31.10.2014
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Sinnbild für die Festung Europas: Während Flüchtlinge verzweifelt versuchen, Melillas stacheldrahtbewehrten Grenzzaun zu überwinden, wird auf der europäischen Seite des Zauns davon unbeeindruckt Golf gespielt. Foto: José Palazón

Während der Staatsanwalt von Melilla eine strafrechtliche Untersuchung des brutalen Einsatzes der Guardia Civil vom 15. Oktober 2014 einleitet, drängt die spanische Regierung darauf, die Praxis der Zurückweisungen und Zurückschiebungen von Schutzsuchenden nach Marokko zu legalisieren. Die Gewaltexzesse an den einzigen Landgrenzen zwischen Afrika und Europa halten an.

Das Video­ma­te­ri­al lässt kei­ne Zwei­fel: Spa­ni­sche Grenz­be­am­te der Guar­dia Civil miss­han­deln Schutz­su­chen­de und Migrant_innen, die es schaf­fen, die Grenz­zaun­an­la­gen zu über­win­den und schla­gen sie bis zur Bewusst­lo­sig­keit. Über Durch­gän­ge wer­den sie zurück auf die marok­ka­ni­sche Sei­te geschleift und dort sich selbst über­las­sen oder direkt an die marok­ka­ni­schen Beam­ten aus­ge­hän­digt.

Bru­ta­le Miss­hand­lun­gen und Push Backs

Die Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Pro­de­in hat mitt­ler­wei­le zahl­rei­che Video­auf­nah­men zu dem bru­ta­len Vor­ge­hen der Guar­dia Civil gegen Schutz­su­chen­de und Migrant_innen an der Grenz­zaun­an­la­ge in Melil­la ver­öf­fent­licht. Die Auf­nah­men vom 15. Okto­ber zei­gen, wie Beam­te mit Schlag­stö­cken so lan­ge auf sich wehr­los am Zaun fest­klam­mern­de Schutz­su­chen­de ein­schla­gen, bis die­se zu Boden stür­zen. Ein bewusst­los geschla­ge­ner Mann wird schließ­lich durch den Zaun zurück gezerrt.

Pro­de­in und ande­re Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen hat­ten eine sofor­ti­ge Unter­su­chung der Vor­fäl­le gefor­dert. Nun hat die Staats­an­walt­schaft von Melil­la am 20. Okto­ber 2014 straf­recht­li­che Unter­su­chun­gen hin­sicht­lich der Vor­fäl­le vom 15. Okto­ber ein­ge­lei­tet, wie die Orga­ni­sa­ti­on SOS Racis­mo berich­te­te.

Spa­ni­sche Regie­rung will Völ­ker­rechts­bruch „lega­li­sie­ren“

Gleich­zei­tig ver­sucht die spa­ni­sche Regie­rung, eine Geset­zes­än­de­rung durch­zu­set­zen, mit der die auto­ma­ti­schen Zurück­wei­sun­gen lega­li­siert wer­den sol­len. Wer ohne gül­ti­ge Papie­re über die Grenz­zäu­ne spa­ni­sches Ter­ri­to­ri­um errei­che, soll auf der Stel­le wie­der zurück­ge­schafft wer­den kön­nen. Die von der Regie­rung vor­ge­schla­ge­ne Ände­rung des Staats­grund­ge­set­zes über den Schutz und die Sicher­heit der Staats­bür­ger soll nur für die Gren­zen von Ceu­ta und Melil­la gel­ten. Ein­ge­führt wer­den soll das Kon­zept der „Zurück­wei­sung an der Gren­ze (spa­nisch „recha­zo en fron­te­ra“) – die aktu­ell statt­fin­den­den Push Backs sol­len damit lega­li­siert wer­den.

Der spa­ni­sche Minis­ter­prä­si­dent Maria­no Rajoy ver­tei­dig­te im Senat die Plä­ne der Regie­rung und beton­te, die­se ent­sprä­chen sowohl der natio­na­len wie inter­na­tio­na­len Gesetz­ge­bung. Die Regie­rung habe zwei Optio­nen: die Gren­zen zu öff­nen, damit „alle hin­ein kön­nen, die es für ange­bracht hal­ten“ oder das eige­ne Ter­ri­to­ri­um zu ver­tei­di­gen, so Rajoy.

Push Backs in Mel­li­la sto­ßen inter­na­tio­nal auf Empö­rung

Der Men­schen­rechts­kom­mis­sar des Euro­pa­ra­tes nann­te die Ereig­nis­se vom 15. Okto­ber 2014 eine „erneu­te beun­ru­hi­gen­de Illus­tra­ti­on der Feh­ler Spa­ni­ens“ im Umgang mit Schutz­su­chen­den, Migran­tin­nen und Migran­ten in ihren Exkla­ven. Auch UNHCR zeig­te sich in einer Mel­dung vom 28. Okto­ber äußerst besorgt. Die spa­ni­sche Regie­rung müs­se dafür sor­gen, dass alle recht­li­chen Rege­lun­gen im Ein­klang mit inter­na­tio­na­len Ver­pflich­tun­gen stän­den, allen vor­an die Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on. UNHCR for­dert die spa­ni­schen Behör­den auf, an den Gren­zen kei­ne Gewalt aus­zu­üben sowie den Grenz­schutz im vol­len Ein­klang mit Men­schen­rech­ten und Flücht­lings­ge­set­zen durch­zu­füh­ren. In 2014 sei­en bis­her über 5.000 Schutz­su­chen­de nach Ceu­ta und Melil­la gelangt, so UNHCR, dar­un­ter 2.000 Flücht­lin­ge aus Syri­en.

Empö­rung wur­de auch vom Euro­päi­schen Flücht­lings­rat ECRE laut: „Die Gren­zen von Ceu­ta und Melil­la kön­nen nicht in eine Art recht­lo­ser ´Wil­der Süden´ ver­wan­delt wer­den. Als Teil von Spa­ni­en und Teil von Euro­pa gel­ten spa­ni­sche, euro­päi­sche und inter­na­tio­na­le Gesetz­ge­bung in den bei­den Städ­ten“, so beton­te Gene­ral­se­kre­tär Micha­el Died­ring. Amnes­ty Inter­na­tio­nal Spa­ni­en nann­te den Vor­stoß der Regie­rung „inak­zep­ta­bel“.

Die völ­ker­rechts­wid­ri­gen Zurück­wei­sun­gen an Euro­pas Außen­gren­zen müs­sen end­lich gestoppt wer­den. Der Ver­such der spa­ni­schen Regie­run­gen, den Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen an den Gren­zen der Enkla­ven eine recht­li­che Grund­la­ge zu schaf­fen, ist nicht ande­res als der Aus­stieg aus dem Völ­ker­recht. Es ist höchs­te Zeit, dass die Hüte­rin der EU-Ver­trä­ge, die EU- Kom­mis­si­on, dies der spa­ni­schen Regie­rung unmiss­ver­ständ­lich klar macht.

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