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Die Notunterkunft in Berlin-Tempelhof im November 2015. Noch immer sind in Berlin viele Flüchtlinge in solchen Hallen untergebracht. Foto: UNHCR / Ivor Prickett

Auch 2017 leben Flüchtlinge in Deutschland vielfach in »Gemeinschaftsunterkünften«, manche sind gar immer noch in Turnhallen und anderen Notunterkünften untergebracht. Integration wird so erheblich erschwert, aufkommenden Problemen der Boden bereitet.

Als im Herbst 2015 täg­lich vie­le Men­schen neu in Deutsch­land anka­men, muss­te vie­ler­orts impro­vi­siert wer­den. Flücht­lin­ge wur­den in Lager­hal­len, Klas­sen­räu­men, Turn- und Trag­luft­hal­len, teil­wei­se sogar in Zel­ten unter­ge­bracht.

Vie­le Not­un­ter­künf­te sind seit­her geschlos­sen wor­den, aller­dings längst nicht alle: Die behelfs­mä­ßi­ge Unter­brin­gung dau­ert für man­che Geflüch­te­te mitt­ler­wei­le ein Jahr und län­ger an. Gene­rell ist die Dau­er­un­ter­brin­gung in gro­ßen Unter­künf­ten ein Pro­blem.

Berlin: Tausende Menschen in Turnhallen

Beson­ders in der Haupt­stadt ist die Situa­ti­on für vie­le noch untrag­bar. Meh­re­re Tau­send Flücht­lin­ge waren dort in Turn- und Fabrik­hal­len, Flug­zeug­han­gars und ande­ren Behelfs­un­ter­künf­ten unter unwür­di­gen Bedin­gun­gen unter­ge­bracht wor­den. Der Flücht­lings­rat Ber­lin hat immer wie­der auf die andau­ernd kata­stro­pha­le Lage und die Dring­lich­keit der Auf­lö­sung der Not­un­ter­künf­te hin­ge­wie­sen.

Immer­hin ist Bes­se­rung in Aus­sicht: Nach einem offe­nen Brief vom Flücht­lings­rat Ber­lin und Ber­li­ner Initia­ti­ven hat der Senat Mit­te Dezem­ber neue Wege zur Schlie­ßung der Turn­hal­len­un­ter­künf­te beschlos­sen, kurz dar­auf wur­de damit begon­nen. Bis alle Geflüch­te­ten aus Turn­hal­len aus­zie­hen konn­ten, ist es aber ver­mut­lich noch ein lan­ger Weg. Zum Jah­res­en­de sol­len in Ber­lin immer noch 1.600 Flücht­lin­ge in 17 Turn­hal­len leben, in Not­un­ter­künf­ten ins­ge­samt 17.500.

»Mona­te in einer Not­un­ter­kunft, das ist das sys­te­ma­ti­sche Auf­schich­ten von klei­nen Pro­ble­men zu einem rie­si­gen Berg.«

Tages­spie­gel-Arti­kel vom 21.11.2016

Auch anders­wo in Deutsch­land gibt es noch gro­ße Pro­ble­me bei der Unter­brin­gung – eine genaue Über­sicht ist durch die kom­mu­na­len Zustän­dig­kei­ten aber schwie­rig. Städ­te und Gemein­den gehen dabei sehr ver­schie­den vor, die Wohn­si­tua­ti­on von Geflüch­te­ten kann also auch von Ort zu Ort gra­vie­ren­de Unter­schie­de auf­wei­sen. In Thü­rin­gen und Hes­sen gehen die Flücht­lings­rä­te regel­mä­ßig auf »Lager­tour« und berich­ten über die Situa­ti­on in Gemein­schafts­un­ter­künf­ten.

