05.07.2014
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Noch nie versuchten so viele Menschen die Zäune der beiden spanischen Enklaven Ceuta und Melilla zu überklettern wie dieses Frühjahr. Bild: filckr / Jorge Meis

Mit nackten Oberkörpern, zerrissenen Hosen, lachenden Gesichtern, Freudenrufen, Dankesgebeten und leichten Schritten laufen sie durch die Straßen von Melilla. Sie haben es geschafft. Rund 500 Menschen überwanden am frühen Morgen des 28. Mai die Hochsicherheitszäune der spanischen Enklave.

Es war einer der erfolg­reichs­ten Grenz­stür­me in der Geschich­te des Hoch­si­cher­heits­zau­nes um Melil­la: Drei sechs Meter hohe und elf Kilo­me­ter lan­ge Git­ter­zäu­ne mit Wach­tür­men, Klin­gendraht und aus­ge­klü­gel­ten Klet­ter­blo­cka­den, aus­ge­stat­tet mit Schein­wer­fern, Infra­rot­ka­me­ras und hoch­sen­si­blen Sen­so­ren, wel­che jede ver­däch­ti­ge Bewe­gung schon weit vor dem Zaun regis­trie­ren.

Noch nie ver­such­ten so vie­le Men­schen die Zäu­ne der bei­den spa­ni­schen Enkla­ven Ceu­ta und Melil­la zu über­klet­tern wie die­ses Früh­jahr. Die bei­den Städ­te haben die ein­zi­gen Land­gren­zen Euro­pas zu Afri­ka – die ein­zi­gen Flucht­we­ge von Afri­ka nach Euro­pa, die kein Geld kos­ten.

Es ist ein Akt der Ver­zweif­lung, der letz­ten Hoff­nung. Denn es bleibt nicht mehr viel Zeit. Die­sen Som­mer will die EU mit Marok­ko ein Rück­über­nah­me­ab­kom­men abschlie­ßen, wonach sämt­li­che Flücht­lin­ge in das maghre­bi­ni­sche König­reich zurück­ge­scho­ben wer­den kön­nen. Für die Rei­sen­den vor den Toren Euro­pas ist das ein Alb­traum: Sie wären für immer in dem Land gestran­det, wel­ches für sie jeden Mythos von Gast­freund­schaft ver­lo­ren hat.

Im Auf­trag Euro­pas

Die Decken in der fens­ter­lo­sen Kam­mer sind feucht. An den Wän­den hängt Schim­mel. Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch­chen. Hier lebt Mous­sa, mit­ten in Duardum, einem Slum von Rabat, der Haupt­stadt Marok­kos. Geschätz­te 20.000 Rei­sen­de aus West- und Zen­tral­afri­ka ste­cken in Marok­ko fest. Jeder mit sei­ner eige­nen Geschich­te. Mous­sa war neun Jah­re alt, als er in den Kriegs­wir­ren in der Elfen­bein­küs­te sei­ne Mut­ter aus den Augen ver­lor. Ein frem­der Mann nahm ihn auf der Stra­ße bei der Hand und brach­te ihn nach Mali. Er ist heu­te 22 Jah­re alt. Sei­ne Rei­se ist noch nicht zu Ende. Aber er habe kei­ne Hoff­nung mehr, sagt Mous­sa, nach­dem er mir sei­ne Geschich­te erzähl­te. Hier, in Marok­ko, kom­me er nicht wei­ter.

Die Rei­sen­den vor den Toren Euro­pas erzäh­len mir ihre Geschich­ten, von Fluch­ten und beschwer­li­chen Rou­ten, von Träu­men, Hoff­nun­gen und der Suche nach einem Ort für ein wür­di­ges Leben. Hier in Marok­ko hat ihre Rei­se vor­erst geen­det. Den Weg nach Nor­den ver­sper­ren das Meer und eines der auf­wen­digs­ten Grenz­über­wa­chungs­sys­te­me der Welt. Den Weg zurück ver­sperrt die Hoff­nungs­lo­sig­keit. Oder die Scham. Marok­ko sei kein Ort, an dem man Leben kann, sagt Ser­ge. Der jun­ge Ivo­rer sitzt hin­ter einem klapp­ri­gen Schuh­ma­cher­ge­stell und näht die Soh­le eines wei­ßen Turn­schuhs zusam­men. „Fünf Dir­ham“, sagt er dem Marok­ka­ner, als er fer­tig ist. Fünf­zig Cent. „Eine ande­re Arbeit fin­dest du nicht“, meint Ser­ge. „Da musst du glück­lich sein, wenn du am Tag fünf Euro ver­dienst.“ Ser­ge ver­such­te über drei­ßig Mal, die Fes­tung Euro­pa zu entern. Er klet­ter­te über die Grenz­zäu­ne, stach mit Schlauch­boo­ten ins Meer, schwamm über die Grenz­li­ni­en. Drei Jah­re dau­ert sein Sturm bereits an.

