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In Belgrad können Flüchtlinge nur auf die Unterstützung von Hilfsorganisationen hoffen. An einem Auto mit Lebensmitteln entsteht ein Gedränge um das Nötigste zum Überleben. Foto: Andre Wokittel

Seit Ungarn den Bau eines Grenzzauns bekanntgegeben hat, versuchen tausende Flüchtlinge noch vorher über Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn nach Zentraleuropa zu gelangen. Auf der Route leiden Flüchtlinge unter Obdachlosigkeit und Angriffen.

Grie­chisch-maze­do­ni­sche Gren­ze: Flucht durch das Nadel­öhr

Die Bil­der sind dra­ma­tisch: Hun­der­te Flücht­lin­ge drän­gen auf die maze­do­ni­sche Gren­ze zu, Poli­zis­ten und Sol­da­ten ver­sper­ren den Weg. Syrer stre­cken den Beam­ten ihre wei­nen­den Kin­der ent­ge­gen, doch es ist kein Durch­kom­men. Zwi­schen 1500 bis 3000 Men­schen saßen letz­te Woche im Nie­mands­land an der grie­chisch-maze­do­ni­schen Gren­ze fest, nach­dem Maze­do­ni­en die Gren­ze geschlos­sen hat­te. Als Flücht­lin­ge ver­such­ten die Absper­run­gen zu über­win­den, wur­de mit Trä­nen­gas und Blend­gra­na­ten gegen sie vor­ge­gan­gen. Am Wochen­en­de hat die maze­do­ni­sche Regie­rung den Grenz­über­gang auf Drän­gen des UN-Flücht­lings­kom­mis­sars wie­der geöff­net.

Maze­do­ni­en ist das zen­tra­les Tran­sit­land für Flücht­lin­ge aus Syri­en, Afgha­ni­stan und Irak gewor­den, die zunächst auf den grie­chi­schen Inseln anlan­den – 160.000 waren es bis­her in 2015 – und dann über die Bal­kan­rou­te nach Nor­den wei­ter­rei­sen. Nach jüngs­ten Berich­ten las­sen die Beam­ten die Schutz­su­chen­den wie­der weit­ge­hend ohne Regis­trie­rung wei­ter­rei­sen. Wer kei­nen Platz in den über­füll­ten Zügen in Rich­tung Ser­bi­en ergat­tern kann, schlägt sich wei­ter zu Fuß, per Fahr­rad oder Taxi durch.

Doch der klei­ne Bal­kan­staat ist eine gefähr­li­che Sta­ti­on auf dem Weg nach Mit­tel­eu­ro­pa. Wer den Fuß­marsch auf sich nimmt, folgt meis­tens den Bahn­li­ni­en. Immer wie­der ver­su­chen Flücht­lin­ge auf vor­bei­fah­ren­de Züge auf­zu­sprin­gen, wenn die­se stre­cken­wei­se lang­sam fah­ren. Regel­mä­ßig kommt es dabei zu Todes­fäl­len. Auch Ban­den über­fal­len Flücht­lin­ge, vie­le Schutz­su­chen­de berich­ten davon, aus­ge­raubt wor­den zu sein. Dazu kommt die Not: Maze­do­ni­en kann die Flücht­lin­ge nicht ver­sor­gen. Kin­der, Frau­en und Män­ner über­nach­ten im Frei­en und legen Gewalt­mär­sche zurück.

Augen­zeu­gen­be­rich­te: Obdach­los in Bel­grad

Wer es bis nach Ser­bi­en geschafft hat, bekommt dort meist ein Papier aus­ge­stellt, das zum 72-stün­di­gen Auf­ent­halt in Ser­bi­en berech­tigt. 7.000 Flücht­lin­ge sol­len allei­ne in der Nacht zu Sonn­tag dem 23. August 2015 nach Ser­bi­en ein­ge­reist sein. Die meis­ten neh­men im Grenz­ort Buja­no­vac einen Zug nach Bel­grad, wo sie nach rund sie­ben Stun­den Fahrt ein­tref­fen. Auch hier ist die Situa­ti­on äußerst ange­spannt.

PRO ASYL haben Augen­zeu­gen­be­rich­te erreicht, nach denen es um den Bel­gra­der Haupt­bahn­hof zu dra­ma­ti­schen Sze­nen kommt. Die Flücht­lin­ge über­nach­ten im Frei­en, wo sie voll­kom­men schutz­los den Wit­te­run­gen aus­ge­setzt sind. Die Ver­sor­gungs­la­ge ist mise­ra­bel. Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen ver­tei­len zum Teil Nah­rungs­mit­tel an die Migran­ten. Dabei kommt es zu chao­ti­schen Sze­nen: Bil­der zei­gen wie zahl­rei­che Flücht­lin­ge ver­zwei­felt ver­su­chen ihren Teil einer Lebens­mit­tel­spen­den aus einer Hilfs­lie­fe­rung zu erhal­ten, anein­an­der vor­bei­d­rän­gen und in Aus­ein­an­der­set­zun­gen gera­ten – Es ist ein Kampf um das Nötigs­te mit­ten in Euro­pa.

Bereits wer­den Stim­men rech­ter Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­ker aus Ser­bi­en laut, man sol­le es Ungarn gleich­tun und ent­lang der Süd­gren­ze einen Zaun zur Abwehr der Flücht­lin­ge errich­ten.

