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Franziska Hagelstein, Grafikerin aus dem Wendland, leistete Fluchthilfe für einen schutzsuchenden afghanischen Jungen und landete dafür 2014 in einem bulgarischen Gefängnis. In einem sehr persönlichen Bericht schildert sie Ihre Hafterfahrung und Ihre Sorge um das Schicksal des damals 14-jährigen Ramesh. ©privat

Viele Initiativen setzen sich für die Verwirklichung des Rechts auf Familienzusammenführung ein und für eine faire Aufnahme von Flüchtlingen aus den Grenzstaaten der EU, vor allem aus Griechenland und Italien. Franziska Hagelstein, Grafikerin aus dem Wendland, ist noch einen Schritt weiter gegangen: Sie leistete Fluchthilfe für einen schutzsuchenden afghanischen Jungen und landete dafür in einem bulgarischen Gefängnis.

Der sehr persönliche Bericht »32 Tage Bulgarien oder Europas Flüchtlingspolitik« zeugt von Ohnmachtsgefühlen und der unbeugsamen Haltung einer Flüchtlingshelferin, die den Glauben an die Menschenrechte auch in einer Zeit aufrecht erhält, in der die EU Schutzsuchende vor allem abweist, aussperrt und einsperrt.

Wegen Schleusung wird Franziska Hagelstein in Bulgarien zu neun Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe verurteilt. Sie und ihr Begleiter können nach Deutschland zurückkehren.

Der 14-jährige Ramesh hingegen wird nach der Haftentlassung in das Flüchtlingslager Camp Sofia gebracht. Hagelstein und weitere Helfer*innen setzen daraufhin alle Hebel in Bewegung, um Ramesh legal nach Deutschland zu holen, doch es dauert zu lange.

Ramesh macht sich allein auf den Weg und schafft es, sich von Bulgarien bis nach Deutschland durchzuschlagen. Familie Hagelstein nimmt ihn auf und begleitet ihn durch das Asylverfahren. Nach weiteren Monaten der Ungewissheit wird Ramesh als  Flüchtling in Deutschland anerkannt.

Letztlich gelingt auch den Eltern und den drei Geschwistern von Ramesh und Omid die Flucht nach Deutschland. Auch sie nehmen in der Hoffnung auf ein sicheres Leben die gefährliche Route über das Mittelmeer auf sich, die viele andere mit dem Leben bezahlen.

Für ihren Einsatz erhielt Franziska Hagelstein Ende 2016 den »Dr. Matthias Lange – Fluchthilfepreis« des Flüchtlingsrates Niedersachsen. Im Wendland, wo sie mit ihrer Familie lebt, baut sie heute ein interkulturelles Mehrgenerationen-Dorf auf – gemeinsam mit vielen anderen, darunter auch die Familie von Ramesh und Omid. Im Interview mit PRO ASYL berichtet sie von ihren Erfahrungen.

»Tausende sterben vor unseren verschlossenen Toren. Das hört nicht auf, nur weil wir so tun, als ginge uns das nichts an. Oder ist nur die Würde der deutschen Menschen unantastbar?«

Franziska Hagelstein, Grafikerin und Flüchtlingshelferin

Interview

Haben Sie darüber nachgedacht, dass Sie sich selbst gefährden könnten bei dem Versuch, Ramesh von Athen nach Deutschland zu bringen?

Die Entscheidung war sehr spontan. Später, als mir in den Sinn kam, dass es gefährlich ist, gab es kein Zurück mehr. Von Omid wusste ich, was die Jungs tun um nach Europa zu gelangen. Ich hatte nicht tatenlos zusehen wollen, wie ein 14‑Jähriger unter einem Lkw hängend durch Europa reist. Nicht zu wissen, ob ihn sein Weg nach Deutschland oder in den Tod führt, wäre nicht auszuhalten gewesen. Im Vergleich dazu war unser Risiko gering.

