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Oft mangelhaft: Die Asylbescheide, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) verschickt. Foto: Max Klöckner, PRO ASYL

Die Ermittlungen beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Bremen haben die Debatte über die Qualität der Asylentscheidungen erneut in die Öffentlichkeit gebracht. Die Herangehensweise greift aber zu kurz, wesentliche Probleme werden dabei außer Acht gelassen.

In der Bre­mer Außen­stel­le des BAMF soll es zu rechts­wid­ri­gen Prak­ti­ken bei Asy­l­ent­schei­dun­gen gekom­men sein. Dabei blei­ben aktu­ell noch vie­le Fra­gen offen – zum einen han­delt es sich, soweit öffent­lich bekannt wur­de, um Anträ­ge jesi­di­scher Flücht­lin­ge, die in den aller­meis­ten Fäl­len ohne­hin Schutz erhal­ten; zum ande­ren ändert sich auch der Tat­vor­wurf immer wie­der. Ob zunächst »ban­den­mä­ßi­ge Ver­lei­tung zur miss­bräuch­li­chen Antrag­stel­lung«, dann Kor­rup­ti­on oder nun Urkun­den­fäl­schung – was den Betei­lig­ten genau zur Last gelegt wird, bleibt unklar. Obwohl die Umstän­de noch nicht geklärt sind, über­bie­ten sich han­deln­de Politiker*innen aber jetzt schon in For­de­run­gen nach Über­prü­fung von aner­ken­nen­den Ent­schei­dun­gen und bege­hen dabei erneut alt­be­kann­te Feh­ler!

Schon bei den Unter­su­chun­gen nach dem Fall Fran­co A. kamen ledig­lich posi­ti­ve Asyl­be­schei­de erneut auf den Prüf­stand. Damals wur­den in der inter­nen Revi­si­on nur längst bekann­te Män­gel auf­ge­deckt und die fal­schen Schlüs­se dar­aus gezo­gen. Denn das Pro­blem liegt in struk­tu­rel­len Män­geln begrün­det und betrifft genau­so auch nega­ti­ve Ent­schei­dun­gen, wie die hohe Erfolgs­quo­te der Kla­gen vor Ver­wal­tungs­ge­rich­ten zeigt. Viel mehr braucht es also eine umfas­sen­de Qua­li­täts­kon­trol­le im Bun­des­amt, wie PRO ASYL und vie­le wei­te­re Ver­bän­de und Orga­ni­sa­tio­nen sie schon seit Jah­ren for­dern.

Qualität der Entscheidungen: Seit Jahren Problemthema

Die schlech­te Qua­li­tät der Asyl­be­schei­de zeigt sich kei­nes­wegs nur bei Fäl­len wie dem von Fran­co A. oder den Vor­komm­nis­sen in Bre­men. Der eigent­li­che Skan­dal – hun­dert­tau­sen­de man­gel­haf­te Asy­l­ent­schei­dun­gen – über­trifft das, was aktu­ell in Bre­men in Rede steht, um ein Viel­fa­ches, selbst wenn die Vor­wür­fe, es sei­en dort unrecht­mä­ßi­ge Ent­schei­dun­gen in mehr als 1.200 Fäl­len ergan­gen, zuträ­fen. Bereits 2005 hat ein brei­tes Bünd­nis die Qua­li­tät von Asyl­an­hö­run­gen und -ent­schei­dun­gen bemän­gelt, in einem aus­führ­li­chen Memo­ran­dum aus dem Novem­ber 2016 wur­den die struk­tu­rel­len Defi­zi­te und eine feh­len­de inter­ne Qua­li­täts­kon­trol­le noch­mals öffent­lich gemacht.

Das übergreifende Problem des BAMF

Von der Poli­tik ange­trie­ben wur­de nach 2015 alles unter­nom­men, um mit schnell ange­wor­be­nen und schlecht geschul­ten Entscheider*innen bis zur Bun­des­tags­wahl ein Höchst­maß an Asy­l­ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Deren Qua­li­tät war bis Herbst 2017 kein The­ma. Im BAMF stand – mit Unter­stüt­zung von gut bezahl­ten Unter­neh­mens­be­ra­tungs­fir­men – die Opti­mie­rung von Abläu­fen im Vor­der­grund, sprich: Tem­po. Sicher­stel­lung der Ver­wirk­li­chung eines Grund­rechts durch adäqua­te Gestal­tung der Asyl­ver­fah­ren? Das woll­te man sich nicht leis­ten.

