14.04.2014
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Syrische Flüchtlinge werden nach der Ankunft im Hafen von Augusta in ein Aufnahmezentrum gebracht. Bild: UNHCR/A. D'Amato 2014

Mehr als 18.000 Bootsflüchtlinge kamen in diesem Jahr in Italien an. CSU und AfD haben darauf mit der üblichen Stimmungsmache gegen Flüchtlinge reagiert.

Was die Popu­lis­ten dabei unter ande­rem ver­schwei­gen: Schutz­su­chen­de wagen zuneh­mend die Über­fahrt über das Mit­tel­meer, weil ande­ren Flucht­rou­ten in die EU  sys­te­ma­tisch ver­schlos­sen wur­den.

Bernd Lucke, Spit­zen­kan­di­dat der AfD, for­der­te jüngst im Spie­gel-Inter­view: „Ille­gal ein­ge­reis­te Flücht­lin­ge müs­sen zunächst in ein siche­res afri­ka­ni­sches Land zurück­keh­ren und dort einen Ein­rei­se­an­trag stel­len“. Damit offen­bart der AfD-Mann nicht nur sei­ne flücht­lings­feind­li­che Hal­tung, son­dern redet auch dem offe­nen Völ­ker­rechts­bruch das Wort.

Mit Euro­päi­scher Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on unver­ein­bar

Denn eine sol­che Zurück­füh­rungs­pra­xis ist weder mit der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on, noch mit der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ver­ein­bar. 2011 ist dies vom Straß­bur­ger Men­schen­rechts­ge­richts­hof aus­drück­lich klar gestellt wor­den. Ita­li­en hat­te Flücht­lin­ge nach Liby­en zurück­ge­bracht, obwohl ihnen dort Miss­hand­lung, Fol­ter und ande­re schwe­re Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen droh­ten.

Nach wie vor ist die Men­schen­rechts­la­ge von Flücht­lin­gen in Nord­afri­ka extrem pre­kär, ins­be­son­de­re für Flücht­lin­ge. Und ins­be­son­de­re in Liby­en, wo die meis­ten Flücht­lin­ge Rich­tung Euro­pa auf­bre­chen. Denn die ande­ren Staa­ten Nord­afri­kas hal­ten auf Geheiß der EU Flücht­lin­ge längst effek­tiv von der Über­fahrt nach Euro­pa ab – ohne ihnen Schutz und men­schen­wür­di­ge Auf­nah­me­be­din­gun­gen zu bie­ten.

Des­halb müs­sen die auf dem Meer auf­ge­grif­fe­nen Flücht­lin­ge nach Euro­pa gebracht wer­den, ihre Schutz­be­dürf­tig­keit muss hier geprüft wer­den. Und dabei muss es um ihre Schutz­be­dürf­tig­keit gehen, nicht wie Lucke allen erns­tes for­dert, anhand ihrer „Qua­li­fi­ka­ti­on und Inte­gra­ti­ons­fä­hig­keit“.  Mit den State­ments ihres Spit­zen­kan­di­da­ten hat die AfD ein­mal mehr bewie­sen, was sie von Men­schen- und Flücht­lings­rech­ten hält.

CSU kün­digt popu­lis­ti­schen EU-Wahl­kampf an

Auch die CSU will „das The­ma Asyl­po­li­tik im Euro­pa­wahl­kampf nach vor­ne stel­len“, kün­dig­te CSU-Gene­ral­se­kre­tär Andre­as Scheu­er an. Wer in Ita­li­en lan­de, wol­le Asyl in Deutsch­land, behaup­te­te Scheu­er. „Wir kön­nen nicht das Leid der gan­zen Welt auf unse­ren Schul­tern tra­gen“, so der CSU-Poli­ti­ker. Wie weit Deutsch­land indes davon ent­fernt ist, dass „Leid der gan­zen Welt“ zu schul­tern, ver­deut­li­chen fol­gen­de Zah­len:  2,5 Mil­lio­nen Men­schen sind vor dem syri­schen Bür­ger­krieg ins Aus­land geflo­hen.  In Deutsch­land sind zwi­schen Anfang 2011 und Ende 2013 nur rund 30.000 Asyl­su­chen­de aus Syri­en ange­kom­men. Wie im Fal­le Syri­ens blei­ben auch bei ande­ren Kon­flik­ten die meis­ten Flücht­lin­ge in der Regi­on ihres Her­kunfts­lan­des. 80 Pro­zent der Flücht­lin­ge welt­weit leben in Ent­wick­lungs­län­dern.

Ver­la­ge­rung der Flucht­rou­ten auf das zen­tra­le Mit­tel­meer

Dass die Zahl der Flücht­lin­ge auf der Rou­te Rich­tung Ita­li­en zunimmt, hängt nicht zuletzt damit zusam­men, dass ande­re Flucht­rou­ten in die EU mit bru­ta­len Maß­nah­men abge­rie­gelt wur­den. An den bul­ga­ri­schen und grie­chi­schen Gren­zen zur Tür­kei wur­den ent­lang der Land­gren­zen nahe­zu unüber­wind­ba­re Zäu­ne errich­tet, um die vor allem aus Syri­en stam­men­den Flücht­lin­ge an der Flucht nach Euro­pa zu hin­dern.  Nach Bul­ga­ri­en kamen im Herbst 2013 mehr als 8000 Flücht­lin­ge über die tür­kisch-bul­ga­ri­sche Gren­ze. Nach der Errich­tung eines Grenz­zauns fiel die­se Zahl dras­tisch: Im Janu­ar und Febru­ar 2014 schaff­ten es nur 139 bzw. 124 Flücht­lin­ge über die Tür­kei ins Land.

Die grie­chisch-tür­ki­sche Land­gren­ze konn­ten im Jahr 2011 noch 55.000 Flücht­lin­ge über­schrei­ten, 2012 waren es 30.438. Im Jahr 2013 waren es ledig­lich 1122 Schutz­su­chen­de.  Auch die grie­chisch-tür­ki­sche See­gren­ze wird abge­rie­gelt. Im Jahr 2013 erreich­ten 10.995 Schutz­su­chen­de die grie­chi­schen Inseln. Die dort sys­te­ma­tisch durch­ge­führ­ten völ­ker­rechts­wid­ri­gen Zurück­wei­sun­gen von Flücht­lin­gen aus Syri­en, Afgha­ni­stan, Soma­lia und Eri­trea führ­te dazu, dass nun Schutz­su­chen­de ver­mehrt den Weg über das zen­tra­le Mit­tel­meer wäh­len und in Ita­li­en ankom­men.

Deutsch­land muss mehr Flücht­lin­ge auf­neh­men

Die Auf­nah­me der aus See­not geret­te­ten Flücht­lin­ge kann nicht allein Auf­ga­be Ita­li­ens sein. PRO ASYL appel­liert an die Bun­des­re­gie­rung und an die ande­ren euro­päi­schen Staa­ten, Flücht­lin­ge aus den Grenz­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on wie Ita­li­en auf­zu­neh­men und die Euro­päi­sche Zustän­dig­keits­ver­ord­nung Dub­lin III, die die Ver­ant­wor­tung für den Flücht­lings­schut­zes bis­lang an die Rand­staa­ten der EU abschiebt, grund­le­gend zu refor­mie­ren. Deutsch­land darf sich sei­ner Ver­ant­wor­tung für den Flücht­lings­schutz nicht ent­zie­hen. 

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