04.12.2013
Image
Displaced Persons in Syrien. UNHCR zufolge sind durch den Krieg Tausende Kinder von ihren Eltern getrennt, viele müssen für den Lebensunterhalt der Familie sorgen. Bild: UNHCR/B. Diab/2012

Hunderttausende Flüchtlinge in Lagern rund um Syrien, insbesondere Kinder, bedürfen dringend humanitärer Hilfe. Sicher sind sie in der Region nicht: Sie werden zu Opfern von Menschen- oder illegalem Organhandel, von Zwangsprostitution oder Zwangsrekrutierungen. Doch Bund und Länder lassen syrische Flüchtlinge weiterhin im Stich.

Am 20. März 2013 hat­te Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Fried­rich ein Auf­nah­me­kon­tin­gent von 5000 Per­so­nen bekannt gege­ben. Bis zum Novem­ber 2013 haben 15 Bun­des­län­der dar­über hin­aus eige­ne Auf­nah­me­an­ord­nun­gen für syri­sche Flücht­lin­ge getrof­fen. Doch durch die Eng­fas­sung der Aus­wahl­ver­fah­ren, büro­kra­ti­sche Hür­den und weit­ge­hen­de Aus­schluss­kri­te­ri­en für bestimm­te Per­so­nen­grup­pen sind bis­lang nur weni­ge Flücht­lin­ge tat­säch­lich nach Deutsch­land ein­ge­reist.

Auf­nah­me­maß­nah­men unzu­rei­chend

Die Auf­nah­me­maß­nah­men erwei­sen sich als unzu­rei­chend, allein schon die Zahl von 5.000 Kon­tin­gent­plät­zen ist irre­füh­rend: Weit weni­ger Plät­ze sind tat­säch­lich ver­füg­bar, weil zunächst sol­che Per­so­nen, denen die deut­schen Bot­schaf­ten im nor­ma­len Visums­ver­fah­ren kei­ne Ein­rei­se­er­laub­nis erteilt hat­ten, in das Kon­tin­gent ein­ge­rech­net wur­den – von 1.300 ein­ge­reis­ten Per­so­nen ist rund die Hälf­te auf eige­ne Kos­ten nach Deutsch­land gekom­men.

Auch die Auf­nah­me­am­nord­nun­gen der Län­der ent­hal­ten in der Pra­xis ver­schie­de­ne Hür­den, unter ande­rem deckeln sie die Zahl der Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen durch ein Kon­tin­gent (Nord­rhein-West­fa­len auf 1.000, Baden-Würt­tem­berg auf 500, Saar­land auf 62) – eine Beschrän­kung, die sich ange­sichts der Hilfs­be­reit­schaft syri­scher Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger auch in die­sen Bun­des­län­dern als unver­ständ­lich erweist. In Deutsch­land leben rund 55.000 syri­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge, vie­le wol­len meh­re­re Ange­hö­ri­ge aus der Kriegs­re­gi­on bei sich auf­neh­men.

100.000 Auf­nah­me­plät­ze rea­lis­tisch

Vor die­sem Hin­ter­grund erscheint ein Auf­nah­me­kon­tin­gent von 100.000, wie anläss­lich der IMK von der Evan­ge­li­schen Kir­che im Rhein­land gefor­dert, als durch­aus rea­lis­tisch. Zudem wol­len die meis­ten Län­der inzwi­schen zumin­dest die Kran­ken­kos­ten der Flücht­lin­ge selbst sichern. Dass Deutsch­land in der Lage wäre, die Auf­nah­me deut­lich aus­zu­wei­ten, hat es wäh­rend der Jugo­sla­wi­en­krie­ge bewie­sen. Allein wäh­rend des Bos­ni­en­krie­ges haben in Deutsch­land rund 320.000 Men­schen Zuflucht gefun­den.