Eini­ge Flücht­lin­ge bean­tra­gen in Ser­bi­en Asyl. Bis Ende Mai hat­ten UNHCR zufol­ge in 2015 ins­ge­samt 22.182 Asyl­su­chen­de ihre Absicht erklärt, ein Schutz­ge­such zu stel­len – 5.692 mehr als im gan­zen Jahr 2014. Doch nur rund die Hälf­te aller Absichts­er­klä­run­gen wür­de tat­säch­lich ein Asyl­ge­such nach sich zie­hen, so schätzt UNHCR. Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen haben das Feh­len eines funk­tio­nie­ren­den Schutz­sys­tems in Ser­bi­en immer wie­der kri­ti­siert.

Im Jahr 2008 trat Ser­bi­ens Asyl­ge­setz in Kraft. Bis Ende 2014 wur­den ledig­lich sechs Per­so­nen als Flücht­lin­ge aner­kannt, zwölf erhiel­ten einen sub­si­diä­ren Schutz­sta­tus. Bis Ende Mai 2015 wur­de wei­te­ren vier Flücht­lin­gen Asyl gewährt. Auch Amnes­ty Inter­na­tio­nal bestä­tigt in dem im Juli 2015 ver­öf­fent­lich­ten Bericht „Europe´s Bor­der­lands. Vio­la­ti­ons against refu­gees and migrants in Mace­do­nia, Ser­bia and Hun­ga­ry“, dass Flücht­lin­ge in Ser­bi­en mit einem deso­la­ten Schutz­sys­tem kon­fron­tiert sind. Zahl­rei­chen Schutz­su­chen­den dro­he die Zurück­wei­sung nach Maze­do­ni­en oder Grie­chen­land. Doch für die meis­ten Flücht­lin­ge ist Ser­bi­en nur eine Tran­sit­sta­ti­on auf ihrem Weg nach Ungarn, wo die Regie­rung von Vik­tor Orbán mit ras­sis­ti­scher Stim­mungs­ma­che und immer repres­si­ve­ren Maß­nah­men gegen Flücht­lin­ge vor­geht.

175 Kilo­me­ter Sta­chel­draht­zaun und tau­sen­de Grenz­po­li­zis­ten gegen Flücht­lin­ge

Die unga­ri­sche Regie­rung ist ent­schie­den, den Bau des 175 Kilo­me­ter lan­gen und vier Meter hohen Zauns so schnell wie mög­lich zu been­den. Auch daher drängt es die Flücht­lin­ge aus Grie­chen­land über Maze­do­ni­en und Ser­bi­en zur Eile. Die Zahl der Asyl­an­trä­ge in Ungarn ist bereits jetzt drei­mal so hoch wie im gesam­ten Vor­jahr. Von Janu­ar bis Juli 2015 wur­den 103.000 Anträ­ge gezählt, in 2014 waren es ins­ge­samt 43.000.

Ungarn setzt alles dar­an, die eige­ne Gren­ze für Flücht­lin­ge unpas­sier­bar zu machen – dabei scheint jedes Mit­tel recht. Am Diens­tag ver­kün­de­te Janos Lazar, Stabs­chef  von Pre­mier Vik­tor Orbán, man wer­de die Grenz­kon­trol­len im Süden mit tau­sen­den Poli­zis­ten ver­stär­ken. Das „zuneh­mend aggres­si­ve und ener­gi­sche Ver­hal­ten“ der Schutz­su­chen­den erfor­de­re dies. Die Auf­ga­be der Grenz­po­li­zis­ten sei es, „den Grenz­ab­schnitt zu ver­tei­di­gen“, so Lazar. Außer­dem for­der­te er das Par­la­ment auf, in einer Son­der­sit­zung die Stra­fe für „ille­ga­le Grenz­über­schrei­tung“ und „Beschä­di­gung des Grenz­zauns“ auf bis zu vier Jah­re zu erhö­hen.

Im Juli erst hat­te das unga­ri­sche Par­la­ment eine mas­si­ve Ver­schär­fung der Asyl­ge­setz­ge­bung ver­ab­schie­det, die zum 1. August 2015 in Kraft trat. Unter ande­rem wur­de Ser­bi­en zum „siche­ren Dritt­staat“ erklärt. Die Ände­rung des Asyl­ge­setz ermög­licht die Ableh­nung als unzu­läs­sig aller Asyl­ge­su­che von Schutz­su­chen­den, die über einen „siche­ren Her­kunfts­staat“ ein­ge­reist sind: Damit könn­ten 99% aller Asyl­ge­su­che unmit­tel­bar zurück­ge­wie­sen wer­den, so kri­ti­siert das Hun­ga­ri­an Hel­sin­ki Com­mit­tee (HHC), PRO ASYL-Part­ner in Ungarn, in einer Stel­lung­nah­me vom 7. August 2015. Denn über 99% aller Asyl­su­chen­den gelan­gen über die ser­bisch-unga­ri­sche Gren­ze ins Land – ihre Schutz­ge­su­che müs­sen im Nor­mal­fall künf­tig nicht mehr mate­ri­ell geprüft wer­den. Es droht die sofor­ti­ge Abschie­bung nach Ser­bi­en – in ein Land ohne funk­tio­nie­ren­des Schutz­sys­tem. HHC zeigt sich alar­miert: Die Geset­zes­än­de­run­gen könn­ten zum Kol­laps des unga­ri­schen Asyl­sys­tems füh­ren und Flücht­lin­gen den Zugang zu inter­na­tio­na­lem Schutz ver­sper­ren, so das mehr als besorg­nis­er­re­gen­de Fazit der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on.

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