11.09.2013

Heu­te lan­det der ers­te Char­ter­flug mit 110 von 5.000 syri­schen Flücht­lin­gen, deren Auf­nah­me Bund und Län­der im Mai 2013 ver­ein­bart haben, in Han­no­ver. PRO ASYL und der Flücht­lings­rat Nie­der­sach­sen erklä­ren dazu:

Wir begrü­ßen, dass Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Fried­rich und der nie­der­säch­si­sche Innen­mi­nis­ter Pis­to­ri­us die syri­schen Flücht­lin­ge heu­te per­sön­lich will­kom­men hei­ßen. Es ist ein wich­ti­ges Signal, dass die Poli­tik öffent­lich für die Auf­nah­me von Schutz­be­dürf­ti­gen ein­steht. Gemes­sen an den Aus­ma­ßen der syri­schen Flücht­lings­ka­ta­stro­phe ist die Auf­nah­me von 5.000 Men­schen in den kom­men­den Mona­ten jedoch nur eine Ges­te.

Um die Ver­hält­nis­se deut­lich zu machen: 5.000 ist die Grö­ßen­ord­nung, in der die Men­schen der­zeit täg­lich aus Syri­en flie­hen. Nach UN-Anga­ben sind ins­ge­samt mehr als zwei Mil­lio­nen Men­schen geflo­hen, über vier Mil­lio­nen inner­halb Syri­ens ver­trie­ben. Mehr als 97 Pro­zent der Flücht­lin­ge haben Zuflucht in den Nach­bar­län­dern gefun­den.[1] Doch die Anrai­ner­staa­ten sind an ihre Gren­zen gelangt. Kon­flik­te um Res­sour­cen dro­hen zu eska­lie­ren. Kin­der, die die Hälf­te der Flücht­lin­ge aus­ma­chen, dro­hen neben trau­ma­ti­schen Gewalt­er­fah­run­gen nun auch noch Opfer von Men­schen­han­del, Kin­der­ar­beit und sexu­el­ler Aus­beu­tung zu wer­den. Flücht­lin­ge, die sich auf den gefähr­li­chen Weg nach Euro­pa machen, sto­ßen auf geschlos­se­ne Gren­zen. Die Euro­päi­sche Uni­on nimmt selbst den Tod von Flücht­lin­gen bil­li­gend in Kauf.

PRO ASYL und der Flücht­lings­rat Nie­der­sach­sen for­dern eine umfas­sen­de, orga­ni­sier­te Ret­tungs­po­li­tik für die syri­schen Flücht­lin­ge:

  1. Euro­pa muss sei­ne Gren­zen für Flücht­lin­ge end­lich öff­nen! Die euro­päi­schen Staa­ten soll­ten, wie von UN-Flücht­lings­kom­mis­sar Antó­nio Guter­res gefor­dert, unbe­grenzt syri­sche Flücht­lin­ge auf­neh­men.
  2. Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Fried­rich muss selbst die Initia­ti­ve für ein wirk­lich groß­zü­gi­ges EU-Auf­nah­me­pro­gramm ergrei­fen, um Men­schen aktiv aus der Regi­on zu holen.
  3. Die hier leben­den Ange­hö­ri­gen von Flücht­lin­gen müs­sen die Mög­lich­keit haben, ihre Ver­wand­ten nach Deutsch­land zu holen. Die Bun­des­län­der müs­sen die Fami­li­en­nach­zugs­re­geln so aus­ge­stal­ten, dass dies rea­lis­tisch erreich­bar ist.
  4. Asyl­su­chen­de aus Syri­en müs­sen als Flücht­lin­ge aner­kannt wer­den und ein siche­res Auf­ent­halts­recht erhal­ten.

Zu den For­de­run­gen im Ein­zel­nen:

1. Euro­pa muss sei­ne Gren­zen end­lich öff­nen! Es darf nicht sein, dass an Leib und Leben bedroh­te Men­schen auf der Flucht nach Euro­pa erneut ihr Leben ris­kie­ren müs­sen. Syri­sche Flücht­lin­ge ster­ben im Mit­tel­meer und in der Ägä­is. Völ­ker­rechts­wid­rig wer­den Schutz­su­chen­de aus dem Bür­ger­kriegs­land an der grie­chisch-tür­ki­schen Land- und See­gren­ze zurück­ge­wie­sen. Euro­pa ist mit­ver­ant­wort­lich für die­se ekla­tan­ten  Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen an sei­nen Gren­zen. Flücht­lin­ge wer­den abge­drängt, abge­wie­sen oder als angeb­lich “ille­ga­le” Ein­wan­de­rer inhaf­tiert. Been­det wer­den muss auch die unwür­di­ge Pra­xis der Nicht­zu­stän­dig­keits­er­klä­run­gen für Asyl­su­chen­de im Dub­lin-Sys­tem. Wer Ver­wand­te oder Bekann­te in einem bestimm­ten EU-Staat hat, soll dort­hin wei­ter­rei­sen und dort den Asyl­an­trag stel­len dür­fen. 

2. Die euro­päi­schen Staa­ten müs­sen ein groß ange­leg­tes Auf­nah­me­pro­gramm ein­rich­ten und Flücht­lin­ge aus der Regi­on auf­neh­men. Wäh­rend des Bos­ni­en-Kriegs fan­den allein in Deutsch­land über 300.000 Men­schen Zuflucht, weil die Ein­rei­se­be­din­gun­gen ver­gleichs­wei­se groß­zü­gig gestal­tet waren. Vor die­sem Hin­ter­grund ist das bis­lang beschlos­se­ne deut­sche Kon­tin­gent von 5.000 beschä­mend gering. Wir for­dern Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Fried­rich auf, die Initia­ti­ve für ein groß­zü­gi­ges, gemein­sa­mes EU-Auf­nah­me­pro­gramm zu ergrei­fen und das deut­sche Kon­tin­gent deut­lich zu erhö­hen.

