06.10.2021
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Abriegelung der türkisch-iranischen Grenze. Foto: picture alliance / AA/ Ozkan Bilgin

Nur ein Bruchteil der gefährdeten Afghan*innen hat es auf die Evakuierungslisten geschafft. Weiterhin harren viele in Verstecken aus und suchen nach Fluchtmöglichkeiten - doch ein Staat nach dem anderen macht die Grenzen dicht. Ein Blick nach Griechenland über die Türkei in den Iran.

In den ers­ten acht Mona­ten 2021, wäh­rend die NATO-Trup­pen nach fast 20 Jah­ren den Abzug aus Afgha­ni­stan vor­be­rei­te­ten, waren nach Schät­zun­gen des UNHCR eine hal­be Mil­li­on Men­schen gezwun­gen, inner­halb Afgha­ni­stans zu flie­hen. Die meis­ten hat­ten die Hoff­nung, in Kabul der Tali­ban-Herr­schaft zu ent­ge­hen – eine Hoff­nung, die Mit­te August bit­ter ent­täuscht wur­de. Bereits im Juli gal­ten 3.5 Mil­lio­nen Men­schen als inner­halb des Lan­des ver­trie­ben. Die Zah­len machen das Aus­maß der Flucht­be­we­gung deut­lich, die mit den ter­ri­to­ria­len Gewin­nen und letzt­lich der Macht­über­ga­be an die Tali­ban einherging. 

Für die EU-Innen­mi­nis­ter gilt die eigen­stän­di­ge Flucht vor dem Tali­ban-Regime als »ille­ga­le Migra­ti­on«, die sie durch die geziel­te Zusam­men­ar­beit mit Dritt- und Tran­sit­staa­ten bekämp­fen werden.

Vie­le Afghan*innen sind auf­grund der Zusam­men­ar­beit mit aus­län­di­schen Trup­pen, Journalist*innen, NGOs oder Unter­neh­men unmit­tel­bar gefähr­det. Den Tali­ban gel­ten sie als Kol­la­bo­ra­teu­re. Ande­re fürch­ten wegen ihrer eth­ni­schen Zuge­hö­rig­keit, ihres poli­ti­schen Enga­ge­ments oder Reli­gi­on die Herr­schaft der Extre­mis­ten. Erst vor ein paar Tagen haben die Tali­ban 13 Ange­hö­ri­ge der Haza­ra-Min­der­heit getö­tet. Nur weni­ge Men­schen haben bis­lang einen der begehr­ten Auf­nah­me­plät­ze erhal­ten. Die Flucht bleibt für die meis­ten überlebenswichtig. 

Wäh­rend die Aus­wei­tung der Eva­ku­ie­rungs­maß­nah­men aus­bleibt, mach­ten die Innen­mi­nis­ter der EU deut­lich, dass sie in der eigen­stän­di­gen Flucht vor dem Regime der Tali­ban – bis vor kur­zem noch bekämpft u.a. durch Trup­pen der EU-Mit­glied­staa­ten selbst – nichts wei­ter sehen als »ille­ga­le Migra­ti­on«, die sie durch die geziel­te Zusam­men­ar­beit mit Dritt- und Tran­sit­staa­ten bekämp­fen wer­den (Vgl. Punkt 4). Eine typi­sche Opfer-Täter-Umkehr.

Das Signal aus Brüs­sel steht in der Tra­di­ti­on der seit Jah­ren geschür­ten Abwehr­po­li­tik. Der fak­ti­schen Schlie­ßung der EU-Außen­gren­zen in Grie­chen­land folgt nun ein Land nach dem ande­ren ent­lang der Flucht­rou­te. Um nicht zum »Flücht­lings­la­ger Euro­pas« zu wer­den, wie der tür­ki­sche Prä­si­dent Erdo­gan es aus­drück­te, wird die Abschot­tungs­ma­schi­ne­rie inten­si­viert. Eine Ket­ten­re­ak­ti­on ist die Folge.

45 %

der Geflüch­te­ten, die zwi­schen Janu­ar und Juni 2021 auf den grie­chi­schen Inseln anka­men, waren Afghan*innen

Am Tag nach der Macht­über­nah­me der Tali­ban in der afgha­ni­schen Haupt­stadt Kabul mach­te der grie­chi­sche Migra­ti­ons­mi­nis­ter Mitara­chis klar, Grie­chen­land dür­fe nicht zum »Ein­falls­tor« für Afghan*innen wer­den. Seit Jah­ren sind es vor allem Afghan*innen, die Grie­chen­land auf der Suche nach Schutz errei­chen. Zwi­schen Janu­ar und Juni 2021 mach­ten Afghan*innen 45% der Ankünf­te auf den grie­chi­schen Inseln aus – 596 der ins­ge­samt 1.316 Men­schen. Noch 2019 waren es im glei­chen Zeit­raum knapp 13.000 Men­schen. Die Ankünf­te sind auf einem his­to­ri­schen Tief­stand, künst­lich nied­rig gehal­ten durch skru­pel­lo­se Push­backs. 

