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Politiker*innen bis hinauf ins Innenministerium nutzten den angeblichen Skandal um Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen - ein gefährlicher Brandbeschleuniger. Foto: pixabay / cc-0

Der Rechtsanwalt Henning Sonnenberg vertritt einen der Beschuldigten im Verfahren rund um die Bremer Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Anlässlich einer Diskussion hat er eine treffende Zusammenfassung der Vorfälle geliefert. Wir dokumentieren einen Auszug aus seiner Rede hier.

»Ich spre­che zu Ihnen als Rechts­an­walt, genau genom­men als Ver­tei­di­ger eines Rechts­an­wal­tes, dem straf­ba­re Hand­lun­gen im Rah­men sei­ner Tätig­keit in Asyl­ver­fah­ren vor­ge­wor­fen wer­den. Ich spre­che also über den so genann­ten Bre­mer Asyl-Skan­dal. Ich nut­ze das Wort »so genannt« mit vol­ler Absicht, weil es einen Bre­mer Asyl-Skan­dal nicht gibt und nie gege­ben hat.

Medien lassen Sorgfalt vermissen

Die meis­ten unter ihnen wer­den sich dar­an erin­nern, dass Ende April die­sen Jah­res flä­chen­de­ckend alle Zei­tun­gen, Radio­sta­tio­nen und Fern­seh­sen­der berich­te­ten, dass die Außen­stel­le Bre­men des Bun­des­am­tes für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) in den Jah­ren 2014 bis 2016 tau­sen­de unrecht­mä­ßi­ge posi­ti­ve Ent­schei­dun­gen über Asyl­an­trä­ge getrof­fen habe.

Bereits zum dama­li­gen Zeit­punkt waren die ent­spre­chen­den Schlag­zei­len so for­mu­liert, als stün­de es fest, dass in Bre­men rechts­wid­rig gehan­delt wor­den ist. In den nach­fol­gen­den Arti­keln oder Mel­dun­gen war zunächst noch die Rede davon, dass es so gewe­sen sein soll. Die­se For­mu­lie­rung im Kon­junk­tiv wur­de dann sehr schnell fal­len gelas­sen. Der Bre­mer Asyl­skan­dal wur­de zur media­len Tat­sa­che und nach­fol­gend zum Brand­be­schleu­ni­ger in der gesam­ten Flücht­lings- und Migra­ti­ons-Debat­te.

12.848

posi­ti­ve Beschei­de wur­den über­prüft

Keine Nachweise für rechtswidrige Handlungen

Las­sen Sie mich Ihnen eini­ge Fak­ten sagen:  Alle von der Nürn­ber­ger Zen­tra­le des Bun­des­am­tes ursprüng­lich in die Welt gesetz­ten Zah­len über unrecht­mä­ßi­ge posi­ti­ve Ent­schei­dun­gen sind nach­weis­lich falsch.

145

Ent­schei­dun­gen wur­den als „kri­tik­wür­dig“ ein­ge­stuft

Das Bun­des­amt ist bis heu­te ent­we­der nicht wil­lens oder nicht in der Lage, die Anzahl der aus der Sicht des Bun­des­am­tes rechts­wid­rig erteil­ten posi­ti­ven Beschei­de zu benen­nen. Und dies, obwohl eine eigens ein­ge­setz­te 70-köp­fi­ge Grup­pe bis Ende August 12.848 posi­ti­ve Ent­schei­dun­gen aus Bre­men aus den Jah­ren 2006 bis Ende März 2018 noch ein­mal peni­bel über­prüft hat. Das Ergeb­nis die­ser Über­prü­fung ergab 145 Ent­schei­dun­gen, die als kri­tik­wür­dig ein­ge­stuft wur­den – das sind stol­ze 1,13 Pro­zent. Es ist aber eben kei­ne Rede davon, dass die­se 145 Ent­schei­dun­gen zu Unrecht ergan­gen wären, also rechts­wid­rig sei­en. Dar­auf käme es aber an! Nur dann wären straf­ba­re Hand­lun­gen über­haupt denk­bar.