Massenunterkünfte machen krank

Ein Jahr ohne jeg­li­che Pri­vat­sphä­re, in Hal­len mit meh­re­ren hun­dert Men­schen, in denen die per­sön­li­chen Berei­che nur mit dün­nen Trenn­wän­den oder Bett­la­ken abge­trennt wer­den, in denen die sani­tä­ren Anla­gen mit Hun­der­ten geteilt wer­den müs­sen, es kei­ne Mög­lich­keit zur Selbst­ver­pfle­gung gibt, kei­ne Ruhe, kei­ne Sicher­heit in den eige­nen vier Wän­den – gera­de für Fami­li­en mit klei­nen Kin­dern ist die­ser Zustand nicht aus­zu­hal­ten.

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Mona­te lebt eine Fami­lie aus Turk­me­ni­stan nun schon in Ber­lin in einer Not­un­ter­kunft.

Der Tages­spie­gel berich­tet über eine Fami­lie aus Turk­me­ni­stan, die schon seit 26 Mona­ten in einer sol­chen Not­un­ter­kunft leben muss. Er ver­deut­licht, wie die Zustän­de auf lan­ge Sicht zu Pro­ble­men füh­ren kön­nen: »Heim­lei­ter, Medi­zi­ner und Betreu­er berich­ten von Depres­sio­nen, von Men­schen, die nie tran­ken, und jetzt zum Alko­hol grei­fen.«

Doch auch in Sam­mel­un­ter­künf­ten, die nicht als Not­ein­rich­tun­gen gel­ten, lei­den die Men­schen: Psycholog*innen wei­sen immer wie­der auf die nega­ti­ven Fol­gen einer Sam­mel­un­ter­brin­gung hin, wie bei­spiels­wei­se in Inter­views des RBB oder der Frank­fur­ter Rund­schau.

Es bedarf einer Woh­nungs­po­li­tik, die Flücht­lin­gen und ande­ren sozi­al benach­tei­lig­ten Grup­pen glei­cher­ma­ßen den Zugang zu einem lebens­wer­ten Umfeld und bezahl­ba­rem Wohn­raum eröff­net.

Häu­fig gibt es in Mas­sen­un­ter­künf­ten kei­ner­lei Rück­zugs­räu­me. Das dau­er­haf­te, beeng­te Zusam­men­le­ben mit vie­len (frem­den) Men­schen mit ver­schie­de­nen Gewohn­hei­ten und Inter­es­sen führt zu, im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes, haus­ge­mach­ten Kon­flik­ten. Und das in einer Situa­ti­on, in der die Men­schen ohne­hin mit ihren Flucht­er­fah­run­gen, der unkla­ren Lebens­per­spek­ti­ve und oft­mals auch gro­ßen Sor­gen um die Ange­hö­ri­gen in Kri­sen­ge­bie­ten schwer belas­tet sind.

Frau­en und Kin­der sind den Bedin­gun­gen in Sam­mel­un­ter­künf­ten in beson­de­rer Wei­se aus­ge­lie­fert: Kin­dern fehlt häu­fig jeder Platz zum Spie­len, Frau­en lei­den unter der feh­len­den Pri­vat- und Intim­sphä­re beim Zusam­men­woh­nen mit ihnen frem­dem Män­nern bis hin zu sexua­li­sier­ter Gewalt, wie bei­spiels­wei­se Frau­en aus dem bran­den­bur­gi­schen Hen­nings­dorf im Okto­ber 2016 beklag­ten.

Gefahr von Rechts

Iso­lier­te Mas­sen­un­ter­künf­te erschwe­ren den Kon­takt in die Gesell­schaft und die Inte­gra­ti­on durch abge­le­ge­ne Unter­brin­gung z.B. im Gewer­be­ge­biet. Dar­über hin­aus signa­li­sie­ren sie den Son­der­sta­tus der Bewohner*innen und set­zen die­se so auch ver­stärkt Anfein­dun­gen von außen aus, las­sen sie sogar um ihre Sicher­heit fürch­ten. Denn Flücht­lings­un­ter­künf­te wer­den von res­sen­ti­ment­ge­la­de­nen und teils gewalt­be­rei­ten Bevöl­ke­rungs­grup­pen gern ins Visier genom­men.