Die mari­ti­me Gren­ze und die Land­gren­ze zur Tür­kei wer­den mit tech­no­lo­gi­schem Eifer und bau­li­chen Maß­nah­men abge­rie­gelt. Ende August wur­de die Erwei­te­rung der ins­ge­samt 40 Kilo­me­ter lan­gen Grenz­be­fes­ti­gung ent­lang der Lan­des­gren­ze fer­tig­ge­stellt und durch moder­ne Über­wa­chungs­an­la­gen ergänzt. 

Grenzmauer in der Evros-Region
Die neue Grenz­mau­er in der Evros-Regi­on. Foto: pic­tu­re alli­an­ce / ASSOCIATED PRESS / Gian­nis Papanikos
Mit sol­chen Schall­ka­no­nen sol­len Flücht­lin­ge an der Gren­ze abge­schreckt wer­den. Foto: pic­tu­re alli­an­ce / ASSOCIATED PRESS / Gian­nis Papanikos
Mehr als 660

Per­so­nen sind trotz der anhal­ten­den Rechts­ver­let­zun­gen für Fron­tex in Grie­chen­land aktiv

Trotz der anhal­ten­den Rechts­ver­let­zun­gen ist die EU-Grenz­schutz­agen­tur Fron­tex nach eige­nen Anga­ben wei­ter­hin mit mehr als 660 Per­so­nen aus dem eige­nen stän­di­gen Reser­ve sowie 16 Schif­fen in Grie­chen­land aktiv (Stand Mai 2021). Die Fes­tung Euro­pa steht, ins­be­son­de­re wegen dem star­ken Rück­halt aus Brüs­sel. Zwi­schen 2015 und 2020 wur­den Grie­chen­land ins­ge­samt 3.15 Mil­li­ar­de Euro zur Ver­fü­gung gestellt, um das »Migra­ti­ons­ma­nage­ment« und die Gren­zen zu »ver­bes­sern«. Zuletzt wur­de die Einig­keit beim The­ma Abwehr im März 2020 unter Beweis gestellt. Damals reis­te Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin von der Ley­en per Heli­ko­pter in die Evros-Regi­on und ver­mit­tel­te vol­len Rück­halt für die mili­tan­te Grenz­ab­rie­ge­lung Griechenlands.

Jüngst wies EU-Innen­kom­mis­sa­rin Ylva Johans­son die Bit­te der grie­chi­schen Regie­rung nach zusätz­li­chen 15.8 Mil­lio­nen Euro zur Unter­stüt­zung der grie­chi­schen Küs­ten­wa­che zurück. Nach Infor­ma­tio­nen, die dem Maga­zin Der Spie­gel vor­lie­gen, mach­te sie die Zah­lun­gen von der Ein­rich­tung eines Mecha­nis­mus zur Über­wa­chung der Grund­rech­te an den Gren­zen abhän­gig. Der lei­se Ein­spruch ver­mag jedoch nicht mal für einen Riss in der »Fes­tung Euro­pa« zu sor­gen. An der Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Push­back-Maschi­ne­rie ändert er nichts.

Griechenland setzt auf Pushbacks und Asylrechtsverschärfung

Neben Push­backs setzt Grie­chen­land auf den Abbau asyl­recht­li­cher Garan­tien. Seit Juni 2021 wer­den auch afgha­ni­sche Schutz­su­chen­de im Zuläs­sig­keits­ver­fah­ren behan­delt. Ihre Anträ­ge wer­den nicht inhalt­lich geprüft, son­dern im Hin­blick auf die Fra­ge, ob nicht die Tür­kei bereits »sicher« gewe­sen wäre (sie­he unten). Die Anwen­dung des Dritt­staats­ver­fah­rens gibt Grie­chen­land die Mög­lich­keit, zukünf­tig kaum noch inhalt­li­che Asyl­ver­fah­ren durch­zu­füh­ren. Men­schen mit grie­chi­schem Schutz­sta­tus wird es dann kaum noch geben. Tau­sen­de dro­hen in end­lo­sen Ver­fah­ren im Lim­bo der Ille­ga­li­tät zu enden. Die grie­chi­sche Regie­rung will Geflüch­te­te aus dem Stra­ßen­bild ban­nen. Dafür treibt sie den Bau neu­er kon­trol­lier­ter Camps vor­an. Wie das neue Lager auf der Insel Samos oder auch das Lager Rit­so­na auf dem grie­chi­schen Fest­land zei­gen, prä­gen hohe Mau­ern und Über­wa­chung das Bild. 