Für sie waren ver­gleichs­wei­se groß­zü­gi­ge und unbü­ro­kra­ti­sche Ein­rei­se­be­din­gun­gen geschaf­fen wor­den. Ange­sichts der zuge­spitz­ten Lage syri­scher Kriegs­flücht­lin­ge in der Regi­on for­dert PRO ASYL dras­ti­sche Ver­bes­se­run­gen bei der Auf­nah­me: 

  • Die deut­li­che Erhö­hung der Auf­nah­me­zahl des Bun­des­pro­gramms, ins­be­son­de­re auch für Kran­ke und Trau­ma­ti­sier­te.
  • Die Berück­sich­ti­gung von eth­ni­schen Min­der­hei­ten und Staa­ten­lo­sen aus Syri­en in allen Pro­gram­men.
  • Die Öff­nung des Bun­des­pro­gramms für Flücht­lin­ge in allen Anrai­ner­staa­ten.
  • Der Fami­li­en­nach­zug darf nicht am Geld schei­tern. Ein huma­ni­tä­rer Ansatz kann nicht allein von finan­zi­el­len Ver­pflich­tungs­er­klä­run­gen für den gesam­ten Lebens­un­ter­halt der Ange­hö­ri­gen abhän­gig gemacht wer­den. Außer­dem for­dern wir die gene­rel­le Über­nah­me der Kran­ken­kos­ten durch alle Län­der und die Ver­län­ge­rung der Antrags­fris­ten.
  • Die regel­mä­ßi­ge Visu­mer­tei­lung zur Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung auf Grund­la­ge von
    § 36 Abs. 2 Auf­ent­halts­ge­setz „zur Ver­mei­dung einer außer­ge­wöhn­li­chen Här­te“.
  • Ent­bü­ro­kra­ti­sie­rung und Beschleu­ni­gung des Visums­ver­fah­rens.
  • Ertei­lung von Vor­ab­zu­stim­mun­gen durch die zustim­mungs­pflich­ti­gen Aus­län­der­be­hör­den.

Flücht­lings­kri­se dra­ma­tisch zuge­spitzt

Die Zahl der Toten im Syri­en­krieg ist auf über 100.000 ange­stie­gen, inzwi­schen irren 4,25 Mio. inter­ne Flücht­lin­ge ziel­los umher. Laut UN sind 2,1 Mio. Men­schen, dar­un­ter mehr als eine Mil­li­on Kin­der haben sich ins Aus­land geflüch­tet. Sicher­heit fin­den sie dort nicht: Im Liba­non bre­chen sich fast täg­lich Gewalt­aus­brü­che zwi­schen sun­ni­ti­schen und shii­ti­schen Mili­zen Bahn. Mit Visums­pflicht, Raz­zi­en und Aus­wei­sun­gen bekämpft das Mili­tär­re­gime in Kai­ro die Flücht­lin­ge. In der Tür­kei sind Flücht­lin­ge i.d.R. dezen­tral hor­ren­den Miet­wu­che­run­gen oder gleich der Obdach­lo­sig­keit anheim­ge­stellt. Vie­ler­orts herr­schen Krank­hei­ten und Man­gel­er­näh­rung, Infek­ti­ons­krank­hei­ten brei­ten sich aus. Hin­zu kom­men Zwangs­pro­sti­tu­ti­on oder ande­re Skla­ven­ar­beits­ver­hält­nis­se, ille­ga­ler Organ- und Men­schen­han­del.

Die Innen­mi­nis­ter von Bund und Län­dern waren sich einig, dass syri­sche Flücht­lin­ge in der Regi­on drin­gend Unter­stüt­zung aus Euro­pa brau­chen. Die IMK bie­tet die Gele­gen­heit, ihren Absichts­er­klä­run­gen Glaub­wür­dig­keit zu ver­lei­hen.

Hin­ter­grund zur Flücht­ling­kri­se in Syri­en

UNHCR-Infor­ma­tio­nen:

Zur Situa­ti­on syri­scher Flücht­lin­ge

The Future of Syria

Flücht­lings­kin­der im Exil

 Neu­er Auf­nah­me­be­schluss für Syri­en­flücht­lin­ge: Zwei­te Chan­ce für Ange­hö­ri­ge? (15.01.14)

 Syri­sche Flücht­lings­kri­se: Men­schen­rechts­kom­mis­sar übt beschä­men­de Kri­tik an Euro­pa (19.12.13)

 Zur Innen­mi­nis­ter­kon­fe­renz in Osna­brück: Bund und Län­der las­sen syri­sche Flücht­lin­ge wei­ter im Stich (04.12.13)

 Völ­ker­rechts­wid­ri­ge Push Backs – euro­päi­sche Kom­pli­zen­schaft (07.11.13)

 Syri­en-Flücht­lin­ge: Mehr als eine Ges­te not­wen­dig (11.09.13)