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Traurige Routine in Trapani auf Sizilien: Jeden Tag sterben auf der zentralen Mittelmeerroute mindestens 13 Menschen auf der Flucht nach Europa. Die Särge stehen dort schon bereit... Foto: UNHCR / Maria Grazia Pellegrino

Seit April 2016 ist der gefährliche Weg über das zentrale Mittelmeer erneut die wichtigste Fluchtroute nach Europa. Über 3.100 Menschen sind 2016 im Mittelmeer ums Leben gekommen, die meisten davon auf der zentralen Route. Europas Ziel: Den Fluchtweg von Libyen nach Italien zu schließen, Menschenrechtsverletzungen werden dabei in Kauf genommen.

Flucht über das zentrale Mittelmeer

100.145 Schutz­su­chen­de erreich­ten in 2016 bis­her die ita­lie­ni­schen Küs­ten. Ins­ge­samt hat­ten 2015 rund 153.000 Men­schen Euro­pa über die zen­tra­le Mit­tel­meer­rou­te erreicht. Die meis­ten bra­chen in Liby­en auf, um die gefähr­li­che Über­fahrt über das zen­tra­le Mit­tel­meer auf sich zu neh­men. Bereits Ende Juni 2016 ver­brei­te­te Fabri­ce Leg­ge­ri, Exe­ku­tiv­di­rek­tor von Fron­tex, Alar­mis­mus: »Wenn die Migra­ti­ons­strö­me aus West­afri­ka in Rich­tung Liby­en anhal­ten, dann müs­sen wir mit etwa 300.000 Men­schen rech­nen, die in die­sem Jahr aus West­afri­ka in die nörd­li­chen Maghreb-Staa­ten flie­hen, um dann wei­ter nach Euro­pa zu rei­sen.«

Tödlichste Fluchtroute weltweit

Die hys­te­ri­sche War­nung vor »Strö­men« über­tönt die tat­säch­li­che Dra­ma­tik: Ins­ge­samt kamen auf der Rou­te von Liby­en und teil­wei­se Ägyp­ten nach Ita­li­en bis Ende Juli 2016 2.692 Men­schen ums Leben, so die Zah­len der Inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­ti­on für Migra­ti­on (IOM). Das sind fast 13 Tote täg­lich – und im west­li­chen Mit­tel­meer und der Ägä­is gab es wei­te­re 500 tote Flücht­lin­ge.

Es hand­le sich auf die­ser Rou­te um Men­schen, die kei­nen Anspruch auf Schutz hät­ten, heißt es immer wie­der. Ein Blick auf die Flücht­lings­grup­pen zeigt: Dem ist bei Wei­tem nicht so.

Erst Ende Juli waren inner­halb von zehn Tagen 120 Lei­chen an den liby­schen Strän­den ange­spült wor­den. Zivil­ge­sell­schaft­li­che Ret­tungs­in­itia­ti­ven wie Sea-Watch, Ärz­te ohne Gren­zen oder SOS Medi­ter­ra­nee sind im Dau­er­ein­satz – und die Über­fahr­ten wer­den in den kom­men­den Wochen nicht zurück­ge­hen.

Die wich­tigs­ten Her­kunfts­län­der der in Ita­li­en anlan­den­den Boots­flücht­lin­ge sind Nige­ria (17%), Eri­trea (13%), Gam­bia (8%), Sudan (7%), die Elfen­bein­küs­te (7%), Gui­nea (7%) und Soma­lia (6%). Es hand­le sich auf die­ser Rou­te haupt­säch­lich um Men­schen, die kei­nen Anspruch auf Schutz hät­ten, heißt es immer wie­der. Ein Blick auf die Flücht­lings­grup­pen zeigt: Dem ist bei Wei­tem nicht so.

Von wegen »keine Fluchtgründe«

In Nige­ria hat die isla­mis­ti­sche Ter­ror­mi­liz Boko Haram seit 2009 im Nord­os­ten des Lan­des 15.000 bis 20.000 Men­schen getö­tet, über zwei Mil­lio­nen wur­den ver­trie­ben. In den Flücht­lings­la­gern Nige­ri­as ster­ben Men­schen an Durch­fall und Man­gel­er­näh­rung. Im Juni 2016 ließ Ärz­te ohne Gren­zen ver­lau­ten, dass bin­nen eines Monats rund 200 Ver­trie­be­ne ums Leben gekom­men sei­en.

Aus Eri­trea flie­hen monat­lich rund 5.000 Men­schen vor einer Mili­tär­dik­ta­tur, in der ihnen ein unbe­fris­te­ter »Natio­nal­dienst« in Form von Zwangs­ar­beit in Lagern droht. Regimekritiker*innen lan­den in gehei­men Gefäng­nis­sen. Flücht­lin­ge aus Eri­trea, deren Schutz­ge­such in Deutsch­land geprüft wird, wer­den zu rund 99 Pro­zent aner­kannt.

In Gam­bia hat sich vor 22 Jah­ren Yahya Jam­meh gewalt­sam an die Regie­rung geputscht. Der Macht­ha­ber des kleins­ten afri­ka­ni­schen Lan­des ist berüch­tigt: Es kommt zu will­kür­li­chen Ver­haf­tun­gen, Oppo­si­tio­nel­le und Journalist*innen sind mas­si­ver Repres­si­on aus­ge­setzt, die Regie­rung hetzt gegen Homo­se­xu­el­le.

