Über den Verdacht auf systematischen Betrug bei Asylbescheiden in Bremen berichtete der Rechercheverbund der SZ, NDR und Radio Bremen im April 2018. Der angebliche »Bremer BAMF-Skandal« brach sich daraufhin Bahn und beherrschte monatelang die Schlagzeilen. Nach mehr als zwei Jahren zeigt sich: Die Vorwürfe waren haltlos.

Im Früh­jahr 2018 mach­ten Mel­dun­gen um einen angeb­lich mas­sen­haf­ten Betrug bei Asyl­be­schei­den durch die Bre­mer Außen­stel­le des BAMF bun­des­weit Schlag­zei­len (Erst­mel­dung von SZ, NDR und Radio Bre­men am 20.04.2018). Ins­be­son­de­re das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um (BMI) und Politiker*innen von CDU/CSU heiz­ten die Debat­te an, die im Som­mer 2018 zum »Bre­mer Asyl­skan­dal« avan­cier­te: Im Rah­men einer hoch­gra­dig ver­gif­te­ten Dis­kus­si­on um angeb­lich mas­sen­haf­te Kor­rup­ti­on und Gefäl­lig­keits­ent­schei­dun­gen zuguns­ten von nicht schutz­be­dürf­ti­gen Flücht­lin­gen wur­den die Lei­te­rin der Bre­mer BAMF-Behör­de sowie zwei Anwäl­te als Haupt­be­schul­dig­te identifiziert.

Es ent­wi­ckel­te sich eine wah­re Hetz­jagd gegen die Beschul­dig­ten und wei­te­re »Ver­ant­wort­li­che«, in deren Fol­ge nicht nur die BAMF-Lei­te­rin in Bre­men, son­dern auch die BAMF-Che­fin Jut­ta Cordt ihren Hut neh­men muss­te. Sie wur­de durch Dr. Hans-Eck­hard Som­mer ersetzt, einen Hard­li­ner und Gefolgs­mann von Bun­des­in­nen­mi­nis­ter See­hofer. Auch Geflüch­te­te und ihr Schutz­an­lie­gen wur­den mas­siv dis­kre­di­tiert. Das BAMF ord­ne­te eine sys­te­ma­ti­sche Über­prü­fung aller posi­ti­ven Asyl­be­schei­de aus Bre­men an und ver­setz­te damit Hun­der­te von aner­kann­ten Flücht­lin­gen in Angst. Zeit­wei­se waren 40 Ermittler*innen – die größ­te Ermitt­lungs­grup­pe, die jemals in einem Kri­mi­nal­fall in Bre­men tätig war – mit dem angeb­li­chen Skan­dal betraut.

Zeit­wei­se waren 40 Ermittler*innen – die größ­te Ermitt­lungs­grup­pe, die jemals in einem Kri­mi­nal­fall in Bre­men tätig war – mit dem angeb­li­chen Skan­dal betraut.

Nun stellt sich her­aus: Der »Bre­mer Asyl­skan­dal« war in ers­ter Linie eine poli­ti­sche Insze­nie­rung, in deren Fol­ge sich der Umgang des BAMF mit Geflüch­te­ten gra­vie­rend veränderte.

Das Gros der Verfahren wird bereits 2019 eingestellt

Die Staats­an­walt­schaft Bre­men führ­te die Ermitt­lun­gen gegen die ehe­ma­li­ge Lei­te­rin der BAMF-Außen­stel­le in Bre­men sowie meh­re­re Anwäl­te unter dem Tat­vor­wurf: »Ban­den­mä­ßi­ge Ver­lei­tung zur miss­bräuch­li­chen Asyl­an­trag­stel­lung in rund 1.200 Fäl­len«. Angeb­lich hät­ten die beschul­dig­ten Flücht­lin­ge gezielt zum BAMF nach Bre­men gelockt, wo die Asyl­su­chen­den mit Hil­fe der Amts­lei­te­rin zu Unrecht posi­ti­ve Asyl­be­schei­de erhal­ten hät­ten. Auch die Geflüch­te­ten stan­den im Ver­dacht, sich ein Asyl­recht »erschli­chen« zu haben.

