07.02.2017

Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich im vergangenen Jahr nochmal verschlechtert, so der Jahresbericht der United Nations Assistance Mission in Afghanistan (UNAMA). Mit 11.418 zivilen Opfern der Kampfhandlungen ist ein trauriger Rekordwert erreicht. Erneut zeigt sich, wie unverantwortlich der Beginn von Abschiebungen nach Afghanistan ist.

3.498 Tote, 7.920 Ver­letz­te – ins­ge­samt 11.418 Opfer hat die UNAMA in ihrem Jah­res­be­richt für 2016 doku­men­tiert. Die Zahl liegt damit noch ein­mal drei Pro­zent höher als im ver­gan­ge­nen Jahr und stellt den höchs­ten Wert dar, seit UNAMA 2009 mit der Doku­men­ta­ti­on begon­nen hat. Die erfass­te Gesamt­zahl der zivi­len Opfer im Afgha­ni­stan-Kon­flikt seit 2009 liegt damit bei über 70.000 – davon fast 25.000 Todes­op­fer.

Männer, Frauen, Kinder: Alle sind betroffen

Knapp ein Drit­tel der zivi­len Opfer im Jahr 2016 waren Kin­der (3.512) – die Zahl ist im Ver­gleich zum Vor­jahr um 24 Pro­zent, und damit beson­ders stark, gestie­gen. 923 Kin­der sind dabei sogar gestor­ben, vie­le von ihnen durch »explo­si­ve Muni­ti­ons­rück­stän­de« wie z. B. Minen. Auch die Zahl der Frau­en, die Opfer der Kampf­hand­lun­gen wer­den, bleibt hoch (1.218), sie haben zudem wei­ter­hin beson­ders unter dem reli­giö­sen Fun­da­men­ta­lis­mus der Tali­ban zu lei­den.

3.512

Kin­der wur­den 2016 Opfer der Kampf­hand­lun­gen.

Tatsächliche Zahl der Opfer könnte noch viel höher liegen

Die von UNAMA erho­be­nen und ver­öf­fent­lich­ten Zah­len zei­gen die bedenk­li­che Ent­wick­lung der Sicher­heits­la­ge in Afgha­ni­stan klar auf – die tat­säch­li­che Anzahl an zivi­len Opfern könn­te aber noch deut­lich nach oben abwei­chen: Damit ein Opfer in die Sta­tis­tik ein­fließt, setzt UNAMA vor­aus, dass das Ereig­nis aus drei unab­hän­gi­gen, über­prüf­ba­ren Quel­len bestä­tigt wird – in umkämpf­ten oder von Mili­zen kon­trol­lier­ten Gebie­ten kaum mög­lich.

Die Bun­des­re­gie­rung wäre gut bera­ten, ihre Poli­tik an der tat­säch­li­chen Rea­li­tät aus­zu­rich­ten – und die zeigt schlicht­weg: Afgha­ni­stan ist nicht sicher.

Einen Ein­druck, wie viel höher die wirk­li­che Anzahl an zivi­len Opfern lie­gen könn­te, lie­fert zum Bei­spiel der Report eines ein­zel­nen Not­fall­kran­ken­hau­ses in Kabul, in dem allei­ne von Janu­ar bis Juni 2016 1.592 Anschlags­op­fer behan­delt wur­den. UNAMA zähl­te für das gesam­te Land in die­sem Zeit­raum 5.166 zivi­le Opfer.

Konflikte und Opfer im ganzen Land

In fünf von acht Regio­nen Afgha­ni­stans hat die Zahl der zivi­len Opfer zuge­nom­men, sie ist lan­des­weit auf sehr hohem Niveau. Signi­fi­kant ist dabei z. B. der Anstieg in der Regi­on Zen­tral­af­gha­ni­stan. Dort liegt auch die Haupt­stadt Kabul, die zuneh­mend von Anschlä­gen erschüt­tert wird.

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Zivi­le Opfer auf­ge­schlüs­selt nach den ein­zel­nen afgha­ni­schen Regio­nen im Jah­res­ver­gleich. Quel­le: UNAMA Jah­res­be­richt 2016

Ledig­lich in der Regi­on »Cen­tral High­lands«, die die Pro­vin­zen Bami­yan und Dai­kun­di umfasst, ist die Zahl der zivi­len Opfer in abso­lu­ten Zah­len ver­gleichs­wei­se gering – das hängt aber auch mit der gerin­gen Flä­che und Einwohner*innenzahl zusam­men: Nur rund 900.000 der über 33 Mil­lio­nen Einwohner*innen Afgha­ni­stans leben in die­sen zwei Pro­vin­zen. Auch dort ist die Zahl der zivi­len Opfer aber gestie­gen, sie hat sich im Ver­gleich zu 2015 nahe­zu ver­dop­pelt (98 Pro­zent Zuwachs).

