Getarnt als besorg­te Bür­ger machen Rechts­ex­tre­mis­ten gegen Flücht­lings­un­ter­künf­te mobil und ver­su­chen ras­sis­ti­sche Res­sen­ti­ments in der Nach­bar­schaft anzu­sta­cheln. Mit fata­len Fol­gen: Anschlä­ge und Über­grif­fe häu­fen sich.

Was tun, wenn sich Pro­test gegen eine Flücht­lings­un­ter­kunft im eige­nen Stadt­teil regt? Wenn sich Bür­ger­initia­ti­ven grün­den, die Vor­ur­tei­le und Schein­ar­gu­men­te in die öffent­li­che Debat­te um eine Flücht­lings­un­ter­kunft tra­gen? Was tun, wenn Neo­na­zis ihre ras­sis­ti­sche Pro­pa­gan­da gegen Flücht­lin­ge len­ken?

Spre­chen Sie in Ihrer Stadt oder Gemein­de Men­schen von Insti­tu­tio­nen an, denen Sie zutrau­en, dass sie sich gegen Ras­sis­mus stark machen. Zum Bei­spiel aus der Kir­chen­ge­mein­de, aus Par­tei­en und Gewerk­schaf­ten, aus dem Kul­tur- und Bil­dungs­be­reich oder aus dem Sport. Eine Zusam­men­ar­beit ver­schie­de­ner Initia­ti­ven und Ver­ei­ne erleich­tert die Durch­füh­run­gen von Aktio­nen und ermög­licht, dass Anti­ras­sis­mus flä­chen­de­ckend ver­an­kert wer­den kann. Gemein­sa­me Kam­pa­gnen, Fes­te und Pres­se­er­klä­run­gen kön­nen eine Ein­heit schaf­fen, die sich klar gegen Ras­sis­mus posi­tio­niert. Wich­tig ist zudem die Ver­net­zung mit bereits bestehen­den Flücht­lings­rä­ten und anti­ras­sis­ti­schen Initia­ti­ven.

 

Begeg­nen Sie Vor­ur­tei­len mit Fak­ten. Vie­le Vor­ur­tei­le bau­en auf Unwis­sen oder Fehl­in­for­ma­tio­nen auf. Daher ist es wich­tig, sich selbst zu infor­mie­ren und ande­re über die Situa­ti­on von Flücht­lin­gen, über Neo­na­zi-Stra­te­gi­en und ras­sis­ti­sche Wir­kungs­wei­sen auf­zu­klä­ren. Damit bestehen­de Unsi­cher­hei­ten und Unwis­sen nicht durch Neo­na­zis beant­wor­tet wer­den kön­nen, muss Ras­sis­mus auf ande­ren Ebe­nen the­ma­ti­siert und abge­baut wer­den.

Wenn Poli­ti­ker etwa die Asyl­an­trags­zah­len „alar­mie­rend“ nen­nen oder Medi­en von „Flücht­lings­strö­men“ spre­chen, löst das Ängs­te aus. Sach­lich betrach­tet sind vie­le Begrif­fe unan­ge­mes­sen, sogar falsch. Machen Sie Medienvertreter_innen und Bürger_innen dar­auf auf­merk­sam. Schrei­ben Sie Leser­brie­fe und kom­men­tie­ren Sie Sen­dun­gen in Radio und Fern­se­hen. Auf den Kom­men­tar­sei­ten vie­ler Zei­tun­gen und in Inter­net­blogs brei­ten sich unge­hin­dert Pöbe­lei­en und schlich­te Dumm­hei­ten aus. Set­zen Sie Sach­auf­klä­rung und Mit­mensch­lich­keit dage­gen.

