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Symbolbild eines Flüchtlingsbootes in Seenot im zentralen Mittelmeer. Foto: Fabian Melber

Eine tödliche Bootskatastrophe in der Ägäis am 16. März hatte es kurzzeitig in die mediale Öffentlichkeit Europas geschafft. 16 Menschen, darunter neun Kinder, kommen ums Leben – obwohl alles darauf hindeutet, dass die griechische Küstenwache frühzeitig informiert war. PRO ASYL setzt sich für die Aufklärung der furchtbaren Ereignisse ein.

»Am 20. März erreich­te uns die schreck­li­che Nach­richt über eine erneu­te Boots­ka­ta­stro­phe nahe der Insel Aga­tho­ni­si. Ein Ange­hö­ri­ger in Deutsch­land hat­te unse­re Kolleg*innen von PRO ASYL kon­tak­tiert, die wie­der­um uns infor­mier­ten. Sei­ne Tan­te habe vier Kin­der ver­lo­ren, eine ande­re Tan­te drei Kin­der und ihren Ehe­mann. Zwei Tage spä­ter reis­ten wir nach Samos, um die Über­le­ben­den und ihre Ange­hö­ri­gen zu tref­fen« berich­tet Natas­sa Stra­chi­ni, Anwäl­tin bei Refu­gee Sup­port Aege­an (RSA), der grie­chi­schen Part­ner­or­ga­ni­sa­ti­on von PRO ASYL.

Nur knapp 20 Kilo­me­ter trennt die tür­ki­sche Küs­te von der grie­chi­schen Insel Aga­tho­ni­si. Das Boot war in der Nähe der west­tür­ki­schen Stadt Didim los­ge­fah­ren. Erst kurz vor der Insel ken­tert das Boot. Zwei Fami­li­en mit ins­ge­samt neun Kin­dern kom­men ums Leben – vier Jun­gen, zwei Mäd­chen und ein Säug­ling, sie­ben Män­ner und zwei Frau­en. Nur zwei Män­ner und eine Frau über­le­ben die Boots­ka­ta­stro­phe, bei der sie ihre engs­ten Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen ver­lo­ren haben. Drei Men­schen blei­ben bis heu­te ver­misst.

Recherchen stützen schwere Vorwürfe gegen Küstenwache

Umfas­sen­de Gesprä­che, die PRO ASYL/RSA mit den Über­le­ben­den, dem Kran­ken­haus­per­so­nal und Behör­den vor Ort führ­te und Recher­chen des Spie­gel zei­gen: Obwohl die grie­chi­sche Küs­ten­wa­che infor­miert war, wur­de nicht geret­tet. Die drei Über­le­ben­den quä­len uner­träg­li­che Fra­gen: Wur­de der Tod  ihrer Ange­hö­ri­gen in Kauf genom­men? Könn­ten ihre Kin­der und Ehe­part­ner noch leben? Ihre Vor­wür­fe gegen die grie­chi­schen Behör­den wie­gen schwer.

Eine Chronologie der tödlichen Katastrophe

Am 16. März 2018 star­ten die aus dem Irak und Afgha­ni­stan geflüch­te­ten Fami­li­en am frü­hen Mor­gen von der tür­ki­schen Küs­te aus. Die klei­ne Ägä­is-Insel Aga­tho­ni­si soll das Ziel sein für die Geflüch­te­ten, außer­dem sind zwei tür­ki­sche Män­ner an Bord und über­neh­men das Steu­er.

Auf Samos alar­miert der war­ten­de Sohn sofort die Poli­zei und Küs­ten­wa­che. Doch er wird abge­wim­melt.

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Flücht­lin­ge sind laut UNHCR die­ses Jahr bereits im Mit­tel­meer ertrun­ken. (Stand 08.06.18)

Ein Sohn der afgha­ni­schen Fami­lie hat­te bereits zwei Mona­te zuvor die Über­fahrt gewagt und saß seit­her im über­füll­ten Hot­spot auf Samos fest. Als das Boot die tür­ki­sche Küs­te ver­lässt, wird er von sei­ner Schwes­ter, der jun­gen Anwäl­tin Fresh­ta, über Whats App infor­miert. Kurz bevor die Fami­li­en das ret­ten­de Ufer errei­chen, kommt es zu einem schwe­ren Scha­den am Boot. Es gelingt Fresh­ta gera­de noch, panisch ihrem Bru­der die Koor­di­na­ten des Boo­tes zu schi­cken und Hil­fe­ru­fe an wei­te­re Ange­hö­ri­ge los­zu­schi­cken. Kurz dar­auf ken­tert das Boot.

