03.09.2015

PRO ASYL appel­liert an Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel, auf die unga­ri­sche Regie­rung ein­zu­wir­ken, so dass die dort ver­zwei­felt fest­sit­zen­den Flücht­lin­ge aus­rei­sen dür­fen. „Huma­ni­tät ist das Gebot der Stun­de – es geht aber auch um die Grund­wer­te der Euro­päi­schen Uni­on, die Men­schen­rech­te und den Schutz von Flücht­lin­gen“, so Gün­ter Burk­hardt, Geschäfts­füh­rer von PRO ASYL. Die Vor­stö­ße der Innen­be­hör­den ver­schie­de­ner EU-Län­der, ihre Gren­zen zu schlie­ßen, las­sen jeg­li­che Mensch­lich­keit ver­mis­sen. An den Bun­des­in­nen­mi­nis­ter appel­liert PRO ASYL: Die Flücht­lings­po­li­tik ist auf Inte­gra­ti­on aus­zu­rich­ten! PRO ASYL wart vor einem Roll Back durch aktu­el­le poli­ti­sche Vor­stö­ße. Sie lau­fen auf eine Ver­schär­fung der Unter­brin­gungs­kri­se und eine Des­in­te­gra­ti­on von Flücht­lin­gen hin­aus. Damit wird das öffent­li­che Wer­ben der Bun­des­kanz­le­rin für Flücht­lin­ge kon­ter­ka­riert. Wäh­rend die Bun­des­kanz­le­rin eher die Inte­gra­ti­ons- und Auf­nah­me­er­for­der­nis­se the­ma­ti­siert, über­nimmt es der Innen­mi­nis­ter, mit geziel­ten Äuße­run­gen und Poli­tik­vor­schlä­gen den „rech­ten Rand“ zu bedie­nen.

Anläss­lich des bevor­ste­hen­den Koali­ti­ons­gip­fels for­dert PRO ASYL:

Dub­lin-Sys­tem geschei­tert – Asyl­su­chen­de aus Ungarn ein­rei­sen las­sen

PRO ASYL geht davon aus, dass die über­wie­gen­de Mehr­heit der jetzt ankom­men­den Flücht­lin­ge aus Syri­en, Afgha­ni­stan, Irak stammt und ca. zwei Mona­te zuvor über Grie­chen­land nach Euro­pa gekom­men ist. Tau­sen­de sit­zen der­zeit in Ungarn fest. PRO ASYL appel­liert ein­dring­lich, dass die in Buda­pest fest­sit­zen­den Flücht­lin­ge nach Deutsch­land wei­ter­rei­sen kön­nen. Ein Signal aus Deutsch­land wür­de mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit aus­rei­chen, damit die unga­ri­sche Regie­rung die Wei­ter­rei­se ermög­licht.

Das Dub­lin-Sys­tem ist geschei­tert. PRO ASYL teilt die Kri­tik der deut­schen Bun­des­re­gie­rung inso­weit, dass es nicht ange­hen kann, dass EU Mit­glied­staa­ten wie Frank­reich, Däne­mark, Nie­der­lan­de, Bel­gi­en oder Groß­bri­tan­ni­en sich nicht adäquat an der Flücht­lings­auf­nah­me betei­li­gen. Hier muss auf die Regie­run­gen die­ser Län­der ein­ge­wirkt wer­den, damit sie sich ange­mes­sen enga­gie­ren und ihrer­seits ihre Gren­zen öff­nen.

PRO ASYL sieht selbst­ver­ständ­lich auch die öst­li­chen EU-Staa­ten in der Pflicht, sich an der Flücht­lings­auf­nah­me zu betei­li­gen. Aller­dings sind die dor­ti­gen Struk­tu­ren in kei­ner Wei­se dar­auf vor­be­rei­tet, in grö­ße­rem Umfang Flücht­lin­ge auf­zu­neh­men. Die vom BMI vor­ge­schla­ge­nen „Hot Spots“ (nun neben Grie­chen­land und Ita­li­en auch in Ungarn), füh­ren zur Inter­nie­rung von Tau­sen­den Flücht­lin­gen. Nur weni­gen soll eine Wei­ter­rei­se ermög­licht wer­den. In men­schen­un­wür­di­gen Groß­la­gern wer­den die Schutz­be­dürf­ti­gen fest­ge­setzt wer­den.