Der ein­fachs­te Weg, gegen die Aus­gren­zung von Flücht­lin­gen aktiv zu wer­den und Flücht­lin­ge effek­tiv zu unter­stüt­zen, ist, in direk­ten Kon­takt zu tre­ten. Ein freund­li­cher Besuch in der Unter­kunft schafft die Gele­gen­heit, sich ken­nen­zu­ler­nen und die Bedürf­nis­se der Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner zu erfah­ren. Orga­ni­sie­ren Sie Ken­nen­lern­aben­de, Film­vor­füh­run­gen, gemein­sa­me Dis­kus­sio­nen. Oft fin­den sich dann wei­te­re Anwoh­ne­rin­nen und Anwoh­ner, die Flücht­lin­ge unter­stüt­zen oder Din­ge gemein­sam tun wol­len: Haus­auf­ga­ben­hil­fe geben, Stadt­rund­gän­ge machen, gemein­sam kochen oder Fahr­rä­der repa­rie­ren.

Auch wenn es wich­tig ist, auf ras­sis­ti­sche Stim­men und Pro­tes­te zu reagie­ren, soll­te man nicht bei den Sor­gen und Ängs­ten der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger hän­gen blei­ben, son­dern den Blick auf die Geflüch­te­ten selbst len­ken – und ihre schwie­ri­ge Lebens­si­tua­ti­on. Set­zen Sie sich für gute Auf­nah­me­be­din­gun­gen ein. Mas­sen­un­ter­künf­te, Arbeits­ver­bo­te und die Ver­pfle­gung mit Sach­leis­tun­gen signa­li­sie­ren: „Die gehö­ren nicht zu uns, die tun nichts, die lie­gen uns auf der Tasche.“ Damit wer­den Flücht­lin­ge leicht zur Ziel­schei­be von Wut und Frus­tra­ti­on. Flücht­lin­ge dage­gen, die in einer Woh­nung leben, Deutsch ler­nen und sich ihren Lebens­un­ter­halt selbst erar­bei­ten dür­fen, wer­den viel leich­ter akzep­tiert. Wen­den Sie sich an die Ver­ant­wort­li­chen – Stadt­ver­wal­tung, Bera­tungs­stel­len und ande­re – um die Kom­mu­ne zu einer posi­ti­ven Poli­tik der „Inte­gra­ti­on von Anfang an“ zu bewe­gen.

 

Neo­na­zis knüp­fen an aktu­el­le, gesell­schaft­lich rele­van­te The­men an, um ras­sis­ti­sche, rechts­ex­tre­me oder demo­kra­tie­feind­li­che Bot­schaf­ten zu set­zen. Durch genau­es Hin­schau­en kön­nen sol­che Mus­ter jedoch schon früh­zei­tig erkannt wer­den. Es lohnt ein Blick dahin­ge­hend, was im Vor­der­grund der Kam­pa­gne steht: Geht es um die Situa­ti­on der davon Betrof­fe­nen – oder um den eige­nen „Hei­mat­be­zug“ und vor­ge­fer­tig­te, popu­lis­tisch auf­ge­la­de­ne Mei­nun­gen?

Über­zeug­te Neo­na­zis haben ein geschlos­se­nes ideo­lo­gi­sches Welt­bild, dem nicht ein­fach mit sach­li­chen Argu­men­ten ent­ge­gen­ge­tre­ten wer­den kann. Zudem zeich­net sich die Stra­te­gie von Neo­na­zis nicht dadurch aus, mit Dis­kus­sio­nen ihre Mei­nung vor­an zu brin­gen, son­dern durch Wort­er­grei­fungs­stra­te­gi­en und pro­pa­gan­dis­ti­sche Mei­nungs­ma­che ihre ras­sis­ti­schen Ansich­ten zu ver­brei­ten. Des­halb ist es wich­tig, ein­deu­tig rechts­ex­tre­me Akteu­rin­nen und Akteu­re von vor­ne­her­ein aus­zu­schlie­ßen und sich nicht auf eine Debat­te mit Neo­na­zis ein­zu­las­sen.