3. Der Fami­li­en­nach­zug muss unbü­ro­kra­tisch gewährt wer­den. In Deutsch­land leben rund 40.000 syri­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge mit Auf­ent­halts­er­laub­nis. Bis­lang haben die Bun­des­län­der Nie­der­sach­sen, Rhein­land-Pfalz, Schles­wig-Hol­stein, Baden-Würt­tem­berg, Nord­rhein-West­fa­len, Ham­burg, Bre­men, Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Hes­sen und Thü­rin­gen Auf­nah­me­an­ord­nun­gen erlas­sen oder ange­kün­digt, nach denen Ange­hö­ri­ge hier leben­der Syrer/innen unter bestimm­ten Bedin­gun­gen ein Visum für Deutsch­land erhal­ten. Als Stol­per­stein könn­te sich schon der Zugang zum Visum­ver­fah­ren bei den deut­schen Bot­schaf­ten erwei­sen, die in der Ver­gan­gen­heit häu­fig auf Mona­te hin­aus kei­ne Ter­mi­ne mehr frei hat­ten. Baden-Würt­tem­berg begrenzt die Zahl der auf­zu­neh­men­den Per­so­nen von vorn­her­ein auf mage­re 500 und das bevöl­ke­rungs­rei­che Nord­rhein-West­fa­len sogar auf 1.000 (bei 12.700 syri­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen im Land). Bay­ern äußert sich noch zurück­hal­ten­der und spricht expli­zit von “Ein­zel­fäl­len”. Der Wort­laut der bis­lang vor­lie­gen­den Auf­nah­me­an­ord­nun­gen lässt befürch­ten, dass es sich ohne­hin nur wohl­ha­ben­de Fami­li­en leis­ten könn­ten, Ange­hö­ri­ge nach Deutsch­land zu holen. Grund dafür ist die obli­ga­to­risch ver­lang­te Ver­pflich­tungs­er­klä­rung. Ein Bei­spiel: Wel­che Fami­lie kann auf unbe­stimm­te Zeit monat­lich 1.300 Euro Unter­halt, davon allein 680 Euro Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rungs­schutz, für die bei­den Groß­el­tern zah­len? Dabei sind Kos­ten für eine zusätz­li­che Unter­kunft noch nicht ein­mal ein­ge­rech­net.  Als ein­zi­ges Bun­des­land hat Nie­der­sach­sen nied­ri­ge­re Maß­stä­be an das ver­füg­ba­re Ein­kom­men ange­legt. Für vie­le dürf­te es den­noch nur schwer mög­lich sein, mit dem Fami­li­en­net­to­ge­halt auch nur die Pfän­dungs­frei­gren­ze zu über­schrei­ten. Bund und Län­der sind gefor­dert, die Rege­lun­gen prak­ti­ka­bel zu machen. Ins­be­son­de­re müs­sen der Kran­ken­ver­si­che­rungs­schutz der Ange­hö­ri­gen über eine pau­scha­le Rege­lung  sicher­ge­stellt und die Anfor­de­run­gen an den mate­ri­el­len Bei­trag der hier Leben­den abge­senkt und zeit­lich befris­tet wer­den. Auch darf der Nach­weis einer nahen Ver­wandt­schaft die Betrof­fe­nen nicht vor unnö­ti­ge büro­kra­ti­sche Pro­ble­me stel­len.

4. Asyl­su­chen­de aus Syri­en müs­sen den Schutz erhal­ten, der ihnen zusteht: Den Flücht­lings­sta­tus. Seit Beginn des Krie­ges 2011 haben nur etwas über 15.000 syri­sche Flücht­lin­ge in Deutsch­land Asyl bean­tragt. Rund 80% erhal­ten ledig­lich einen Auf­ent­halts­ti­tel als sub­si­diä­re Schutz­be­rech­tig­te. Damit ste­hen die Betrof­fe­nen – im Unter­schied zu nach der Gen­fer Kon­ven­ti­on aner­kann­ten Flücht­lin­gen – beim Fami­li­en­nach­zug vor hohen Hür­den. Schwe­den hat es bereits vor­ge­macht und spricht rund 8.000 syri­schen Staats­bür­gern, die bis­lang nur ein befris­te­tes Auf­ent­halts­recht hat­ten, und allen künf­tig ankom­men­den syri­schen Asyl­su­chen­den einen dau­er­haf­ten Sta­tus mit dem Recht auf Fami­li­en­nach­zug zu.

[1] Nach UNHCR-Anga­ben beher­bergt allein der Liba­non (4,3 Mio Ein­woh­ner) der­zeit über 720.000 Flücht­lin­ge,  Jor­da­ni­en (6,5 Mio Ein­woh­ner) über 500.000. In der Tür­kei haben über 450.000 Men­schen Zuflucht gesucht, rund 180.000 im Irak und 120.000 in Ägyp­ten.  

 Zur IMK: PRO ASYL for­dert groß­zü­gi­ge Auf­nah­me syri­scher Flücht­lin­ge (04.12.13)

 Gro­ße Wor­te, gro­ße Hür­den: Die Län­der­re­ge­lun­gen zur Auf­nah­me von syri­schen Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen (01.10.13)

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