­der­lich wurde.

Ein Pati­ent mit Magen­darm­blu­tung seit meh­re­ren Mona­ten, der bei der ers­ten Vor­stel­lung in unse­rer Ambu­lanz bereits eine aus­ge­präg­te Blut­ar­mut hat­te, wur­de trotz drin­gen­der Bit­te nicht zur Magen­spie­ge­lung und zur wei­te­ren Behand­lung ins Kran­ken­haus über­wie­sen, statt­des­sen  ver­ord­ne­te der grie­chi­sche Uro­lo­ge über zwei  Wochen Eisen­ta­blet­ten mit der Begrün­dung, bei dem Aus­maß der Blut­ar­mut sei eine Magen­spie­ge­lung zu gefähr­lich. Als nach einer Woche die­ser Behand­lung die Blut­ar­mut noch wei­ter zuge­nom­men hat­te und der Pati­ent bereits über Schwin­del und stän­di­ge Müdig­keit klag­te, mein­te der­sel­be Arzt, sei­ne Schwä­che lie­ge dar­an, dass dem Pati­en­ten das Essen im Lager nicht schme­cke, und über­haupt sei ein leich­ter Blut­ver­lust gar nicht so sel­ten. Eine Über­wei­sung ins Kran­ken­haus jetzt am Frei­tag­nach­mit­tag sei außer­dem nicht sinn­voll, denn die ent­schei­den­den Ärz­te sei­en gar nicht mehr im Dienst, es gebe nur „klei­ne“ Ärz­te, die nichts ent­schei­den könn­ten. Ob  es am Ende mei­ne Fas­sungs­lo­sig­keit war oder das gute Zure­den einer neben ihm sit­zen­den Kran­ken­schwes­ter – die­se Unter­hal­tung auf Grie­chisch ver­stand ich nicht – schließ­lich zück­te er etwas ent­nervt sei­nen Stift und füll­te das nöti­ge Über­wei­sungs­for­mu­lar aus. Zusam­men mit einem Kol­le­gen nah­men wir den Pati­en­ten dann sofort in unse­rem klei­nen Dienst­wa­gen mit und brach­ten ihn ins Krankenhaus.

Auf dem Weg vom Park­platz in die Kli­nik muss­te der 36-jäh­ri­ge Mann sich hin­set­zen, weil er kei­ne Kraft mehr hat­te. Wir beglei­te­ten ihn bis in die Not­auf­nah­me und ver­lie­ßen die­se erst, als dem Pati­en­ten eine Infu­si­on ange­leg­te wor­den war und die zustän­di­ge Ärz­tin uns zuge­si­chert hat­te, ihn auf­zu­neh­men und alle erfor­der­li­chen Unter­su­chun­gen zu veranlassen.

Der schwierige Umgang mit psychischen Traumatisierungen

Waren Gesprä­che mit Patient*innen nur durch Ver­mitt­lung nicht pro­fes­sio­nel­ler, wenn auch hoch moti­vier­ter Dolmetscher*innen mög­lich, ent­gin­gen uns in der Sprech­stun­de oft wich­ti­ge Infor­ma­tio­nen. Klei­ne Miss­ver­ständ­nis­se sind da noch die gele­gent­lich über­flüs­si­ge Rönt­gen­un­ter­su­chung der Lun­ge zwei­mal inner­halb einer Woche, weil wir vom Pati­en­ten nicht infor­miert wor­den waren, dass zuvor bereits eine ande­re NGO kon­sul­tiert wor­den war und die­sel­be Unter­su­chung ver­an­lasst hat­te. Wirk­lich pro­ble­ma­tisch aber wur­de es, wenn wir nicht genug über die psy­chi­sche Trau­ma­ti­sie­rung oder die dro­hen­de Sui­zi­da­li­tät einer Pati­en­tin erfuh­ren, weil zeit­wei­se nur männ­li­che Ärz­te im Ein­satz waren oder nur männ­li­che Dol­met­scher einer sel­te­nen Spra­che zur Ver­fü­gung stan­den. In die­sem Set­ting ist es aus kul­tu­rel­len Grün­den Frau­en oft gar nicht mög­lich, über ihre wirk­li­chen Pro­ble­me zu spre­chen, und so blie­ben nur die vor­der­grün­di­gen Kla­gen über Kopf- oder Rücken­schmer­zen. Die­se Pro­ble­ma­tik ist inzwi­schen lei­der in unse­rer Sprech­stun­de alltäglich.

An einem mei­ner letz­ten Arbeits­ta­ge waren fast alle mei­ner männ­li­chen Pati­en­ten Opfer von Fol­ter, und drei Pati­en­tin­nen aus Sier­ra Leo­ne waren in ihrem Hei­mat­land beschnit­ten wor­den und hat­ten auf der Flucht vie­le Male Ver­ge­wal­ti­gun­gen erlebt. Die Medi­cal Vol­un­te­ers Inter­na­tio­nal haben die­ses Pro­blem erkannt und bie­ten für unse­re Patient*innen ein psy­cho­lo­gi­sches Assess­ment an mit anschlie­ßen­der Anbin­dung an die für die spe­zi­el­le Pro­ble­ma­tik am bes­ten geeig­ne­te NGO. Wir nut­zen in unse­rer Sprech­stun­de wegen dem häu­fi­gen Auf­tre­ten schwe­rer, teil­wei­se psy­cho­so­ma­ti­scher Trau­ma­ta die­se Mög­lich­keit sehr groß­zü­gig. Und oft habe ich wäh­rend des Gesprä­ches mit einer Pati­en­tin eine unse­rer Medi­zin­stu­den­tin­nen zu Hil­fe geru­fen und mich zurück­ge­zo­gen, um den Frau­en eine Atmo­sphä­re zu ermög­li­chen, in der sie sich bes­ser öff­nen konn­ten. Nicht weni­ge der Über­wei­sun­gen zu unse­rem psy­cho­lo­gi­schen Dienst waren erst nach sol­chen Gesprä­chen möglich.