Die poli­tisch dis­ku­tier­te Ver­tei­lung nach Quo­ten miss­ach­tet die legi­ti­men Bedürf­nis­se der Flücht­lin­ge. Die auf der Flucht Befind­li­chen sind vor­nehm­lich Syrer, Ira­ker und Afgha­nen – also die Grup­pen, bei denen in hohem Maße Com­mu­nities in Deutsch­land exis­tie­ren. Aus Syri­en 150.000, aus dem Irak 100.000 und aus Afgha­ni­stan ca. 85.000. Men­schen gehen zu Recht ger­ne dort­hin, wo es Anknüp­fungs­punk­te gibt. Dies ist für die Inte­gra­ti­on för­der­lich. PRO ASYL erin­nert hier an die Ber­tels­mann-Stu­die, ver­öf­fent­licht im Mai 2015, die die posi­ti­ve Rol­le der Com­mu­nities bei der Inte­gra­ti­on von Migran­ten her­aus­ge­ar­bei­tet hat. Wir brau­chen ein Sys­tem der Ver­ant­wor­tungs­tei­lung in der EU, das die Bedürf­nis­se und Anknüp­fungs­punk­te der Flücht­lin­ge berück­sich­tigt.

PRO ASYL tritt mit der Dia­ko­nie Deutsch­land, dem Pari­tä­ti­schen Wohl­fahrts­ver­band, der Arbei­ter­wohl­fahrt, dem Jesui­ten-Flücht­lings­dienst, dem Deut­schen Anwalts­ver­ein, dem Repu­bli­ka­ni­schen Anwäl­tin­nen- und Anwäl­te­ver­ein, der Neu­en Rich­ter­ver­ei­ni­gung und der Rechts­be­ra­ter­kon­fe­renz für die freie Wahl des Ziel­staats der Flucht ein, das es den Flücht­lin­gen ermög­licht, ihren Asyl­an­trag im Land ihrer Wahl zu stel­len (Ers­tes Memo­ran­dum von 2013, Neu­auf­la­ge 2015). Das Prin­zip der frei­en Wahl bewirkt, dass Asyl­su­chen­de dort hin­ge­hen kön­nen, wo sie die Unter­stüt­zung ihrer Fami­li­en oder Com­mu­nities erhal­ten.

Flücht­lings­po­li­tik auf Inte­gra­ti­on aus­rich­ten

Gegen­wär­tig kom­men vor allem Flücht­lin­ge nach Deutsch­land, die auf Dau­er blei­ben wer­den. Nach der EASY-Sta­tis­tik (Juli 2015) sind 53 Pro­zent von ihnen aus den Bür­ger­kriegs­län­dern Syri­en (25.794 Per­so­nen, 31,1%), Afgha­ni­stan (7.928 Per­so­nen, 9,6%), Irak (5.846 Per­so­nen, 9,6%) und Soma­lia (1.195 Per­so­nen, 1,4%) sowie der Mili­tär­dik­ta­tur Eri­trea (3.127 Per­so­nen, 3,8%), also gera­de jenen Her­kunfts­län­dern, die in Deutsch­land die höchs­ten Aner­ken­nungs­quo­ten haben. Der Bun­des­re­gie­rung fehlt dem­ge­gen­über ein Gesamt­an­satz in der Auf­nah­me- und Inte­gra­ti­ons­po­li­tik der Flücht­lin­ge. Dazu gehö­ren die schnel­le Ver­tei­lung der Flücht­lin­ge in die Kom­mu­nen, Sprach­kur­se für alle von Anfang an, Hil­fe­stel­lun­gen bei der Suche nach Woh­nung und Arbeit.

Dazu gehört auch ein Vor­stoß, um die Finan­zie­rung des sozia­len Woh­nungs­baus mas­siv zu erhö­hen. Der Bund muss die nöti­gen Mit­tel zur Ver­fü­gung stel­len. Kurz­fris­tig muss der Bund die Län­der und Kom­mu­nen dabei unter­stüt­zen, Flücht­lin­ge men­schen­wür­dig unter­zu­brin­gen. Zelt­städ­te und über­füll­te Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen – gera­de im Win­ter – sind kei­ne Lösung und wer­den die Pro­ble­me nur wei­ter ver­schär­fen. Des­we­gen lehnt PRO ASYL die Ver­län­ge­rung des Auf­ent­halts in den Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen auf sechs Mona­te ab.

BMI plant inhu­ma­ne Abschre­ckungs­maß­nah­men

Die Debat­te um wei­te­re siche­re Her­kunfts­län­der und angeb­lich nöti­ge euro­päi­sche Stan­dards lenkt von den eigent­li­chen Auf­ga­ben ab: Hun­dert­tau­sen­de Flücht­lin­ge aus den genann­ten Staa­ten müs­sen auf­ge­nom­men und dau­er­haft inte­griert wer­den.