Im Sep­tem­ber 2019, brach­te die Staats­an­walt­schaft Bre­men von den ursprüng­lich in Rede ste­hen­den rund 1.200 Ver­fah­ren ledig­lich noch 121 zur Ankla­ge. Schon dies ver­deut­lich­te, dass von den mons­trö­sen Vor­wür­fen wohl nicht viel übrig blei­ben würde.

Am ver­gan­ge­nen Frei­tag lehn­te dann das Land­ge­richt Bre­men eine Haupt­ver­hand­lung gegen die ehe­ma­li­ge Lei­te­rin des BAMF Bre­men sowie zwei Anwäl­te in der ganz über­wie­gen­den Zahl der Fäl­le wegen man­geln­den Tat­ver­dachts ab und ließ die meis­ten Ankla­ge­punk­te im »BAMF-Skan­dal« fal­len.  Gegen einen der Anwäl­te konn­te das Gericht über­haupt kei­nen hin­rei­chen­den Tat­ver­dacht fest­stel­len und lehn­te die Ankla­ge gegen ihn ins­ge­samt ab.

»Der Scha­den ist bereits ent­stan­den. Erst wur­den unbe­leg­te Falsch- und Vor­ver­ur­tei­lun­gen in Medi­en und Poli­tik ver­brei­tet, dann hat eine eben­so gro­ße wie vor­ein­ge­nom­me­ne Ermitt­lungs­grup­pe der Staats­an­walt­schaft die BAMF-Insze­nie­rung wei­ter vor­an­ge­trie­ben. All dies hat zur öffent­li­chen Dele­gi­ti­ma­ti­on von Flucht und zur wei­te­ren Ent­rech­tung von Geflüch­te­ten beigetragen.«

Hol­ger Dieck­mann, Flücht­lings­rat Bremen

Der Vor­wurf mas­sen­haf­ter recht­wid­ri­ger Asyl-Aner­ken­nungs­be­schei­de ist gänz­lich vom Tisch. Nur noch ein­zel­ne Rand­de­lik­te wur­den vom Gericht zur Haupt­ver­hand­lung zuge­las­sen. Die Staats­an­walt­schaft ver­zich­te­te laut Frank­fur­ter Rund­schau vom 13.11.2020 wegen »man­geln­der Erfolgs­aus­sich­ten« auf mög­li­che Rechts­mit­tel gegen den Beschluss des Landgerichts.

»Der Scha­den ist bereits ent­stan­den. (…) Erst wur­den unbe­leg­te Falsch- und Vor­ver­ur­tei­lun­gen in Medi­en und Poli­tik ver­brei­tet, dann hat eine eben­so gro­ße wie vor­ein­ge­nom­me­ne Ermitt­lungs­grup­pe der Staats­an­walt­schaft die BAMF-Insze­nie­rung wei­ter vor­an­ge­trie­ben. All dies hat zur öffent­li­chen Dele­gi­ti­ma­ti­on von Flucht und zur wei­te­ren Ent­rech­tung von Geflüch­te­ten bei­getra­gen«, ana­ly­siert der Flücht­lings­rat Bre­men.

Bei den meis­ten der Geflüch­te­ten, deren Asyl­an­er­ken­nung im Rah­men des sog. Asyl­skan­dals in Fra­ge gestellt wur­de, han­del­te es sich um ezi­di­sche Kur­din­nen und Kur­den, die aus dem Irak und Syri­en vor dem sog. »Isla­mi­schen Staat (IS)« geflo­hen waren und teil­wei­se furcht­ba­re Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen (Fol­te­run­gen, Ver­ge­wal­ti­gun­gen, Zwangs­ver­skla­vun­gen usw.) durch­lit­ten hat­ten. Die­sen Flücht­lin­gen wur­de 2018 grund­sätz­lich über­all in Deutsch­land ein Schutz­an­spruch eingeräumt.