So zer­strit­ten Grie­chen­land und die Tür­kei sonst auch sind: Die Bot­schaft, die von dem Tele­fo­nat des grie­chi­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Mit­sota­kis mit dem tür­ki­schen Prä­si­den­ten Erdo­gan Ende August aus­ging, war deut­lich: Bei­de Län­der bil­den eine Front gegen wei­te­re Aufnahmen.

Afghan*innen, die es in die Tür­kei schaf­fen, fin­den dort kei­nen Schutz. Zu dem Fazit kommt eine von der Stif­tung PRO ASYL in Auf­trag gege­be­nen Exper­ti­se zur Situa­ti­on afgha­ni­scher Flücht­lin­ge in der Türkei.

Die Nach­richt dürf­te beson­ders an die eige­ne Bevöl­ke­rung gerich­tet gewe­sen sein. In der Tür­kei hat die ras­sis­ti­sche Het­ze gegen Geflüch­te­te stark zuge­nom­men. Die Stim­mung eska­lier­te Anfang August in der Haupt­stadt Anka­ra. Nach einem Mord­fall zog ein Mob durch die Stra­ßen, zer­stör­ten Autos, Geschäf­te und Woh­nun­gen von Syrer*innen und steck­ten sie in Brand. Flücht­lings­feind­li­che und ras­sis­ti­sche Slo­gans tren­de­ten auf social media Platt­for­men. Wei­te­re Aus­schrei­tun­gen wer­den befürchtet. 

Erdo­gan ist bemüht, sich in der Hard­li­ner-Rol­le zu bewei­sen, die in gro­ßen Tei­len mit der Auf­nah­me­be­reit­schaft bricht, die bis zum EU-Tür­kei Deal galt. Er ist bereits im Wahl­kampf­mo­dus. Ins­be­son­de­re die oppo­si­tio­nel­len CHP, die Repu­bli­ka­ni­sche Volks­par­tei, macht mit einer flücht­lings­feind­li­chen Agen­da Stim­mung und ver­zeich­net Zuspruch.

Soll­ten es Schutz­su­chen­de doch über die Gren­ze schaf­fen, sind auch an der öst­li­chen Gren­ze der Tür­kei Push­backs an der Tagesordnung.

300 KM

lang soll die Grenz­mau­er zwi­schen Tür­kei und Iran bis Ende des Jah­res sein.

Die 144 Kilo­me­ter lan­ge Mau­er ent­lang der Gren­ze zum Iran wur­de erwei­tert, bis zum Jah­res­en­de sol­len etwa 300 Kilo­me­ter der über 500 Kilo­me­ter lan­gen Gren­ze abge­rie­gelt sein. Es wird von 24/7‑Überwachung mit­tels Wär­me­bild­ka­me­ras, Radar und Droh­nen berich­tet. Soll­ten es Schutz­su­chen­de doch über die Gren­ze schaf­fen, sind auch an der öst­li­chen Gren­ze der Tür­kei Push­backs an der Tages­ord­nung. Bis Sep­tem­ber 2021 wur­den 44.500 Afghan*innen ohne Regis­trie­rung auf­ge­grif­fen. Nur ein leich­ter Anstieg im Ver­gleich zu 50.000 im gesam­ten Vor­jahr. Das aus­ge­ge­be­ne Ziel, die Gren­ze dicht zu machen und Ankünf­te zu ver­hin­dern, scheint erreicht zu werden.

Auch die EU unter­stützt die Ver­la­ge­rung der Grenz­stär­kung in Rich­tung Osten. Bereits im Juli wur­den ent­spre­chen­de Plä­ne der Kom­mis­si­on bekannt. Die­se kon­kre­ti­sie­ren sich in einem im Sep­tem­ber 2021 gele­ak­ten Ent­wurf zum Akti­ons­plan zu Afgha­ni­stan. Dem­nach soll Erdo­gan bis 2024 wei­te­re 3 Mil­li­ar­den Euro erhal­ten, um die Auf­nah­me von Flücht­lin­gen und die »migra­ti­on manage­ment capa­ci­ty« an der öst­li­chen Gren­ze zu stärken. 