Auf Samos alar­miert der war­ten­de Sohn sofort die Poli­zei und Küs­ten­wa­che. Er gibt in meh­re­ren Tele­fo­na­ten die Koor­di­na­ten des Boo­tes und sei­ne per­sön­li­chen Daten durch, schickt Nach­rich­ten und spricht mit der Poli­zei. Doch er wird abge­wim­melt. Er ver­sucht es immer und immer wie­der. Umsonst. War­um die Hil­fe­ru­fe ver­hall­ten, bleibt bis­lang unge­klärt.

Verzögerte Rettungsoperation kostet mindestens 16 Menschen das Leben

Erst 24 Stun­den nach dem ers­ten Not­ruf, am Sams­tag­mor­gen star­tet die Ret­tungs­ope­ra­ti­on – viel zu spät. Die Über­le­ben­den berich­ten außer­dem, ein Schiff sei über Stun­den hin­weg in Sicht­wei­te gewe­sen und habe nicht auf die Not­ru­fe reagiert. Auch Fresh­ta ist unter den Toten.

»Mit den Stun­den, die ver­gin­gen, konn­ten sich immer mehr von uns nicht mehr über Was­ser hal­ten, einer nach dem ande­ren sank und tauch­te nicht mehr an der Was­ser­ober­flä­che auf.«

Fati­ma aus Afgha­ni­stan

Die Über­le­ben­den berich­te­ten PRO ASYL/RSA, wie sie seit dem Ken­tern des Boo­tes am frü­hen mor­gen bis kurz vor der Abend­däm­me­rung im Was­ser um ihr Über­le­ben kämpf­ten.

„Wir tru­gen alle Schwimm­wes­ten. Wir ver­such­ten nahe bei­ein­an­der zu blei­ben. Etwas spä­ter tauch­te ein Schiff auf, das von der Insel aus in unse­re Rich­tung fuhr. Wir began­nen um Hil­fe zu rufen. Mein Sohn begann laut zu pfei­fen und mein Nef­fe ver­such­te das Schiff zu errei­chen. Doch die Wel­len tru­gen uns wei­ter weg. Wir rea­li­sier­ten, dass wir nicht geret­tet wür­den. Mit den Stun­den, die ver­gin­gen, konn­ten sich immer mehr von uns nicht mehr über Was­ser hal­ten, einer nach dem ande­ren sank und tauch­te nicht mehr an der Was­ser­ober­flä­che auf“, erzählt Fahi­ma aus Afgha­ni­stan, die vier Kin­der bei der Boots­ka­ta­stro­phe ver­lo­ren hat.

RSA: Unterstützung, Begleitung und Versuche der Aufklärung

Eine Anwäl­tin, eine Sozi­al­ar­bei­te­rin und ein Über­set­zer von Refu­gee Sup­port Aege­an tref­fen die Über­le­ben­den und wei­te­re Ange­hö­ri­ge, die ange­reist waren, kurz nach der Kata­stro­phe auf Samos. Sie leis­ten psy­cho­lo­gi­sche Unter­stüt­zung sowie recht­li­che Bera­tung, um die Über­le­ben­den über ihre Rech­te und Pflich­ten auf­zu­klä­ren und über den Ablauf des Asyl­ver­fah­rens.

PROASYL/RSA hilft mit Über­set­zun­gen und bei der Ver­mitt­lung von Kon­tak­ten zu Ärz­ten, UNHCR und Behör­den. Die drei Über­le­ben­den befin­den sich zu die­sem Zeit­punkt noch im Kran­ken­haus der Insel. Die Umstän­de der Kata­stro­phe wer­den in meh­re­ren Gesprä­chen sorg­fäl­tig rekon­stru­iert – PROASYL/RSA erfährt, dass  das Boot am 16. März geken­tert sei und nicht erst am Fol­ge­tag.

Die ange­reis­ten Ange­hö­ri­gen der Fami­lie bit­ten um Unter­stüt­zung bei der Über­füh­rung der Lei­chen nach Afgha­ni­stan und in den Irak – über einen Monat wird die­ses Ver­fah­ren in Anspruch neh­men. Ende März beglei­tet eine Psy­cho­lo­gin das PRO ASYL­/R­SA-Team, um den schwer trau­ma­ti­sier­ten Über­le­ben­den psy­cho­lo­gisch bei­zu­ste­hen und sie bei äußerst belas­ten­den Vor­gän­gen wie der Iden­ti­fi­zie­rung von den ver­stor­be­nen Ange­hö­ri­gen zu beglei­ten und zu betreu­en. Anfang April kön­nen die Über­le­ben­den und Ange­hö­ri­gen nach Athen rei­sen, wo sie wei­ter mit PRO ASYL/RSA in Kon­takt sind und psy­cho­lo­gisch betreut wer­den.