Eini­ge der betrof­fe­nen Flücht­lin­ge hat­ten sich jedoch auf der Flucht zeit­wei­se in Bul­ga­ri­en auf­ge­hal­ten und waren dort aner­kannt wor­den. Im deut­schen Asyl­ver­fah­ren ging es um die Fra­ge, ob den Betrof­fe­nen eine Rück­kehr nach Bul­ga­ri­en zumut­bar wäre. Wäh­rend die BAMF-Zen­tra­le in Nürn­berg anord­ne­te, dass ein Asyl­ver­fah­ren in Deutsch­land nicht zuläs­sig sei, ent­schie­den etli­che Ver­wal­tungs­ge­rich­te, dass auch in Bul­ga­ri­en aner­kann­ten Flücht­lin­gen dort eine men­schen­un­wür­di­ge Behand­lung drohe.

Auch das nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Lüne­burg ent­schied Ende Janu­ar 2018, dass Geflüch­te­ten, die in Bul­ga­ri­en aner­kannt wur­den, eine Rück­kehr dort­hin nicht zuge­mu­tet wer­den könn­te. Eini­ge schwer trau­ma­ti­sier­te Flücht­lin­ge wur­den den­noch aus Nie­der­sach­sen nach Bul­ga­ri­en abge­scho­ben, weil nicht alle Ver­wal­tungs­ge­rich­te der Linie des nds. OVG folg­ten. Teil­wei­se ent­schie­den ver­schie­de­ne Kam­mern des glei­chen Ver­wal­tungs­ge­richts die Fra­ge einer Rück­kehr­mög­lich­keit nach Bul­ga­ri­en unter­schied­lich – mit der Fol­ge, dass es sogar inner­halb von Fami­li­en zu unter­schied­li­chen Ent­schei­dun­gen kam und Fami­li­en durch Abschie­bung getrennt wur­den (sie­he hier­zu die Doku­men­ta­ti­on des Falls der Fami­lie K).

In die­ser Situa­ti­on sorg­te die Lei­te­rin des BAMF in Bre­men dafür, dass etli­chen Kur­din­nen und Kur­den bei ihrer Behör­de zumin­dest Abschie­bungs­hin­der­nis­se zuge­spro­chen wur­den. Mit ihrem Ver­hal­ten zog sie sich frei­lich den Zorn der Behör­den­spit­ze zu, die eine Unter­su­chung anord­ne­te. Die abwei­chen­de Ent­schei­dungs­pra­xis der Bre­mer BAMF-Depen­dance wur­de dann im August 2018 inhalt­lich vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt bestä­tigt. Dar­aus zog dann end­lich auch das nie­der­säch­si­sche Innen­mi­nis­te­ri­um Kon­se­quen­zen und ord­ne­te im Sep­tem­ber 2018 einen gene­rel­len Abschie­bungs­stopp für in Bul­ga­ri­en Schutz­be­rech­tigte an.

Der tatsächliche Skandal ist ein anderer

Schon im Mai 2018 hat­te der Flücht­lings­rat Nie­der­sach­sen (Anm. d. Redak­ti­on: sie­he auch PRO ASYL-Ana­ly­se zu Asyl­zah­len 2018) dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der angeb­li­che BAMF-Skan­dal in Bre­men von dem ablenkt, was eigent­lich skan­da­lös ist: Die Aner­ken­nungs­kri­te­ri­en bei Asyl­ver­fah­ren wur­den geän­dert, was zu einer sys­te­ma­ti­schen Absen­kung der Zahl posi­ti­ver Ent­schei­dun­gen führ­te. Dies war und ist poli­tisch gewollt, um immer weni­ger Men­schen Schutz zu gewäh­ren. In der Fol­ge ergin­gen hun­dert­tau­sen­de man­gel­haf­te Asy­l­ent­schei­dun­gen. Damit san­ken seit 2015 für die Haupt­her­kunfts­län­der der Geflüch­te­ten die Schutz­quo­ten, obwohl sich die Situa­ti­on in man­chen die­ser Staa­ten – etwa Afgha­ni­stan – in den letz­ten Jah­ren dra­ma­tisch ver­schlech­tert hat.