Was bleibt als Resümee nach sieben  Wochen Arbeit im Camp?

Die Zusam­men­ar­beit und gegen­sei­ti­ge Unter­stüt­zung mit allen im Team der Medi­cal Vol­un­te­ers Inter­na­tio­nal, die ich in die­ser Zeit ken­nen- und schät­zen gelernt habe, hat mich begeistert.

Die Lebens­be­din­gun­gen der Men­schen im Camp sind etwas bes­ser gewor­den als vor einem Jahr. Das ist aller­dings lei­der nur ein vor­über­ge­hen­der Zustand, denn die grie­chi­sche Regie­rung plant mit Nach­druck den Bau eines neu­en Lagers, weit abge­le­gen von allen mensch­li­chen Sied­lun­gen im Zen­trum der Insel. Die­ses Lager, das von einer hohen Mau­er umge­ben sein soll, wird einem Gefäng­nis noch ähn­li­cher sein als Kara Tepe (heu­te: Mavrovouni).

Die Abschre­ckungs­po­li­tik und Miss­ach­tung wesent­li­cher Men­schen­rech­te, die in der Euro­päi­schen Char­ta der Grund­rech­te fei­er­lich ver­spro­chen wer­den, geht an den euro­päi­schen Außen­gren­zen wei­ter und wird sogar noch ver­schärft. Der Rechts­bruch der Push­backs wird aus­ge­wei­tet, denn inzwi­schen wer­den auch Flücht­lin­ge wie­der aufs Meer und zurück in die Tür­kei getrie­ben, die den grie­chi­schen Boden bereits betre­ten haben.

Die Abschre­ckungs­po­li­tik und Miss­ach­tung wesent­li­cher Men­schen­rech­te, die in der Euro­päi­schen Char­ta der Grund­rech­te fei­er­lich ver­spro­chen wer­den, geht an den euro­päi­schen Außen­gren­zen wei­ter und wird sogar noch verschärft.

Wäh­rend wir in Euro­pa inner­halb weni­ger Tage gemein­sam unbü­ro­kra­tisch alle Kriegs­flücht­lin­ge aus der Ukrai­ne auf­neh­men und ihnen ohne ein auf­wän­di­ges Asyl­ver­fah­ren jede Art der Teil­ha­be an unse­rem gesell­schaft­li­chen Leben gewäh­ren, ver­schlie­ßen wir wei­ter­hin die Augen vor den ekla­tan­ten Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit an unse­ren süd­li­chen Außen­gren­zen. Unver­än­dert  tra­gen wir durch unge­rech­te Wirt­schafts­ver­trä­ge mit den Län­dern des glo­ba­len Südens zur öko­no­mi­schen Exis­tenz­ver­nich­tung der Men­schen in ihren Hei­mat­län­dern bei. War­um zählt das Leid eines Flücht­lings aus Afgha­ni­stan, Syri­en, dem Jemen oder aus durch Ter­ror bedroh­ten afri­ka­ni­schen Län­dern nicht genau­so wie das der Men­schen, die jetzt aus der Ukrai­ne zu uns kommen?

»Nie­mand ver­lässt sein Hei­mat­land aus frei­en Stü­cken. Wir wol­len uns in Euro­pa nicht berei­chern, wir sind hier, weil unser Leben im eige­nen Land bedroht ist.«

Ein 17-Jäh­ri­ger Afgha­ne aus dem Camp

Am meis­ten beein­druckt hat mich der Besuch im Eng­lisch­un­ter­richt der selbst­ver­wal­te­ten »Star School« mit­ten im Camp. Alle hat­ten als Haus­auf­ga­be einen kur­zen Vor­trag zu einem selbst gewähl­ten The­ma vor­be­rei­tet. Ein 17-Jäh­ri­ger aus Afgha­ni­stan sprach über das The­ma Migra­ti­on und fass­te sei­ne Gedan­ken so zusam­men: »Nie­mand ver­lässt sein Hei­mat­land aus frei­en Stü­cken. Wir wol­len uns in Euro­pa nicht berei­chern, wir sind hier, weil unser Leben im eige­nen Land bedroht ist. Wenn ich mal für kur­ze Zeit einer der poli­ti­schen Füh­rer in Euro­pa sein könn­te, wür­de ich als ers­tes denen, die in sol­cher Not hier­her kom­men, men­schen­wür­di­ge Lebens­be­din­gun­gen und Chan­cen für ein ganz nor­ma­les Leben gewäh­ren und sie nicht wie Ver­bre­cher in gefäng­nis­ähn­li­chen Lagern unterbringen.«

Bes­ser kann ich nicht in Wor­te fas­sen, was mich am Ende mei­nes zwei­ten Ein­sat­zes auf der Insel Les­bos bewegt und bedrückt.

Dr. med. Arndt Dohmen