Bun­des­in­nen­mi­nis­ter de Mai­ziè­re hat ein Papier erar­bei­tet, das Vor­schlä­ge für „gesetz­li­che Ände­run­gen zur Ein­däm­mung der Asyl­mi­gra­ti­on“ ent­hält. Vor­ge­se­hen ist der Aus­bau der Plät­ze in den Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen und die Aus­wei­tung der Ver­pflich­tung, in Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen zu woh­nen, auf sechs Mona­te. Die­ses Vor­ha­ben aus dem BMI ist kon­tra­pro­duk­tiv und des­in­te­gra­tiv. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren wur­den vie­le Wege in Rich­tung auf eine frü­he Inte­gra­ti­on beschrit­ten. Dazu gehört Sprach­er­werb, Aus­zug  in Woh­nun­gen, mög­lichst fai­re und zügi­ge Ent­schei­dun­gen in der Asyl­po­li­tik, im Asyl­ver­fah­ren sowie Hil­fe­stel­lun­gen bei der Ver­mitt­lung in den Arbeits­markt. Wenn jetzt for­ciert wird, Flücht­lin­ge in Groß­un­ter­künf­ten unter­zu­brin­gen und dau­er­haft fest­zu­hal­ten, wird dies den gegen­tei­li­gen Effekt haben. PRO ASYL warnt ein­dring­lich vor den sozia­len Fol­gen von Groß­la­gern. Dies wird zu enor­men Kon­flik­ten inner­halb die­ser Ein­rich­tun­gen füh­ren.

„Siche­re Her­kunfts­län­der“ – Kein Aus­weg aus der Flücht­lings­kri­se

Alba­ni­en, Koso­vo und Mon­te­ne­gro als „siche­re Her­kunfts­län­der“ ein­zu­stu­fen, ist ent­schie­den abzu­leh­nen. PRO ASYL emp­fiehlt dring­lich, sich ver­stärkt für ein Ein­wan­de­rungs­ge­setz ein­zu­set­zen und vor allem Men­schen, die aus den Bal­kan­staa­ten nach Deutsch­land kom­men, die Mög­lich­keit einer lega­len Ein­rei­se im Zuge einer Arbeits­mi­gra­ti­on zu ermög­li­chen. Unab­hän­gig davon geht PRO ASYL davon aus, dass in Bal­kan­staa­ten Roma, Homo­se­xu­el­le sowie Jour­na­lis­ten bedroht sind und die Art der Durch­füh­rung der Asyl­ver­fah­ren nicht dazu führt, die­se Schutz­be­dürf­tig­keit zu erken­nen. In Bezug auf Alba­ni­en ist die Blut­ra­che unver­än­dert ein schwer­wie­gen­der Flucht­grund. Die pau­scha­le Ein­stu­fung als siche­re Her­kunfts­staa­ten wird der Ent­wick­lung nicht gerecht und wird de fac­to ein Per­sil­schein für die­se Staa­ten dar­stel­len, inne­re Reform­pro­zes­se nicht ernst­haft wei­ter zu betrei­ben.

Der aktu­el­le Vor­schlag, Her­kunfts­län­der mit einer Aner­ken­nungs­quo­te von unter zwei Pro­zent als „sicher“ ein­zu­stu­fen, ist ein fun­da­men­ta­ler Angriff auf das Asyl­recht. Der Vor­schlag öff­net Tür und Tor für Will­kür: Die Fest­le­gung auf eine bestimm­te Pro­zent­zahl ent­behrt jeg­li­cher sach­li­cher Grund­la­ge. Der Bun­des­in­nen­mi­nis­ter spal­tet mit sol­chen Vor­stö­ßen und tritt eine Debat­te los, die ras­sis­ti­sche Stim­mun­gen in einem Teil der Gesell­schaft bedient. 