Zehnmal so viele IS-Opfer wie 2015

Ver­ur­sa­cher der zivi­len Opfer sind mehr­heit­lich »Anti-Government Ele­ments«, wie die radi­kal­is­la­mi­schen Tali­ban. Aber auch der soge­nann­te »Isla­mi­sche Staat« ope­riert mitt­ler­wei­le in eini­gen Regio­nen Afgha­ni­stans und gewinnt immer mehr an Boden. Er war für 899 der zivi­len Opfer ver­ant­wort­lich, das sind mehr als zehn­mal so vie­le wie noch im Jahr 2015. Betrof­fen von den IS-Angrif­fen sind vor allem reli­giö­se Min­der­hei­ten wie Schiit*innen.

1,8 Millionen  Binnenvertriebene in Afghanistan

Eben­falls auf Rekord­ni­veau ist die Zahl der neu­en Bin­nen­ver­trie­be­nen: 636.500 Men­schen muss­ten durch die Kampf­hand­lun­gen aus ihrer Hei­mat flie­hen und befin­den sich nun inner­halb des Lan­des auf der Flucht. Das sind noch ein­mal 66 Pro­zent mehr als bereits 2015. Über die Hälf­te der im Jahr 2016 neu Ver­trie­be­nen sind dabei Kin­der. Betrof­fen sind fast alle der 34 afgha­ni­schen Pro­vin­zen.

Seit vier Jah­ren steigt die Zahl der Bin­nen­ver­trie­be­nen kon­ti­nu­ier­lich an und umfasst mitt­ler­wei­le über 5 Pro­zent der afgha­ni­schen Gesamt­be­völ­ke­rung, denn Ende 2015 zähl­te UNAMA bereits 1,17 Mil­lio­nen. Die Gesamt­zahl dürf­te damit nun also bei über 1,7 Mil­lio­nen Bin­nen­ver­trie­be­nen lie­gen. Und: Dazu kom­men noch Mil­lio­nen afgha­ni­sche Flücht­lin­ge, die in den Nach­bar­län­dern Paki­stan und Iran leben.

Abschiebungen nach Afghanistan: Nicht mit Fakten begründbar

Vor die­sem Hin­ter­grund ist es absurd, dass Deutsch­land im Dezem­ber damit begon­nen hat, Men­schen nach Afgha­ni­stan abzu­schie­ben. Die­se Poli­tik fußt ganz offen­sicht­lich nicht auf Fak­ten, son­dern viel­mehr auf dem Kal­kül, im Hin­blick auf die Bun­des­tags­wahl demons­tra­tiv Här­te gegen Flücht­lin­ge zu zei­gen und zu rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­tei­en abge­wan­der­te Wähler*innen zurück­zu­ge­win­nen.

Leid­tra­gen­de die­ser Wen­de in der Flücht­lings­po­li­tik sind Men­schen, die nun nach Jah­ren des Lebens in Deutsch­land in ein völ­lig unsi­che­res Afgha­ni­stan zurück­ge­schickt wer­den. Eini­ge Bun­des­län­der, wie Schles­wig-Hol­stein, Rhein­land-Pfalz, Bre­men und Nie­der­sach­sen, haben ange­sichts der Situa­ti­on in Afgha­ni­stan bereits erklärt, kei­ne Abschie­bun­gen vor­zu­neh­men zu wol­len, sei­tens des Bun­des wird aber beharr­lich Druck auf die Län­der aus­ge­übt, kon­se­quen­ter abzu­schie­ben.

Gera­de in Zei­ten, in denen anders­wo mit »alter­na­ti­ven Fak­ten« gefähr­li­che Stim­mun­gen geschürt wer­den, wäre die Bun­des­re­gie­rung jedoch gut bera­ten, ihre Poli­tik an der tat­säch­li­chen Rea­li­tät aus­zu­rich­ten – und die zeigt schlicht­weg: Afgha­ni­stan ist nicht sicher.