Grün­det sich bei Face­book oder ande­ren sozia­len Netz­wer­ken eine Sei­te oder Grup­pe mit ras­sis­ti­schen Inhal­ten, so gibt es immer die Mög­lich­keit, die­se zu mel­den. Dar­über hin­aus ist es wich­tig, eine Prä­senz zu schaf­fen, die Gegen­stim­men sicht­bar macht und Ras­sis­mus äch­tet. So haben bei­spiels­wei­se als Reak­ti­on auf die Sei­te der »Bür­ger­initia­ti­ve Mar­zahn­Hel­lers­dorf« Flücht­lings­un­ter­stüt­ze­rin­nen und -unter­stüt­zer die Sei­te »Hel­lers­dorf hilft« ins Leben geru­fen.

Wer sich auf ent­spre­chen­den Sei­ten der sozia­len Netz­wer­ke in die Dis­kus­si­on bege­ben möch­te, um Flücht­lin­ge auf die­se Art und Wei­se zu unter­stüt­zen, soll­te vor allem ruhig und sach­lich blei­ben. Es hilft nichts, auf die stra­te­gi­schen Eska­lie­rungs­ver­su­che der Rechts­ex­tre­men ein­zu­ge­hen. Denn genau das ist das Ziel der Initia­to­ren. Bes­ser ist es, die Dis­kus­si­on auf eine neu­tra­le Ebe­ne zu brin­gen – oder zumin­dest auf ein Niveau, das ohne Hass aus­kommt. Wenn auch das nicht hilft, soll­te man aller­dings auch den Mut haben, Dis­kus­sio­nen abzu­bre­chen – wenn mög­lich mit erklä­ren­den Wor­ten. Auch wenn es auf Dau­er anstren­gend sein mag, immer wie­der die glei­chen Dis­kus­sio­nen zu füh­ren – tun Sie es. Denn Nichts­tun bestärkt die Aggres­so­ren und ver­un­si­chert ande­re Nut­ze­rin­nen und Nut­zer. Außer­dem demons­trie­ren Sie so Soli­da­ri­tät mit den Betrof­fe­nen.

Auf per­sön­li­che Belei­di­gun­gen oder Dro­hun­gen, Volks­ver­het­zung oder offe­nen Ras­sis­mus müs­sen Sie dar­über hin­aus als Admi­nis­tra­tor eines Forums, einer Grup­pe oder Sei­te (und das ist im enge­ren Sin­ne sogar ihre Pro­fil­sei­te in sozia­len Netz­wer­ken) ganz klar mit dem »Löschen«oder »Melden«Button reagie­ren.

Nicht jeder, der sich auf den Sei­ten der rech­ten Bür­ger­initia­ti­ven oder ande­ren ent­spre­chen­den Sei­ten ras­sis­tisch äußert, ist bereits ein abso­lut unver­bes­ser­li­che­rer Nazi. Daher bes­ser: Nicht sofort »Nazi« schrei­en. Jeman­den in der Öffent­lich­keit zum »Nazi« zu machen, kann leicht zu Soli­da­ri­sie­rungs­ef­fek­ten füh­ren. Ver­su­chen Sie es zunächst lie­ber diplo­ma­tisch: »Die­se Argu­men­ta­ti­on wird auch ger­ne von Rechts­ex­tre­mis­ten benutzt. Pass auf, dass du da nicht auf men­schen­feind­li­che Het­ze her­ein­fällst.«

Wis­sen ist immer hilf­reich. Mehr Auf­klä­rung über Neo­na­zi-Stra­te­gi­en im Netz bie­ten die Bro­schü­re »Vira­ler Hass« oder die Bro­schü­re »Liken. Tei­len. Het­zen. Neo­na­zi-Kam­pa­gnen in Sozia­len Netz­wer­ken«. Mit wel­chen Argu­men­ten und Fak­ten sich ras­sis­ti­sche Vor­ur­tei­le aus­he­beln las­sen, haben wir in unse­ren „Fak­ten gegen Vor­ur­tei­le“ dar­ge­stellt. Zudem hel­fen die Flücht­lings­rä­te der Bun­des­län­der mit Erfah­run­gen, Infor­ma­tio­nen und Kon­tak­ten: In zahl­rei­chen Regio­nen gibt es mobi­le Bera­tungs­teams gegen Rechts­ex­tre­mis­mus.