02.12.2013
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Mehrere Schiffe wären nah genug gewesen, um den Flüchtlingen nach dem ersten Notruf zu helfen. Bild: AIS (Automated Identification System)-Analyse von Don Ferguson, Datenanalyst an der West Virginia Universität, für watchthemed.net. Datenquelle: marinnetraffic.com.

Nur wenige Tage nach der Bootskatastrophe vor Lampedusa starben am 11. Oktober erneut Hunderte Bootsflüchtlinge nur 130 Kilometer vor der Küste Lampedusas. Sie alle hätten gerettet werden können, wenn die italienischen Behörden umgehend auf die Notrufe der Flüchtlinge reagiert und Hilfe geschickt hätten. Doch diese fühlten sich nicht zuständig.

Statt umge­hend Hil­fe zu orga­ni­sie­ren, schick­ten die Ita­lie­ni­schen Behör­den den Not­ruf der Flücht­lin­ge ein­fach wei­ter – nach Mal­ta. Das Flücht­lings­boot habe sich in der mal­te­si­schen See­not­ret­tungs­zo­ne (SAR) befun­den, recht­fer­tig­te sich der Lei­ter der Hafen­kom­man­dan­tur und der Küs­ten­wa­che Ita­li­ens, Feli­cio Angri­sa­no. Erst als Mal­ta Stun­den spä­ter wie­der­um Ita­li­en um Unter­stüt­zung bat, schick­ten die Ita­lie­ner ein Ret­tungs­schiff – zu spät. Mehr als 260 Men­schen, dar­un­ter mehr als 100 Kin­der, ertran­ken.

Flücht­lings­boot war beschos­sen wor­den 

Schon am Vor­abend waren Insas­sen des Boo­tes ver­letzt wor­den, nach­dem das Flücht­lings­boot aus Liby­en gestar­tet und in der Nacht von einem liby­schen Schnell­boot ver­folgt und beschos­sen wor­den war. Durch den Angriff geriet das Boot in See­not und droh­te zu sin­ken. Die am Vor­mit­tag des 11. Okto­bers per Satel­li­ten­te­le­fon abge­setz­ten Not­ru­fe wur­den von den ita­lie­ni­schen Behör­den zunächst igno­riert. Die skan­da­lö­sen Umstän­de des töd­li­chen Dra­mas brach­ten nun die hart­nä­cki­ge Recher­che des ita­lie­ni­schen Jour­na­lis­ten Fabri­zio Gat­ti sowie Nach­for­schun­gen des Moni­to­ring-Pro­jekts WatchThe­Med ans Licht.

Eine Über­prü­fung der Not­warn­sys­te­me durch WatchThe­Med ergab, dass die sich in der Umge­bung befind­li­chen Schif­fe infor­miert wur­den, der Ret­tungs­ein­satz durch das nur weni­ge See­mei­len ent­fern­te ita­lie­ni­sche Mari­ne­schiff LIBRA aber erst um 17:14 Uhr ange­ord­net wur­de, vier­ein­halb Stun­den nach dem von Rom bestä­tig­ten ein­ge­gan­ge­nen Not­ruf um 12:26 Uhr. Zu die­sem Zeit­punkt war das Flücht­lings­boot schon gesun­ken. Nur rund 200 der mehr als 450 Insas­sen des Boo­tes wur­den geret­tet.

Zum wie­der­hol­ten Mal Tote durch ver­wei­ger­te Ret­tung

„Left to die“, das Ster­ben­las­sen auf See, gehört offen­sicht­lich nach wie vor zur EU-Abschre­ckungs­po­li­tik gegen­über Flücht­lin­gen. Im Jahr 2012 hat­te Tine­ke Strik, nie­der­län­di­sche Abge­ord­ne­te  der par­le­men­ta­ri­schen Ver­samm­lung des Euro­pa­ra­tes in Straß­burg, einen Unter­su­chungs­be­richt vor­ge­legt, der das kol­lek­ti­ve Ver­sa­gen der für die See­not­ret­tung auf dem Mit­tel­meer Ver­ant­wort­li­chen im kon­kre­ten Fall doku­men­tier­te. Vie­le Feh­ler von damals sei­en wie­der­holt wor­den, kri­ti­sier­te Strik nach Bekannt­wer­den der Recher­chen Gat­tis. In den ver­gan­ge­nen 25 Jah­ren sind infol­ge des euro­päi­schen Grenz­re­gimes mehr als 19 000 Flücht­lin­ge gestor­ben, die Dun­kel­zif­fer dürf­te um ein Viel­fa­ches höher lie­gen. 

EU setzt auf Abwehr statt Schutz

Die Ankün­di­gun­gen Ita­li­ens nach der Kata­stro­phe vor Lam­pe­du­sa, sei­ne See­über­wa­chung aus­zu­wei­ten, hat den mehr als 260 Toten vom 11. Okto­ber nichts genutzt. Die EU setzt ver­stärkt auf Sys­te­me der Abwehr – die euro­päi­sche Grenz­schutz­agen­tur Fron­tex  und das am 2.12. in Kraft getre­te­ne Grenz­über­wa­chungs­sys­tem Euro­sur. Es soll u.a. hel­fen, Flücht­lings­boo­te schnel­ler zu ent­de­cken und wird von EU-Kom­mis­sa­rin Ceci­la Malm­ström ger­ne als Ret­tungs­pa­ket für Flücht­lin­ge ver­kauft. Den Toten vom 11. Okto­ber hät­te es wohl kaum gehol­fen – ihr Boot wur­de recht­zei­tig wahr­ge­nom­men. Sie star­ben nicht wegen feh­len­der Infor­ma­tio­nen, son­dern, weil ihnen die recht­zei­ti­ge Ret­tung ver­wei­gert wur­de.

Im Fall der Boots­ka­ta­stro­phe vom 11. Okto­ber ist die ver­wei­ger­te See­not­ret­tung Ita­li­ens lücken­los doku­men­tiert. PRO ASYL for­dert, dass die Ver­ant­wort­li­chen für den Tod juris­tisch zur Rechen­schaft gezo­gen wer­den.

Detail­lier­ter Ablauf der Ereig­nis­se am 11.10. 2013 (in Eng­lisch von WatchThe­Med)

Inter­view und aus­führ­li­cher Arti­kel (eng­lisch) von Fabri­zio Gat­ti im ita­lie­ni­schen Nach­rich­ten­ma­ga­zin Espres­so

Wei­te­re Medi­en­be­rich­te: Ber­li­ner Zei­tung; taz; Mal­ta Today

 Euro­pa lässt Ster­ben (28.07.14)

 Neue Schät­zung: Min­des­tens 23.000 tote Flücht­lin­ge seit dem Jahr 2000 (31.03.14)

 Geplan­te Fron­tex-Ver­ord­nung: EU will das Abdrän­gen von Flücht­lin­gen zur Norm erklä­ren (20.02.14)

 Flücht­lings­boot offen­bar von liby­schem Mili­tär beschos­sen  (14.10.13)

 Schuld durch kol­lek­ti­ves Ver­sa­gen (02.04.12)

 Euro­pa­rat-Unter­su­chung: Wer ist schuld am Flücht­lings­ster­ben im Mit­tel­meer? (30.12.11)