Sogar ungewöhnlich wenige Fehler

Aus mei­ner Sicht zeigt die­ses Ergeb­nis, dass die Bre­mer Außen­stel­le des Bun­des­am­tes im Gegen­satz zu allen öffent­li­chen Behaup­tun­gen eine qua­li­ta­tiv ganz her­vor­ra­gen­de Arbeit geleis­tet hat, weil unge­wöhn­lich wenig Feh­ler gemacht wor­den sind. Hier­zu nur eine Ver­gleichs­grö­ße: Von den im Jah­re 2017 deutsch­land­weit ent­schie­de­nen 79.626 Asyl­kla­gen waren 32.486, also 40,8 Pro­zent, teil­wei­se oder ganz erfolg­reich. Das heißt umge­kehrt, dass von 79.626 nega­ti­ven Ent­schei­dun­gen des Bun­des­am­tes 32.486 ganz oder teil­wei­se rechts­wid­rig waren. Dies ist der eigent­li­che Skan­dal!

Brandbeschleunigung aus Kalkül

Der Fall Bre­men ist zum Brand­be­schleu­ni­ger gewor­den, weil er bewusst als Brand­be­schleu­ni­ger ein­ge­setzt wur­de. Eine Recher­che sei­tens der Medi­en fand über Wochen nicht statt. Die knal­li­ge Schlag­zei­le war zunächst wich­ti­ger, als der sorg­fäl­ti­ge Umgang mit den tat­säch­li­chen Gege­ben­hei­ten. Auf­fal­lend in die­sem Zusam­men­hang auch der immer wie­der­keh­ren­de Hin­weis auf zwei jezi­di­sche Anwäl­te und ihre aus­län­disch klin­gen­den Namen. Von dem drit­ten beschul­dig­ten, eben­falls deut­schen Anwalt, der einen urdeut­schen Namen trägt, war prak­tisch nie die Rede.

Erst Rufmord, dann Recherche

Ein bekann­ter deut­scher Straf­recht­ler hat die­se Art der anfäng­li­chen Bericht­erstat­tung in einem zutref­fen­den Satz zusam­men­ge­fasst: Erst Ruf­mord, dann Recher­che!

Nun ist es in den zurück­lie­gen­den Mona­ten mit erheb­li­chem Arbeits­ein­satz gelun­gen, prak­tisch alle rele­van­ten Medi­en in Deutsch­land zu einer seriö­sen Bericht­erstat­tung zurück­zu­brin­gen, was durch­aus erfreu­lich ist. Ich fra­ge mich aller­dings, ob die für die anfäng­li­che Bericht­erstat­tung ver­ant­wort­li­chen Damen und Her­ren sich beim nächs­ten ähn­li­chen Anlass ihrer Ver­ant­wor­tung bewusst sind und nicht wie­der mit der Fackel in der Hand agie­ren.

Saat für Chemnitz

Denn eins ist wohl unum­strit­ten: All die­se Falsch­mel­dun­gen waren all­zu gern genutz­te Muni­ti­on gegen die längst wie­der in ihr Gegen­teil ver­kehr­te Asyl­po­li­tik des Jah­res 2015. All die­se Falsch­mel­dun­gen haben der AfD Auf­trieb und Wäh­ler­stim­men gebracht. All die­se Falsch­mel­dun­gen haben mas­siv Stim­mung gegen Flücht­lin­ge und Migran­ten gemacht und ganz erheb­lich die Saat gesät, die in Chem­nitz und Köthen auf­ge­blüht ist.

All die­se Falsch­mel­dun­gen haben mas­siv Stim­mung gegen Flücht­lin­ge und Migran­ten gemacht und ganz erheb­lich die Saat gesät, die in Chem­nitz und Köthen auf­ge­blüht ist.

Wesent­lich grö­ßer ist aller­dings für all die­se Ent­wick­lun­gen die Ver­ant­wor­tung von Horst See­ho­fer, sei­nem Staats­se­kre­tär Mey­er und diver­sen ande­ren Her­ren aus dem Füh­rungs­nach­wuchs der CSU. See­ho­fer wie sein Staats­se­kre­tär waren es, die mit der Tat­sa­chen­be­haup­tung, in Bre­men habe es ein kri­mi­nel­les Zusam­men­spiel von Behör­den­lei­te­rin und Rechts­an­wäl­ten gege­ben, der media­len Stim­mungs­ma­che das Sie­gel »amt­lich« auf­ge­drückt haben.

Hen­ning Son­nen­berg, Rechts­an­walt


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