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Getrennt von Mann und Tochter: So wie der Syrerin Layali geht es vielen syrischen Flüchtlingen in Deutschland. Mit der Erteilung des subsidiären Schutzes dürfen Syrer*innen ihre Familien bis März 2018 nicht nachholen. Foto: UNHCR / Daniel Morgan

Vor einem Jahr fiel der berühmte Merkel-Satz »Wir schaffen das«. Der solidarischen Flüchtlingsaufnahme im Herbst folgte jedoch eine Kehrtwende mit Asylrechtsverschärfungen und neuer Anerkennungspraxis: Die Schutzquoten sinken drastisch, der Flüchtlingsschutz wird zusehends verweigert.

Am 31.08.2015 for­mu­lier­te die Bun­des­kanz­le­rin den Satz »Wir schaf­fen das« als Maß­stab poli­ti­schen Han­delns. Der groß­ar­ti­gen Bereit­schaft, Flücht­lin­ge zu schüt­zen, folg­te ein lang­an­hal­ten­der Win­ter der Restrik­tio­nen. Auch das Fol­ge­jahr 2016 war von einer nicht enden wol­len­den Fol­ge von gesetz­li­chen Ein­schrän­kun­gen des Asyl­rechts gezeich­net: Zwei Asyl­pa­ke­te, die das Asyl­recht aus­ge­höhlt haben und ein Inte­gra­ti­ons­ge­setz, das die Inte­gra­ti­on von Flücht­lin­gen erschwe­ren wird.

Neue Anerkennungspraxis betrifft Hauptherkunftsländer

In Deutsch­land bestim­men poli­ti­sche Vor­ga­ben und schlech­te Manage­men­tent­schei­dun­gen über das Schick­sal von Schutz­su­chen­den. Die Fol­gen tre­ten immer deut­li­cher zuta­ge. Beim Ablauf der Asyl­ver­fah­ren und der Fest­stel­lung der Schutz­be­dürf­tig­keit las­sen sich immer mehr Fehl­ent­wick­lun­gen fest­stel­len. Zuneh­mend wird Flücht­lin­gen aus Syri­en, Afgha­ni­stan, Irak und Eri­trea asyl­recht­li­cher Schutz ver­wei­gert. Das sind seit mehr als einem Jahr die zen­tra­len Haupt­her­kunfts­län­der der Flücht­lin­ge. Zwei Stra­te­gi­en fal­len auf: Zum einen der dras­ti­sche Rück­gang der hohen Aner­ken­nungs­quo­te, zum ande­ren die zuneh­men­de Ver­wei­ge­rung der Ertei­lung des Flücht­lings­schut­zes nach der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on (GFK).

Anerkennungspraxis bei syrischen Flüchtlingen

Wie beun­ru­hi­gend die Situa­ti­on in Deutsch­land ist, zei­gen fol­gen­de Zah­len: Im Juli wur­den 13.000 syri­schen Flücht­lin­gen nur der sub­si­diä­re Schutz­sta­tus zuer­kannt, bei ins­ge­samt 24.000 Ent­schei­dun­gen. Syri­sche Asyl­su­chen­de haben im Jahr 2015 in fast 100 Pro­zent aller inhalt­lich geprüf­ten Fäl­le den Flücht­lings­schutz erhal­ten. Das BAMF muss­te die­sen Schutz­sta­tus beschei­den, da zuvor die Mehr­zahl der Ober­ver­wal­tungs­ge­rich­te von einer ein­deu­ti­gen indi­vi­du­el­len Gefahr für syri­sche Rück­keh­rer aus­ge­gan­gen ist. Als sodann der Fami­li­en­nach­zug für sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­te im Febru­ar 2016 für zwei Jah­re aus­ge­setzt wur­de, erklär­te die Bun­des­re­gie­rung, es wür­de sich bei die­ser Grup­pe nur um eine klei­ne Anzahl der Asyl­su­chen­den han­deln und syri­sche Flücht­lin­ge sei­en nicht betrof­fen. Tat­säch­lich hat das BAMF sei­ne Ent­schei­dungs­pra­xis rechts­wid­rig geän­dert, sodass im Juli 2016 syri­sche Asyl­su­chen­de in etwa 56% aller Fäl­le nur den sub­si­diä­ren Schutz erhal­ten haben. Die­se rechts­wid­ri­gen Beschei­de, die die Betrof­fe­nen unzu­läs­sig von ihren Fami­li­en tren­nen, wer­den nun­mehr von der Recht­spre­chung auf­ge­ho­ben (u.a. durch die Ver­wal­tungs­ge­rich­te in Regens­burg, Mei­nin­gen, Trier, Schles­wig und Düs­sel­dorf, an zahl­rei­chen ande­ren Gerich­ten sind die Ver­fah­ren noch anhän­gig). Die Kor­rek­tur der inhalt­li­chen Fehl­ent­schei­dun­gen des BAMF wird damit wie schon 2014 auf die Gerich­te aus­ge­la­gert.

