22.01.2019
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Die bestens gesicherte Grenzanlage. Foto: Moritz von Galen und Leonie Krügener von escuela con alma

In Deutschland geht die Zahl der Asylanträge zwar zurück – aber weltweit sind immer mehr Menschen zur Flucht gezwungen. Und die humanitäre Krise, in der sich die Betroffenen befinden, findet immer noch auch mitten in Europa statt. Aktivist*innen berichten über die Situation von Flüchtenden an der europäischen Außengrenze in Serbien.

UNHCR zähl­te für Ser­bi­en in der zwei­ten Dezem­ber­hälf­te 2018 knapp 4500 Schutz­su­chen­de. Der Groß­teil von ihnen sitzt in den offi­zi­el­len staat­li­chen Camps ohne jede Per­spek­ti­ve fest, da das wirt­schaft­lich schwa­che Ser­bi­en ihnen kei­nen Aus­weg bie­tet. Auch gibt es aus den ser­bi­schen Camps gibt es Berich­te von Gewalt und Dieb­stäh­len. Der Zugang zur EU bleibt den Men­schen jedoch ver­wehrt. Man­che geben in der Ver­zweif­lung auf und geben sich ihrem Schick­sal hin, ande­re ver­su­chen mit aller Kraft den Grenz­zaun in Rich­tung Ungarn zu pas­sie­ren und anschlie­ßend nach West­eu­ro­pa wei­ter­zu­rei­sen. Sie ver­las­sen die offi­zi­el­len Unter­künf­te und bezie­hen ver­las­se­ne Gebäu­de in Grenz­nä­he, wo sie unter unwür­di­gen Bedin­gun­gen leben müs­sen.

Immer noch sitzen Menschen an der Grenze fest

Wäh­rend in den Som­mer­mo­na­ten ver­gan­ge­ner Jah­re zahl­rei­che sol­cher impro­vi­sier­ter und selbst­or­ga­ni­sier­ter Unter­künf­te in Nord-Ser­bi­en als Aus­gangs­punk­te genutzt wur­den, sind in Subo­ti­ca und Umge­bung in die­sen Win­ter­mo­na­ten nur weni­ge sol­cher Orte übrig geblie­ben, die »Bal­kan­rou­te« hat sich in Rich­tung der bos­nisch-kroa­ti­schen Gren­ze ver­scho­ben.

»Im Camp in Hor­goš war es schön zu sehen, wie sehr die Men­schen trotz der Situa­ti­on zusam­men hal­ten, gemein­sam kochen und sich gegen­sei­tig unter­stüt­zen. Oben­drein küm­mern sie sich noch um meh­re­re Kat­zen und ein sechs Mona­te altes Reh, das ohne Mut­ter nach der Geburt gefun­den wur­de und mit der Fla­sche groß gezo­gen wird. Im Anbe­tracht der Umstän­de beein­druck­te uns die­se Für­sor­ge und Soli­da­ri­tät unter­ein­an­der.«

Trotz­dem har­ren der­zeit immer noch 50 bis 60 Men­schen in ver­fal­le­nen Gebäu­den auf dem Bahn­hofs­ge­län­de der ser­bi­schen Klein­stadt aus und 30 bis 40 wei­te­re Geflüch­te­te leben in ver­las­se­nen Scheu­nen nahe dem Grenz­dorf Hor­goš. Die meis­ten von ihnen sind jun­ge Män­ner aus Afgha­ni­stan und zwi­schen 15 und 30 Jah­re alt.

Bei Minus­gra­den und regel­mä­ßi­gem Schnee­fall wär­men sich die Men­schen in den Bahn­hofs­ge­bäu­den am Feu­er und kla­gen über schlaf­lo­se Näch­te, weil Decken und Schlaf­sä­cke in den zugi­gen Räu­men nicht genü­gend wär­men. Trink­was­ser muss mit Kanis­tern von einem öffent­li­chen Brun­nen beschafft wer­den, Anschluss an die Strom­ver­sor­gung gibt es kei­ne.

Die Situa­ti­on in den Bara­cken vor Ort. Foto: Moritz von Galen und Leo­nie Krü­ge­ner von escue­la con alma
In die­sem Gebäu­de kam­pie­ren die Geflüch­te­ten. Foto: Moritz von Galen und Leo­nie Krü­ge­ner von escue­la con alma
Die Situa­ti­on in den Bara­cken vor Ort. Foto: Moritz von Galen und Leo­nie Krü­ge­ner von escue­la con alma

Kaum Unterstützungsstrukturen vor Ort vorhanden

Der Mehr­heit der Geflüch­te­ten fehlt es an einer pas­sen­den Aus­stat­tung für die extre­men kli­ma­ti­schen Bedin­gun­gen. Sie tra­gen dün­ne Pull­over und lau­fen in Bade­lat­schen durch den Schnee. Vom über­wie­gen­den Teil der loka­len Bevöl­ke­rung erhal­ten sie kei­ne Unter­stüt­zung. Nur die klei­ne spa­ni­sche NGO »Escue­la Con Alma« ist mit ein paar Leu­ten vor Ort und hilft mit win­ter­fes­ter Klei­dung, Schlaf­sä­cken, Nah­rungs­mit­teln und Auto­bat­te­ri­en zum Laden der Han­dys.