Zwar hat das Bun­des­amt zwi­schen­zeit­lich Maß­nah­men zur Qua­li­täts­ver­bes­se­run­gen ange­kün­digt, immer noch fal­len aber bei­spiels­wei­se anhö­ren­de und ent­schei­den­de Per­so­nen aus­ein­an­der, unter ande­rem auch in den sen­si­blen Fäl­len tür­ki­scher Oppo­si­tio­nel­ler. Im Rah­men bis­he­ri­ger Qua­li­täts­kon­trol­len gibt es zudem kei­nen sys­te­ma­ti­schen Abgleich von Anhö­rungs­pro­to­koll und Ent­schei­dung. So kön­nen vie­le Feh­ler gar nicht erkannt wer­den.

Tausende unqualifizierte Dolmetscher

Ein wei­te­res Bei­spiel: Kürz­lich – und nur dank einer Anfra­ge der Lin­ken-Frak­ti­on im Bun­des­tag – wur­de  bekannt, dass in den Jah­ren 2017 und 2018 die Zusam­men­ar­beit mit 2.100 Dolmetscher*innen been­det wur­de. Schon in den Vor­jah­ren war das Aus­maß des Pro­blems aber durch Zei­tungs­be­rich­te, eine Grü­nen-Anfra­ge im Bun­des­tag und Hin­wei­se von PRO ASYL bekannt. Immer wie­der berich­ten Asyl­su­chen­de bei­spiels­wei­se über Ver­su­che von Dolmetscher*innen, auf Anhö­run­gen Ein­fluss zu neh­men – bis hin zu ver­steck­ten oder offe­nen Dro­hun­gen – aber auch man­gel­haf­ten Dol­met­scher­leis­tun­gen.

Offen­bar lan­ge weit­ge­hend fol­gen­los: Unzu­rei­chend qua­li­fi­zier­te Dolmetscher*innen  konn­ten 2015 und 2016 wei­ter am Abbau der Ver­fah­rens­rück­stän­de des BAMF mit­wir­ken. 2017 wur­den dann 30 von ihnen wegen »Ver­let­zun­gen des Ver­hal­tens­ko­dex« ent­las­sen – was sich dahin­ter genau ver­birgt, bleibt genau­so im Dunk­len, wie die Grün­de für das Ende der Zusam­men­ar­beit mit den übri­gen über 2.000 Dolmetscher*innen.

Unangenehme Überraschungen

Dass inner­halb des Bun­des­am­tes etwas gewal­tig schief läuft, zei­gen auch Ermitt­lun­gen aus Anlass der Ent­füh­rung eines viet­na­me­si­schen Exil­po­li­ti­kers in Ber­lin. Denn die mut­maß­li­chen Entführer*innen hat­ten offen­bar einen poli­ti­schen Fan in der Behör­de: Einen lang­jäh­ri­gen Sach­be­ar­bei­ter des BAMF, nach Anga­ben des SPIEGEL aus­ge­zeich­net »für beson­de­re Ver­diens­te in der Aus­lands­pro­pa­gan­da« im Sin­ne Viet­nams. Sol­che Fäl­le zei­gen, dass die inter­nen Sicher­heits­über­prü­fun­gen zumin­dest Lücken auf­wei­sen dürf­ten.

Überprüfung wird den Gerichten überlassen

Die vie­len man­gel­haf­ten Ent­schei­dun­gen des BAMF haben weit­rei­chen­de Fol­gen über das Bun­des­amt hin­aus: Etli­che Asylbewerber*innen müs­sen vor Ver­wal­tungs­ge­rich­ten kla­gen, um den ihnen zuste­hen­den Schutz­sta­tus zu erhal­ten. Ende 2017 waren dort noch über 370.000 Ver­fah­ren anhän­gig. Und im ver­gan­ge­nen Jahr hat­ten 40,8 Pro­zent der Kläger*innen Erfolg (berei­nig­te Schutz­quo­te): Fast die Hälf­te der über­prüf­ten Asyl­be­schei­de wur­de also durch die Ver­wal­tungs­ge­rich­te kor­ri­giert – bei syri­schen und afgha­ni­schen Asyl­su­chen­den waren es sogar über 60 Pro­zent! (Zah­len aus der Ant­wort auf eine Anfra­ge der LINKEN im Bun­des­tag)

Mit gro­ßer Imper­ti­nenz hat die Poli­tik Vor­ga­ben gemacht, die dazu füh­ren, dass das BAMF sei­ner lang­jäh­ri­gen Devi­se folg­te: Unser Kor­rek­tiv sind die Ver­wal­tungs­ge­rich­te – anstel­le einer wirk­li­chen Qua­li­täts­kon­trol­le im Hau­se selbst.

(bm / mk)