Anerkennungspraxis bei eritreischen Flüchtlingen

In Eri­trea herrscht unver­än­dert eine bru­ta­le Dik­ta­tur. Obwohl sich an der Lage im Land nichts zum Bes­se­ren ent­wi­ckelt hat, sank die GFK-Aner­ken­nung eri­trei­scher Flücht­lin­ge von 99,1 % im Janu­ar 2016 auf nur noch ca. 80% im Juli. Gleich­zei­tig stieg der sub­si­diä­re Schutz von 0,5% auf etwa 20%. Ein häu­fi­ges Pro­blem der Flücht­lin­ge ist, dass die Dik­ta­tur alle Frau­en und Män­ner in den Mili­tär­dienst bzw. „Natio­nal Ser­vice“ von unab­seh­ba­rer Dau­er zwingt und bei einer Ver­wei­ge­rung oder Ent­zie­hung emp­find­li­che Stra­fen bis hin zur lang­jäh­ri­gen Frei­heits­ent­zie­hung ver­hängt. Im Dienst kommt es zu einer Viel­zahl von schwer­wie­gen­den Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen wie Ver­ge­wal­ti­gun­gen und Fol­ter. Gal­ten Wehr­dienst­ent­zie­hung und Deser­ti­on bis­lang als kla­rer Grund für die Zuer­ken­nung eines GFK-Sta­tus, wer­den die Betrof­fe­nen nun zuneh­mend auf den sub­si­diä­ren Schutz ver­wie­sen. So fin­det sich in BAMF-Ent­schei­dun­gen bei­spiels­wei­se fol­gen­de For­mu­lie­rung: „Da bis­lang noch kei­ne … kon­kre­te Auf­for­de­rung ergan­gen ist, den Mili­tär­dienst antre­ten zu müs­sen, kann der Antrag­stel­ler dem­nach auch nicht als Wehr­flüch­ti­ger ange­se­hen wer­den…“

Damit wird der jun­ge Asyl­an­trag­stel­ler dar­auf ver­wie­sen, dass er auf sei­nen Ein­be­ru­fungs­be­scheid hät­te war­ten sol­len, damit er dann nach­weis­lich vor aku­ter Bedro­hung geflo­hen wäre. Das ist flücht­lings­recht­lich inak­zep­ta­bel, geht es doch bei der Prü­fung der Flücht­lings­ei­gen­schaft um die Fra­ge der begrün­de­ten Furcht vor poli­ti­scher Ver­fol­gung, die jun­ge Eritreer/innen ange­sichts der all­um­fas­sen­den Her­an­zie­hungs­pra­xis des Regimes haben müs­sen.

Eine Fol­ge die­ser ver­än­der­ten Pra­xis ist, dass den eri­trei­schen Flücht­lin­gen zwar eine Abschie­bung nicht zuge­mu­tet wer­den kann und eine Inte­gra­ti­on erwar­tet wird, aber das für die Inte­gra­ti­on zen­tra­le Recht auf Fami­li­en­nach­zug ver­wehrt bleibt.