Die Zahl der Angrif­fe auf Flücht­lin­ge ist auch 2016 kon­stant hoch geblie­ben, das BKA zählt mehr als 900 Atta­cken auf Unter­künf­te, davon 66 Brand­stif­tun­gen, die meis­ten davon mit rechts­ra­di­ka­lem Hin­ter­grund. Das sind fünf­mal so vie­le Angrif­fe wie noch 2014. Die taz doku­men­tiert sogar 141 mut­maß­li­che Brand­stif­tun­gen.

Notunterbringung als Dauerzustand?

Grün­de gibt es genug, der Sam­mel­un­ter­brin­gung von Flücht­lin­gen ein Ende zu set­zen. Die meis­ten Län­der und Kom­mu­nen haben das im Lau­fe der ver­gan­ge­nen Jah­re auch so gese­hen und die Woh­nungs­un­ter­brin­gung zuneh­mend zu ihrem Pro­gramm gemacht. 2015 wur­den dann man­cher­orts die Wei­chen erneut falsch gestellt:

Die Ver­ant­wort­li­chen agier­ten unter dem Druck feh­len­den sozia­len Wohn­raums gera­de in Bal­lungs­ge­bie­ten, nah­men über­stürzt über­teu­er­te Miet­an­ge­bo­te an oder gin­gen unbe­dacht lang­fris­ti­ge, aber schlech­te Ver­trä­ge für Groß­un­ter­künf­te ein. Das ZDF und das gemein­nüt­zi­ge Recher­che­zen­trum Cor­rec­tiv haben im Mai 2016 aus­führ­lich über das pri­va­ten Pro­fi­teu­ren die­nen­de Geschäft mit der Unter­brin­gung berich­tet.

Eine Fol­ge der vie­ler­orts schief gelau­fe­nen Ent­wick­lung ist die stei­gen­de »Fehl­be­le­gung« der Gemein­schafts­un­ter­künf­te, z.B. in Bay­ern – wenn Flücht­lin­ge, die schon längst einen recht­li­chen Anspruch dar­auf haben, eine Woh­nung zu bezie­hen, man­gels ver­füg­ba­ren Woh­nun­gen wei­ter­hin in der Tris­tesse einer Sam­mel­un­ter­kunft leben müs­sen.

Von Wohnungen Zurück in Sammelunterkünfte?

Ein Nega­tiv­bei­spiel ist auch die Stadt Rod­gau in Hes­sen, die Wohn­ge­mein­schaf­ten von Flücht­lin­gen auf­löst und die betrof­fe­nen Men­schen in unbe­grün­de­ter Erwar­tung einer mög­li­chen Abschie­bung wie­der in Gemein­schafts­un­ter­künf­ten ein­quar­tiert – offen­bar tat­säch­lich vor allem, um die Sozi­al­woh­nun­gen für ande­re Bürger*innen frei zu machen.

Ähn­lich ver­fährt Bay­ern seit län­ge­rem mit Men­schen mit »gerin­ger Blei­be­per­spek­ti­ve«, die teil­wei­se schon jah­re­lang in Deutsch­land sind, aber aus ihrer Nach­bar­schaft her­aus­ge­ris­sen und in die Son­der­la­ger nach Man­ching und Bam­berg gebracht wer­den.

Mehr Zugang zu bezahlbarem Wohnraum nötig!

Anstatt die Aus­gren­zung von Flücht­lin­gen zu beför­dern, bedarf es wei­ter­hin eines umfas­sen­den sozia­len Woh­nungs­bau­pro­gramms und einer Woh­nungs­po­li­tik, die Flücht­lin­gen und ande­ren sozi­al benach­tei­lig­ten Grup­pen glei­cher­ma­ßen den Zugang zu einem lebens­wer­ten Umfeld und bezahl­ba­rem Wohn­raum eröff­net.

In Zei­ten zurück­ge­hen­der Flücht­lings­zah­len darf auch etwai­ger nun dro­hen­der Leer­stand in mise­ra­blen Unter­künf­ten nicht auf Kos­ten der geflüch­te­ten Men­schen abge­fe­dert wer­den!