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Nachdem bei den Wahlen am 7. Juli die prokurdische HDP 13 Prozent erhielt und so die Alleinregierung Erdogans AKP blockierte, wird am 1. November neu gewählt. Kritiker Erdogans befürchten, dass er auf eine Eskalation des Kurden-Konflikts setzt, um die HDP zu diskreditieren. Foto: Wikimedia /Myrad

Heute empfangen Spitzenvertreter der EU den türkischen Staatspräsident Erdogan in Brüssel. Die EU will die Türkei dazu bringen, Schutzsuchende an der Flucht nach Europa zu hindern und sie in EU-finanzierten Lagern in der Türkei festzuhalten. Die Türkei droht für Flüchtlinge zur Falle zu werden. Und Erdogan dürfte erhebliche Gegenleistungen verlangen.

Heu­te emp­fan­gen EU-Spit­zen­ver­tre­ter den tür­ki­schen Staats­chef Recep Tayyip Erdo­gan in Brüs­sel. Ziel des Zusam­men­tref­fens ist eine Koope­ra­ti­on mit der Tür­kei bei der Abrie­ge­lung der See­gren­ze zwi­schen der Tür­kei und Grie­chen­land, über die der­zeit die meis­ten Flücht­lin­ge nach Euro­pa fliehen.

Laut einem Bericht der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung  plant die EU-Kom­mis­si­on, dass tür­ki­sche und grie­chi­sche Grenz­schutz­ein­hei­ten in Koope­ra­ti­on mit der EU-Grenz­schutz­agen­tur Fron­tex die See­gren­ze abrie­geln und alle Flücht­lin­ge in die Tür­kei zurück­wei­sen. Dort sol­len die Flücht­lin­ge in sechs von der EU mit­fi­nan­zier­ten Flücht­lings­la­gern fest­ge­hal­ten wer­den, die ins­ge­samt für zwei Mil­lio­nen Men­schen aus­ge­legt wer­den sollen.

Kein Flücht­lings­schutz in der Türkei

Die Plä­ne ste­hen aus Sicht von PRO ASYL in Wider­spruch zum inter­na­tio­na­len Flücht­lings­recht. Arti­kel 33 der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on und Arti­kel 3 der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ver­bie­ten sol­che Zurück­wei­sun­gen von Schutz­su­chen­den. Betrof­fen wären vor allem syri­sche, afgha­ni­sche und ira­ki­sche Flücht­lin­ge, die der­zeit ver­su­chen, der Not und Per­spek­tiv­lo­sig­keit in den Erst­auf­nah­me­staa­ten wie der Tür­kei zu entkommen.

Die Tür­kei beher­bergt bereits rund 2 Mil­lio­nen Flücht­lin­ge – sie wer­den dort als „Gäs­te“ betrach­tet, Rech­te haben sie daher kei­ne, arbei­ten dür­fen sie nicht. Die Gen­fer Kon­ven­ti­on hat die Tür­kei mit einem „regio­na­len Vor­be­halt“ unter­zeich­net, der allen Schutz­su­chen­den aus Syri­en, Afgha­ni­stan, Irak oder ande­ren Nicht-Euro­päi­schen Staa­ten den Flücht­lings­schutz gemäß der Gen­fer Kon­ven­ti­on verweigert.

Was ver­langt Erdo­gan als Gegenleistung?

Wie die EU die Tür­kei  moti­vie­ren will, sechs Flücht­lings­la­ger für wei­te­re zwei Mil­lio­nen Flücht­lin­ge zu schaf­fen und an der Abrie­ge­lung der EU-Außen­gren­ze mit­zu­wir­ken, ist bis­lang nicht klar. Sicher ist, dass die tür­ki­sche Regie­rung  der EU dafür einen sehr hohen Preis abver­lan­gen wird – und um Flücht­lin­gen den Weg nach Euro­pa abzu­schnei­den, dürf­te die EU bereit sein, der Tür­kei weit­rei­chen­de Zuge­ständ­nis­se zu machen.