Auch in der Haft habe ich mir um Rameshs Schicksal Sorgen gemacht. Ich hatte ständig Angst, wir konnten ihn verlieren und dass wir dann keinen Kontakt mehr zu ihm bekommen wurden. Er konnte die Sprache nicht, hatte kein Telefon mehr und ich wusste auch nicht, ob er die wichtigen Telefonnummern im Kopf hatte.

Während Ihrer Haftzeit in Bulgarien haben Sie aus Ihrem persönlichen Umfeld viel Unterstützung erfahren. Haben Sie auch Anfeindungen wegen Ihres Engagements erlebt?

Die meisten Menschen sind mir mit sehr viel Erstaunen und Achtung entgegengekommen. In den ersten Wochen nach meiner Rückkehr gab es nur einen Menschen, der mit Ablehnung reagiert hat. Interessanterweise hat sich seine Einstellung ein Jahr später, als man in jeder Zeitung lesen konnte, wie gerade die »richtige« Haltung ist, nämlich dass wir uns den Flüchtlingen bedingungslos und unterstützend zuwenden, ins Gegenteil verwandelt. Es gab eine anonyme Mail, als Reaktion auf den Fluchthilfepreis, aber der Grundtenor in meinem Umfeld reicht von Anerkennung bis hin zu Danksagungen.

Wie nehmen Sie heute die Debatte zur Flüchtlingspolitik wahr?

Ich lebe eher medienfern, lese sehr sporadisch die örtliche Tageszeitung und besitze keinen Fernseher. Trotzdem habe ich 2015 mitbekommen, dass die Willkommenskultur in Deutschland geradezu euphorisch war, dass die Politik eine Chance witterte, die sich drastisch reduzierende arbeitende Bevölkerung aufzustocken. Und den Medien bot sich ein Dauerthema. Ich glaube, die Menschen, die damals die Ankommenden begrüßt haben, stehen auch heute noch unterstützend an deren Seite. Ich erlebe sogar Bedauern, dass die eilends geschaffenen Strukturen nun kaum noch genutzt werden, weil die gemutmaßte große Anzahl der Flüchtlinge ausbleibt.

Die Medien sind sich jetzt einig, dass es an der Zeit ist, dem ausländerfeindlichen Teil der Bevölkerung eine Stimme zu geben. Die Politik lehnt sich zurück und tut so, als würde sie sich mal wieder nur nach den Menschen richten, die nun angeblich feststellen, dass hier kein Platz für Geflüchtete ist. Europa ist durchaus in der Lage, viele Menschen aufzunehmen und die Politiker sind in der Verantwortung, die Wege dafür zu ebnen.

Tausende sterben vor unseren verschlossenen Toren. Das hört nicht auf, nur weil wir so tun, als ginge uns das nichts an. Oder ist nur die Würde der deutschen Menschen unantastbar?

Sie bauen in Hitzacker gemeinsam mit vielen anderen ein interkulturelles Dorf für Menschen aller Generationen. Welche Reaktionen gibt es darauf?

Das Interesse ist riesig. Die Idee ist gerade eineinhalb Jahre alt. In dieser Zeit haben wir eine Genossenschaft und eine Bau GmbH gegründet, ein Grundstück gekauft, achtzig Bewohner gefunden und viele Menschen, die das Projekt finanziell oder durch ihre Mitarbeit fördern.

Das Medieninteresse ist teilweise größer als unsere Kapazitäten –  wenn man ein Dorf bauen will, gibt es sehr handfeste Dinge zu tun. Viele Hitzackeraner finden die Idee klasse und auch der Stadtrat ist begeistert. Logisch, 300 Menschen mehr, in einem kleinen Ort wie Hitzacker: Wer könnte da ernsthaft etwas dagegen haben?

(Dieses Interview erschien erstmals im Juni 2017 im »Heft zum Tag des Flüchtlings 2017«.)


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