Ver­fas­sungs­wid­ri­ger Bar­geld­ent­zug

Das BMI ent­hält zudem den Vor­schlag, den Bar­geld­be­darf soll „soweit mög­lich“ durch gleich­wer­ti­ge Sach­leis­tun­gen zu erset­zen. Die­ser Vor­schlag ist schlicht ver­fas­sungs­wid­rig. Es ist mit dem Grund­ge­setz unver­ein­bar, das sog. „Taschen­geld“ nur noch als Sach­leis­tung zu gewäh­ren. Denn hier geht es um die Deckung des sozio­kul­tu­rel­len Exis­tenz­mi­ni­mums. Hier wer­den die Bedar­fe wie Kom­mu­ni­ka­ti­on, Frei­zeit, Kul­tur, Bil­dung oder aber Kos­ten für ÖPNV abge­deckt. Die­se höchst­per­sön­li­chen Bedar­fe, deren Garan­tie das BVerfG aus der Men­schen­wür­de her­lei­tet, kön­nen sinn­vol­ler­wei­se nur durch Bar­geld sicher­ge­stellt wer­den. Man stel­le sich den büro­kra­ti­schen Auf­wand vor, den es hei­ßen wür­de, wenn künf­tig staat­li­che Behör­den den Kauf jeder ein­zel­ner Bus­fahr­kar­te orga­ni­sie­ren müs­sen.

Roll-Back bei der Dul­dung

Das BMI hat vor, bei der Dul­dungs­er­tei­lung zu dif­fe­ren­zie­ren, je nach­dem, ob der aus­rei­se­pflich­ti­ge Aus­län­der die Unmög­lich­keit der Auf­ent­halts­be­en­di­gung zu ver­tre­ten hat. Bei Ver­schul­den soll eine „beschränk­te Dul­dung“ erteilt wer­den, bei der bestimm­te Rech­te nicht gel­ten, wie z.B. der Zugang zum Arbeits­markt, Unter­stüt­zungs­leis­tun­gen wie BAföG, Teil­nah­me an Inte­gra­ti­ons­kur­sen.

Die­ser Vor­stoß wäre eine dra­ma­ti­sche Ver­schär­fung der Rechts­la­ge für Gedul­de­te. Alle Errun­gen­schaf­ten und Libe­ra­li­sie­run­gen der letz­ten Jah­re wür­den damit zunich­te gemacht wer­den. So wur­de erst im letz­ten Jahr das Recht, arbei­ten zu dür­fen, gestärkt. Gedul­de­te haben spä­tes­tens nach 15 Mona­ten einen gleich­be­rech­ti­gen Zugang zum Arbeits­markt.  Von den Ver­schär­fun­gen betrof­fen wären de fac­to nahe­zu alle Gedul­de­ten. Denn Aus­län­der­be­hör­den unter­stel­len bei einem Groß­teil der Fäl­le, dass die Dul­dungs­grün­de selbst ver­schul­det sind. Wer­den die Ver­schär­fun­gen umge­setzt, wür­de man in ver­gan­ge­ne Zei­ten zurück­fal­len, in denen Gedul­de­te von gesell­schaft­li­cher Teil­ha­be weit­ge­hend fern­ge­hal­ten wur­den. Dass sich Gedul­de­te trotz aller Wid­rig­kei­ten inte­grie­ren und ein­brin­gen, wur­de zuletzt von der Poli­tik hono­riert, indem im Som­mer 2015 eine Blei­be­rechts­re­ge­lung geschaf­fen wur­de. Bei nach­ge­wie­se­nen Inte­gra­ti­ons­leis­tun­gen – wie z.B. Deutsch­kennt­nis­sen, Lebens­un­ter­halt­si­che­rung – kön­nen Gedul­de­te ein Blei­be­recht bean­spru­chen (§ 25 b Auf­en­thG). Nun plant das BMI offen­bar ein breit ange­leg­tes Roll-Back. Dies ver­letzt den gesell­schaft­li­chen Kon­sens, dass Men­schen nicht dau­er­haft ent­mün­digt wer­den dür­fen und ihnen jeg­li­che Per­spek­ti­ve auf Inte­gra­ti­on und Rechts­si­cher­heit ver­sagt wer­den darf.

PRO ASYL befürch­tet, dass pro­ble­ma­ti­sche Kon­zep­te öffent­lich posi­tio­niert wer­den, die den Kern des Asyls, die Wür­di­gung des Ein­zel­falls, unter­lau­fen, so z.B. der Begriff der „guten Blei­be­per­spek­ti­ve“. Asyl heißt immer Prü­fung des Ein­zel­falls, unab­hän­gig davon, wie eine Gesamt­la­ge beur­teilt wird. Inte­gra­ti­ons­maß­nah­men nach einer Pro­gno­se aus­zu­rich­ten, wird zu Dis­kri­mi­nie­run­gen füh­ren und ist sowohl recht­lich als auch poli­tisch mehr als frag­wür­dig.

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