Der Prä­si­dent des Sudan, Omar al-Baschir, wird vom Inter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof in Den Haag wegen Völ­ker­mords gesucht, das Land befin­det sich auf der Lis­te der „ter­ror­un­ter­stüt­zen­den Staa­ten“ des US-Außen­mi­nis­te­ri­ums. Die EU spricht von rund 10.000 suda­ne­si­schen Flücht­lin­gen im Jahr 2015. Im euro­pa­wei­ten Schnitt wer­den 55 Pro­zent der Asyl­an­trä­ge aner­kannt.

81,5%

betrug 2015 die berei­nig­te Schutz­quo­te für Flücht­lin­ge aus Soma­lia.

Seit Jahr­zehn­ten flie­hen Men­schen aus dem umkämpf­ten »fai­led sta­te« Soma­lia. Frie­den, Sicher­heit und Men­schen­rech­te sind in wei­ter Fer­ne, Tei­le des Lan­des wer­den von der isla­mis­ti­schen Al-Shaba­ab-Miliz beherrscht. Die berei­nig­te Schutz­quo­te für soma­li­sche Schutz­su­chen­de betrug in Deutsch­land 2015 81,5 Pro­zent.

EU-Plan: Aufbau der libyschen Küstenwache

Indes­sen bemüht sich die EU wei­ter um den Aus­bau der Koope­ra­ti­on mit der liby­schen Ein­heits­re­gie­rung. Am 4. August 2016 beschloss der Rat für Aus­wär­ti­ge Ange­le­gen­hei­ten die Ver­län­ge­rung der EU-Mis­si­on zur Unter­stüt­zung des inte­grier­ten Grenz­ma­nage­ments in Liby­en (EUBAM Liby­en) um ein Jahr. EUBAM Liby­en hat das Man­dat, »eine mög­li­che zukünf­ti­ge EU-Mis­si­on zu pla­nen, die im Bereich Straf­jus­tiz, Migra­ti­on, Grenz­schutz und Ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung Bera­tung bie­ten und den Kapa­zi­täts­auf­bau vor­an­trei­ben soll«, so der Beschluss der EU-Außen­mi­nis­ter. Für den Zeit­raum vom 22. August 2016 bis zum 21. August 2017 wur­den 17 Mil­lio­nen Euro vor­ge­se­hen – ein erheb­li­cher Teil dürf­te in Maß­nah­men zur Flucht­ver­hin­de­rung flie­ßen.

Am 20. Juni 2016 hat­ten die EU-Außen­mi­nis­ter bereits beschlos­sen, die EU-Mili­tär­ope­ra­ti­on EUNAVFOR Med/Sophia aus­zu­bau­en. Die Aus­bil­dung der liby­schen Küs­ten­wa­che soll nun in das Man­dat auf­ge­nom­men wer­den. Der Plan: Grup­pen von rund hun­dert liby­schen Beam­ten der Küs­ten­wa­che sol­len in einer ers­ten Pha­se auf einem Schiff von EUNAVFOR Med eine zehn­wö­chi­ge Basis­aus­bil­dung erhal­ten. Die wei­te­re Aus­bil­dung soll dann in einem Mit­glieds- oder Dritt­staat erfol­gen.

Die liby­sche Küs­ten­wa­che zu befä­hi­gen, Flücht­lings­boo­te auf­zu­grei­fen und Schutz­su­chen­de zurück nach Liby­en zu ver­brin­gen, ist Bei­hil­fe zu schwers­ten Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen.

Bei dem Auf­bau der liby­schen Küs­ten­wa­che und Mari­ne will sich auch das Mili­tär­bünd­nis NATO betei­li­gen. Die ita­lie­ni­sche Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Rober­ta Pinot­ti hat­te bereits Ende April 2016 eine Neu­aus­rich­tung der NATO-Ope­ra­ti­on Active Endea­vour im zen­tra­len Mit­tel­meer gefor­dert, die als anti­ter­ro­ris­ti­sche Ope­ra­ti­on 2001 lan­ciert wor­den war. Künf­tig soll­te Active Endea­vour der Über­wa­chung der liby­schen Küs­ten die­nen. Am 9. Juli 2016 ver­kün­de­te NATO-Gene­ral­se­kre­tär Jens Stol­ten­berg die Über­füh­rung von Active Endea­vour in die NATO-Mis­si­on »Sea Guar­di­an«, womit das Mili­tär­bünd­nis der For­de­rung nach­kam.

Neben der Hil­fe bei der Aus­bil­dung der liby­schen Küs­ten­wa­che ist eine logis­ti­sche Unter­stüt­zung von EUNAVFOR Med/Sophia durch Auf­klä­rungs- und Über­wa­chungs­tech­no­lo­gi­en vor­ge­se­hen.

Delegieren von Menschenrechtsverletzungen

Die liby­sche Küs­ten­wa­che zu befä­hi­gen, Flücht­lings­boo­te auf­zu­grei­fen und Schutz­su­chen­de zurück nach Liby­en zu ver­brin­gen, ist Bei­hil­fe zu schwers­ten Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen. Die Berich­te von Gräu­el­ta­ten gegen Geflüch­te­te in Liby­en rei­ßen nicht ab, doch davon lässt man sich in Brüs­sel nicht beir­ren. Die in Liby­en Fest­sit­zen­den müss­ten aus dem Cha­os und der Gewalt in Liby­en eva­ku­iert wer­den, anstatt sie mit immer per­fi­de­ren Stra­te­gi­en an der Flucht aus dem zer­rüt­te­ten Land zu hin­dern.