Unter löch­ri­gen Plas­tik­pla­nen und Woll­de­cken cam­pie­ren vie­le der Rei­sen­den in den Hügeln vor Melil­la. Dort war­ten sie auf den rich­ti­gen Moment. „Der Wald ist die Höl­le“, sagt Ser­ge. „Wir leben draus­sen, auf der nack­ten Erde. Manch­mal haben wir drei Tage lang nichts zu Essen. Und selbst das Was­ser zum Trin­ken ist knapp.“ Sechs Mal ver­such­te er den Zaun zu über­klet­tern. Ohne Erfolg. Vor der Gren­ze wachen hun­der­te marok­ka­ni­sche Sol­da­ten der Forces Auxi­li­ai­res. Wer von ihnen gese­hen wird, ris­kiert einen Stein am Kopf. Wer erwischt wird, dem wer­den nicht sel­ten die Kno­chen gebro­chen. Im Auf­trag Euro­pas.

Die letz­te Hoff­nung zer­schlägt sich nicht

Aber auf der Sei­te der Rei­sen­den steht die Hoff­nung. Die Ver­zweif­lung. Und die Mas­se. „Attaque for­cée“ nen­nen sie den Moment des Ansturms. Dann ren­nen sie nicht sel­ten zu Tau­sen­den auf die Gren­ze zu, gleich­zei­tig, an ver­schie­de­nen Orten. Die meis­ten opfern sich, stel­len sich den Knüp­peln und Stei­nen, dem Trä­nen­gas und Gum­mischrot. Sie wer­den anschlie­ßend ver­letzt zurück in die marok­ka­ni­schen Groß­städ­te abge­scho­ben. Bis vor weni­gen Mona­ten noch nach Ouj­da, direkt ins Nie­mands­land an der alge­ri­schen Gren­ze. Aber man­che kom­men durch. Mal zehn, mal zwan­zig, mal hun­dert Men­schen.

Nach sechs Wochen im Wald kam Ser­ge zurück nach Rabat. Um wie­der zu Kräf­ten zu kom­men, sagt er. Um etwas Geld zusam­men zu krat­zen für den nächs­ten Ver­such, die Gren­ze zu über­win­den. Denn seit Marok­ko im Juni 2013 mit der EU eine Mobi­li­täts­part­ner­schaft ein­ging, drängt die Zeit. Bereits die­sen Som­mer dürf­te das ange­kün­dig­te Rück­über­nah­me­ab­kom­men in Kraft tre­ten. Seit­her grei­fen die marok­ka­ni­schen Mili­tärs an der Gren­ze noch här­ter durch. Und auch Spa­ni­en reagiert mit bra­chia­ler Gewalt auf die Flücht­lin­ge. Am 6. Febru­ar ertran­ken min­des­tens 14 Men­schen vor der Küs­te Ceu­tas, als die Guar­dia Civil mit Gum­mischrot und Trä­nen­gas­pe­tar­den auf schwim­men­de Flücht­lin­ge schoss. Zuneh­mend ste­hen ver­mumm­te spa­ni­sche Beam­te mit lan­gen Schlag­stö­cken auch auf der marok­ka­ni­schen Sei­te des Zau­nes.

Den­noch neh­men die Anstür­me zu. Die erbrach­ten Opfer wer­den grö­ßer und man­che Rei­sen­de haben ange­fan­gen, sich selbst mit Knüp­peln und Stei­nen gegen die Grenz­be­am­ten zu weh­ren. Vie­le haben nichts mehr zu ver­lie­ren.

 

Arti­kel von Johan­nes Büh­ler, zuerst erschie­nen im Hin­ter­land Maga­zin #26

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