Küstenwache bestreitet unterlassene Rettung

Kurz nach der Kata­stro­phe hat­te die grie­chi­sche Küs­ten­wa­che in einer Pres­se­er­klä­rung erklärt, es sei­nen zwei Frau­en und ein Mann am Strand der Insel gefun­den wor­den, die über­lebt hät­ten. Sogleich habe die Küs­ten­wa­che eine Ret­tungs­ope­ra­ti­on ein­ge­lei­tet. Noch immer behaup­tet die grie­chi­sche Küs­ten­wa­che, die Boots­ka­ta­stro­phe hät­te sich erst am 17. März ereig­net. Ent­ge­gen aller Berich­te der Ange­hö­ri­gen und Über­le­ben­den.

Noch immer behaup­tet die grie­chi­sche Küs­ten­wa­che, die Boots­ka­ta­stro­phe hät­te sich erst am 17. März ereig­net. Ent­ge­gen aller Berich­te der Ange­hö­ri­gen und Über­le­ben­den.

Dass an den schwe­ren Vor­wür­fen der Über­le­ben­den gegen die grie­chi­sche Küs­ten­wa­che den­noch etwas dran sein könn­te, wur­de selbst auf höchs­ter poli­ti­scher Ebe­ne der grie­chi­schen Regie­rung nicht aus­ge­schlos­sen. Sowohl der Schiff­fahrts­mi­nis­ter, Panagio­tis Kou­ro­umblis, als auch Migra­ti­ons­mi­nis­ter Dimi­tris Vits­as reis­ten nach Samos, um die Über­le­ben­den zu tref­fen.

Der grie­chi­sche Schiff­fahrts­mi­nis­ter berich­te­te, bei der Küs­ten­wa­che nach­ge­fragt zu haben, ob ein Not­ruf am Frei­tag­mor­gen ein­ge­gan­gen war. Die Küs­ten­wa­che ant­wor­te­te dem Spie­gel zufol­ge: Tat­säch­lich sei ein Anruf ein­ge­gan­gen und man habe mehr­fach ver­sucht, den Anru­fer zurück­zu­ru­fen – ohne Erfolg. Doch die Tele­fon­da­ten bele­gen, dass der Sohn am Frei­tag meh­re­re Male mit den Behör­den in Kon­takt gewe­sen sei.

Am 28. März 2018 reagier­te die grie­chi­sche Küs­ten­wa­che mit einer wei­te­ren Pres­se­er­klä­rung auf die schwe­ren Vor­wür­fe. Man habe unver­züg­lich nach ers­ten Infor­ma­tio­nen über die Boots­ka­ta­stro­phe die Ret­tungs­ope­ra­ti­on ein­ge­lei­tet.

Anwält*innen von PRO ASYL/RSA leisten Rechtshilfe

Ein Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren zu den Umstän­den der Boots­ka­ta­stro­phe sowie eine Unter­su­chung der Direk­ti­on für inter­ne Ange­le­gen­hei­ten der grie­chi­schen Küs­ten­wa­che  zu einer mög­li­chen Ver­ant­wor­tung der eige­nen Beam­ten wur­den ein­ge­lei­tet. Die Über­le­ben­den und Ange­hö­ri­gen haben außer­dem Kla­ge wegen unter­las­se­ner Hil­fe­leis­tung gegen die grie­chi­sche Küs­ten­wa­che ein­ge­legt und wer­den dabei von RSA ver­tre­ten.

Ihr Leid, der Ver­lust der engs­ten Ange­hö­ri­gen bleibt uner­träg­lich. Doch sie for­dern die Auf­klä­rung des Todes ihrer Fami­li­en und dass den mas­si­ven Vor­wür­fen nach­ge­gan­gen wird. Und gemein­sam mit Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen, See­not­ret­tungs­in­itia­ti­ven und vie­len ande­ren: Dass das dun­kels­te Kapi­tel der  euro­päi­schen Flücht­lings­po­li­tik – das Ster­ben­las­sen an den Außen­gren­zen – nicht der Straf­lo­sig­keit, der Igno­ranz und dem Ver­ges­sen anheim fällt. Dass das Ster­ben end­lich ein Ende hat und gefah­ren­freie Wege nach Euro­pa geöff­net wer­den.

(rsa)