Am 21.08 kam es zu einem Tele­fo­nat zwi­schen Kanz­le­rin Mer­kel und Erdo­gan. Nach Anga­ben der tür­ki­schen Regie­rung äußer­te sich Erdo­gan fol­gen­der­ma­ßen: »Eine neue Migra­ti­ons­wel­le ist unaus­weich­lich, wenn in Afgha­ni­stan und Iran nicht die erfor­der­li­chen Maß­nah­men ergrif­fen wer­den.« Dem Ruf scheint der Iran gefolgt zu sein. Laut der Tages­schau gab das ira­ni­sche Innen­mi­nis­te­ri­um Anwei­sun­gen, die Gren­ze in die Tür­kei abzu­rie­geln. Der Tran­sit in die Tür­kei ist versperrt. 

Über 3,5 Mio.

Afghan*innen leben im Iran im Exil. 60 Pro­zent von ihnen ohne gül­ti­ge Auf­ent­halts­pa­pie­re oder UNHCR Registrierung.

Die Nach­bar­län­der Paki­stan und der Iran sind die Haupt­auf­nah­me­län­der für Flücht­lin­ge aus Afgha­ni­stan. Schät­zun­gen des UNHCR zufol­ge leb­ten bereits im Okto­ber 2020 über 3.650.000 Afghan*innen im Iran, über 60 Pro­zent von ihnen ohne gül­ti­ge Auf­ent­halts­pa­pie­re oder UNHCR Regis­trie­rung. Bis Okto­ber 2021 kamen wei­te­re 22.000 Schutz­su­chen­de dazu. Die­se Zahl ist ange­sichts der dra­ma­ti­schen Ereig­nis­se gering. 

Par­al­lel zu den Abzugs­vor­be­rei­tun­gen der west­li­chen Trup­pen rich­te­te der Iran Berich­ten zufol­ge Puf­fer­zo­nen an der Gren­ze zu Afgha­ni­stan. Hier sol­len den Plä­nen des ira­ni­schen Innen­mi­nis­te­ri­ums nach afgha­ni­sche Flücht­lin­ge in Grenz­nä­he unter­kom­men. Sie sol­len im Fal­le einer Sta­bi­li­sie­rung mög­lichst schnell wie­der nach Afgha­ni­stan zurück­keh­ren. Flücht­lin­gen ohne Visa wird der Zugang zum Iran ver­wei­gert. Auch hier kommt es zu Mas­sen­zu­rück­wei­sun­gen. Laut Medi­en­be­rich­ten wur­de die Vis­aver­ga­be im August zunächst ein­ge­stellt. Ver­wand­te mit Ange­hö­ri­gen in Afgha­ni­stan berich­ten jetzt von end­lo­sen Schlan­gen vor dem ira­ni­schen Kon­su­lat und den ver­zwei­fel­ten Ver­su­chen, ein Visum zu erhalten. 

Legale Fluchtwege schaffen! 

Um den gefähr­de­ten Afghan*innen die Mög­lich­keit zu geben, ihr Leben zu ret­ten, muss die EU jetzt schnellst­mög­lich han­deln. Mit Paki­stan und ande­ren Nach­bar­staa­ten muss sie Ver­hand­lun­gen füh­ren mit dem Ziel, dass die­se Län­der bedroh­te Afghan*innen ein­rei­sen las­sen und ihnen dann Aus­rei­se­ge­neh­mi­gun­gen ertei­len. Die Bun­des­re­gie­rung soll­te inner­halb der EU-Staa­ten mit gutem Bei­spiel vor­an­ge­hen und sich für groß­zü­gi­ge Auf­nah­me­pro­gram­me einsetzen. 

Schutz­su­chen­de Afghan*innen mit einem Bezug zu Deutsch­land, etwa durch hier leben­de Ver­wand­te, wür­den davon pro­fi­tie­ren. Des Wei­te­ren muss der seit Jah­ren sto­cken­de Fami­li­en­nach­zug drin­gend beschleu­nigt wer­den. Die­je­ni­gen Afghan*innen, denen der Nach­zug zu ihren in Deutsch­land leben­den Män­nern, Frau­en oder Kin­dern, die hier als Schutz­be­rech­tig­te aner­kannt wur­den, recht­lich zusteht, müs­sen end­lich ent­spre­chen­de Visa erhal­ten. Aus­ge­baut wer­den muss auch das Resett­le­ment-Pro­gramm der Ver­ein­ten Natio­nen. Deutsch­land und ande­re EU-Staa­ten müs­sen mehr Plät­ze als bis­lang zur Ver­fü­gung stellen. 

 (mz)