Die Tür­kei plant, in Nord­sy­ri­en eine soge­nann­te Sicher­heits­zo­ne zu schaf­fen, vor­geb­lich um Flücht­lings­la­ger auf syri­schem Boden zu errich­ten. Die Plä­ne set­zen eine mas­si­ve mili­tä­ri­sche Inter­ven­ti­on der Tür­kei in Nord­sy­ri­en vor­aus und las­sen eine wei­te­re mili­tä­ri­sche Eska­la­ti­on des Kon­flikts zwi­schen der tür­ki­schen Regie­rung und Kur­den in Nord­sy­ri­en und der Tür­kei befürch­ten. Es droht, dass sich Erdo­gan für die brand­ge­fähr­li­chen Plä­ne Unter­stüt­zung oder zumin­dest still­schwei­gen­de Akzep­tanz erkauft. Dabei ist klar: Eine wei­te­re Eska­la­ti­on des Kon­flikts wird noch mehr Men­schen zur Flucht zwingen.

Ist die Tür­kei ein „siche­res Herkunftsland“?

Vor dem Hin­ter­grund des auf­flam­men­den Kon­flikts zwi­schen der tür­ki­schen Regie­rung und der kur­di­schen Min­der­heit  sowie zahl­rei­chen Berich­ten über Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen in der Tür­kei ist aus men­schen­recht­li­cher Per­spek­ti­ve nicht nach­voll­zieh­bar, dass wei­ter­hin die Ein­stu­fung der Tür­kei als siche­res Her­kunfts­land dis­ku­tiert wird. Die Dis­kus­si­on zeigt, dass das Kon­zept der „siche­ren Her­kunfts­län­dern“ nicht den rea­len Gege­ben­hei­ten in den Her­kunfts­län­dern folgt, son­dern allein poli­ti­schem Kalkül.

Gegen­leis­tung der EU: 500.000 Flücht­lin­ge aufnehmen?

Angeb­lich will sich die EU ver­pflich­ten, 500.000 Flücht­lin­ge direkt aus der Tür­kei auf­zu­neh­men. Ange­sichts der für zwei Mil­lio­nen Men­schen geplan­ten EU-Flücht­lings­la­ger in der Tür­kei ist die­se Zahl eher gering – und ange­sichts der Unwil­lig­keit der meis­ten EU-Staa­ten, Flücht­lin­gen Zuflucht zu gewäh­ren, zugleich über­ra­schend hoch ange­setzt. Zu befürch­ten ist, dass sich die EU auf die Auf­nah­me bzw. die Ver­tei­lung der Schutz­su­chen­den nicht eini­gen kann und sich allein  auf eine rigi­de Grenz­ab­rie­ge­lung einigt – und Erdo­gan even­tu­ell ande­re Zuge­ständ­nis­se macht.

Medi­en­be­rich­te:

Zeit: „EU und Tür­kei wol­len Ägä­is gemein­sam abriegeln“

NTV: „Kon­trol­le der Außen­gren­ze – EU-Poli­ti­ker appel­lie­ren an Erdogan“

FAZ: „Erdo­gan in Brüs­sel: Die Fes­tung, die kei­ne ist“

Die Welt: „Erdo­gan muss die Gren­zen wie­der schließen“

Zeit: „EU-Poli­ti­ker for­dern von Erdoğan bes­se­ren Schutz der Grenzen“

EU-Tür­kei-Flücht­lings­gip­fel: Kein Aus­ver­kauf der Men­schen­rech­te  (29.11.15)

Vor dem EU-Tür­kei-Gip­fel: Ille­ga­le Rück­füh­run­gen an der syri­schen Gren­ze sind bereits All­tag (27.11.15)

End­sta­ti­on Ido­me­ni  (25.11.15)

„Siche­re“ Her­kunfts­län­der: Im Zwei­fel gegen den Schutz­su­chen­den?  (15.10.15)

Schmut­zi­ge Deals in Brüs­sel  (07.10.15)

Aus­stieg aus dem Flücht­lings­völ­ker­recht? Popu­lis­mus wider die Ver­fas­sung (06.10.15)