Push-Back Erfahrungen bis kurz vor die österreichische Grenze

Wäh­rend alle auf den nächs­ten pas­sen­den Moment für einen erneu­ten Auf­bruch war­ten, haben sie die Bil­der zu all den geschei­ter­ten Ver­su­chen im Kopf. Die Berich­te eini­ger Geflüch­te­ter zei­gen deut­lich mit wel­cher Kon­se­quenz Ungarn seit Mona­ten die Pra­xis ille­ga­ler Zurück­wei­sun­gen (sog. »Push-Backs«) ver­folgt. Dabei kon­zen­trie­ren sich die unga­ri­schen Behör­den nicht nur auf das unmit­tel­ba­re unga­risch-ser­bi­sche Grenz­ge­biet.

»Uns wur­de erklärt, dass der Zaun über­all mit Wär­me­bild­ka­me­ras über­wacht wird und über die gesam­te Stre­cke Grenz­po­li­zei in Autos steht. Bei Berüh­rung des Zau­nes bekom­men die Men­schen einen Strom­schlag und durch Laut­spre­cher wird auf vier ver­schie­de­nen Spra­chen dazu auf­ge­for­dert sich sofort zu ent­fer­nen.«

Der 20 jäh­ri­ge Khi­alay* berich­tet, dass er erst 6 Kilo­me­ter vor der unga­risch-öster­rei­chi­schen Gren­ze von der unga­ri­schen Poli­zei gefasst und trotz­dem noch am sel­ben Tag zurück nach Ser­bi­en abge­scho­ben wur­de. Ande­re erzäh­len von kilo­me­ter­wei­ten Fuß­mär­schen ins Lan­des­in­ne­re. Doch auch sie wur­den nach der Fest­nah­me umge­hend zurück­ge­scho­ben oder zunächst stun­den­lang auf Poli­zei­sta­tio­nen ohne Zugang zu Essen, Trin­ken und Sani­tär­an­la­gen fest­ge­hal­ten und dann nach Ser­bi­en zurück­ge­wie­sen. Man­che muss­ten außer­dem noch ihren Schlaf­sack an die unga­ri­sche Poli­zei abge­ben.

Die Fra­ge nach einem Blei­be­recht und Asyl­ver­fah­ren wur­de dabei stets durch die unga­ri­schen Behör­den ver­neint. Statt­des­sen berich­ten Geflüch­te­te zudem von Gewalt und Dro­hun­gen durch die Poli­zei. Soll­ten sie drei Mal erwischt wer­den, wer­de dies här­te­re Kon­se­quen­zen haben.

Illegale Praxis der ungarischen Polizei von EU geduldet

32 sol­cher Fäl­le in den Grenz­re­gio­nen nahe Subo­ti­ca und Hor­goš wer­den in den Ver­öf­fent­li­chun­gen der Orga­ni­sa­ti­on »Bor­der Vio­lence Moni­to­ring« doku­men­tiert. Berich­te vie­ler Geflüch­te­ter las­sen jedoch auf eine gro­ße Dun­kel­zif­fer schlie­ßen, denn eine sys­te­ma­ti­sche und orga­ni­sier­te Erfas­sung der Vor­fäl­le fin­det nicht statt. Erst vor weni­gen Wochen wur­den auch gehei­me Video­auf­nah­men ille­ga­ler Zurück­wei­sun­gen durch die kroa­ti­sche Poli­zei an der kroa­tisch-bos­ni­schen Gren­ze bekannt.

Die regel­mä­ßi­gen Ver­stö­ße gegen die euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on und Arti­kel 33 der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on durch die unga­ri­schen Behör­den dürf­ten auch in der rest­li­chen EU mitt­ler­wei­le bekannt sein und den­noch wer­den sie gedul­det. Die Bun­des­re­gie­rung erfreut sich an der sin­ken­den Anzahl gestell­ter Asyl­an­trä­ge, obwohl sie die­se Ent­wick­lung u.a. ille­ga­len Prak­ti­ken durch natio­na­le Poli­zei­ein­hei­ten an den EU-Außen­gren­zen zu ver­dan­ken hat.

(Moritz von Galen und Leo­nie Krü­ge­ner von escue­la con alma)

 

*Name geändert

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