Anerkennungspraxis bei Schutzsuchenden aus dem Afghanistan und dem Irak

Bei afgha­ni­schen Flücht­lin­gen wur­den im Juli sogar rund 2.100 von 4.600 Antrag­stel­lern abge­lehnt. Die Schutz­quo­te für afgha­ni­sche Flücht­lin­ge sank von 78% (2015) auf knapp unter 50% im Juli 2016, trotz ver­schärf­ter Sicher­heits­la­ge in Afgha­ni­stan. Bei Flücht­lin­gen aus dem Irak wur­den im Juli 2016 935 von 5.114 Asyl­an­trä­gen sogar gänz­lich abge­lehnt (20,3%), 830 Schutz­su­chen­de erhiel­ten ledig­lich sub­si­diä­ren Schutz. Im Jahr 2015 wur­de ira­ki­schen Asyl­su­chen­den noch in 96,7% der Fäl­le GFK-Schutz beschie­den.

Die Sicher­heits­la­ge in Afgha­ni­stan hat sich ver­schlech­tert, wes­we­gen die NATO ihren Ein­satz ver­län­gert hat. Die Unter­stüt­zungs­mis­si­on der UN (UNAMA) zähl­te 2015 in Afgha­ni­stan 3.545 zivi­le Todes­op­fer, 7.457 Zivi­lis­ten wur­den ver­letzt. Dies bedeu­tet gegen­über 2013 eine Ver­dop­pe­lung der Opfer­zah­len. Die Zahl der Bin­nen­ver­trie­be­nen im Land stieg von 631.000 in 2013 auf 1,2 Mil­lio­nen im April 2016.

In unse­rer Bera­tungs­pra­xis häu­fen sich die Fäl­le afgha­ni­scher Flücht­lin­ge, deren Anträ­ge vom Bun­des­amt abge­lehnt wur­den. Die Rat­su­chen­den schil­dern Repres­sio­nen und Bedro­hun­gen – vor allem durch die Tali­ban. Sie berich­ten von Zwangs­re­kru­tie­run­gen, Ent­füh­run­gen, Bedro­hun­gen und der Ermor­dung von Fami­li­en­mit­glie­dern.

Anerkennungspraxis verhindert Integration

Die ver­än­der­te Aner­ken­nungs­pra­xis ist poli­ti­schen Vor­ga­ben geschul­det und basiert nicht auf der unver­än­der­ten Lage in den Her­kunfts­län­dern. Die von die­ser Aner­ken­nungs­pra­xis betrof­fe­nen Flücht­lin­ge wer­den in eine jah­re­lan­ge, ver­un­si­chern­de War­te­pha­se gezwun­gen, die die Inte­gra­ti­on erschwert. Zen­tra­les Pro­blem dabei das feh­len­de Recht auf Nach­zug von Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen, das fort­an die Sor­gen und Gedan­ken der hier­her Geflüch­te­ten beschäf­tigt und die Zurück­ge­blie­be­nen auf gefähr­li­che Flucht­we­ge zwingt.

BAMF wälzt Korrektur von Fehlentscheidungen auf Gerichte ab

Eine wei­te­re Fol­ge: Die Fehl­ent­schei­dun­gen des Bun­des­am­tes füh­ren dazu, dass Flücht­lin­ge ihre Beschei­de zuneh­mend von den Gerich­ten prü­fen las­sen müs­sen. Wenn das Bun­des­amt sei­ne Pra­xis bei zen­tra­len Her­kunfts­län­dern wie Afgha­ni­stan, Syri­en, Eri­trea so gra­vie­rend ver­än­dert, führt dies dazu, dass zuneh­mend Gerich­te behörd­li­che Fehl­ent­schei­dun­gen kor­ri­gie­ren müs­sen. Ange­sichts der gro­ßen Zahl von Asy­l­ent­schei­dun­gen, die noch aus­ste­hen, und der abseh­ba­ren Über­las­tung der Gerich­te warnt PRO ASYL davor, dass sich tau­sen­de Asyl­ver­fah­ren auf unab­seh­ba­re Zeit in die Län­ge zie­hen wer­den. Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass ein gro­ßer Anteil derer, die nicht nach der GFK aner­kannt wur­den, vor Gericht gehen wird, sofern sie in der Lage sind, sich durch Rechtsanwält*innen ver­tre­ten zu las­sen.