Auf Grund­la­ge die­ser poli­tisch inten­dier­ten, durch eine Ände­rung der soge­nann­ten »Leit­sät­ze« selbst her­bei­ge­führ­ten, Absen­kung der Schutz­quo­te behaup­te­te ins­be­son­de­re die Bun­des­re­gie­rung, es kämen immer weni­ger Geflüch­te­te nach Deutsch­land, die schutz­be­dürf­tig sei­en. Die­se Behaup­tung dien­te als Grund­la­ge, um eine ver­schärf­te Abschot­tung der Gren­zen und schär­fe­re Abschie­bun­gen for­dern und umset­zen zu können.

Die neuesten Entwicklungen

NDR und Süd­deut­sche Zei­tung berich­ten nun vom Schrei­ben eines anony­men Hin­weis­ge­bers aus der dama­li­gen Ermitt­lungs­grup­pe, dass ent­las­ten­de Unter­la­gen in dem Ermitt­lungs­ver­fah­ren bewusst unbe­rück­sich­tigt geblie­ben sein könn­ten. Das Schrei­ben soll schon im Juni 2020 beim Land­ge­richt Bre­men ein­ge­gan­gen sein:

Als sich im Lau­fe der Ermitt­lun­gen her­aus­stell­te, dass die aller­meis­ten der unter­such­ten Fäl­le recht­lich nicht zu bean­stan­den gewe­sen sei­en, habe sich in der Ermitt­lungs­grup­pe »Ver­zweif­lung« breit gemacht.

»[E]ntlastende E‑Mails der Beschul­dig­ten Ulri­ke B. sei­en absicht­lich nicht zu den Akten genom­men wor­den. Als sich im Lau­fe der Ermitt­lun­gen her­aus­stell­te, dass die aller­meis­ten der unter­such­ten Fäl­le recht­lich nicht zu bean­stan­den gewe­sen sei­en, habe sich in der Ermitt­lungs­grup­pe »Ver­zweif­lung« breit gemacht […]. Die Ergeb­nis­se hät­ten nicht zu den erho­be­nen Vor­wür­fen gepasst. Auf Anwei­sung der Staats­an­walt­schaft sei man daher dazu über­ge­gan­gen, ehe­ma­li­ge Asyl­su­chen­de per­sön­lich zu befra­gen, um mög­li­cher­wei­se dadurch zu »belas­ten­den Sach­ver­hal­ten zu kom­men.« Der Hin­weis­ge­ber soll zudem den Ver­dacht äußern, dass sich die Ermitt­lun­gen gezielt auf tür­kisch­stäm­mi­ge Anwäl­te kon­zen­triert hät­ten. In dem Schrei­ben soll er fra­gen, ob Ras­sis­mus dafür ein Grund gewe­sen sei­en könn­te.« (Ein­sei­ti­ge Ermitt­lun­gen in der soge­nann­ten BAMF-Affä­re?, in: NDR vom 10. Novem­ber 2020)

Die Staats­an­walt­schaft Bre­men hat daher ein Ermitt­lungs­ver­fah­ren wegen Urkun­den­un­ter­drü­ckung gegen Unbe­kannt ein­ge­lei­tet. Lea Voigt, die Ver­tei­di­ge­rin von Ulri­ke B. weist auf die Pro­ble­ma­tik hin, dass »die Bre­mer Staats­an­walt­schaft auf­grund ihrer Betei­li­gung an den Ermitt­lun­gen dafür denk­bar unge­eig­net« sei.

Der Ori­gi­nal­text ist auf den Sei­ten des Flücht­lings­rats Nie­der­sach­sen erschie­nen.